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18. August 2013

Freiheit und Zwang

Wie frei sind wir bei Alternativen, fragt Christa Schyboll

Entscheidungen sind immer auch Risiken. Läuft es schief, dann ärgert uns das zumeist auf gleich mehreren Ebenen. Denn wir lieben weder das Treten ins Fettnäpfchen noch die negativen Konsequenzen. Doch haben wir tatsächlich denn eine freie Wahl, wenn wir uns zwischen Alternativen entscheiden müssen?

Menschen treffen in aller Regel gern freie Entscheidungen. Ausnahmen finden sich dort, wo sie selbst unsicher und zerrissen sind. Oder wo die Ambivalenzen zu stark an den verschiedenen Argumenten zerren, die sich im Für und Wider der eigenen Überlegungen ergeben haben. Dann freut der Mensch sich, wenn ihm hin und wieder auch jemand einmal die Entscheidung abnimmt. Mal ist es eine Person, mal aber auch die Situation selbst.

Obschon wir uns zumeist also Freiheit wünschen, kann sie auch zum lästigen oder beschwerlichen Faktor werden. Besonders unangenehm sind jene Situationen, wo aus der Freiheit der eigenen Entscheidung anschließend eine regelrechte Dummheit werden kann. Leider ist es so, dass die die Folgen, die ein Ja oder ein Nein mit sich bringen, keinesfalls immer übersehen werden können. Das kann dann z. B. unangenehme Konsequenzen für den Geldbeutel, das Zeitkonto oder eine zwischenmenschliche Beziehung haben.

Wir mögen es nicht, wenn wir uns in unserer freien Entscheidung irren. Nicht selten suchen sich Menschen dann unbewusst ein Alibi, um die falsche Entscheidung im Nachhinein doch noch zu sanktionieren. Man hat es ja eben vorher nicht immer so genau wissen können! Entscheidungen sind eben immer auch Risiken. Läuft es aber schief, dann ärgert uns das zumeist auf gleich mehreren Ebenen. Denn wir lieben weder das Treten ins Fettnäpfchen noch die negativen Konsequenzen. Manchmal sind Menschen auch deshalb von sich selbst enttäuscht, weil da vielleicht doch frühzeitig eine leise innere Stimme zur gegenteiligen Entscheidung geraten hatte, aber man nicht wirklich auf sie hören mochte.

Haben wir tatsächlich denn eine freie Wahl, wenn wir uns zwischen Alternativen entscheiden müssen? Sind wir nicht schon allein deshalb unfrei, weil die Entscheidung an sich ja schon zum Zwang wird? Weil uns doch in jedem Fall Folgen drohen, die wir zu verantworten und deren Last wir zu tragen haben? Man kann also sagen, dass wir sozusagen zur freien Wahl „gezwungen“ sind, was sich schon fast wie ein philosophischer Koan anhört. Zur Freiheit gezwungen? Was wäre denn passiert, wenn wir uns nicht entschieden hätten? Vielleicht wäre dann ein Mensch umgekommen oder die Milch wäre verbrannt? Irgendetwas passiert ja immer, wenn man in der Wahl zwischen einem Ja und einem Nein sich stattdessen für Jein, eine Lethargie oder Ohnmacht entschließt.

Wie frei ist also eine Wahl, wenn wir sie in jedem Fall treffen müssen? Oder ist eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten erst dann wirklich frei für uns, wenn wir die unter Umständen eventuell auch negativen Folgen vollbewusst tragen und fest dahinter stehen?

Ist Freiheit am Ende kein Zustand, sondern ein langsamer, individueller Werdeprozess, der an unser Bewusstsein, unsere Verantwortung, unsere Liebefähigkeit, Erkenntnisreife und moralische Festigkeit mehr gekoppelt ist, als wir bisher annahmen? Ist Freiheit ein Doppelwesen, dass uns im Alltag als schnelles Ja oder Nein über die Lippen kommt, dennoch aber in seiner Konsequenz doch geradezu Welten bewegen kann und unsere Zukunft bereits in der Gegenwart verändert? Wird man umso freier, je tiefer man eine Sache durchschaut, Weitblick entwickelt, Vorausschau ebenso mit einbaut wie auch eine Rück-Sicht mit Rücksichtnahme auf Vergangenes?

Und was ist mit der Freiheit angesichts unserer Eigentümlichkeiten, unserer Disposition, unserem Charakter, den Umweltbedingungen, Interaktionen, Mitbeteiligte am Prozess, Kultureinflüsse, und all die vielen weiteren Faktoren, die ständig auf uns selbst prägend einwirken und bei einer konkreten Entscheidung eine Rolle spielen können? Lassen sie es denn zu, uns überhaupt frei entscheiden zu können? Oder entscheidet die bis dahin stattgefundene Suggestion, Manipulation oder Indoktrination auf uns nicht längst mit, ohne dass wir es bewusst bemerken?

Was ist es in uns, das entscheidet? Das Ego? Die Seele, der Verstand, das Herz, die Angst, die Raffinesse, die Berechnung? Wer oder was ist wann dominant in uns, wenn wir glauben, uns frei für oder gegen etwas zu entscheiden? Die Sache mit der freien Entscheidung und der Freiheit des Menschen scheint also je nach Blickwinkel sowohl relativ wie absolut zu sein. Es kommt wohl ganz darauf an, welche der vielen Prämissen man bei der Betrachtung der Freiheit großzügig weglässt oder in Ansatz setzt.

Aber ist es letztlich nicht so, dass die letzte, wahre Freiheit nicht ein Freiwerden von…. (etwas/jemandem)“ ist, sondern der Gipfelpunkt, der zu erreichen ist, das „Freisein FÜR … (etwas/jemandem)“? Und geht das eine dem anderen am Ende in seiner Entwicklung voraus, ohne dass wir es je näher für uns selbst untersucht haben?