Johan Wolfgang von Goethe war nicht nur genial, wer war auch regelrecht stur, wenn es darum ging, seine Meinung zu vertreten. Das bekennt er selbst freimütig in seinen Erinnerungen:

"…meine heftige Leidenschaft für das, was ich als wahr und naturgemäß erkannte, erlaubte sich manche gehässige Ungezogenheit gegen irgendein scheinbar falsches Streben; weswegen ich mich auch mit den Gliedern jenes Kreises zu Zeiten überwarf, ganz oder halb versöhnte, immer aber im Dünkel des Rechthabens auf meinem Wege fort ging." (Pempelfort, November 1792)

Besonders vehement verfocht Goethe seine naturwissenschaftlichen Thesen. Doch gerade diese fanden nicht jedermanns Zustimmung, wobei einige Zeitgenossen Goethe wohl auch seine wissenschaftliche Kompetenz und das damit verbundene Interesse infrage stellten. Bezugnehmend auf seine Naturbetrachtungen beklagt sich Goethe:

"die ernstliche Leidenschaft womit ich diesem Geschäft nachhing konnte niemand begreifen, niemand sah wie sie aus einem Innersten entsprang; sie hielten dieses löbliche Bestreben für einen grillenhaften Irrtum; ihrer Meinung nach konnt' ich was Besseres tun und meinem Talent die alte Richtung lassen und geben." (ebd.)

Goethe versteifte sich jedoch in seine naturwissenschaftlichen Arbeiten und vor allem die Optik mit der Farbenlehre, die zu seinem Faible wurde und nach seinem eigenen Verständnis mindestens genauso gewichtig waren wie seine literarischen Arbeiten.

Doch gerade die Farbenlehre erwies sich als Goethes großer Irrtum - und das eigentlich schon zu seinen Lebzeiten. Newtons Theorie vom zusammengesetzten Licht galt damals bereits als Stand der Wissenschaft. Für Goethe, der alles aus einem Gesamtheitsbegriff heraus untersuchte, war Newtons Theorie inakzeptabel. Er fand immer weiter neue Argumente und komplexe Versuchsanordnungen, die seine Sichtweise belegen sollten. Bei dem Versuch, die Wissenschaft zu überzeugen, verscherzte Goethe so manchen guten Willen und trübe einige Freundschaften, da er mit seiner Theorie weitgehend isoliert dastand. Goethe beklagte sich darüber und litt darunter:

"[..] ihrer Meinung nach konnt' ich was Besseres tun und meinem Talent die alte Richtung lassen und geben. Sie glaubten sich hierzu um desto mehr berechtigt, als meine Denkweise sich an die ihrige nicht anschloß, vielmehr in den meisten Punkten gerade das Gegenteil aussprach. Man kann sich keinen isoliertern Menschen denken als ich damals war und lange Zeit blieb." (ebd.)

Aus heutiger Sicht fragt man sich, wie Goethe, der zweifelsohne ein hochgebildeter Mann war und auch die wissenschaftliche Lektüre gewissenhaft studierte, trotz allem bis an sein Lebensende so stur bleiben und auf seiner Theorie beharren konnte. Warum war Goethe nicht in der Lage, die Argumente anderer objektiv zu bedenken und seine eigenen Ideen kritisch zu durchleuchten? War es der Genius, der tief im innersten an die eigene Erleuchtung glaubt? Hielt Goethe sich so unfehlbar, dass er gegenüber jeder Kritik immun wurde?

Die Farbenlehre wurde zu Goethes größtem Irrtum, an dem er beharrlich festhielt. Das schmälert natürlich weder seine Bedeutung als Dichter und Denker noch seine überragende Lebensleistung im Allgemeinen. Doch es wirft einen kleinen Schatten und hinterlässt die Frage: Warum war über Jahrzehnte nicht in der Lage, seinen Irrtum zu bemerken?