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Ludwig Börne: Das Staatspapier des Herzens

Bei den Pferdewettrennen in England gewährt die Regierung demjenigen, dessen Pferd alle andern Übertrifft, noch eine Prämie. Die Preise werden durch eine Jury zugesprochen, welche aus Pferdebesitzern gebildet und von der Regierung ganz unabhängig ist. Man sieht, daß es in England die Pferde besser haben als in Deutschland die Menschen.

Wenn man jenen hausbackenen Philistern zuhört, jenen Menschen mit kurzem Gesichte und langen Ohren, wie sie sich herausnehmen, Fürsten zu hofmeistern, sie, die vom Morgen bis Abend sich von ihren Weibern, Ihren Kindern, ihren Dienern, ihrer Pfeife, ihren Dampfnudeln, ihren Vettern und Basen beherrschen lassen und nicht so viel Kraft des Willens haben, einen halben Schoppen weniger zu trinken als den Abend vorher – dann muß man die Freiheit sehr treu und standhaft lieben, um für solche Thersiten und in ihrer Reihe ihre Sachen zu verfechten. Es gäbe ein sicheres Mittel, wie Fürsten mit Unrecht murrende Untertanen könnten zum Schweigen bringen; aber das Mittel ist zu romantisch für unsere abendländische Zeit. Sie brauchten nur einen Tag herabzusteigen von ihren Thronen und einen jener Philister hinaufsteigen zu lassen, damit er den andern Morgen seiner Sippschaft erzähle, wieviel angenehmer es sei, sogar schrankenlos zu gehorchen, als selbst unbeschränkt zu herrschen.

Die Deutschen erreichen später als andere Völker ein Ziel, es sei in Kunst, Wissenschaft oder im bürgerlichen Leben. Nicht etwa, daß sie den kürzesten Weg nicht kennten oder zu träge fortwanderten – sie haben nur darum einen längern Weg zum Ziele, weil sie weiter herkommen. Sie gehen überall von Grundsätzen aus, und ist ein Fettflecken vom Rockärmel wegzubringen, studieren sie die Chemie vorher und studieren so lange und so gründlich, bis der Rock darüber in Lumpen zerfällt. Aber das gerade ist ihnen recht, aus Lumpen machen sie Schreibpapier. Sie machen aus allem Papier.

Will der Spott nur Registratur sein im Archive der Lächerlichkeiten, um sie uns aufzubewahren, dann übernimmt er ein schädliches Amt, welchem der stärkste Tadel zukommt. Eine begangene Lächerlichkeit ist ein Verbrechen des Geistes, das zur Abschreckung anderer zwar bestraft werden muß, aber auch Mitleiden verdient und Belehrung erheischt. Beweinenswerter ist ja wohl niemand als der Mensch, dem das Los zugeteilt ward, lächerlich zu sein.

Ist es ihr Verbrechen, daß sie Durst haben? Hatten sie die gesalzenen Speisen verlangt, die ihr ihnen vorgesetzt? Ihr wolltet eine Schadenfreude genießen – das ist es; aber nur der Schaden wird euch werden, keine Freuden.

Der Teufel hat noch keinen seiner alten Anhänger verloren, obzwar seine Vermögensumstände nicht glänzend mehr sind. Das kommt daher, weil er für einen Schelm bekannt ist und jedermann glaubt, er stelle sich nur, als ginge es ihm schlecht, um seine Freunde zu prüfen.

Die einen wähnen, wenn sie nur Fenster hätten, dann ginge die Sonne nie unter, und die anderen wähnen, würden die Fenster nur zugemauert, dann ginge nie die Sonne auf.

Das Volk kann, einem Kinde gleich, nur weinen oder lachen. Daß es Schmerz hat oder Freude, erkennt man wohl; aber woran es leidet und wessen es froh sei, ist oft schwer zu erforschen.

Die meisten sogenannten edeln Menschen haben nur Krämertugenden; ihr Herz ist ein Gewürzladen und freilich alles Lobes wert. Sie wiegen ihre Guttaten in Loten und Quentchen kleiner Gefälligkeiten zu, und indem sie die dringenden Bedürfnisse des Augenblicks befriedigen, werden sie der Armut und der bettelhaften Eitelkeit ganz unentbehrlich. Die Tugend hoher Menschen aber ist ungemünztes Gold, das im Verkehre des alltäglichen Lebens nicht zu gebrauchen ist. Solche Menschen beglücken leichter Völker als einzelne Menschen; sie geben lieber Saatkorn als Brot. Ihre Seele ist keine Gießkanne, die eine geliebte Nelke erfrischt, sondern eine Gewitterflut, die weite Felder und hohe Eichbäume tränkt. Die zerknickte Blume im stillen Gärtchen mag den donnernden Jupiter schelten – sie hat doch geduftet und den Menschen erfreut. Darf aber Unkraut, das noch keinen erquickt, den Sturm lästern, der es geschüttelt? Soll die Luft stille stehen und faulen, damit es ewig fortwuchere? Nein wahrlich, der Löwe, welcher starb und auch nur einen Esel schonend übrigließ, der seine Leiche mit Füßen tritt – das war kein grausamer Löwe!

Nicht die Jahre, die Erfahrungen machen alt; darum wäre der Mensch das unglücklichste aller Geschöpfe, wenn er ein fleißiger Schüler der Erfahrung wäre. Daß jedes neue Geschlecht und jede neue Zeit von der Wiege ausgehe – das ist es, was die Menschheit in ewiger Jugend hält.

Nadelstiche sind schwerer zu parieren als Schwerthiebe – das haben sie endlich gelernt, die Verfechter der alten Zeit.

Die Deutschen können das Befehlen und das Gehorchen nicht lassen, und es ist schwer zu bestimmen, woran sie am meisten Vergnügen finden. Auch ist es ein höchst deutscher Dichter, welcher singt:

Du mußt herrschen oder dienen,
Amboß oder Hammer sein.

Treffender Spruch, ob er schon eine große Unwahrheit und eine abscheuliche Verleumdung der menschlichen Natur enthält. Herrschen oder dienen, das heißt Sklave sein auf diese oder jene Weise; dort umschließen goldene, hier eiserne Stäbe den Käfig. Die Kette, welche bindet, ist so gebunden als das, was sie bindet. Aber der Mensch ist zur Freiheit geboren, und nur soviel, als die Lebensluft der Beimischung des Stickgases bedarf, um atembar zu sein, soviel muß die Freiheit beschränkt werden, um genießbar zu bleiben.

Wer aber dieses Zuvielregieren den Regierungen als Schuld beimißt, der würde, wenigstens in Deutschland, eine große Ungerechtigkeit begehen. Es ist die Schuld und Schwäche der Untertanen. Man versuche es und hebe die hundert überflüssigen Gesetze auf, die verbieten, was nicht verboten werden sollte, oder erlauben, was keiner Erlaubnis bedurfte, und man wird sehen, wie sich die Bürger bei Jedem Schritt gehindert fühlen und wieviel sie klagen würden, daß es ihnen an einer Vorschrift mangle. Das kommt daher, weil es ihnen an Tugend fehlt, die ohne Zwang jedem sein Recht zuspricht; und an Tugend fehlt es ihnen, weil ihnen die eigene Kraft fehlt, die das eigene Recht zu verteidigen weiß; und an Kraft fehlt es ihnen, weil ihnen der Geist fehlt, welcher der Hebel des Willens ist; und an Geist fehlt es ihnen, weil sie Deutsche sind.

Die Freiheit der Presse hat für die Regierenden manche Unbequemlichkeit; aber wenn sie dieser ausweichen, stürzen sie sich ins Verderben. So hat schon tausendmal der Blitz diejenigen erschlagen, die bei einem Gewitter, nur um nicht durchnäßt zu werden, Schutz unter Bäumen suchten.

Unsere Vornehmen haben den Kitzel verloren, und das Volk hat eine harte Haut: Ihr verlangt aber dennoch, wir sollten bloß durch gute Gründe zu wirken suchen!

Die gemeinen Türken glauben, daß auf allen Stückchen Papier, die sie zufällig finden, der Name Gottes unsichtbar geschrieben steht. Daher versäumen sie nie, solche aufzuheben und zu verschlucken, überzeugt, daß ihnen diese Frömmigkeit in jener Welt hoch werde angerechnet werden. Die vornehmen Christen haben eine andere Art von Aberglauben: sie wähnen, auf jedem Stückchen Papier stände der Name des Teufels unsichtbar gedruckt, und darum lassen sie, um sich bei ihm einzuschmeicheln, alle vermeintlichen Teufelspapiere von dazu bestellten Dienern verschlingen. Diese armen Menschen sind sehr zu bedauern, sie haben unaufhörlich den Teufel im Leibe.

Napoleon war ein Gewitter, welches die schwülen Südländer erfrischte; aber der herbstliche Teil der Welt bedarf eines Winters, um zu erstarken. Wir begriffen das wohl, wären wir nicht so hausbackene, wirtschaftliche und nutzsüchtige Menschen, daß wir um wenige Tage des Kelterns willen einen ewigen Herbst ertrugen mit seinem Nebel, seiner Naßkälte, seinen unfahrbaren Wegen, seinen unerquicklichen Winden, seinen Drohungen und aller seiner Zweideutigkeit. Um Wintertage flehet, das sind eure Messiaden. Denn nur nicht einen Messias! Sooft noch ein Erlöser die Welt befreite, war das Lösegeld zu hoch für den Dienst, weil die Zeit den freien Zins der Dankbarkeit immer in einen ewigen Tribut der Furcht verwandelt.

Ehrfurcht ist die Leibwache der Könige gewesen, Furcht war es, Gewohnheit ist es, Liebe wird es sein.

Die Regierungen, welche Verschwörungen anzetteln, um solche kundzumachen und ihren Argwohn zu rechtfertigen, ahmen hierin dem berühmten italienischen Arzte Cardano nach. Dieser hatte sich abergläubisch das Horoskop seines Lebens gestellt und starb in seinem 75.Jahre eines freiwilligen Hungertodes, um sein vorhergesagtes Sterbejahr nicht zu überleben.

Als Pythagoras seinen bekannten Lehrsatz entdeckte, brachte er den Göttern eine Hekatombe dar. Seitdem zittern die Ochsen, sooft eine neue Wahrheit an das Licht kommt.

Die Hoffnungen guter Menschen sind Prophezeiungen, die Besorgnisse schlechter sind es auch.

Für die, welche an keine Unsterblichkeit glauben, gibt es auch keine.

So not tut es den lebenssüchtigen Menschen, sich eine Ewigkeit zu denken, daß sie, wenn ihnen die Brücke der Hoffnung verwehrt ist, auf der Brücke der Furcht hinübergehen.

Soll man die Menschheit beweinen oder über die Menschen lachen? Jeder, wie er will: es ist eines wie das andere. Ob wir spotten oder ernst sind, kriechen oder hüpfen, zaudern oder fortstürmen, hoffen oder fürchten, glauben oder zweifeln – am Grabe begegnen wir uns alle. Doch eins ist, was nützt: die Klarheit. Eins ist, was besteht: das Recht. Eins ist, was besänftigt: die Liebe.

Die Weiber sind am gefälligsten, wenn sie Furcht haben; darum fürchten sie sich auch so leicht.

Ein Deutscher kann seines Lebens nur froh werden, solange er reist. Jeder Deutsche ist in seinem Vaterländchen, hier oder dort, wie in einem warmen Bade, das keinen Gesunden erquickt und worin man nicht ein wenig mit dem Finger plätschern kann, ohne alles naß und verdrießlich zu machen. Der Wandernde aber badet sich im freien Strome; Luft, Wasser, Feld und Himmel genießt er zugleich, die frische Welle stärkt ihn, und der Strom tritt nicht über das Ufer, wenn er ihn mit seinen Armen schlägt., Die saubersten Philister lassen ihn gewähren.

Höflichkeit ist das Staatspapier des Herzens, das oft um so größere Zinsen trägt, je unsicherer das Kapital ist.

Eis oder Wasser – dieses allein unterscheidet den bösen von dem guten Menschen. Darum kann ich den einen nicht hassen und den andern nicht lieben. Die zackigste, härteste Selbstsucht ist nichts als gefrorenes Mitleid und die zärtlichste Teilnahme nur aufgelöste Eigenliebe. Daß in einem Herzen der Sommer oder der Winter wohne, daß es am Nordpole oder unter einem warmen Himmel geboren, ist weder Schuld noch Verdienst. Nur große Herzen, dem Weltmeere gleich, gefrieren nie; daher stürmen sie, und ihre Liebe ist gefahrvoller als der Haß der Kleinen.

Nur die Glücklichen kommen ins Paradies. Die Unglücklichen sind verdammt, in jenem wie in diesem Leben.

Leichter ist eine Zeit zu schaffen als umzuschaffen, leichter sie umzuschaffen, als eine alternde zu verjüngen. Ist es etwas Erfreuliches, durch mühsame Heilkunst und lästige Lebensordnung ein hinfälliges Dasein zu fristen? Der denkende Baumeister hilft einem hinfälligen Gebäude zu schneller Zerstörung, nur daß er es während dem Niederreißen stützt, damit herabfallende Balken nicht beschädigen.

Das Licht, das sogenannte offizielle Mitteilungen verbreitet, ist oft nichts als ein Irrwisch, der uns in Sümpfe führt.

Der Hund heult, wenn er geschlagen wird, und der Mensch soll es nicht dürfen? Aber es gibt Menschen, die hündischer sind als Hunde – und nicht heulen, wenn sie geschlagen werden.

Menschen, die mit Leichtigkeit fremde Sprachen erlernen, haben gewöhnlich einen starken Charakter.

Um zu gefallen, muß man eitel sein; man lernt die Eitelkeit anderer nur an sich selbst schmeicheln.

Rousseau hatte ein deutsches Herz und einen britischen Geist; französisch war nichts an ihm als die Sprache.

Die Regierungen tun öfter Böses aus Feigheit als aus Übermut.

Soll die bürgerliche Gesellschaft eine Maschine sein; nun wohl, so behandle man sie wenigstens mit der Schonung, mit der man eine Maschine zu behandeln pflegt. Ist die Uhr einmal aufgezogen, zeigt sie richtig die Stunde, läßt man sie gehen, bis sie abgelaufen ist oder ganz regellos geworden. Die Regierungen aber legen den Schlüssel nie aus der Hand, sie rücken immerfort am Zeiger, sie regieren unaufhörlich.

Wer Tyrannei stürzen will, muß ihr dienen.

Eine Staatsverfassung darf nichts enthalten als die Beschränkung der Freiheit, denn die Freiheit selbst ist ein angeborenes Recht und braucht nicht bewilligt zu werden, da sie nicht versagt werden kann. Daher ist eine freie Konstitution ein törichtes Wort, das einen törichten Gedanken ausdrückt.

Manche Regierung des Festlandes, die nicht zu den vorherrschenden gehört, ist in der bedauernswerten Lage, daß sie das Böse willig, das Gute gezwungen zu tun scheint, ob es zwar umgekehrt ist.

Wenn politische Schriftsteller in den Einrichtungen und in der Verwaltung der Staaten oft nur Tadelnswertes finden, so tut man ihnen unrecht, wenn man dieses einer störrischen unerträglichen Denkungsart oder einer eiteln Verbesserungssucht zuschreibt. Es liegt das vielmehr in der Natur der Sache. Der Tadel ist so mannigfaltig als die Fehler, die er trifft, das Lob aber einfach wie das Lobenswerte und darum unberedt. Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit.

Oft gleichen Fürsten den ängstlichen und ungeschickten Reitern, die ein allzu rasches Pferd, um es einzuhalten, stark anziehen, den Zügel kurz nehmen, ihm den Sporn in den Leib drücken und hierdurch seinen Lauf nur noch toller machen. Nämlich das Volk ist hier das Pferd.

Die Heilung eingewurzelter Staatsübel muß mit vieler Vorsicht unternommen werden. Oft werden politische Hautkrankheiten zurückgetrieben und hierdurch innere, weit gefährlichere Übel erzeugt.

Das Geheimnis jeder Macht besteht darin zu wissen, daß andere noch feiger sind als wir.

Schrecklich ist die Eifersucht eines Liebenden, aber die einer Regierung ist schrecklicher. Eine eifersüchtige Regierung wacht aus Argwohn Tag und Nacht, versagt sich die nötige Ruhe und gebraucht, ihrer Schläfrigkeit Meister zu werden, täglich stärkere Reizmittel. Dieses macht sie schwach, verdrießlich, zänkisch, endlich krank. Und wenn Regierungen krank sind, müssen die Völker das Bett hüten. Eine seltsame Einrichtung, die aber nicht ganz ohne Beispiel ist. Man kann im Diodor lesen, daß, wenn auf der Insel Korsika die Weiber niederkommen, sich ihre Männer ins Kindbett legen und Krankenbesuche annehmen. Wie klassisch sind Minister!

Gewönnen sie alles, was wir verlieren – nun, dann möchten sie zusehen, wie sie mit dem Himmel fertig werden, wir Menschen wollen ihnen verzeihen. Aber daß wir so vieles verlieren und sie so wenig gewinnen, daß sie uns mehr Brot nehmen, als sie brauchen zu ihrer eigenen Sättigung; daß sie unsere schönsten, teuersten Güter zerstören, nur daß wir nicht froh werden; daß sie uns den Frühling mit seiner Lust, den Sommer mit seinem vollen warmen Leben, den Herbst mit seinen Früchten rauben und durch bösen Zauber den Winter ewig bannen, und dies alles nur, eines eitlen Balles, einer Schlittenfahrt willen – das schmerzt zu tief, das empört den Friedlichsten, das macht uns unversöhnlich.

Die Erfahrung gleicht einer unerbittlichen Schönen. Jahre gehen vorüber, bis du sie gewinnst, und ergibt. sie sich endlich, seid ihr beide alt geworden, und ihr könnt euch nicht mehr brauchen.

In Deutschland sind die Menschen geordnet wie in Bibliotheken die Bücher. Die großen und schweren stehen unten, die leichten und kleinen oben. Man muß sich bücken, einen Foliomenschen, man muß steigen, eine Duodezseele zu fassen. Die deutschen Oberen sind schön gebunden und haben goldene Titel, die Untern sind auch gebunden, aber wie die Schweine, und haben kein Ansehen.

Der Deutsche liebt bescheidenes Rechten, mäßiges Fordern, sanften Tadel, stille Vorwürfe. Darum muß man, um auf sie zu wirken, durch Rede und Schrift anmaßlich streiten, ungebührlich fordern, bitter tadeln und polternd zurechtweisen. Denn mäßigt euch, wie ihr wollt, der deutsche Leser mäßigt noch eure Mäßigung. Er kann das Feilschen nicht lassen; man muß ihn wie ein Krämer überteuern. Man muß mit ihnen alles übertreiben, sie haben eine Elefantenhaut; zarten Kitzel fühlen sie nicht, man muß ihnen eine Stange in die Rippen stoßen.

Über vieles habe ich aufgehört, mich zu verwundern; aber daß sich zwei Diplomaten ansehen können, ohne zu lachen, darüber erstaune ich noch alle Tage.

Mancher Gelehrte gleicht dem Kassierer eines Bankiers; er hat den Schlüssel zu vielem Gelde, aber das Geld gehört nicht ihm.

Die Geschichten der Völker und Staaten haben den Geschichtsschreibern und den Buchhändlern, die ihre Werke verlegt, etwas Geld eingebracht; was sie sonst noch genützt, das weiß ich nicht.

Stünde ich an jeder Tür jedes geheimen Kabinetts in Europa, – ich würde freilich horchen, aber nicht aus Neugierde, sondern nur, um mich zu belustigen.

Die Krankheiten der Regierungen werden immer für asthenische erklärt, und man verordnet ihnen Wein, kräftige Speisen und andere Reizmittel; die Krankheiten der Völker immer für sthenische, und man gibt ihnen Wasser, Essig, nimmt ihnen Blut oder kühlt sie auf eine andere Weise. Das ist das Brownische System der Politik; weiter haben sie es noch nicht gebracht, und zu der Falschheit des Grundsatzes gesellt sich zum größern Verderben noch die Falschheit der Anwendung. Die Regierungen leiden an Sthenie, die Völker an Asthenie.

Dem Sturme, und kommt er noch so plötzlich, geht doch ein warnendes Lüftchen vorher; aber wie schützt man sich gegen die Launen der Weiber?

Sie spielen Politik und wissen nicht, was Trumpf ist. Die Jesuiten meinen, Kreuz wäre Trumpf, Canning weiß, daß Herz Trumpf ist; die andern fragen gar nicht darnach und sind ganz verblüfft, wenn der Bube den König sticht.

Es gibt keinen Menschen, der nicht die Freiheit liebte; aber der Gerechte fordert sie für alle, der Ungerechte nur für sich allein.

Wenn Jupiter beim Styx geschworen, hielt er seinen Schwur; der Olymp hatte keine Pfaffen.

Sie haben freilich gesehen, daß die Sonne am ersten Januar und am zweiten und auch am dritten aufgegangen; aber jetzt naht der vierte, den sie noch nicht erlebt, und da meinen sie, das sei doch ein ganz anderer Fall, und weil sie das meinen und so klug unterscheiden, halten sie sich für große Staatsmänner.

Wer das Naturgesetz auch in der Geschichte kennt und anerkennt, der kann prophezeien; wer nicht, weiß nicht, was morgen geschieht, und wäre er Minister.

Unsere Zeit ist der Wissenschaft nicht günstig; man hat so viel mit Lichtputzen zu tun, daß man gar nicht ans Sehen kommt.

Alte Monarchien gleichen dem Stall des Augias, nicht Gassenkehrer können sie reinigen, der Herkules Volk muß den Strom seines Zorns durchbrausen lassen.

Der gefährlichste Mensch ist ein furchtsamer; er ist am meisten zu fürchten.

Um zu erproben, welch ein lästiges Geschenk des Himmels der Verstand sei, muß man täglich mit einem Schirme ausgehen und am Ende des Jahres die unvorhergesehenen Regentage zählen.

Durch schroffe Strafgesetze hat man wie mit einer Krätzsalbe die Missetätigkeit der Menschen zurückgetrieben. Die Haut ist zivilisiert, die Psore schleicht in den dunkeln Eingeweiden umher, die Verbrechen haben sich vermindert, aber die Menschen sind lasterhafter geworden.

Hätte die Natur so viele Gesetze als der Staat, Gott selbst könnte sie nicht regieren.

Das Eindringen des niedern Volks in die höhern gesellschaftlichen Klassen wird die Folgen haben, wie der Einfall der nordischen Barbaren zur Zeit der Völkerwanderung: eine Verjüngung der Menschheit. Eine Volkswanderung aus dem Norden der Entbehrung in den Süden des Genusses.

Wenn ihr glaubt, die Ruhe des Staates werde nur von den Bürgern gepflegt und, wenn gefährdet, beschützt und verteidigt, die etwas zu verlieren hätten, nun, dann sorgt dafür, daß alle Bürger etwas zu verlieren haben, damit keiner bei Unruhen gleichgültig bleibe.

Die blutigen Greuel der demokratischen Revolutionen sind lange nicht so schauderhaft als die, welche eine Folge monarchischer politischer Leidenschaften sind. In ersteren ist es ein Bürgerkrieg, aber ein Krieg; die Parteien sind alle bewaffnet; die stärkste, die mutigste, die schlaueste, aber auch die ruchloseste Partei siegt, aber die besiegte fällt nicht wehrlos. In der politischen Wut der Monarchien aber sind die Bürger unbewaffnet, wehrlos; alle Macht ist auf der Seite des Fürsten; da ist kein Krieg; da ist ein Morden, eine Schlächterei.

An wem die Schuld, wenn der Wein der Freiheit, bestimmt zu täglichem mäßigem Genusse, das Volk, weil es ihn nur gekostet, in Rausch und Taumel brachte?

Es ist mit der Freiheit wie mit der Herrschaft. Wie die Machthaber immer nach größerer Macht streben müssen, um sie zu schützen, die sie haben: so haben die Bürger nie Freiheit genug, wenn sie nicht zuviel Freiheit haben.

Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Unsere heutigen Staatsmänner, die so seltsame Mittel gebrauchen, die Forderungen der Zeit zu beschwichtigen, ahmen hierin nur die französische Geistlichkeit des Mittelalters nach, die einst, um eine Hungersnot abzuwenden, dreitägige Fasten verordneten.

Die herrschende Partei nennt jeden Zustand der Dinge, der ihre Herrschaft bedroht oder beschränkt, Anarchie.

Der Kampf des Volkes gegen die Bürgerschaft, d. h. gegen die Reichen, wird von Zerstörung, Raub und Plünderung begleitet sein. Aber das sind die Folgen, nicht die Ursachen des Kampfes. Es war nicht Zweck der Revolution von 1789, die Schlösser der Edelleute zu zerstören. Wenn die Bürger ihr Vermögen zur Feste ihrer Privilegien machen, muß man, diese zu vertreiben, notwendig jenes zerstören.

Ein Volk, das nicht den Mut hat, seine Freiheit selbst an die Erhaltung seiner Freiheit zu setzen, wird sie nicht lange erhalten. Das hat sich In der Revolution gezeigt, wo man aus Furcht, das Ganze zu verlieren, einen Tell der Freiheit hingab oder sich nehmen ließ und darum den Angriffen gegen sie nachgab oder schwach widerstand. Es gibt keine halbe Freiheit, wie es keinen halben Tag gibt, es gibt nur eine wachsende und abnehmende , wie es eine Morgen- und Abenddämmerung gibt.

Es ist Heuchelei oder Torheit, zu behaupten, das Volk müsse erst gebildet, um die Freiheit ertragen zu können; die Freiheit muß der Bildung vorausgehen, sie ist Mutter und Lehrerin.

Wenn man das Volk, wie dieses in allen monarchischen Staaten geschieht, als ein wildes Tier betrachtet, das man nicht arg, nicht fest genug verwahren, nicht streng genug bewahren könne, so wird es zum wilden Tiere, wenn einmal sein Käfig sich auftut. Die beleidigten Rechte der Natur rächen sich immer, früher oder später, und vergelten Gleiches mit Gleichem. Ein Volk, das sich frei macht, begnügt sich mit der ihm gewordenen Freiheit nicht, sondern nimmt wucherliche Zinsen für die Jahrhunderte der Entbehrung.

Es ist kein Unglück ohne Ersatz, verkannt zu werden während seines Lebens; es ist eine Bürgschaft der Wiederauferstehung nach dem Tode. Wer mit den Zeitgenossen fühlt und denkt, stirbt mit ihnen; wer für die Nachkommen, überlebt seine Mitwelt und sich selbst.

Diese abgerissenen Sätze stehen in geheimer Verbindung und sind aus der Gehirnloge als Brüder hervorgetreten. ich hätte sie und die Leser ebenso leicht an eine gemeinschaftliche Galeerenkette der Langeweile schmieden können. Aber lange Aufsätze werden als zu zeitkostspielig in dieser aphoristischen Zeit, wo jede Begebenheit eine Sentenz und selbst jeder Zufall zum Sprichworte des Schicksals wird, seltener gelesen als verfertigt. Man fordert, daß die Reden sein sollen wie die Taten der Gegenwart: kompakt und, gleich Bouillontafeln, für sich nicht genießbar. Der Leser will das Vergnügen haben, sein eigenes kochendes Wasser darüber herzugießen, um sich selbst daraus eine Fleischbrühe zu bereiten.