Was Schiller von andern sentimentalen Dichtern unterscheidet, ist, dass die Ideen, die seinen Gedichten zugrunde liegen, eigentlich mehr Resultate tiefsinniger Nachforschungen, als Eingebungen augenblicklicher Begeisterung sind. Diese wunderbare Vereinigung der Spekulation mit dem Talent der Darstellung gibt Schillers Gedichten bisweilen etwas Dunkles und Mystisches, aber auch jene Erhabenheit und Würde, die sie durchgängig charakterisiert. Wir erblicken einen überall nach dem Unendlichen strebenden Geist, der das Höchste ergreifen, das Tiefste ergründen möchte, und doch ist nichts tiefer als sein Gemüt, aus dem eine Fülle von Leben und Liebe quillt. Er strömt sie aus, diese Liebe, in die ganze Natur, und möchte die schwesterliche Geliebte mit Bruderarmen umfangen. Seine Liebe ist heilig und rein, denn überall sieht er die Gottheit, oder ahnet ihre Nähe, wo sie das irdische Auge nicht erkennt. Er fühlt sie im tiefsten Herzen, und das ist kein Wahn, was das tiefste Herz lebendig fühlt. Aussprechen nur lässt es sich nicht, und wagt es die Zunge ja, so schwebt ein heiliges Geheimnis über den Worten.

Schiller fügt sich in das Leben, aber nie verliert er sich darin, denn stets sieht er es aus höheren Gesichtspunkten an, hat beim Kleinen überall das Große, beim Einzelnen das Ganze und stets der Menschheit hohes Ziel im Auge. Daran mahnt ihn das absegelnde Schiff, daran jeder Spaziergang, daran die tönende Glocke.

"Dieser Dichter", sagt Jean Paul sehr schön, "wirft über die beiden Enden des Lebens und Todes, in die beiden Ewigkeiten, in die Welt vor uns und in die Welt hinter uns, kurz über die unbeweglichen Pole der beweglichen Welt seinen dichterischen Schein, indes er über der Mitte der Welt mit dem Tageslicht der Reflexionspoesie steht, wie die Sonne nur an beiden Polen wechselnd nicht untergeht und den ganzen Tag als ein Mond dämmert." (Vorschule der Ästhetik. Abt. 1, Seite 154)

Das Eigentümliche der Schillerschen Poesie im Allgemeinen das sich durch sein ganzes lyrisches Schaffen zieht, zeigt sich auch in seinen lyrischen Gedichten, von denen die Individualität des Dichters sehr treffend bezeichnen. So wie das "Lied an die Freude". Diese mit dem höchsten Feuer poetischer Begeisterung gedichtete Ode spricht das edelste Gefühl des Menschen in den glücklichsten Augenblicken seines Lebens aus. Mit kühner Begeisterung lässt der Dichter im Chor den Schöpfer selbst in die Reihen der Fröhlichen treten. Wie Schiller in der zweiten Strophe die ganze Menschheit in den Kreis der Freude ruft:

"Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer's nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund."

So schließt er in die letzte Strophe den ganzen Umfang menschlicher Pflichten ein:

"Festen Mut in schwerem Leiden,
Hilfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königsthronen –
Brüder, gält’ es Gut und Blut –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!"

Durch den Chor fühlen wir jede Dissonanz aufgelöst, und uns zugleich in jene stille, halb wehmütige Stimmung versetzt, die gerade für das ungewöhnlich aufgeregte Gemüt so wohltuend ist:

"Eine heitre Abschiedsstunde!
Süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Totenrichters Munde!"