Wenn Abschied zur Erlösung wird

Gedanken von Christa Schyboll

Mit Abschied verbinden wir häufig etwas Trauriges, das einen totalen oder vorübergehenden Verlust einer Sache oder eines Menschen meint. Insofern sind Abschiede in aller Regel nichts, worüber wir uns freuen. Schauen wir jedoch ein wenig genauer hin, so gibt es gute Gründe, gleich eine ganze Reihe von Abschiede willkommen zu heißen. Oder noch genauer: Sie sogar endlich aktiv anzustreben, wenn sie sich nicht von alleine einstellen.

Zum Beispiel Abschied von allem, was uns nicht passt. Aber auch Abschied von allem, was uns zwar durchaus noch sehr passt, aber längst unpassend für unsere eigene Persönlichkeit geworden ist.

Bei dem einen mag es das Hüftgold sein, dass einen Abschied verdient hätte. Beim anderen mag es der unbequeme Nachbar sein, der nichts als Ärger machte und seinen Abschied per Auszug verkündet. Wie schön, ihn endlich los zu sein! Schwieriger sind die Abschiede von persönlichen Gewohnheiten. Denn nichts bremst den Menschen im Allgemeinen so sehr aus, wie uralte Gewohnheiten, die vielleicht schon in der Kindheit veranlagt wurden. Wie schnell fallen wir wieder in sie zurück, obschon wir sie längst los sein wollten. Aber der innere Schweinehund war bisher einfach zu übermächtig.

Wie wäre es mit einem gezielten Abschiedsritual? Vielleicht sollte man es auch gleich dreimal nachvollziehen, da bei Ritualen die Zahl der Drei ja eine tiefere Bedeutung hat. Das erste Ritual ist eine Art zunächst vollzogenes Vorhaben. Der Plan wurde umgesetzt. Das zweite Ritual ist eine Bekräftigung des Vorhabens, dass man es auch wirklich ernst meinte. Und das dritte Ritual ist eine Art von festem Bewusstsein oder Versprechen, dass die Ernsthaftigkeit nach Veränderung auf eine besonders starke Stufe stellt. Ein Spielchen? Hmmm… manche mögen es so sehen, andere erfahren dabei tatsächlich eine Vertiefung die hilft, einen Plan nicht nur umzusetzen, sondern vor allem auch durchzuhalten. Wie der eines gewünschten Abschieds von einer schlechten Angewohnheit.

Vielleicht ist eine Liste hilfreich, die erst einmal Überblick verschafft, welche der schlechten Angewohnheiten denn endlich einmal verabschiedet werden dürfte? Die meisten Unarten werden sich nicht nach vorne drängeln, sondern sich erst einmal versteckt halten. Irgendetwas in uns ist oft nur bedingt heiß darauf, das Panorama der persönlich schlechten Eigenschaften sich selbst so klar vor Augen zu führen. Denn fängt man erst einmal an, so kommt bei den meisten Menschen gleich eine ganze Reihe zum Vorschein, was einer Veränderung bedarf.

Was Vorrang hat, entscheidet man selbst. Es kann sinnvoll sein, dass man mit eher leichten Abschieden beginnt, wo die aufzubringende Kraft gemäßigt ist. Anderes ist aber stark und drängt deshalb nach vorne, weil es uns ja immer wieder neu Ärger einbringt. Zwar ist das Problem schon lange durchschaut, aber die Ursache damit noch lange nicht abgestellt, weil eben Gewohnheitsveränderungen unglaublich zäh sein können.

Abschied nehmen kann nicht nur Spaß machen, sondern sehr erfolgreich fürs eigene Leben sein. Es kann neue Lebensqualitäten bringen, die wir neu als Bereicherung erfahren und uns am Ende nur noch eines fragen: Wieso so spät! Wieso das ganze nicht früher – angesichts des Lohns, den man dafür erhält?!