Es gibt Sprichwörter über Sprichwörter. Eines lautet: “Zum Lied das Alleluja, zur Unterhaltung das Sprichwort!“ Der Verfasser ist mir unbekannt. Ich würde sagen: Es stimmt, aber gewiss nur zur Hälfte. Denn Sprichwörter können natürlich viel mehr, als nur unterhalten.

Oskar Blumenthal sagt über das Sprichwort: “Ach selbst das weiseste Sprichwort irrt: Nicht alles Gold, was geschwiegen wird!“ Wie schön! Er kommt einer wichtigen Wahrheit auf die Spur: Sprichwörter können irren! Und wie!, kann ich nur sagen. Manche Sprichwörter sind so kurz wie sie falsch sind - aber andere so intelligent und tief, wie sie kurz sind.

Miguel de Cervantes Saavedra sagte einmal: Ein Sprichwort ist ein kurzer Satz, der sich auf lange Erfahrung gründet. Dem stimme ich gern zu. Selbst wenn die lange Erfahrung dessen, der spontan vielleicht ein Sprichwort kreiert, in diesem Augenblick gar nicht im Bewusstsein ist. Manchmal erschafft man so spontan einen Aphorismus aus einer Situation heraus, dass die Grundlage zu diesem Wissen dabei aber nicht einmal ans Tageslicht kommt. Es kommt leicht und von Herzen, so als singe die Seele gerade ein kleines neues Lied. Kann man jedoch kluge Sätze über Ereignisse, Situationen, Menschen usw. sagen, braucht es in der Regel schon einen gewissen Erfahrungsschatz, aus dem man schöpfen kann. Man muss nicht alles auch erlebt haben. Es gibt Menschen, die haben aus einer sehr genauen Beobachtungsgabe die Fähigkeit, treffsichere Schlüsse zu ziehen und daraus die Essenz eines Aphorismus zu basteln.

Sehr viele Sprichwörter sind Wort-Weisheiten. Wenn wir sie hören, geht uns manchmal das Herz auf. Oder aber es wird eine Erinnerung wach, die uns an ein altes Vorhaben gemahnt. Wie schwer es ja ist, im Erwachsenenleben Gewohnheiten zu verändern, weiß jeder, der es versucht. Sprichwörter können da Hilfestellung geben.

Eine schöne Idee ist, sich seinen ganz eigenen Sprichwortkalender anzulegen. 365 Sprüche, aus denen man die “dummen Sprüche“, die es bei Sprichwörtern auch gibt, weglässt und dafür die Sprüche, Zitate oder Aphorismen nimmt, die man so richtig lieb gewonnen hat. Zitate, die einen anrühren, einen befeuern und dazu beitragen, dass man seine eigenen Ziele immer wieder neu nicht nur ins Auge bekommt, sondern auch weiß, dass man die Kraft und die Möglichkeit der Umsetzung hat.

Aufbauende Sprichwörter sind gewiss konstruktiver als scheltende oder mahnende kluge Sätze. Oder welche, die gleich so hoch in ihrem Anspruch an uns ansetzen, dass ein Erreichen des Zieles zu utopisch klingt und damit der Satz unattraktiv wirkt, selbst wenn er weise und richtig ist. Der eigene Sprichwortkalender könnte ein Dauerbegleiter im Leben werden. Etwas, das hilft, die notwendige Selbstreflexion so zielgenau der eigenen Persönlichkeit anzupassen, dass man täglich neu das Gefühl bekommt, in der eigenen geistigen Schatzkiste zu graben.

Wohlan! Werden Sie Schatzsucher und Goldgräber für Weisheiten, die sie selbst immer weiser und gelassener werden lassen.