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24. November 2015

Wie viel Wissen braucht der Mensch?

Muss man wirklich alles selbst wissen, fragt sich Tom Borg

Bill Gates' Vision von der "Information at your fingertips" nehmen immer mehr Menschen wörtlich: Wozu etwas auswändig lernen, wenn ein Klick in Google das Gesuchte liefert?

Doch so neu ist diese Strategie nicht. Schon unsere Großeltern pflegten zu sagen:

Man muss nicht alles wissen.
Man muss nur wissen, wo es steht.

Damals bezog sich diese Aussage noch auf das gedruckte Wort in den umfangreichen Bibliotheken der gebildeten Stände.

Heutzutage werden Bücher durch Festplatten ersetzt. Ebooks und das Internet liefern die gewünschten Informationen um ein Vielfaches schneller, zumal sie dem Ratsuchenden auch die Last nehmen, zu wissen, wo er suchen sollte. Man muss also nicht mehr wissen, wo etwas steht, sondern nur noch wissen, wie man Google benutzt. Das nennt man Fortschritt.

Oder ist es nicht vielleicht eher ein Rückschritt?

Ich erinnere mich noch, dass mein Vater mit rund 50 Jahren immer noch Schillers "Glocke" komplett auswändig kannte. Er hatte es als Schüler lernen müssen. Inzwischen habe ich selbst die 50er Schallmauer durchbrochen und bewundere das Gedächtnis meines Vaters, denn mir würde es schon schwerfallen, ein so langes Gedicht überhaupt auswändig zu lernen.

Die Generation nach mir kennt dieses Problem erst gar nicht. Sie fragt schlicht: Muss man das überhaupt kennen? Vermutlich muss man nicht, aber sollte vielleicht. Auf jeden Fall könnte man es mit wenigen Klicks aus dem Internet herunterladen. Und damit stellt sich erneut die Frage: Muss man das kennen oder wissen?

Im Informationszeitalter wo sich das Wissen der Menschheit in immer kürzeren Zyklen verdoppelt und die digitalen Kopien unseres Wissens ebenso, ist das menschliche Gedächtnis eines der schlechtesten Speichermedien überhaupt. Und gleichzeitig auch wiederum eines der wichtigsten, weil ständig verfügbar - egal ob die große Datenautobahn mal wieder verstopft ist oder nicht, was man weiß, das weiß man.


Fundierte Intuition


Tennislegende Martina Navratilova sagte einmal zum Thema Erfolg: "Um nach vorne zu kommen und dort zu bleiben, kommt es nicht darauf an, wie gut du bist, wenn du gut bist, sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist."

Oder auf unser Zeitalter bezogen: Was wissen wir noch, wenn das Internet gerade offline ist?

Da tun sich möglicherweise Abgründe auf. Ohne Handy weiß heutzutage manch einer nicht einmal mehr den Geburtstag seiner Mutter.

Das war in früheren Zeiten anders. Als es weder Computer noch Bücher gab, musste der Mensch sein Wissen noch selbst erwerben und seine Erfahrungen sammeln. Es gab keine Foren, wo man mal eben eine Frage stellen konnte und Sekunden später ein Feedback erhält. Ohne direkt verfügbares Wissen war der Mensch aufgeschmissen, mit seinem Latein am Ende.

Heute stehen viele Wissensquellen zur Verfügung und die eigentliche Aufgabe besteht eher darin, abzuwägen, welcher Weg den besten Lösungsansatz bietet. Dies setzt aber voraus, dass man auch die Zeit zum Überlegen und Abwägen hat und die Fähigkeit dazu besitzt.

Formel 1 Rennfahrer Kimi Räikkönen sagte einmal: "Im Rennen überlegst du nicht lange, was du tun sollst. Du tust es einfach." Rennfahrer haben aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung einen Instinkt entwickelt, der sie einfach das Richtige zur richtigen Zeit tun lässt. Der Instinkt würfelt aber nicht, sondern reagiert auf Basis früherer Erfahrungen.

Nicht viel anders verhält sich auch unser Gehirn, wenn wir mit einer Fragestellung konfrontiert werden: Unsere grauen Zellen werden aktiv und wägen ab. Je größer die Wissensbasis ist, auf die unser Gehirn dabei zurückgreifen kann, desto besser sollten die Ergebnisse werden. Denn Wissen lässt uns geistige Fettnäpfchen erkennen, die der Unbedarfte nicht erkennt. Je mehr Erfahrungswerte wir besitzen, desto besser können wir eine Fragestellung abwägen.

Dummerweise können wir nicht unendlich lange nachdenken, sondern müssen im täglichen Leben Handeln. Und damit sind wiederum Intuition und Wissen oder am besten beides zugleich gefragt. Somit stellt sich erneut die Frage: Wie viel Wissen braucht der Mensch? Wie viel Wissen müssen wir ständig parat haben und wann ist es sinnvoller, sich die notwändigen Erkenntnisse aus dem Internet zu beschaffen?

Es ist eine heikle Gratwanderung zwischen Aufwand und Nutzen. Aber spätestens, wenn man von einer Krise oder einer Situation überrascht wird, gilt Martina Navratilovas Motto "Wie gut du bist, wenn du schlecht bist."

Einen Geistesblitz zur rechten Zeit kann auch Google nicht toppen. Deshalb sollten wir zwar Bill Gates' Vision von der "Information at your fingertips" nutzen und zu schätzen wissen. Denn das Internet ist der größte Wissensbestand den die Menschheit je zusammengetragen hat. Doch er wird wertlos, wenn man ihn nicht richtig einzusetzen weiß.

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.