Schiller gehörte zu den Dichtern, die als Vorleser nicht anzuhören waren, ja er war nicht einmal - wie bei seinem "Fiesco" in Mannheim der Fall - im Stande, verständlich seine Arbeit vorzutragen, so dass es ihn beinahe die Aufführung gekostet hätte.

In Mannheim, wo sein Erstlingsprodukt "Die Räuber" allgemeinen Beifall gefunden, dort sollte auch sein "Fiesco" zur Aufführung gelangen, und die leere Dichterbörse füllen. Schiller begab sich deshalb mit seinem Jugendfreunde Streicher nach Mannheim.

Der Tag der Vorlesung des neuen Stücks erschien, und gegen vier Uhr stellten sich, außer Iffland, Beil, Beck und dem Regisseur Meier, noch mehrere Schauspieler ein, die nicht genug Worte finden konnten, um ihre Verehrung gegen den Dichter, sowie die hohe Erwartung auszudrücken, die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes hegten. Nachdem sich alle um einen runden Tisch gesetzt hatten, schickte Schiller erst eine kurze Erzählung der wirklichen Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden Personen voraus, worauf er dann zu lesen anfing. Der erste Akt wurde zwar bei der größten Stille, aber ohne das geringste Zeichen des Beifalls abgelesen. Nach dem zweiten Akt erhoben sich sämtliche Zuhörer, langten nach Erfrischungen, plauderten von Tagesneuigkeiten, und endlich verlor sich einer nach dem anderen. Iffland aber blieb zurück und schüttelte den genialen Kopf.

Nach vollendeter Vorlesung Streicher von Meier in ein Nebenzimmer gerufen. "Sagen Sie mir jetzt ganz aufrichtig", begann Meier, "wissen Sie gewiss, dass es Schiller ist, der die 'Räuber' geschrieben hat?"

"Zuverlässig", antwortete Streicher. "Wie können Sie daran zweifeln?"

"Wissen Sie gewiss, dass nicht ein anderer dieses Stück geschrieben, und es nur unter seinem Namen herausgegeben? Oder hat ihm jemand dabei geholfen?"

"Ich kenne Schiller nun schon im zweiten Jahr, und will mit meinem Leben dafür bürgen, dass er die 'Räuber' ganz allein geschrieben und ebenso auch für das Theater abgeändert hat. Aber warum fragen Sie mich dies alles?"

"Weil der 'Fiesco' das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört habe. Und weil es unmöglich ist, dass derselbe Schiller, der 'Die Räuber' geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes gemacht haben."

Als Schiller sich empfahl, ersuchte Meier, das Manuskript über die Nacht behalten zu dürfen.

Streicher und Schiller brachten eine unruhige Nacht zu. "Wird mein Trauerspiel hier aus Cabale nicht angenommen", sprach Schiller, "so will ich auf einer anderen Bühne selbst darin auftreten, indem eigentlich doch Niemand so gut deklamieren kann, wie ich."

Den anderen Morgen zeitig früh kam Meier, als er das Stück selbst gelesen, zu Streicher und rief: "Sie haben Recht, 'Fiesco' ist ein Meisterstück, nur Schillers schwächliche Aussprache und sein erbärmliches Vorlesen waren schuld, dass jeder das Stück für ein Machwerk hielt."

Es wurde dem Ausschuss übergeben, und sogleich zur Aufführung angenommen. Doch Schiller auf der Bühne, das blieb seinen Zeitgenossen - glücklicherweise - erspart...