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02. April 2021

Wahrheit – Großes Wort mit großer Bedeutung

Versuch einer Annäherung von NN

Das Jahr 2020 hat den Menschen eine ganze Menge abverlangt. Nicht nur in Deutschland haben sich der Alltag und das soziale Leben drastisch verändert. Dadurch musste man sich überlegen, wie man die freie Zeit nun nutzen wollte.

Mit diversen Bonusangeboten kann man beispielsweise jederzeit online im Casino mit Startguthaben um echtes Geld oder auch einfach nur zum Spaß spielen. Neben dem Gambling lockte natürlich auch das Gaming unzählige Nutzer vor die Bildschirme der Computer und Konsolen.

Doch Menschen sind sehr unterschiedlich und was für den einen eine große Freude ist, stößt den anderen regelrecht ab. Kulturbegeisterte haben vielleicht lieber den Livestream einer Theaterbühne verfolgt, als bei Netflix die neueste Serie laufen zu lassen. Viele Menschen verspürten auch das Bedürfnis, ihrer Angst und ihrem Unmut Gehör zu verschaffen, während andere sich lieber zurückzogen und sich in der nun verordneten Isolation gut einrichten konnten.

In den Nachrichten waren immer wieder diverse Demonstrationen verschiedener Gruppen mit den unterschiedlichsten Interessen und Meinungen zu sehen. Diese Proteste für und gegen bestimmte Themen gab und gibt es auf der ganzen Welt. Im Folgenden soll es nun nicht explizit um die Inhalte und Forderungen der vielfältigen Proteste gehen und ob diese berechtigt, richtig oder vernünftig sind.

Demonstrationen sind stets ein Ort, an dem Kommunikation stattfindet oder zumindest stattfinden soll. Sprechchöre und Transparente wollen Botschaften meist schnell und eindrucksvoll vermitteln. Man greift dabei natürlich gern zu eindrucksvollen Worten mit großer Bedeutung. Eines ist dabei immer wieder besonders hervorgestochen, das Wort: Wahrheit.

Was ist die Wahrheit?

Häufig waren Bilder von Menschen zu sehen, die für die Wahrheit demonstrierten. Das kann zunächst einmal eine ganze Menge bedeuten. Zuweilen waren auf einigen Protestzügen auch Demonstrierende zugegen, die in sichtbarem Erregungszustand in die Fernsehkameras von Journalisten brüllten, diese sollen doch endlich einmal die Wahrheit berichten und es unterlassen, Lügen zu verbreiten.

So verkürzt sich die Kommunikation in dieser Situation in ihrer Aussage zeigt, umso aussagekräftiger ist sie auf einer Metaebene. Lassen wir nun einmal die Tatsachenebene weg, ob sich der kritisierte Journalist oder dessen Arbeitgeber nun tatsächlich einer bewussten oder unbewussten Falschdarstellung schuldig gemacht hat. Augenfällig scheint in dieser Situation jedenfalls, dass sich der Teilnehmende des Protests sehr sicher zu sein scheint, im Besitz eben jener Wahrheit zu sein, die er vom Journalisten einfordert.

Das ist nicht weiter sonderbar, denn jeder von uns wird viele Dinge und Sachverhalte nennen können, die er oder sie als wahr erachtet. Kurios wird die Forderung, wenn sie in der genannten Allgemeingültigkeit ausgestoßen wird. Anzunehmen ist dann also, dass die eingeforderte Wahrheit mit dem Thema des jeweiligen Protests zusammenhängen dürfte.

Definition und Interpretation

Der Duden ordnet der Wahrheit auch das Synonym »Richtigkeit« zu und definiert das Wort mit der Übereinstimmung einer jeweiligen Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird. Man könnte also gut von Fakten und Tatsachen sprechen. Fakten sind in diesen Tagen immer wieder Gegenstand großer Auseinandersetzungen gewesen und die ehemalige Beraterin des amerikanischen Präsidenten, Kellyanne Conway, erschuf doch in diesem Zusammenhang tatsächlich den nunmehr unsterblichen Ausdruck der »alternativen Fakten«.

Wir sehen an dieser Stelle ein Phänomen, das der Mensch in seinem Geist vollbringt. Wahrheit, Fakten und Tatsachen können also von der jeweiligen Interpretation abhängen. Ein Umstand, dem die Wissenschaft natürlich widersprechen muss, denn sie verlässt sich auf Messungen, Daten und Wiederholbarkeit. Doch jede Messung und Datenanalyse durchläuft auch den Filter des menschlichen Geistes und muss sich dessen Interpretation stellen. Gewiss geht die Wissenschaft hier anders vor, als wenn Fakten aus politischem Kalkül beeinflusst werden. Das Problem dürfte nun jedoch einleuchten.

Das Gleichnis von den blinden Männern und dem Elefanten

Das folgende Gleichnis erklärt in seiner Bildhaftigkeit äußerst einfach und dennoch eindrucksvoll, was das Problem an dem Wahrheitsbegriff sein könnte. Eine Originalquelle der Geschichte ist bislang strittig, wird aber grob in Südasien verortet. Das Gleichnis findet sich im Buddhismus, im Islam und in weiteren religiösen Richtungen. Details der Geschichte unterscheiden sich in den verschiedenen Versionen, der Hauptgedanke ist jedoch immer der gleiche.

Im Kern geht es immer darum, dass eine Gruppe von etwa sechs blind geborenen Männern gebeten wird, einen Elefanten zu untersuchen und im Anschluss zu definieren, worum es sich bei diesem Tier handelt. Jeder der Männer untersucht den Dickhäuter daraufhin an einer anderen Stelle.

Einer betastet die Flanke, einer den Stoßzahn, das Bein, den Schwanz und so weiter. Anschließend beschreiben sie ihre Eindrücke untereinander. Natürlich könnten die verschiedenen betasteten Bereiche nicht unterschiedlicher sein, so dass jeder der Männer sich das Tier komplett anders vorstellt. Dem Mann am Bein des Tieres erschien der Elefant wie eine Säule, der Stoßzahn vermittelte den Eindruck einer soliden Röhre, die Ohren wurden einem Fächer ähnlich beschrieben, der Schwanz wie ein Seil und der Mann an der Flanke beschrieb den Elefanten als eine Fläche oder Wand.

In den unterschiedlichen Versionen der Geschichte gibt es verschiedene Enden, die teils im Konflikt und sogar mit Gewalt enden oder nach dem Streit in eine friedliche Koexistenz der Perspektiven münden.

Die Interpretation des Gleichnisses

Kern der Erzählung ist, dass die Realität durchaus unterschiedlich aufgefasst werden kann und stark von der Perspektive des Betrachters abhängt. Die Perspektive kann natürlich auch als geistige Haltung verstanden werden und nicht nur als die Position, an der sich ein Beobachter physisch befindet.

Eine Folgerung aus der Geschichte zeigt, dass eine anscheinend absolute Wahrheit durch tatsächlich gewonnene Erkenntnisse von nur fragmentarischen Wahrheiten auch nur "relativ wahr" oder "relativ absolut" verstanden werden kann. Die Eindrücke sind also individuell und subjektiv.

Besonders wurde das Gleichnis auf theologische Diskurse und Streitereien angewandt, wie auch Lessings berühmte Ringparabel. Genauso lässt sich das Gleichnis auch auf soziale Sichtweisen oder die Naturwissenschaften übertragen. Entscheidend ist, dass Menschen nun einmal unvollkommen und in ihren Sichtweisen und Kapazitäten zu einem gewissen Grad beschränkt sind.

Würde man einen Elefanten nun tatsächlich vermessen, die Organe und Knochenstruktur untersuchen, die DNA auswerten und den Stoffwechsel studieren, könnten diese Experten mit hoher Wahrscheinlichkeit dennoch keine Aussagen über das Sozialverhalten der Tiere treffen, deren Kommunikation und Fortpflanzung und andere wesentliche Eigenschaften bewerten. Das »wirkliche« Gesamtbild eines Elefanten in all seinen Einzelheiten tatsächlich komplett zu begreifen und zu durchdringen, überschreitet somit die Kapazitäten eines einzelnen Menschen.

Unter dem Strich ist es also ratsam, absoluten Meinungen zu misstrauen und die eigene beschränkte Sicht nicht zu wichtig zu nehmen. Man sollte sich eher auf einen Diskurs einlassen und versuchen, sich der “Wahrheit” stückweise anzunähern. Die Wahrheit muss also immer in einer Form relativ sein.