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23. Dezember 2015

Weltmacht Facebook

Das soziale Netzwerk als neue UN? Von Tom Borg

Machen wir uns nicht vor: Frei ist das Internet schon lange nicht mehr. Seine Unschuld verlor es schon vor der ersten Werbeanzeige auf einer Webseite. Und die Macht ist leider auch nicht mit ihm. Todgesagte leben laut Volksmund länger, aber der erste Akkord des Todesgesangs für das freie Internet kann durch aus schon heute angestimmt werden. Und die Sargnägel können wir getrost in der Farbe blau bestellen - als Farbabgleich mag das Facebook-Logo dienen.

Mit 1,5 Milliarden Nutzer weltweit von denen täglich eine Milliarde das weltgrößte Online-Netzwerk nutzen, ist Facebook der größte Medien-Zensor der Welt. Denn frei ist der Nutzer auf Facebook nicht. Die Beschränkungen greifen schon bei der Wahl des Account-Namens, für den die Plattform den bürgerlichen Namen vorschreibt. Die nächste Einschränkung kommt bei der Wahl der Freunde. Facebook legt allergrößten Wert darauf, dass man nur mit Nutzer befreundet ist, die man auch im täglichen Leben kennt. Allen anderen darf man nur über öffentliche Seiten folgen.

Doch warum ich sollte ich nur mit den Menschen in einem sozialen Netzwerk verbunden sein, die ich auch im täglichen Leben ständig treffe? Richtig, ich soll meine Zeit gemeinsam mit den Freunden auf Facebook verbringen, mein Leben von der Realität nach Facebook portieren. Damit geht neben der Realität im allgemeinen auch ein Verlust der Neugier verloren. Denn wie soll ich neue Menschen, deren Ideen und Ansichten kennenlernen, wenn ich mich nur mit denen verbinden darf, die ich im täglichen Leben sowieso schon kenne, und deren Status-Updates ich rund um die Uhr im Newsfeed sehe?

Das kommt einer freiwilligen Beschränkung der sozialen Aktivitäten gleich - der Facebook-Freundeskreis als soziale Subkultur in der man immer tiefer versumpft, eine Abhängigkeit die so süchtig macht wie andere Drogen auch. Mit entsprechenden Folgen beim Versuch des Entzugs…


Digitale Weltherrschaft


Facebook und seine Dienste versuchen, eine Plattform zu sein, die man immer seltener verlassen muss. Eine echte Einschränkung ist dies jedoch nur für dienigen, die die Chance hatten, etwas anderes kennenzulernen. In den Entwicklungsländern hingegen leben Milliarden Menschen, die noch nie online waren. Dort bietet Facebook mit Internet.org einen abgespeckten Facebook-Service zusammen mit wenigen anderen Online-Diensten kostenlos an. Schon heute verwechseln große Teile der Bevölkerung Facebook mit dem Internet. Sie kennen schlichtweg nichts anderes als Facebooks bunte Bilderorgien.

Für Facebook ist dies Grundlage eines erfolgreichen Geschäftsmodells das auf Werbung basiert. Je mehr Nutzer, desto mehr Werbeeinnahmen. Je individueller die Werbung auf die Interessen der Nutzer zugeschnitten werden kann, desto höhere Preise für die Werbetreibenden. Für Facebook ein Milliardengeschäft. Eines für das es bereits heute keine nennenswerte Alternative mehr gibt, denn das soziale Netzwerk kann sich mit jedem in der Branche anlegen.

Während selbst die großen Zeitungsverlage das Auslisten bei Google fürchten, hätte Mark Zuckerberg dafür wohl nur ein müdes Lächeln übrig. Er fürchtet Google nicht. Im Gegenteil, Facebook greift Googles Video-Dienst Youtube frontal an und forciert einen eigenen Viedo-Dienst. Mit der Integration von immer mehr Nachrichten und Verlagsinhalten ist Google News der nächste Gegner.

Für Facebook ist ein Ende des Booms nicht abzusehen. Und mit dem Bilderdienst Instagram und den Nachrichtendiensten Messenger und WhatsApp gehören auch die in der Beliebtheitshierarchie Nächstfolgenden zum Facebook-Imperium. Eine Lizenz zum Gelddrucken - obwohl Mark Zuckerberg davon inzwischen genug auf dem Konto haben sollte. Und was wichtiger ist: ihm gehört die absolute Aktienmehrheit, die es ihm gestattet, das Imperium nach seinen Interessen zu lenken.


Prophet oder Diktator?


Doch was sind Mark Zuckerbergs Interessen? Er hat schon oft gezeigt, dass es ihm weniger ums Geldverdienen geht. Ihn interessieren Herausforderungen und das Gewinnen. Doch was will er gewinnen? Worum geht es Mark Zuckerberg, wenn er die ganze Welt vernetzt hat und 80 oder gar mehr Prozent der Weltbevölkerung seine Dienste nutzen?

Die Welt wird dann nicht mehr die gleiche wie heute sein. Junge Menschen, die mit Facebook aufwachsen, lernen das freie Internet erst gar nicht kennen, denn auch ihre Neugier lässt nach. In einem Entwicklungsland wie beispielsweise die Philippinen, wo bereits heute 75 Prozent der Nutzer Facebook über Spezialangebote der Netzbetreiber kostenlos erhalten und damit ins "Internet" gehen, kennen die meisten Menschen weder das freie Internet noch einen EMail-Dienst. Sie benutzen den Messenger bzw. den Facebook-Chat.

Was mir als Europäer dabei besonders negativ auffällt, ist, dass die große Masse der philippinischen Facebook-Nutzer gar keine Nachrichten und allgemeine Angebote vermisst. Facebook ergänzt optimal den meistgesehen Newskanal im Fernsehen, der auch keine Nachrichten zeigt, die nicht direkt mit den Philippinen in Verbindung stehen. Eine mediale Gemeinschaft der Unverbindlichkeit, bei der Unfälle, Verbrechen und Promi-Nachrichten 99 Prozent der Nachrichten ausmachen.

Ob es gewollt ist, oder nicht, Facebook fördert bei den Menschen in den Entwicklungsländern die Verdummung. Die ärmsten der Armen wollen auch einmal etwas Spaß haben - und den bietet Facebook in Perfektion. Für viel mehr reicht dann aber die Zeit und oft auch der Handyvertrag nicht. Damit wird eine Spirale in Gang gesetzt, bei der automatisch die Wirkung die Ursache für die neue Wirkung wird.

Facebook bestimmt das Leben von Milliarden von Menschen, Facebook weiß, was diese Menschen wollen, liest deren Chats und analysiert deren intimste Gedanken und Gespräche. Facebook ist besser als es Orwells Big Brother je sein könnte. Doch was will Brother Mark? In welche Ecke wird uns Facebook am Ende drängen? Die große Freiheit wird es nicht sein, denn die Freiheit des Internets bekämpft Facebook bereits jetzt mit allen zur Verfügung stehen Mitteln.

Eine Prognose wage ich: Mark Zuckerberg wird eines Tages Präsident der USA werden - sofern ihm das dann noch groß genug ist. Denn wer begnügt sich freiwillig mit Amerika wenn er die ganze Welt haben kann? Vielleicht wird Facebook die neue UN. Ein Shitstorm auf Facebook ist schon heute wirkungsvoller als eine Resolution…

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.