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Christa Schyboll über Lebenskunst

Verlebtes Leben schenkt an seinem Ende keine gute Erinnerung, sondern windet sich wund im eigenen Irrtum.
Wortgewitter und Gedankenblitze. Kritische Betrachtungen einer Querdenkerin. Alojado Publishing, Bacolod City, 2017, ISBN 978-621-8015-18-0
Zitat von Christa Schyboll
Christa Schyboll
deutsche Autorin
* 06.09.1952

Weitere Zitate

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Gedanken zum Zitat von Angelina Westhagen

Noch immer ist die uralte Frage ungelöst, ob und mit welchen Prägungen der Mensch sein Leben betritt. Sind es nur die biologischen Faktoren des elterlichen Erbes, die da zu Buche schlagen oder kommt da noch viel mehr hinzu, was die Wissenschaft bis heute noch nicht messen oder nachweisen kann?

Tatsache ist, dass auch unter gleichen familiären Bedingungen und Erbfaktoren in der gleichen gesellschaftlichen Schicht und den damit verbundenen gesellschaftlichen Einflüssen sich beispielsweise Geschwister äußerst unterschiedlich entwickeln können. Dafür gibt es zahllose Beispiele. Die eine Person wird eventuell erfolgreich durchs Leben gehen, der andere wird vielleicht ein Versager gemäß den allgemeinen Vorstellungen werden. Denn zählen doch für die meisten Zeitgenossen vor allem die Faktoren Geld, Macht und Erfolg, um Ansehen zu genießen. Selbst dann, wenn dabei so manches mit krummen Touren geschafft wurde.

Doch was, wenn der Versager dennoch ein friedliches, in sich ruhendes "gutes" Leben in bescheidenen Verhältnissen führt? Ist er dann immer noch ein Versager gemessen am Bruder, der es tatsächlich zu etwas gebracht hat. Berufliche Erfolge mögen sein Lebenswerk krönen, flankiert von Wohlstand, der sich sehen lassen kann. Und natürlich ist es auch umgekehrt denkbar, dass der finanziell arme Schlucker zugleich auch unter allem anderen leidet und der Erfolgsverwöhnte tatsächlich sein Leben genießt.

Unter welchen Kriterien ist also der Begriff des "verlebten Lebens" zu sehen. Letztlich doch nur darunter, ob man sein ganz persönliches Lebensziel erreicht hat, falls man sich überhaupt eines gesteckt hat.

Das wiederum kann sehr verschiedene Werte und Maßstäbe haben, die nicht unbedingt im Einklang mit den Werten der Gesellschaft im Allgemeinen übereinstimmen müssen.

Der individuelle Wert, den man selbst dem Leben beimisst, ist allein entscheidend für diese Lebensendbilanzierung. Eine Lebens-Sinngebung gibt es nicht auf Rezept, sondern das ist Aufgabe und Entscheidung für jedes Individuum.


Das eigene Leben vertan?


Man kann sein eigenes Leben durchaus "vertun" oder "verleben", wenn man an seiner wahren Natur vorbeilebt. Diese aber erst einmal zu erkennen, braucht bei vielen Menschen eine Reihe von Irrwegen oder Experimenten. Denn so eindeutig, was die eigene Natur eigentlich ist, ist die Sache nicht. Talente zu nutzen ist gewiss immer sinnvoll, aber so manche Befähigung kann auch verführerisch sein, wenn man sie mit einem falschen oder ungesunden Ehrgeiz über lange Jahre und Jahrzehnte verbindet und sie und sich selbst dabei regelrecht ausnutzt. Das gesunde Maß spielt dabei eine entscheidende Rolle. Dennoch hat jeder sein eigenes Maß. Vergleiche mit anderen sind problematisch.

Gaben, die man als besonderes Können mitgebracht oder sich fleißig erworben hat, können sich also als trügerisch erweisen, wenn sie nicht klug eingesetzt werden. Beruflich erfolgreiche Manager oder Unternehmer mit Herzinfarkten in den Vierzigern dürften darüber durchaus kompetent berichten können. Viele von ihnen werden nicht erst am Lebensende erkennen, dass nur die bloße Talentnutzung alleine noch keine Sinnhaftigkeit auf der persönlichen Ebene darstellt, wenn da nicht auch eine entsprechend passende Lebenshaltung zu entwickelt wird. Das Leben zu leben statt es zu „verleben“ oder zu „vertun“ braucht den Einsatz des Bewusstseins.

Wer durchs gesellschaftliche und soziale Netz fällt, wird sich die Frage seiner ganz persönlichen Lebenschancen ebenfalls früher oder später stellen. Warum ist es so geworden, wie es nun ist? Welche Faktoren haben dazu geführt, dass das Leben nicht so erfolgreich wurde, wie das der Eltern oder Geschwister? Ist es damit getan, den Bösewicht im Außen allein nur zu suchen und zu sagen: "Der oder jener ist schuld, dass ich nicht…"

Für die Gestaltung seines Lebens und dem, was man daraus macht, trägt jeder seine eigene Verantwortung. Auch mit wenigen Mitteln kann man viel erreichen. Ob sich das "viel" dabei nach dem Mainstream und den Meinungsmoden richtet oder es zu einem inneren Reichtum der Zufriedenheit kommt, ist eine Frage der Haltung zur Welt und zum Leben selbst.

Wer lernt, sich selbst frühzeitig entscheidend kritische Fragen zum eigenen Lebenssinn und auch zur Lebensausrichtung zu stellen, wird am Lebensende gute Erinnerungen haben und sich darüber freuen, dass sein Dasein keineswegs ein großer Irrtum war, sondern eine glückerfüllte Zeit.