Es war ganz im Stile des 18. Jahrhunderts, dass Jean Pauls erste Bücher ohne irgendeinen inneren Drang gezeugt wurden. Wie Erasmus gegen die Schäden seiner Zeit, scheint auch Jean Paul in seinen Satiren fast von einer Art revolutionären Pathos erfüllt. Der Freiheit eine Gasse zu brechen, scheint der Zweck dieser satirischen Aufsätze, die gegen die Vertreter der Staatsreligion, der Staatsgewalt und der Gesellschaft gerichtet sind und diese Mächte bis in die abstoßendsten Vergleiche hineinzerren. Und doch ist diese Tendenz nur literarischer Vorwand. Erst später, als Jean Paul sich innerlich zu seinen großen Schöpfungen befreit hatte, klangen auch in seiner Gegnerschaft gegen die Zeitgötzen echte revolutionäre Töne auf. Der Zweck seiner Satiren waren sie selbst, das heißt: war Erfüllung der Kunstregeln im herrschenden Geschmack. So wie die Anakreontiker die Liebe und den Wein beim Wasserglase und am Schreibtisch besangen, so wurde das revolutionäre Pathos vom freien englischen Volk oder von den Franzosen, die im Begriff standen, sich zu befreien, übernommen, um künstliche Antithesen daraus zu formen. Es war ein völlig anderes als revolutionäres Interesse, das bei Jean Paul hinter seinen ersten Schriften stand. Fast lyrischer Natur. Denn es galt, das Leben in Vergleichen und Bildern einzufangen und zu bezwingen, reine Kunstform zu geben.

Nicht durchweg ist dieses Ziel erreicht. Dreißig Jahre später tadelte Jean Paul selbst, dass sich Spottzorn mit der Lust, Bußpredigt mit dem Lustspiel, falsche Ironie mit echter Strafrede gemischt habe. Von echter Satire entfernte sich die Darstellung um so weiter, je weniger der Dichter seinen Stoff beherrschte.

Der erste, längste und beste der Aufsätze, die in den »Grönländischen Prozessen« vereinigt sind, behandelt ein Gebiet, auf dem Jean Paul sich trotz seiner Jugend einigermaßen zu Hause fühlen konnte. Bei dieser Satire »Gegen die Schriftsteller« konnte er am meisten aus Eigenem schöpfen; hier hatte er eigene Nöte, eigene Unzulänglichkeiten, eigene Lächerlichkeiten in Fülle zur Verfügung. Wenn er satirisch die leiblichen Triebe als Ursprung der Poesie anführt: Hunger, Krankheit und Geschlechtstrieb, so wollte er damit wohl die Parasiten der Literatur, sogar sich selber treffen, der er aus Not und Lebensgier zur Feder gegriffen, aber er drückte doch zugleich die materialistische Grundanschauung des Rationalismus aus. Auch in der zweiten Satire des Buches, »Über die Theologen«, stand er noch auf eigenem Boden. Aus dem väterlichen Hause, aus dem Verkehr mit Pfarrer Vogel, aus dem eigenen Studium waren ihm die Schattenseiten des theologischen Berufs zur Genüge bekannt. Er wusste um den dummen Stolz, um die Engstirnigkeit und Kaltherzigkeit dieser »Mitarbeiter am Weinberg«, die jeden freien Gedanken aus Furcht vor dem Konsistorium und um die Futterkrippe unterdrückten. Besonders in dem »Superintendenten« schuf er ein fast mit individuellen Zügen ausgestattetes Exemplar dieser Gattung von theologischen Vorgesetzten: »Einige zwar meinen, er ziehe das orthodoxe Schafkleid wie andere Leute die Sonntagskleider nur einmal an; er ist aber seiner Frömmigkeit das Geständnis schuldig, dass er unausgesetzt ein treuer Freund des Schafseins gewesen.« »Er ist so heilig, dass er tugendhaft zu sein nicht nötig hat, daher er auch seltener in die glänzenden als nichtglänzenden Laster der Heiden verfällt.«

In den folgenden Satiren »Über den groben Ahnenstolz« und »Über Weiber und Stutzer« wagte Jean Paul sich auf ein ihm gänzlich entlegenes Gebiet. Hier führte keine eigene Erfahrung dem jungen Schriftsteller neuen Stoff der Darstellung zu. Die Bilder sind krampfhaft und ins Geschmacklose verzerrt. Es fehlt der Reichtum des eigenen Erlebens, der die ersten Aufsätze immerhin noch erträglich erscheinen lässt. Diese letzten Satiren nähren sich lediglich von literarischen Vorbildern, die peinlich übersteigert sind. Einige Seiten »Aus einem zweiten Lobe der Narrheit« und »Über die Konfiskation der Bücher« schließen das Bändchen.