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Marie Lipsius: Johann Sebastian Bach

Groß, gewaltig, voll eherner Kraft, ragt aus dem achtzehnten Jahrhundert, das uns die höchste Blüte der Tonkunst gebar, die Gestalt Johann Sebastian Bach's hervor. Wie eine Wundererscheinung staunen wir ihn, den Begründer und Vater der deutschen Tonkunst, wie ihn Marx genannt, den größten Harmoniker und Contrapunktisten, Orgelspieler und Kirchencomponisten, den die Welt je gesehen, noch heute an. Die schlichten Gebilde des Volksgeistes: Volkslied und Choral dienen ihm zum Fundament seiner Riesenbauten, und was er singt und mit souveräner Meisterschaft gestaltet, legt er am Altar des Höchsten nieder. Ihm erklingen seine Preis-, seine Dank-und Bittgesänge, wie die Menschheit keine erhabeneren kennt. Seine Weise ist ernst, oft hart und herbe; sie weiß nichts von schmeichelndem Klangreiz und sinnlichem Zauber – wol aber von ethischer, sittigender Kraft. Gefühlsüberschwang, Empfindsamkeit sind ihr fern; sie ist eine durchaus gesunde Kost, wie das tägliche Brod, dessen wir nie überdrüssig werden. Sie ist, wie die alten Griechen es forderten, ein bildender Factor an der Erziehung des inwendigen Menschen. Diese Musik buhlt nicht um die Gunst der Menge. Was wäre die auch dem Genius gewesen, der einsam droben stand auf höchsten Höhen seiner Kunst, von Keinem übertroffen, von Vielen bewundert, aber von Wenigen verstanden! Der Welt und ihrem Treiben abgewandt, nur ab und zu mit ihr vorübergehend in Berührung gebracht, ganz nur nach Innen gekehrt, schuf er voll Naivetät und Tiefsinns, voll Einfalt und Gelehrsamkeit nur sich selbst zur Genüge, was der Geist ihm eingab, unbekümmert darum, ob man draußen seiner achtete, oder ob die Schätze seines unvergleichlichen Wissens und Könnens, von denen Jahrhunderte noch zu zehren vermochten, verborgen und vergraben blieben. Ihm war es genug, wenn sie die Gemeinde, für die er sie schrieb, erbauten und erhoben; nach dem lauten Ruhm der Mit- und Nachwelt fragte der stolze Meister nicht, der seine höchste Ehre darin erblickte, Höchstes zu leisten und seine Kunst in den Dienst des Herrn zu stellen.

In dieser seiner tiefen Innerlichkeit, seiner allem äußeren Glanz abholden Wesenheit hat man ihn als den musikalischen Vertreter des Lutherthums, des Protestantismus bezeichnet; während man wiederum seine Tonschöpfungen in ihrem kühnen, himmelanstrebenden Bau, ihrer reichen, vielverschnörkelten Ornamentik den aus gleicher Gottbegeisterung erwachsenen gothischen Dombauten verglich. Wie unsere Zeit diese letzteren zu erhalten und vor zeitlichem Verfall zu schützen strebt, wie sie selbst unvollendet Gebliebenes zu ergänzen und zu herrlicher Vollendung zu bringen sich müht, so hat sie sich's auch vorzugsweise zur Aufgabe gestellt, die Thaten Bach's wieder lebendig werden zu lassen für das Genießen der Gegenwart. Was lange in Schlummers Banden lag, wird nun auferweckt und feiert eine glorreiche Auferstehung, nicht nur zur Erbauung einer kleinen Kunstgemeinde, sondern zum Frommen und Segen der Kunst selber, die sich verjüngt, wenn sie sich mit Ewigem berührt. Einem alten Musikergeschlecht, das seit hundert Jahren schon die Städte Thüringens mit Organisten und Cantoren, Hof- und Stadtmusicis versorgte und von Generation zu Generation Künstler von steigender Bedeutsamkeit hervorbrachte, entstammte Johann Sebastian Bach, der ruhmreichste Repräsentant des musikalischen Namens, dessen vier Lettern sich durch Notenschrift bezeichnen lassen. Der Zweig der Familie, der ihn als stolzeste Blüte zeitigte, hatte in Wechmar bei Gotha seine Heimat. Als ältesten der bisher ermittelten directen Vorfahren Sebastian's lernen wir daselbst durch Spitta – Bach's neuesten und eingehendsten Biographen, dessen Angaben wir im Wesentlichen folgen[1] – den um die Mitte des 16. Jahrhunderts lebenden Hans Bach kennen. Dessen Sohn Veit bezeichnete Sebastian selbst, der auf sein altkünstlerisches Herkommen Werth legte, als den Ahnherrn seiner Familie. Bäcker und Maler seines Zeichens, wanderte er nach Ungarn aus, kehrte aber, als Lutheraner dort angefeindet, in seine thüringische Heimat zurück, als deren echter Sohn er neben dem Betriebe seines Handwerks die Musik liebte und übte. Was aber bei ihm nur Nebenbeschäftigung – wiewol nach des großen Bach Worten »gleichsam der Anfang zur Musik bei seinen Nachkommen« – war, ward schon bei seinem jüngeren Bruder, wie bei seinem eigenen Sohn Hans, zur Profession. Der Letztere, ein lustiger Spielmann, den ein Kupferstich in Philipp Emanuel Bach's Besitze mit Narrenkappe und Schellen abgebildet zeigte, ward unseres Sebastian's Urgroßvater. Flott auf der Fiedel, den Kopf voller Späße, war er, der dem Pestjahr 1626 zur Beute verfiel, eine volksthümliche Persönlichkeit. Von seinen Söhnen, deren drei er Hans, deren zwei er Heinrich taufte, wurde Christoph der Großvater Sebastian's. Er repräsentirt sammt den Seinen ausschließlich das zünftige, weltliche, sogenannte Kunstpfeiferthum, während seine Brüder und deren Nachkommen als Orgelspieler und Componisten die bevorzugtere Stellung im Dienste der Kirche einnahmen oder auch beiden Anforderungen gerecht zu werden wußten. Inmitten der nach dem Jammer des langen Krieges auch unter seinen Berufsgenossen eingerissenen sittlichen Verwilderung strebten er und die Musiker seines Geschlechtes darnach, die Würde der Kunst und ihres Standes hoch zu halten. Schlichte Frömmigkeit und Ehrbarkeit der Sitte waren von Alters her bei ihnen heimisch. In selbstloser Bescheidenheit dienten sie ihrer Kunst und hielten an der Heimat fest, in deren Natureinsamkeit und Stille sich ihr Sinn vertiefte und verinnerlichte. Ein ihnen Allen eigenes lebhaftes Gemeinsamkeitsgefühl veranlaßte die männlichen Glieder der Familie zu alljährlichen Zusammenkünften in Arnstadt, Eisenach oder Erfurt, den Hauptsammelpunkten der Musiker ihres Stammes. War doch beispielsweise ein Zweig desselben an letztgenanntem Ort ein volles Jahrhundert hindurch so ausschließlich im Besitz der dortigen Stadtpfeiferstellen, daß man auch später, nachdem dieselben längst in andere Hände übergegangen waren, die Stadtmusikanten noch immer »die Bache« nannte.

Auch Sebastian's Vater, Johann Ambrosius, und dessen Zwillingsbruder, Johann Christoph, mit dem ihn eine so verwunderliche äußere und innere Aehnlichkeit verband, daß selbst ihre Frauen sie nur durch die Kleidung von einander unterscheiden konnten, traten als Kunstpfeifer das musikalische väterliche Erbtheil an. Dem Ersteren wurde, als Stadtmusikus zu Eisenach, in seiner Ehe mit Elisabeth Lämmerhirt aus Erfurt, unter sechs Söhnen und zwei Töchtern als jüngstes Kind Johann Sebastian geboren. Er trat am 21. März 1685 in's Leben. Durch das Geigenspiel des Vaters, der ihm ohne Zweifel die erste Anweisung in seiner Kunst ertheilte, empfing er seine ersten musikalischen Eindrücke. Weitere Anregung seiner künstlerischen Begabung durfte er seines Vaters Vetter, Johann Christoph, dem hervorragendsten seiner Vorfahren, der als Stadtorganist zu Eisenach's Ruhme wirkte, wie dem daselbst blühenden Currentchor danken, an dessen Umzügen sich der mit einer hübschen Sopranstimme Begabte vermuthlich, wie 200 Jahre früher Martin Luther, frühzeitig betheiligte. Als der zehnjährige Knabe Mutter und Vater in schneller Aufeinanderfolge verloren hatte, nahm ein älterer Bruder, der ebenfalls den in der Familie beliebten Namen Johann Christoph führte, den Verwaisten in sein Haus. Zu ihm, der als Organist in Ohrdruf seines Amtes waltete, siedelte er über. Für seine allgemeine Ausbildung sorgte nun das dortige Lyceum, für seine musikalische der Bruder, der seine eigene Lehrzeit unter Obhut des dem Vater befreundeten, berühmten Orgelmeisters Pachelbel in Erfurt bestanden hatte. So wurde Sebastian durch ihn in aller Frühe mit der Kunstweise des Letzteren bekannt. Doch scheint es, daß Johann Christoph sich seinem Pflegebefohlenen gegenüber nicht sonderlich mittheilsam erwies. Die Musikstücke, die er ihm vorlegte, hatte der Letztere baldigst durchstudirt. Eine Sammlung, die er sich von Werken der damaligen angesehensten Componisten: Froberger, Pachelbel, Buxtehude u. A. angelegt hatte, aber enthielt er ihm trotz seiner Bitten beharrlich vor. So trachtete der musikeifrige Sebastian denn darnach, sich den verbotenen Schatz heimlich anzueignen. In nächtlicher Stille, wenn Alles schlief, schlich er sich zu dem ihn bergenden Schranke und zog aus dem Gitterwerk desselben mit seinen kleinen Händen das sorglich zusammengerollte Heft heraus. In Ermangelung eines Lichtes mußte ihm der Mond zur Leuchte dienen, um sich den kostbaren Inhalt durch Abschrift zu eigen zu machen. Sechs volle Monate bedurfte er zu der mühseligen Arbeit, und als sie endlich glücklich beendet war, ertappte ihn der Bruder über dem schwer erworbenen Besitze und entriß ihm denselben unerbittlich.

Fünfzehn Jahre zählte Sebastian, da ward es ihm in Ohrdruf und im Hause des Bruders, dessen Familie sich mehrte, zu eng; er glaubte schon der eigenen Kraft vertrauen zu dürfen und wanderte mit einem Freund, Georg Erdmann, gemeinsam nach Lüneburg, wo er auf Empfehlung seines Cantors, dem er sich durch seine tüchtigen Leistungen lieb gemacht hatte, im dasigen Michaeliskloster Aufnahme fand. Durch zwei Bache war dort der Name bereits musikalisch bekannt geworden; auch waren die thüringischen Knaben ohnehin ihrer musikalischen Fertigkeit wegen gut berufen; genug, Sebastian und sein Ohrdrufer Genosse traten im April 1700 in die auserlesene Schar der Mettenschüler ein und wurden zugleich mit dem zweithöchsten Gehaltsatze der Discantisten bedacht. Seine äußere Existenz war gesichert, und auch als er bald darauf seinen schönen Sopran verlor, half ihm seine Verwendbarkeit als Clavier- und Orgelspieler wie als Violinist weiter. Die rege Betheiligung des Klosterchors an der Kirchenmusik, die Reichthümer der musikalischen Bibliothek boten Sebastian hinreichende Gelegenheit, auf dem Gebiet kirchlicher Vocalmusik Kenntnisse und Erfahrungen zu sammeln. Aber auch auf seinem eigensten Feld, der Instrumentalmusik, von der aus sein Genius seinen Aufschwung nahm, brauchte er nach Anregung und Nahrung nicht weit zu suchen. Eines eigentlichen Lehrers in der musikalischen Composition und Technik bedurfte er bereits nicht mehr. »Durch das Betrachten der Werke der damaligen berühmten und gründlichen Componisten und angewandtes eigenes Nachsinnen nur« – so belehren uns seine ersten Biographen, sein Sohn Philipp Emanuel und sein Schüler Agricola[2] – erlernte er die Composition und vermochte, von den Traditionen seines Geschlechts geleitet, seine eigenen Wege und Ziele zu finden. Von den verschiedenen Persönlichkeiten und Kunstrichtungen nahm er mit dem Instincte des Genies und voll rastlosen Strebens auf, was seiner Entwickelung förderlich war; was ihm Bedeutendes begegnete, verschmolz er mit dem eigenen Wesen.

In Lüneburg gewann Georg Böhm, der geistvolle Organist der Johanniskirche, erkennbaren Einfluß auf ihn. Ein Thüringer Kind wie Bach, trachtete er im Einklange mit dessen späteren Bestrebungen, das von den heimischen Orgelspielern Erlernte mit der damaligen norddeutschen Orgelkunst, welche technische Gewandtheit, geistreiche Anmuth, eigenthümliche Harmonik und seine Klangwirkung charakterisirten, zu verbinden. Aber auch mit den Hauptvertretern der letzteren drängte es Sebastian, der an der Quelle zu schöpfen liebte, sich bekannt zu machen, und so trugen ihn seine Füße wiederholt nach Hamburg, um die berühmten Orgelvirtuosen Reinken und Lübeck daselbst zu hören. Zu anderen Malen pilgerte er wiederum nach dem nahen Celle, wo die nach französischem Muster eingerichtete Capelle des letzten Herzogs ihm Gelegenheit bot, praktische Orchesterstudien zu machen und sich mit der instrumentalen Tanz- und der Claviermusik der Franzosen, die an Formengrazie und Ausdruckslebendigkeit der deutschen Kunst voraus war, des Näheren zu befreunden.

Im Jahre 1703 hatte er die Klosterschule absolvirt. Seine wissenschaftliche Bildung, wie andere Musiker und manche seiner Vettern, auf der Universität zu erweitern, was seinem hochstrebenden Geiste wol angemessen schien, fehlten ihm leider die Mittel. Arm, schon im frühen Jünglingsalter ganz auf sich selbst gestellt, mußte er mit dem erworbenen Wissen wuchern und schnell in Amt und Brod zu kommen suchen. In Weimar, nahe seiner thüringischen Vaterstadt, eröffnete sich ihm, was er begehrte. In der Privatcapelle des Prinzen Johann Ernst, des Bruders des regierenden Herzogs, erhielt er eine Stelle als Hofmusikus. Wurden hier auch lediglich seine Dienste als Violinist in Anspruch genommen, während seine Neigung sich bereits jetzt seinem eigensten Gebiet, dem Orgel- und Clavierspiel, zugewandt hatte, durch die Bekanntschaft mit einer bunten Fülle von Instrumentalmusik, und namentlich der am Hofe beliebten italienischen, erwuchs ihm dabei doch genügender Vortheil. Wenige Monate später aber gerieth er in sein eigentliches Fahrwasser: er vertauschte die Weimarer Stellung mit der eines Organisten in Arnstadt, der damaligen Residenz schwarzburgischer Grafen und einer der alten Sammelpunkte seines Geschlechts. Das Spiel des achtzehnjährigen Künstlers auf dem neuen Orgelwerk der Neuen Kirche hatte dem Consistorium dergestalt imponirt, daß man sich zu besonderen Anstrengungen aufgefordert fühlte und ihm den verhältnißmäßig ansehnlichen Jahresgehalt von 73 Thalern 18 Groschen zugestand. Seine gottesdienstlichen Verpflichtungen waren ebensowenig, als die ihm übertragene musikalische Unterweisung eines kleinen Schülerchors zeitraubend; für das eigene Studium und Schaffen blieb ihm willkommene Muße. Konnten auch die ihn umgebenden musikalischen Verhältnisse keinerlei bestimmenden Einfluß auf ihn ausüben, denn weder fand er in seiner Sphäre einen ihm überlegenen oder doch ebenbürtigen Künstler vor, noch trat er auch zu dem unter darstellerischer Betheiligung der Bürgerschaft am gräflichen Hofe gepflegten Sing- und Schauspiel in irgend welche Beziehung: die in Arnstadt verbrachten Jahre reisten gleichwol – vielleicht gerade Dank der ihn umgebenden Stille und Zurückgezogenheit – seine Meisterschaft. Ueber den vollen Umfang seiner schöpferischen Thätigkeit zwar verblieb uns aus keiner Periode seines Lebens und somit auch nicht aus dieser ein genauer Nachweis; doch lassen sich mit ähnlichem Recht wie eine Clavierfuge inE-moll und drei kleine Orgelfugen, welche die Vorbilder seines Oheims Johann Christoph und Pachelbel's verrathen, auf den Ohrdrufer, oder einige den Einfluß Böhm's bekundende Choral-Partiten auf den Lüneburger Aufenthalt, verschiedene Vocal- und Instrumental-Arbeiten auf die Arnstädter Zeit zurückführen. Der Beschäftigung Bach's mit dem Sängerchor dankt muthmaßlich die Ostercantate »Denn Du wirst meine Seele nicht in der Hölle lassen«, oder vielmehr die zwei Cantaten, aus denen dieselbe wol zu ihrer späteren in der Ausgabe der Bach-Gesellschaft vorliegenden Gestalt zusammengestellt wurde, ihre Entstehung. Wenn dieselben den Anschluß des Componisten an die norddeutschen Meister erkennen lassen, so weist ein der gleichen Zeit entstammendes »Capriccio sopra la lontananza del suo fratello dilettissimo« (Capriccio über die Abreise seines theuern Bruders) auf ein anderes Muster hin. Die programmatischen Claviersonaten Kuhnau's, des Schöpfers der Claviersonate und seines gelehrten Vorgängers im Leipziger Thomas-Cantorat, waren ihm vorbildlich, als er ein äußeres Erlebniß: den Abschied von seinem älteren Bruder Johann Jacob, der als Hautboist in Carl XII. schwedische Garde trat, zu künstlerischer Form gestaltete. Naiv genug erklingt hier die »Schmeichelung« der Freunde, die den Abreisenden zurückzuhalten strebt und ihm die Vorstellung möglicher Unglücksfälle vorspiegelt; sodann ihr »Lamento« und am Ende das Lied des ihn davonführenden Postillons, das eine Fuge über die Posthornfanfare abschließt. Eine Sonate (D-dur), deren Schlußsatz-Thema, wie ausdrücklich bemerkt, das »Gackern der Henne« nachahmen soll, entsprang offenbar der gleichen Anregung. Darauf aber auch beschränkten sich, wie es scheint, ein für allemal Bach's Excursionen auf das Gebiet der Programmmusik, wenn er auch einer gewissen poetisirenden Richtung, zumal in seinen Choralbearbeitungen, dauernd huldigte und selbst die Hinneigung zu einem tonmalerischen Element in sei nem Schaffen nicht verschmähte. (Man erinnere sich nur beispielsweise der Nachahmung des Glockengeläutes in der Trauerarie »Schlage doch, gewünschte Stunde«, oder der eigenen rhythmischen Figur bei »Du schlägest sie« im Anfangschor der Cantate »Herr, Deine Augen!«)

Ein anderes Capriccio, das er seinem Ohrdrufer Bruder Johann Christoph zu Ehren schrieb, wie ein Präludium mit Fuge in C-moll und eine weitere in gleicher Tonart stehende Fuge zeigen die freiere Behandlung der Fugenform, wie sie vor Bach üblich war. Ihm selber erst war es vorbehalten, die strengen polyphonen Formen zu höchster Vollkommenheit zu entwickeln und unter seine Botmäßigkeit zu zwingen, wie über das gesammte Tonmaterial, das seine Zeit ihm darbot, mit absoluter Herrschaft zu schalten. Mit seinem wunderbaren formalen Genie sich in die verschiedensten Stile einlebend und an ihnen zur Selbständigkeit heranbildend, sehen wir ihn zunächst in den Bahnen Pachelbel's weiter schreiten, dessen Einfluß ganz Thüringen und Sachsen durchdrang und dessen Weise der Choralbearbeitung insbesondere für Bach bedeutsam wurde.

Gleichzeitig hielt er sein Augenmerk unausgesetzt auf die Vervollkommnung seines Clavier- und Orgelspiels gerichtet. Ganz nur seinen künstlerischen Zielen zugewandt, sah er für's Erste seine Orgelkunst als Hauptsache, ihre Verwendung für den Gottesdienst als Nebensache an. In kühner, ausschweifender Weise colorirte er selbst während des Singens der Gemeinde die Melodie, oder gab ihr eine so ungewöhnliche Harmonisirung, daß die Gemeinde, so erzählt man, oftmals vergaß, in den Gesang einzustimmen. Das amtliche Protokoll hebt hervor, »daß er bisher in dem Choral viele wunderliche variationes gemachet, viele frembde Thöne mit eingemischet, daß die Gemeinde drüber confundiret worden«. Dies und sein eigenmächtiges Einstellen der Uebungen des von ihm zu leitenden Sängerchors, mit dem er sich bei seinem aufbrausenden, dem Lehren wenig günstigen Temperament überworfen hatte, zog ihm eine Rüge seitens seiner Behörde zu. Dazu kam noch eine Amtsüberschreitung anderer Art.

Um »ein und anderes in seiner Kunst zu begreifen«, und zwar um sich bei dem Dänen Buxtehude in Lübeck, dem genialsten Vertreter der nordischen Schule und einem der größten Orgelvirtuosen seiner Zeit, neuen künstlerischen Nahrungsstoff zu holen, erbat sich Bach während der letzten Monate des Jahres 1705 einen vierwöchentlichen Urlaub. Der rauhen Jahreszeit zum Trotz, ließ er es sich nicht verdrießen, den fünfzig Meilen langen Weg zu Fuße zurückzulegen. Die originale hohe Kunst des Meisters – dessen virtuose Orgeltechnik selbst Bach keine wesentlich neuen Bahnen offen, sondern ihn nur das Ueberkommene zur Vollendung bringen ließ –, desgleichen die unter dem Namen »Abendmusiken« von ihm geleiteten berühmten Choraufführungen in der Marienkirche nahmen ihn derart in Bann, daß er die Heimkehr darüber vergaß. Die sich ihm eröffnende Gelegenheit, sich die glänzende Stellung des bejahrten Buxtehude als dessen Nachfolger zu sichern, zwar versäumte er zu nützen, obgleich er – der, die nordische glanzvollere Stilart der mitteldeutschen verschmelzend, den Schwerpunkt deutscher Orgelkunst nun nach Mitteldeutschland verlegte – zum natürlichen Erben Jenes bestimmt schien. Er zog es vor, in seiner Stille und Einsamkeit weiter zu schaffen. Doch erst nachdem er den erbetenen Urlaub um das Vierfache überschritten hatte, sah ihn Arnstadt wieder. Eine ihm von seinen Vorgesetzten in milder Form zugehende Zurechtweisung hatte die Folge, daß der empfindliche Meister sich nach einem anderen Unterkommen umsah. Er durfte nicht lange darnach suchen. Eine Spielprobe genügte, um ihm im Juni 1707 die Berufung als Organist an die Blasiuskirche der freien Reichsstadt Mühlhausen einzutragen. Die Letztere stand, Dank dem daher gebürtigen berühmten Johannes Eccard und anderen trefflichen Tonsetzern, von Alters her musikalisch in gutem Ansehen, und das Organistenamt zu St. Blasius galt als ein Ehrenamt. Auch war es Bach nicht um eine Erhöhung seiner Besoldung zu thun – er beschied sich mit dem gleichen Gehalt, den er in Arnstadt empfangen hatte, ob er nun auch die Sorge für einen eigenen Haushalt auf sich nahm. Der Sinn für ein eng umfriedetes häusliches Leben, der in seinem ganzen Geschlecht lebendig war, erwies sich auch in dem 22jährigen Sebastian bereits mächtig, und aus seinem nächsten Verwandtenkreis heraus wählte er sich sein Weib. Mit Maria Barbara Bach, der jüngsten Tochter seines Onkels Michael aus Gehren (des mehrerwähnten Eisenacher Johann Christoph Bruder), trat er in Dornheim bei Arnstadt am 17. October 1707 in einen Ehebund ein, der dreizehn glückliche Jahre währte und ihm zwei Töchter und fünf Söhne – unter diesen die bedeutenden Musiker Friedemann und Philipp Emanuel – schenkte. Zur vollen Höhe der Zeit hatte er sich mittlerweile als ausübender und schaffender Künstler emporgearbeitet. Der von allen Seiten aufgenommene Bildungsstoff und die erworbene Herrschaft über die Technik befähigten ihn, nun neue, eigene Wege zu gehen. Bezeugt auch seine zum Rathswechsel in Mühlhausen (1708) geschriebene Cantate »Gott ist mein König«, gleich verschiedenen noch in die letzte Arnstädter Periode fallenden Orgelcompositionen, zuvörderst noch die mächtige Einwirkung Buxtehude's, die ja in formeller Beziehung eine dauernde bei Bach blieb, so gelangt die eigene Individualität doch fortan immer entschiedener zum Ausdruck. Das hohe Bewußtsein der in ihm thätigen überlegenen Kraft mag ihn dabei getragen haben. In einem Schreiben an den Rath[3] bezeichnet er es wenigstens ausdrücklich als den Endzweck seines Strebens, die gesammte kirchliche Kunst auf eine höhere Stufe zu erheben. So sicheren Blickes erkannte der noch junge Meister den ihm vorgezeichneten Beruf und die zu erstrebenden Ziele!

Diesen letzteren auch in seinem derzeitigen Wirkungskreise näher zu kommen, that Bach redlich das Seine. Seinen Bemühungen erwuchs jedoch in Person seines Superintendenten Frohne ein ihm lästiges Hinderniß. Als Anhänger des Spener'schen Pietismus wollte Jener von einem selbständigeren Hervortreten der Musik im protestantischen Cultus nichts wissen. Was war natürlicher, als daß der Widerspruch zu seiner Kunstanschauung und seinem eigensten Lebenszweck den Künstler, trotz einer gewissen, schon in dem mystischen, transcendentalen Zug seines Wesens begründeten Hinneigung zum Pietismus, auf die Seite von Frohne's Gegner Eilmar trieb? Wiesen ihn Erziehung und religiöse Traditionen seines Geschlechtes doch ohnehin in die Reihen der Orthodoxen, wiewol er keineswegs zu ihren fanatischen Parteigängern zählte.

Seine Thätigkeit in Mühlhausen war ihm hierdurch verleidet. Da ward die Stelle eines Hoforganisten in Weimar erledigt. Bach kam, spielte und siegte. Der Herzog berief ihn sofort und ernannte ihn zugleich zum Kammermusikus. Ungern aber sah man ihn aus seinem bisherigen Amte ziehen und ertheilte ihm gegen Ende Juni 1708 die geforderte Entlassung nur mit dem Vorbehalt, daß er die nach seinen sachkundigen Angaben begonnene Reparatur der Orgel auch weiterhin unter seiner Leitung behalte. Er selbst soll Mühlhausen immer in gutem Andenken behalten haben.

In auserlesen günstige Verhältnisse trat er in Weimar ein. Herzog Wilhelm Ernst war eine ernste, tief angelegte, dem Religiösen und Kirchlichen vorzugsweise zugewandte Natur. Für Wissenschaft und Kunst interessirt, zeigte er, ein Gegner des Pietismus, sich namentlich Bestrebungen auf dem Gebiete kirchlicher Musik geneigt, recht im Gegensatz zu den meisten Fürstenhöfen seiner Zeit, deren musikalisches Interesse nicht über die Oper hinausging. So fühlte sich Sebastian, von der Gunst seines Herzogs und dem Antheil seiner Umgebung gehoben, ganz in seinem Elemente. Hier stieg er zu seiner vollen Größe als Orgelvirtuos und -Componist empor. Weitaus die Mehrzahl seiner Orgelschöpfungen entstammt der Zeit seines Weimarer Aufenthaltes. Wie keinem Andern aber gehorchten ihm die Orgelgeister, und gerade die Orgel wurde der Ausgangspunkt seiner Entwickelung, der Keim, aus dem zum größten Theile seine Tongestalten großwuchsen.

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Anmerkungen:
  1. Johann Sebastian Bach. 2 Bde. Leipzig, Breitkopf & Härtel. 1873 und 1880.
  2. Das interessante und grundlegende Document ist als Necrolog in Mizler's »Musikalischer Bibliothek«, 4. Bd. Leipzig, 1752 enthalten.
  3. Das interessante Schriftstück ist, gleich anderen werthvollen Archivalien, durch Bitter's Biographie (J.S. Bach, 2 Bde. Berlin, Schneider, 1865) bekannt geworden.