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02. Juli 2018

Deutschunterricht: Eine gesellschaftliche Schlüsselaufgabe

Anglizismen, kreatives Grammatikkauderwelsch, intuitive Kommasetzung, Telegrammstil und die Kalauerflut der Werbung - haben wir es noch nötig, korrektes Deutsch zu schreiben und zu sprechen? Sollten wir nicht einfach auf der Welle des World-Wide-Gebrabbels mitschwimmen und fehlenden Wortschatz durch Emoticons ersetzen?

Nein, sollten wir nicht! Unsere Sprache ist unsere Visitenkarte. Sie ist das Werkzeug unseres Weltverständnisses, ein über Jahrtausende entwickelte Multifunktions-Kommunikations-Instrument. Nehmen wir es in die Hand. Je öfter und vielseitiger wir es nutzen, desto schärfer wird es.

Die griechische Sagengestalt Atlas hatte es nicht leicht: Sie trug das Gewicht der ganzen Welt auf dem oberen Rückgrat. Auf alten Bildern wird Atlas als kräftiger, aber gebeugter Athlet dargestellt. Eine ähnliche Aufgabe kommt heute dem Deutschlehrer zu. Er (oder sie) trägt an der Last einer gesellschaftlichen Schlüsselaufgabe, die in den letzten Jahren ein erdrückendes Gewicht gewonnen hat. Deutschlehrer sollen die Regeln sprachlicher Korrektheit an Schüler vermitteln, deren Kommunikation zu 30 Prozent aus Abkürzungen und Anglizismen besteht. Und sie sollen viele Nicht-Muttersprachler in die Geheimnisse des komplizierten Phänomens Deutsch einweihen. Immer mehr findet der Deutschunterricht dabei über das Internet statt, was sich unter anderem am Beispiel Preply zeigt. Die meisten Deutschlehrer lieben ihren Beruf, ob im Klassenzimmer oder im Internet. Aber angesichts der anstehenden Probleme fühlen sie sich manchmal auf verlorenem Posten.

Die Deutschen schätzen ihre Deutschlehrer. Denn die Deutschen machen sich Sorgen um den Zustand ihrer Heimatsprache. In einer Umfrage wurden folgende Aussagen über den Status Quo der deutschen Sprache gemacht: 79 Prozent der Befragten fühlen sich durch die Rechtschreibreform verwirrt; 73 Prozent beklagen unverständliche Abkürzungen; 64 Prozent fällt auf, dass nicht mehr korrekt geschrieben wird; mangelhafte Grammatik und schlechte Ausdrucksweise zählen zu den weiteren Hauptaussagen, so Statista. Diesen Problemen steht der Deutschlehrer in der Kinder- und Erwachsenenbildung gleichermaßen gegenüber. Wenn wir ihn unterstützen wollen, müssen wir begreifen, dass Sprachvermittlung die zentrale gesellschaftliche Aufgabe ist.

Ludwig Wittgenstein hat gesagt, dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt darstellen. Wer seine Sprache einengt oder verstümmelt, lebt in einer engen, verstümmelten Welt. Sprache ist gesellschaftliche Teilhabe, sie bringt uns in den Besitz jahrtausendealter Kulturgüter. Sprache ist Visitenkarte. Wer sich schludrig und unverständlich ausdrückt, wird im Leben weder auf Verständnis noch Anerkennung stoßen. Viele Schüler, die das Fach Deutsch gehasst haben, wundern sich, wie viele Emails sie in ihrem Berufsleben lesen und schreiben müssen. Wer über einen verständlichen Satz eine Viertelstunde brüten muss, wird im Geschäfts- und Büroalltag einen anstrengenden Hürdenlauf absolvieren müssen.

Migranten haben es nicht einfach. Sie kommen unter schwierigen Umständen in ein Land, dessen Sprache und Kultur ihnen fremd sind. Um in diesem Land leben und arbeiten zu können, besuchen sie einen Integrationskurs, dessen zentraler Bestandteil die Grundlagenvermittlung der deutschen Sprache ist. Hier werden sie mit einer Grammatik konfrontiert, die mehr Ausnahmen zu den Regeln kennt als Beispiele dafür, wie der deutsch geplagte amerikanische Schriftsteller Mark Twain stöhnte. Dennoch wird genau in diesen Kursen die Basis für die erfolgreiche Verwurzelung in der neuen Heimat gelegt. Dass die Integrationskurse nicht immer unter idealen Bedingungen stattfinden und der Lernstoff schwierig ist, zeigt eine Durchfallquote von 45 Prozent.

Deutschlehrer haben es nicht leicht. Sie leben unter Muttersprachlern, die Veranstaltungen wegen dem Regen absagen und einen auf's Dach bekommen, und zwar als einzigste. Sie unterrichten Fremdsprachlern eine Kommunikationsform, für deren Erlernen Mark Twain einen Zeitraum von 30 Jahren angesetzt hat. Und dennoch verzagen sie nicht, denn sie wissen, dass sie mit ihrer Sprache die Kultur, Tradition und Geschichte ihres Landes weitergeben. Für den Deutschlernenden selbst ist es eine Gnade, auf einen guten Deutschlehrer zu treffen, der fachlich, pädagogisch und menschlich sein Handwerk versteht. Oft wetzt ein intensiver Einzelunterricht jene Scharten in der Sprachbeherrschung aus, die von Schule und Integrationskurs nicht geschlossen werden konnten.

Die Notwendigkeit des Spracherwerbs ist postuliert. Aber woher soll die Möglichkeit zur Perfektionierung kommen, wenn Beruf, Hobby und Familie an einem herumzerren? - Das Gute liegt so nah! Nämlich in den unergründlichen Weiten des Internets. Moderne Lernformen finden heute am Schreibtisch, auf dem PC-Display statt. So viel steht fest.