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Hermann Göring über Agitation

Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg […] Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. […] Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.
Interview mit Gustave Gilbert in der Gefängniszelle, 18. April 1946, Nürnberger Tagebuch (1962; Originalausgabe: "Nuremberg Diary" 1947
Zitat von Hermann Göring
Hermann Göring
deutscher Politiker (NSDAP)
* 12.01.1893, † 15.10.1946

Weitere Zitate

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Gedanken zum Zitat von Tom Borg

Das Zitat von Hermann Göring zeigt auf erschreckende und geradezu zynische Art auf, wie Propaganda funktioniert. Und leider hat sich daran bis heute nichts geändert. Auch in diesen Tagen gehen rechtsextreme Parteien und Organisationen wie die AFD, FPÖ, Pegida & Co. nach Görings Schema vor. Sie werfen den weltoffenen und toleranten Menschen vor, sie brächten das Land in Gefahr.

Als große Bedrohungskulisse dienen heute der Islam und die Flüchtlingswelle. Und wie von Göring behauptet, funktioniert es auch in unserem eigentlich so aufgeklärten Zeitalter.

Dabei stellen weder der Islam noch die Flüchtlinge eine akute Bedrohung unseres Lebens oder unserer Gesellschaft dar. Sie werden vielleicht unser Leben und unser Land verändern, das mag durchaus sein; aber ein Schelm, wer nicht anfügt, dass dies bei jeder neuen Herausforderung passiert.

Und dabei führen wir durchaus Kriege, die uns auf den ersten Blick gar nicht so bewusst sind. Noch immer dienen europäische und auch deutsche Soldaten in Afghanistan, wir haben Soldaten in Afrika, Aufklärungsflugzeuge in der Türkei und sind an diversen militärischen Aktionen direkt oder zumindest indirekt beteiligt. Insbesondere die indirekten Beteiligungen sollten wir nicht unterschätzen, denn ohne Rammstein wäre beispielsweise der Drohnenkrieg der USA nicht so perfekt durchführbar.

Aber auch ohne Militäreinsatz kann man Krieg führen, beispielsweise Wirtschaftskriege und Währungskriege. Handelssanktionen treffen ein Land nicht minder schwer - obwohl sie andererseits zeigen, dass sich in einer globalisierten Welt so ziemlich alles irgendwo und irgendwie beschaffen lässt - von der Banane bis hin zur Atombombe. Aber es wird schwerer und teurer - und die größte Last tragen meistens die, die sowieso nicht allzu viel haben.

Auch Währungskriege führen wir gegen andere Handelsnationen. Kann die Qualität der Waren alleine nicht punkten, dann werden Währungen eben abgewertet, was den Export begünstigt. Von der EZB, die ihren ganz eigenen Euro-Krieg führt, ganz zu schweigen.


Die vernebelte Gefahr


Dies alles hat mit Hermann Görings Vorstellungen von Krieg nicht viel gemein. Und dennoch treffen seine Worte auch auf diese Nebenkriegsschauplätze zu. Wirtschaftskriege sind genauso verpönt wie militärische. Und dennoch akzeptieren wir diese recht schnell, wenn es um Arbeitsplätze geht, und erst recht, wenn der eigene Job davon gesichert werden kann.

Auch da lassen wir uns durch scheinbare existenzielle Bedrohungen zu Maßnahmen hinreissen, die wir bei genauerem Überdenken eigentlich nicht akzeptieren würden. Vielmehr noch, wir reden uns ein oder lassen uns einreden, dass wir ja gar keinen Krieg führen und schon gar nicht anderen Völkern schaden wollen. Nein, wir nehmen nur notwendige Anpassungen vor, die sowieso schon lange überfällig waren aber jetzt halt deutlich sichtbar wurden, nach dem andere Länder …

Der Geist ist willig, doch manchmal arg beschränkt. Wir möchten ja gerne objektiv sein, Nachrichten bewusst verfolgen und uns eine eigene Meinung bilden, denn wir plappern doch nicht einfach alles nach, was andere uns einzutrichtern versuchen. Aber die Argumente der Propagandaabteilungen aller Seiten klingen so schön plausibel, dass wir sie schnell akzeptieren. Besonders dann, wenn da eine unbestimmte Gefahr an den Horizont gemalt wird, die von den Medien mit täglich neuen Ereignissen untermauert wird.

Es sind zynische Worte, die Hermann Göring als aktiver Gestalter des grausamen Nationalsozialismus und einer der größten Verbrecher des letzten Jahrhunderts von sich gibt. Und doch hat er offensichtlich recht, wie die jüngere Vergangenheit uns immer wieder bewiesen hat. Höcke, Petry, Le Penn und selbst nordkoreanische Machthaber arbeiten alle mit den gleichen Mitteln: sie predigen die Gefahr, die uns droht, und schüren den Hass auf die anderen, von denen die Bedrohung angeblich ausgeht.

Die Methode der Faschisten funktioniert auch heute noch. Daran konnte alle Bildung und Aufklärung nichts ändern. Liegt es am Ende in der Natur des Menschen, dass er auf gefühlte Bedrohungen seine moralische Messlatte absenkt? Schließlich, auch das sei hier der Vollständigkeit halber angemerkt, setzen auch gestandene Demokraten und Parlamentarier diese Methoden - wenn auch in homöopathischen Dosierungen und bei anderen Themen - ein. Gedroht wird mit allem, das sich eignet. Bedrohungen sind allgegenwärtig. Mir scheint, wir sind Getriebene und gestalten unser Leben nur noch nach dem Kriterium des kleinsten Schadens. Da verwundert es nicht, dass immer mehr Menschen für extremistische Positionen aller Coleur empfänglich sind.

In diesem Sinne sollten die Worte des NS-Verbrechers Görings eine Mahnung und Warnung dafür sein, was am Ende eines solches Weges auf uns wartet.