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Edna Ferber über Weihnachten

Weihnachten ist keine Jahreszeit. Es ist ein Gefühl.
Zitat von Edna Ferber
Edna Ferber
amerikanische Schriftstellerin ungarischer Herkunft
* 15.08.1885, † 16.04.1968

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Wann Weihnachten beginnt, bestimmen heutzutage die Discounter. In der Regel spätestens Ende September. Dann füllen sich die Regale der Märkte mit Spekulatius, Lebkuchen und den ersten Schokoladennikoläusen. Die Kinder freut's, die Eltern sind entnervt. Die Vorfreude auf Weihnachten wird zerstört, weil sie zu früh kommt, zu lange dauert und in falscher Art und Weise am falschen Ort.

Natürlich ist wieder einmal Geld und Konsum die Achse des Bösen, die es verhindert, dass wir immer schwerer die schönen Gefühle aufbringen können, die man früher zur Weihnachtszeit hatte. Früher…!? Wann war das? Die Weihnachtszeit vor 30, 40 oder 50 Jahren und früher begann erst in der wirklich kalten Jahreszeit zum ersten Advent, der schon immer Anfang Dezember begann.

Die heutige "Weihnachtszeit" fällt häufig schon in den klimatischen Spätsommer, der uns in Zeiten des Klimawandels selbst Mitte Oktober noch über 25 Grad bescheren kann. Die Nikoläuse in den Regalen weichen vor sich hin. Was auch weicht, ist unsere Hoffnung auf ein Umdenken, dass wir unsere gute alte Weihnacht einmal wiederbekommen könnten.

Nun kann man einwenden, dass auf der südlichen Hemisphäre Weihnachten auch immer mitten im Sommer stattfindet und die Menschen es dort nicht anders kennen. Ja, faktisch ist das so, aber es stört dennoch die Gefühle vieler Menschen der nördlichen Hemisphäre, weil es ja keineswegs nur um klimatische Bedingungen geht, sondern um eine künstliche Verfrühung und einer abartigen Verlängerung eines ehemals wunderbaren Vorganges, den man auch im Inneren erleben wollte.

Die Älteren erinnern sich. Schnee gab es nicht immer, aber relativ oft. Alles war bescheidener, zurückhaltender. In den (meist kleinen) Läden wurde man nicht monatelang mit den Top Ten der Weihnachtslieder zugedröhnt, sondern man sang gemeinsam Zuhause oder in der Kirche die schönen Weihnachtslieder. Hier kam Andacht und Stille auf. Die Zeit der Besinnung konnte stattfinden. Man nahm von der Hetze des Jahres Abschied in diesem letzten Teil des Jahres und bereite sich innerlich auf das neue Jahr vor. Doch vorher machten viele Menschen eine innere Einkehr, sammelten ihre Gedanken und bereiteten sich froh auf das Fest vor.


Verzicht zugunsten neuer Qualitäten ist gefragt


Das Fest war deshalb etwas Besonderes, weil nichts vorweggenommen war. Weder die Leckereien, noch die Überraschungen. Die besonderen Lieder ertönten nicht schon Monate im Voraus, sondern zur rechten Zeit in der rechten Stimmung, zu Beginn des Advents. Dabei wurde das Liedgut aber auch zwischen Advents- und Weihnachtslieder nochmals fein unterschieden. Auch das kennen heute nur noch wenige. Die Kinder konnten abwarten und bettelten nicht unentwegt nach diesem und jenem. Es lag etwas Geheimnisvolles in der Luft. Auch für viele Erwachsene und nicht nur für leuchtende Kinderaugen. Doch wo ist dieses Geheimnisvolle hin und zu welchem Preis wurde es aufgegeben und zerstört?

Der Verfall kam wohl schleichend. Es ist kein festes Datum zu benennen, sondern ein Prozess. Ein Prozess, der zunächst gut und schön war, nämlich die Aufbauphase nach dem schrecklichen zweiten Weltkrieg. Jedermann freute sich über die neuen, feinen Dinge, die man sich leisten konnte. Man sparte das ganze Jahr über dafür und hatte am Ende eine der geliebten Wünsche auch konkret auf dem Gabentisch. Freude und Frohlocken war noch gegeben.

Mit zunehmendem Reichtum und prosperierender Wirtschaft wurden die Wünsche größer und größer. Besonders gierig jedoch wurde die Wirtschaft, die die Kassen zur Weihnachtszeit laut wie nie zuvor klingeln sah. Hier musste angesetzt werden: Die Menschen waren verführbar. Und wer zuerst an die Geldbörse der Verbraucher kam, hatte seinen Gewinn schnell eingeheimst. Also wurde mit immer feineren Methoden erfolgreich versucht, das Einmalige des Jahres, das auf vier Wochen begrenzt war, nach und nach immer weiter auszudehnen. Heute steht es konsumtechnisch schon fast bei vier Monaten für die lockende Wirtschaft. Der September ist der Auftakt. Ab dann wird verführt, geworben, manipuliert, fingiert und geschickt neue Bedürfnisse erzeugt. Man operiert mit Sonderangeboten, Musik, Düften, Beschwörungsformeln… und ist erfolgreich damit.

Die Leute machen es mit. Wie sehr sich die Menschen durch dieses unkritische Mitmachen selbst um etwas Wunderbares betrügen, fühlen sie vielleicht, aber setzen es nicht immer auch in unmittelbare Zusammenhänge hinein. Deshalb werden trotz der vielleicht richtigen Gefühle nicht die richtigen gedanklichen Schlüsse fürs Handeln gezogen.

Stimmt es noch: Weihnachten ist keine Jahreszeit, sondern ein Gefühl…? Oder stehen wir selbst vor der Aufgabe, uns diese ehemalige Wahrheit einer weihevollen Zeit der Einkehr ganz individuell wieder neu als wertvolle Wirklichkeit erobern zu müssen. Möglich ist es immer. Aber es bedeutet Verzicht zugunsten einer neuen Qualität.