In seinen Ausführungen zur Ästethik spricht Schopenhauer mehr in Form eines Bekenntnisses als mit dem Versuch einer näheren Begründung seine Ansicht über das Wesen der Musik aus. "Die Musik ist eine so unmittelbare Objektivation und Abbild des ganzen Willens, wie die Welt selbst es ist, ja wie die Ideen es sind, deren vervielfältigte Erscheinung die Welt der einzelnen Dinge ausmacht. Die Musik ist also keineswegs, gleich den anderen Künsten, das Abbild der Ideen ; sondern Abbilddes Willens selbst, dessen Objektität auch die Ideen sind: deshalb eben ist die Wirkung der Musik so sehr viel mächtiger und eindringlicher als die der anderen Künste: denn diese reden nur vom Schatten, sie aber vom Wesen." (Schopenhauers Werke, Hrsg. Grisebach, Reclam, I, 340.)

Einer Kunst, die das Wesenhafte ausdrückt, muß naturgemäß auch eine ausgezeichnete Allgemeinheit sowie Intimität zukommen. "Die Musik ist, wenn als Ausdruck der Welt angesehen, eine im höchsten Grade allgemeine Sprache, die sich sogar zur Allgemeinheit der Begriffe ungefähr verhält wie diese zu den einzelnen Dingen. Ihre Allgemeinheit ist aber keineswegs jene leere Allgemeinheit der Abstraktion , sondern ganz anderer Art, und ist verbunden mit durchgängiger deutlicher Bestimmtheit. Sie gleicht hierin den geometrischen Figuren und den Zahlen, welche als die allgemeinen Formen aller möglichen Objekte der Erfahrung und auf alle a priori anwendbar, doch nicht abstrakt, sondern anschaulich und durchgängig bestimmt sind. Alle möglichen Bestrebungen, Erregungen und Äußerungen des Willens, alle jene Vorgänge im Innern des Menschen, welche die Vernunft in den weiten negativen Begriff Gefühl wirft, sind durch die unendlich vielen möglichen Melodien auszudrücken, aber immer in der Allgemeinheit bloßer Form, ohne den Stoff, immer nur nach dem Ansich, nicht nach der Erscheinung, gleichsam die innerste Seele derselben, ohne Körper.

Aus diesem innigen Verhältnis, welches die Musik zum wahren Wesen aller Dinge hat, ist auch dies zu erklären, daß wenn zu irgend einer Szene, Handlung, Vorgang, Umgebung, eine passende Musik ertönt, diese uns den geheimsten Sinn derselben aufzuschließen scheint und als der richtigste und deutlichste Kommentar dazu auftritt; imgleichen, dass es dem, der sich dem Eindruck einer Symphonie ganz hingibt, ist, als sähe er alle möglichen Vorgänge des Lebens und der Welt an sich vorüberziehen." (Schopenhauers Werke, Hrsg. Grisebach, Reclam, I, 345 f.)

Obgleich die Musik jenseits der Ideenwelt ihre metaphysische Heimat hat, sucht sie Schopenhauer doch durch spezielle symbolische Deutungen der vertrauteren Sphäre der Erscheinungen näher zu bringen. Bass, Tenor, Alt und Sopran sollen die vier Stufen der Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen wiederspiegeln. Eine Analogie die durch etwas gekünstelte Gründe gestützt wird. Eine Konsequenz der hohen metaphysischen Bewertung der Musik ist es, dass Schopenhauer ausdrücklich fordert, der Text dürfe bei der Oper nie seine untergeordnete Stellung verlassen, "um sich zur Hauptsache zu machen und die Musik zum bloßen Mittel". (Schopenhauers Werke, Hrsg. Grisebach, Reclam, I, 345.)

Sonderbar ist, dass Schopenhauer nicht wenigstens an dieser Stelle einsah, wie illusorisch die Willensbefreiung durch die Kunst ist. Gerade bei der Musik ist nichts von Willenlosigkeit, nichts von kontemplativer Ruhe zu bemerken. Im Gegenteil, die Erregungen, die uns da zugeführt werden, sind zum Teil noch stärker, einschneidender als die im alltäglichen Durchschnittsleben. Schopenhauer sagt ganz harmlos selbst, dass "die Musik auf den Willen, d. i. die Gefühle, Leidenschaften und Affekte des Hörers, unmittelbar einwirkt, so daß sie dieselben schnell erhöht oder auch umstimmt". (Schopenhauers Werke, Hrsg. Grisebach, Reclam, II 526.) Damit schlägt er seinem ästhetischen Grundprinzip offenbar ins Gesicht. Aber wenn das auch ein Widerspruch im System ist, so ist es doch in der Sache ganz richtig. Es scheint wirklich der Musik im Gegensatz zu den anderen Künsten eine energischere Wirkungsweise zuzukommen. Diese ausgezeichnete Wirkungsweise beruht aber nicht auf einem geheimnisvollen metaphysischen Kontakt, sondern auf einer natürlichen Eigenschaft unseres gewöhnlichen psycho-physischen Apparats. Mittels der Stimmwerkzeuge können wir nämlich nicht nur die formale Seite der musikalischen Eindrücke, sondern auch die qualitative Seite in weitem Umfange sinnfällig nachmachen, so oft wir wollen. Dem Gesichtssinn fehlen solche vollkommenen mimischen Hilfsmittel. Darum wird die auf diesen Sinn wirkende Kunst niemals so innerlich angeeignet werden wie die Musik.