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Sprichwort über Erfolg

Unsere Welt will immer nur Gewinner sehen
Liedtitel aus dem Musical "Tell" geschreiben von Beart Hirt & Thomas Fortmann; veröffentlicht mit Jackie Carter auf Telefunken 6.12161, 1977

Weitere Zitate

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Gedanken zum Zitat von Tom Borg

Obwohl es kein echtes Sprichwort ist, kann "Unsere Welt will immer nur Gewinner sehen" durchaus als Redewendung angesehen werden. Es handelt sich um eine weit verbreitete Aussage. Nicht nur im deutschen Schlager gibt es mit Mel Jerseys "Warum will die Welt nur Sieger sehen?" Abwandlungen, auch die klassische Literatur griff den Gedanken oft auf und er spielt zunehmend eine Rolle in der Entwicklung unserer Gesellschaft.

Der Trend ist schon länger sichtbar und manche bezeichnen ihn schlichtweg als Wahn: Jeder versucht sich täglich aufs Neue zu beweisen - und sei es auch nur durch ein Foto mit mehr "Gefällt mir" oder Herzchen auf den sozialen Medien.

Dabei setzen wir uns selbst unter Druck und einen ungesunden oder gar zweifelhaften Erfolgszwang. Wir " hecheln alle einem Ideal hinterher, das am Ende keine Attraktivität generiert, sondern bloss Konformität" wie der Arzt, Philosoph und Medizinethiker Giovanni Maio in einem Interview über die selbstverordnete Gesundheitsdiktatur sagte (Wir leben in einer Gesellschaft, die nur Sieger sehen will).

Warum nur ist gewinnen so "sexy"? Sind es unsere uralten Instinkte, der Kampf ums Überleben? In früheren Zeiten, war Gewinnen gleichzusetzen mit Macht. Kämpfe wurden mit Gewalt und Waffen ausgetragen und der Gewinner bekam alles: materielle Werte und Frauen, die wiederum seine Macht festigten indem der Nachwuchs seine Gene bekam.

In diesen rabiaten und vereinfachten Kategorien denken wir heute eigentlich nicht mehr, wenngleich das Weltgeschehen oft etwas anderes impliziert. Doch auch der Volksmund bemüht gerne das Vorteil: Frauen lieben draufgängerische Siegertypen und heiraten solide Partner. Tennessee Willians schrieb dazu einmal: "Frauen lieben die Besiegten, aber sie betrügen sie mit den Siegern." Ob das so stimmt, sei dahingestellt. Dennoch impliziert es, dass wir eigentlich ein verlässliches Miteinander bevorzugen. Und doch lockt uns immer wieder das Abenteuer, der Wunsch, etwas Außergewöhnliches zu tun, zu gewinnen. Diesem inneren Trieb verdankt so manches TV-Format seine Zuschauer und Akteure.


Harmonie versus Abenteuer


Offenbar brauchen wir die Bestätigung durch andere. Wir beneiden andere und lieben es, wenn man zu uns aufschaut und uns bewundert. Wir frönen unserem Ego in einer oftmals - für andere - unerträglichen Weise. Welch einen Aufwand treiben wir, um uns auf Facebook & Co möglichst optimal zu präsentieren? Was hecheln wir, um mit Maio zu sprechen, der Anerkennung anderer hinterher? Und wie viel Zeit würden wir für uns und unsere Freunde und Familie gewinnen, wenn uns diese zur Schau gestellte Anerkennung egal wäre und wir uns lieber der erlebten Anerkennung widmen würden?

In Mel Jerseys Schlager "Warum will die Welt nur Sieger sehen?" lautet die Folgezeile: "Ist Dabeisein nicht genauso schön!". Dieser olympische Gedanke, der dem Sport schon längst abhanden kam, zählt auch in unserem persönlichen Leben immer weniger. Zwar genießen wir gerne einen Abend mit Freunden. Doch so richtig interessant wird es erst, wenn wir davon auch ein Selfie auf Facebook & Co onlinestellen und anhand der Beifallsbekundungen ablesen, ob er Abend wirklich toll war.

Was uns dabei abhanden kommt, ist der eigene Wertemaßstab, der innere Kompass der uns unseren ureigenen Weg in die richtige Richtung gehen lässt. Immer häufiger richten wir uns nach dem Urteil anderer und lassen und durch deren Lob oder Abwertung beeinflussen. Wir ändern unsere eigenen Ansichten so lange, bis sie mehrheitskonform sind. Frei nach der spöttischen Beurteilung der Politikerklasse machen wir eine Meinungsumfrage und legen uns anhand des Ergebnisses darauf fest, was wir selbst wollen und für gut befinden. Denn in erster Linie wollen wir Anerkennung, Ansehen - wir wollen gewinnen. Und Ansichten, mit denen man nicht gewinnen kann, können folglich nicht gut sein.

Wie falsch dieser Gedankengang ist, können wir nicht nur in den Geschichtsbüchern nachlesen. Auch im täglichen Miteinander könnten wir es erkennen, wenn wir nur unsere Augen und Sinne dafür öffnen würden. Wie viel mehr wert ist doch das freundliche Lächeln unserer Mitmenschen im Vergleich zu einer opportunistischen Anerkennung, die morgen vielleicht schon ins Gegenteil umschlägt, weil der (Karriere)Wind aus einer anderen Richtung weht?


Pyrrhussiege und falsche Fronten


Wie sinnlos all das sein kann zeigt ein simples Beispiel aus dem Fußball: Wenn eine Mannschaft so drückend überlegen ist, dass sie schon zur Halbzeit 5:0 führt und der Gegner kaum über die Mittellinie kommt, dann gewinnt die Mannschaft zwar, doch das Spiel ist so langweilig, dass selbst die eigenen Fans zur Halbzeit bereits nach Hause gehen. Wogt das Spiel jedoch hin und her, mit Torszenen auf beiden Seiten, dann jubeln die Fans und fiebern bis zur letzten Minute mit. 90 Minuten Adrenalin pur. Gewinnt jedoch am Ende eine Mannschaft, so sind die 90 Minuten Begeisterung von einer Sekunde auf die andere verflogen. Dann ist es plötzlich ein "Sch…spiel" - weil die anderen gewonnen haben. 90 Minuten Begeisterung zählen plötzlich nicht mehr, wenn man nicht gewonnen hat? Wenn es so wäre, dann würden wir alle sinnlos auf der Erde verweilen, denn am Ende verlieren wir alle - zumindest das Leben. Und die meisten auch davor schon vieles oder alles. Aber ist das ein Grund, das Leben nicht zu genießen?

Dabeisein ist doch auch schön - während Sieger meist alleine sind. Es kann nur einen geben, auch wenn es sich dabei um ein Team handelt. Doch Sieger werden nicht nur bewundert, sie werden auch gehasst und beneidet. Boris Becker sagte zwar "Sieg ist eine unglaubliche Lust. Eine Frau kann einem diese Befriedigung nicht geben." Doch nur selten sind Sieger wirklich dauerhaft glücklich. "Flet victus, victor interiit - Der Besiegte weint, der Sieger geht zu Grunde", so schrieb Erasmus von Rotterdam. Und Voltaire folgerte einst: "Das siegreiche Volk hat niemals einen Vorteil von den Trümmern des besiegten Volkes. Es bezahlt alles. Es leidet, auch wenn seine Waffen siegreich sind."

Egal ob Sieg oder Niederlage - das Leben geht weiter. Und die Besiegten müssen in das Lebensumfeld des Siegers eingebunden werden. Denn Gewinnen ohne dass andere das anerkennen, ist ja nur halb so schön. So bleibt denn oft der Sieg ein Momenterlebnis, ein kurzer Push nach oben. Nur wenige können davon dauerhaft profitieren. Alle anderen jagen diesem Moment ein Leben lang hinterher und hoffen, es besser zu treffen, wenn sie es erst mal geschafft haben. Auf der Strecke bleibt das Jetzt, das soziale Umfeld, die Freunde, die Familie - und damit letztlich der Wert des eigenen Lebens. Er zählt nur etwas, wenn andere ihn zählen. Doch die wollen auch gewinnen - und zählen deshalb so, dass es ihnen am meisten nutzt. Denn die Welt will Sieger sehen; wir wollen zu anderen aufschauen - und noch lieber ist es uns, wenn andere zu uns aufschauen.