Goethe liebte die Musik - und die Komponisten liebten Goethes Gedichte und Lieder, die vielfach vertont wurden. Dennoch fand Goethe nur zu wenigen Komponisten einen engen Kontakt und Carl Friedrich Zelter war der einzige Komponist, zu dem Goethe eine tiefgreifende Freundschaft entwickelte.

Nun mag es nicht weiter verwundern, dass ein so großer Mann wie Goethe gleich mehrere Komponisten "verschlissen" hat. Doch wenn man genauer hinschaut, so war nur Goethes Frankfurter Jugendfreund Philipp Christoph Kayser an den Anforderungen gescheitert, namentlich an Goethes "Jery und Bätely", das er für Goethe nicht zufriedenstellend vertonen konnte. Kaysers Nachfolger als Goethes "Haus-Komponist", der Berliner Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt, vertonte nicht nur "Jery und Bätely", sondern komponierte auch die Musik zu Goethes Singspiel "Claudine von Villa Bella", das er am Berliner Nationaltheater zur Aufführung brachte, sondern schrieb auch die Melodien für viele Goethe-Texte, darunter die Lieder aus dem "Wilhelm Meister", "Mignons Leid", "Der Erlkönig" sowie "Der Fischer", Goethes Gedicht mit dem vielzitierten Ausspruch "Halb zog sie ihn, halb sank er hin".

Es war eine fruchtbare Schaffensphase deren Ende sich jedoch in den späten 1790er Jahren anbahnte. Der Grund für das Zerwürfnis war primär Reichardts politische Umtriebigkeit und seine Anhängerschaft an die Französische Revolution, mit der sich Goethe nicht arrangieren mochte. Goethes Unmut prägte zahlreiche Xenien, deren bissige Anspielungen Reichardt zum Ziel hatten. Für Goethe war die Zusammenarbeit mit dem Musiker mehr als nur das Anvertrauen seiner Werke zwecks Vertonung. Goethe suchte vielmehr einen musikalischen Berater, einem Impulsgeber, wie er ihn auf literarischer Ebene viele Jahre lang in Schiller hatte. Denn Goethe bekennt selbst in einem Brief an Friederike Unger: "Musik kann ich nicht beurtheilen, denn es fehlt mir an Kenntniß der Mittel deren sie sich zu ihren Zwecken bedient; ich kann nur von der Wirkung sprechen, die sie auf mich macht, wenn ich mich ihr rein und wiederholt überlasse." (geschrieben im Juni 1796).

Goethes Verhältnis zur Musik war nicht auf das Schaffen von Liedern ausgerichtet, sondern fokusierte mehr die Rezeption, die Wirkung, die Töne und Harmonien sowie Melodien und Rhythmen beim Hörer hervorrufen. Goethe wollte die theoretischen Grundlagen der ästhetischen und emotionalen Wirkung von Musik kennenlernen und suchte hierfür einen Berater, mit dem er intensive Gespräche über grundlegende Fragen der Musik und Akustik führen konnte. Dies schien ihm mit Reichardt aufgrund dessen politischem Engagement nicht weiter möglich zu sein.

Goethes Umfeld, und allen voran Friederike Unger, stellten daraufhin einen Kontakt zwischen Goethe und Carl Friedrich Zelter her. Der Berliner Musiker und Komponist hatte zuvor bereits Gedichte von Friedrich von Schiller vertont und damit Goethes Begeisterung entfacht, die er offen in einem Brief zum Ausdruck brachte als er in einem Brief an Zeltner dessen Vertonung der Schiller-Gedichte lobte; sie seien "ganz vortrefflich gefaßt. Die Komposition suppliert sie, wie eigentlich das Lied durch jede Komposition erst vollständig werden soll. Hier ist es aber ganz was eignes. Der denkende oder gedachte Enthusiasmus wird nun erst in das freie und liebliche Element der Sinnlichkeit aufgehoben oder vielmehr aufgeschmolzen. Man denkt und fühlt und wird mit hingerissen." Damit bringt Goethe zum Ausdruck, was ihn bewegt: die Vertonung soll die Dichtung zur vollen Geltung bringen; er sucht die Wechselwirkung zwischen Dichter und Komponist, die "Verbindung zweyer Künste". Zelter war dafür der ideale Partner, denn er begann eine Liedvertonung immer damit, dass er sich den Text ganz zu eigen machte, auf sich einwirken lies. Er verwob Musik und Text zu einem neuen Ganzen und schuf damit auch die Grundlage für eine Jahre lange Freundschaft mit Goethe. Zwei Künstler die in ihrem Element - für eine gemeinsame Sache: "...den Hörer in die Stimmung zu versetzen welche das Gedicht angibt..."