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Oscar Wilde: Aphorismen

Liebe und Vernunft

Immer in die Liebe verliebt sein. Eine grande passion ist das Vorrecht solcher Leute, die nichts zu tun haben. Das ist der einzige Vorteil der müßigen Klassen eines Landes.

Man sollte immer verliebt sein. Das ist der Grund, warum man nie heiraten sollte.

Wenn man verliebt ist, betrügt man zu Anfang sich selbst und am Ende stets die anderen.

Die Verschiedenheit des Objekts ändert nichts am Einmaligen der Leidenschaft. Sie vertieft es nur. Wir können im Leben bestenfalls ein großes Erlebnis haben, und das Geheimnis des Leben ist, dieses Erlebnis so oft wie möglich aufs neue zu erzielen.

Nur Liebe vermag überhaupt jemand am Leben zu erhalten.

Wer ist arm, wenn geliebt wird?

Die Liebe gibt einem einen Instinkt für die Dinge.

Liebe, nicht deutsche Philosophie, ist die wahre Auslegung dieser Welt, wie immer auch die Auslegung der nächsten lauten mag.

Ich pflegte Ehrgeiz für das Größte zu halten. Das stimmt nicht. Liebe ist das Größte auf der Welt. Es gibt nichts als Liebe.

Die Liebe nährt sich von der Phantasie, die uns weiser macht, als wir wissen, besser, als wir fühlen, edler, als wir sind: durch die wir das Leben als Einheit sehen können: durch die, und durch die allein, wir andere in ihren realen und ideellen Bindungen verstehen können. Nur Schönes und schön Erdachtes kann die Liebe nähren. Den Haß aber nährt alles.

Haß macht die Menschen blind. Das merkst Du nicht. Liebe kann die Inschrift auf dem fernsten Stern entziffern, doch der Haß blendete Dich so sehr, daß Du über den engen, ummauerten Garten Deiner niederen Gelüste nicht hinaussahst.

Die meisten Menschen leben für die Liebe und die Bewunderung, doch wir sollten durch die Liebe und die Bewunderung leben.

Wenn uns Liebe geschenkt wird, so sollten wir wissen, daß wir ihrer gänzlich unwürdig sind. Niemand ist würdig, geliebt zu werden.

Jeder ist der Liebe würdig, nur der nicht, der sich selbst für würdig hält.

Die Liebe ist ein Sakrament und sollte kniend empfangen werden, und die Lippen und Herzen derer, die es entgegennehmen, sollen sprechen »Domine, non sum dignus«.

Nicht die Vollkommenen, sondern die Unvollkommenen brauchen Liebe.

Wenn wir durch eigene Hand oder durch die Hände anderer verwundet sind, sollte uns Liebe heilen – was hätte Liebe sonst überhaupt für einen Sinn?

Die Gefühle von Menschen, die man nicht mehr liebt, haben stets etwas Lächerliches.

Eine Liebe und ein Schmerz, die groß sind, werden durch ihr eigenes Übermaß vernichtet.

Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, aber Liebe zum Schluß der Saison, was so sehr viel befriedigender ist.

Freundschaft ist weit tragischer als Liebe. Sie dauert länger.

Vernunft und Feigheit sind in Wirklichkeit dasselbe.

Vernunft ist nur der Geschäftsname der Firma. Weiter nichts.

Rohe Gewalt kann ich noch ertragen, aber rohe Vernunft ist ganz und gar unerträglich. Es liegt etwas Unanständiges in ihrer Anwendung. Sie steht unter dem Geist.

Der nur denkende Geist ist dem Geiste der Kunst fremd.

Ich bekenne, daß ich nicht zu den Gläubigen im Tempel der Vernunft gehöre. Ich halte die menschliche Vernunft für den unzuverlässigsten und trügerischsten Führer unter der Sonne, ausgenommen vielleicht die weibliche Vernunft. Der Glaube ist zwar, so meine ich, eine helle Leuchte unserem Fuß, in unserem Denken jedoch eine exotische Pflanze, die ständiger Pflege bedarf.

Alles Denken ist unmoralisch. Sein eigentliches Wesen ist Zerstörung. Wenn Sie über etwas nachdenken, töten Sie es. Nichts überlebt das Nachdenken darüber.

Nie kann die Wissenschaft das Irrationale bewältigen. Darum hat sie auf dieser Welt auch keine Zukunft.

Es ist sehr gefährlich zuzuhören. Hört man zu, kann man überzeugt werden, und wer sich durch ein Argument überzeugen läßt, ist ein von Grund auf unvernünftiger Mensch.

Ich bin dieser Geistreichelei sterbensüberdrüssig. Jeder ist heutzutage geistreich. Du kannst nirgendwohin gehen, ohne geistreiche Leute zu treffen. Das ist förmlich zu einer öffentlichen Plage geworden. Ich wünschte zum Himmel, wir hätten noch ein paar Dummköpfe übrigbehalten.

Denken ist wundervoll, aber noch wundervoller ist das Erlebnis.

Im Stumpfsinn wird Ernsthaftigkeit mündig.

Unfeine Angewohnheit, die heutzutage die Leute haben, einen, wenn man einen Gedanken äußert, zu fragen, ob es einem ernst sei oder nicht. Nichts ist ernst außer der Leidenschaft. Der Intellekt ist keine ernste Sache, ist es nie gewesen. Er ist ein Instrument, auf dem man spielt, weiter nichts.

Wissen wäre fatal. Die Ungewißheit ist es, die uns reizt. Ein Nebel macht die Dinge wunderschön.

Heutzutage sterben die meisten Leute an einer Art schleichendem gesunden Menschenverstand und entdecken erst, wenn es zu spät ist, daß die eigenen Fehler das einzige sind, was man niemals bereut.

Der Mensch ist vielerlei, aber vernünftig ist er nicht.

»Du hast selbst gesagt, daß eine schwere Erkältung nicht erblich oder etwas dergleichen ist.« »Ich weiß, sie pflegte es nicht zu sein – aber ich möchte behaupten, jetzt ist sie es. Die Wissenschaft macht ständig erstaunliche Fortschritte.«