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Giovanni Boccaccio: Decameron

18. Novelle

Ein Eifersüchtiger verkleidet sich als Priester und hört die Beichte seiner Frau. Sie beichtet ihm, daß sie einen Priester liebt, der sie alle Nächte besucht, und indem der Eifersüchtige deswegen vor seiner Tür Schildwache steht, läßt sie ihren Liebhaber über das Dach zu sich ins Haus kommen.

In Rimini war einmal ein Kaufmann, der an Geld und Gütern reich und auf seine sehr schöne Frau im höchsten Grade eifersüchtig war, und zwar aus keiner anderen Ursache, als weil er sie sehr liebte und sie für sehr schön hielt, und weil er sah, daß sie sich alle mögliche Mühe gab, ihm zu gefallen. Deswegen meinte er, ein jeder andere müßte sie ebenso liebenswürdig finden, und sie gäbe sich gleichfalls Mühe, einem jeden ebensosehr zu gefallen als ihm, die Schlußfolgerung eines Mannes von schlechtem Charakter und geringem Verstande. Seine Eifersucht verleitete ihn, sie so rigoros zu bewachen, daß mancher Missetäter, der zum Tode verurteilt ist, von seinem Kerkermeister nicht strenger gehalten werden kann. Nicht genug, daß er ihr nicht erlaubte, zu irgendeiner Hochzeit oder Feierlichkeit, oder auch nur in die Kirche zu gehen, sie durfte unter keiner Bedingung den Fuß aus dem Hause setzen sie wagte nicht einmal, sich am Fenster oder an der Tür zu zeigen, um auf die Straße hinauszusehen, so daß sie ein höchst unerträgliches Leben führte. Dieses empfand sie um desto schmerzlicher, je weniger sie es verdient hatte. Da sie nun unschuldigerweise so vieles von ihrem Manne dulden mußte, so beschloß sie endlich zu ihrer eigenen Genugtuung, wenn es möglich wäre, diese strenge Behandlung zu verdienen. Weil sie keine Gelegenheit hatte, sich am Fenster zu zeigen und irgendeinen Vorbeigehenden, der etwa mit ihr kokettierte, durch Blicke aufzumuntern, daß sie sich seine Liebe würde gefallen lassen, so machte sie einen Anschlag auf einen hübschen, anmutigen Jüngling, von dem sie wußte, daß er in dem Hause neben dem ihrigen wohnte, und sie beschloß, zu versuchen, ob nicht irgendwo ein Loch in der Mauer wäre, wo sie die Gelegenheit erspähen könnte, mit dem jungen Manne zu sprechen, ihm ihre Liebe anzutragen, die Mittel zu einer Zusammenkunft mit ihm zu verabreden und sich mit ihm die trüben Stunden solange zu vertreiben, bis der Eifersuchtsteufel aus ihrem Manne gefahren wäre. Indem sie nun, so oft ihr Mann nicht zu Hause war, bald hier, bald dort die Mauer des Hauses untersuchte, fand sie endlich an einem ziemlich verborgenen Orte einen kleinen Riß in der Mauer, durch den sie zwar nicht deutlich sehen aber doch so viel bemerken konnte, daß er in eine Kammer des benachbarten Hauses ausging. Sie wünschte nunmehr nichts sehnlicher, als daß diese die Kammer des Filippo, ihres jungen Nachbarn, sein möchte, und sie gab deswegen einer Magd, die sie bedauerte, den Auftrag, sich danach zu erkundigen. Zu ihrer großen Freude erfuhr sie, daß er wirklich dort ganz allein schlief. Von nun an besuchte sie den Spalt, so oft sie konnte, und als sie einst merkte, daß der junge Mann in seiner Kammer war, ließ sie Steinchen und Holzstückchen durch die Ritze in sein Zimmer fallen, bis sie seine Aufmerksamkeit erregte, und der Jüngling sich näherte, um zu sehen, was es zu bedeuten hätte. Jetzt rief sie ihn leise, und er, der ihre Stimme erkannte, antwortete ihr. Sie entdeckte ihm mit wenigen Worten ihr ganzes Herz, und der Jüngling war so froh darüber, daß er von seiner Seite alles beitrug, um den Spalt unbemerkt zu erweitern; so daß sie bequemer miteinander sprechen und sich die Hände geben konnten.

Weiter konnten sie es jedoch wegen der unermüdlichen Wachsamkeit des Eifersüchtigen nicht bringen.

Als das Weihnachtsfest herankam, sagte die Frau zu ihrem Manne, wenn er nichts dawider hätte, so wünschte sie am ersten Feiertage zur Frühmette in die Kirche zur Beichte und Kommunion zu gehen, wie andere gute Christen täten.

»Was hast du gesündigt, daß du beichten willst?« fragte der Eifersüchtige.

»Glaubst du denn, daß ich eine Heilige geworden bin, weil du mich so einschließest?« erwiderte die Frau. »Du kannst wohl denken, daß ich Sünden begehe wie andere sterbliche Menschen, aber dir will ich sie nicht bekennen, denn du bist kein Priester.«

Diese Worte waren ein neuer Zunder für den Verdacht des Eifersüchtigen; er nahm sich vor, zu wissen, welche Sünden seine Frau begangen hätte, und besann sich auch schnell auf ein Mittel dazu. Er antwortete demnach seiner Frau, er wäre es zufrieden; allein er verlangte, daß sie in keine andere Kirche gehen solle als in ihre eigene Kapelle, wohin sie sich frühmorgens begeben könne, auch solle sie entweder bei ihrem Kaplan beichten oder bei dem, den ihr dieser zuweisen würde, und bei keinem andern, und alsdann gleich wieder nach Hause kommen. Die Frau glaubte seine Absicht schon halb erraten zu haben, doch ließ sie sich nichts merken, sondern versprach bloß, alles so zu tun. Als der Christtag kam, stand sie des Morgens früh in der ersten Dämmerung auf, kleidete sich an und ging in die Kirche, die ihr Mann ihr angegeben hatte. Der Eifersüchtige war nicht minder früh bei der Hand und hatte sich schon vor seiner Frau nach derselben Kirche begeben. Mit dem Priester hatte er schon alles verabredet, was zu seiner Absicht diente; er zog einen Chorrock an, setzte eine große Kapuze mit Backenklappen auf, wie sie Priester zu tragen pflegen, zog sie tief ins Gesicht und nahm Platz im Chor. Als die Dame in die Kirche kam, fragte sie nach dem Kaplan. Dieser erschien, und als sie ihm sagte, daß sie beichten wolle, entschuldigte er sich, daß er zwar selbst nicht Zeit hätte, ihre Beichte zu hören, doch versprach er, ihr einen seiner Amtsbrüder zu schicken. Er ging darauf weg und schickte den Eifersüchtigen zu seinem bösen Stündlein hin. Dieser kam langsam einhergeschritten; allein ob es gleich noch nicht hell war und er seine Kapuze so tief als möglich in die Augen gerückt hatte, so erkannte ihn doch seine Frau auf den ersten Blick. Nun, gottlob dachte sie bei sich, mein Eifersüchtiger ist aus einem Kerkermeister zum Priester geworden, aber laßt ihn nur machen, er soll bei mir finden, was er sucht. Sie tat demnach, als ob sie nichts merke, und kniete vor ihm nieder. Der Eifersüchtige hatte ein paar Kieselsteine in den Mund genommen, um seine Stimme vor seiner Frau zu verstellen, und glaubte überhaupt sich so vermummt zu haben, daß niemand ihn erkennen könnte. Die Frau begann ihre Beichte, und nachdem sie ihm gesagt hatte, daß sie verheiratet sei, gestand sie, sie wäre sehr verliebt in einen Priester, und er schliefe alle Nächte bei ihr. Bei diesem Geständnisse ward dem Eifersüchtigen zumute, als wenn ihm ein Dolch ins Herz gestoßen würde und wenn er nicht begierig gewesen wäre, mehr zu erfahren, so wäre er mitten in der Beichte davongelaufen.

Er hielt indessen Stich und fragte: »Schläft denn nicht Euer Mann bei Euch?«

»Ei freilich, ehrwürdiger Herr«, sprach die Dame.

»Wie kann denn auch der Priester bei Euch schlafen?« fragte der verkappte Beichtvater.

»Herr,« versetzte sie, »ich weiß nicht, welche Kunst er anwendet, aber es ist keine Tür in unserem Hause so fest verschlossen, die sich ihm nicht öffnet, sobald er sie nur berührt, und er hat mir auch gesagt, daß er gewisse Worte spricht, ehe er in meine Kammer kommt, die meinen Mann augenblicklich einschläfern, und sobald er merkt, daß dieser schläft, öffnet er die Tür, kommt herein und bleibt bei mir, und dies schlägt ihm niemals fehl.«

»Madonna, das ist sehr übel getan,« sprach der Eifersüchtige, »und Ihr müßt es beileibe nicht mehr tun.«

»Ach, Ehrwürdiger,« versetzte die Frau, »ich glaube nicht daß ich es unterlassen kann, denn ich liebe ihn gar zu sehr.«

»Dann kann ich Euch nicht lossprechen«, antwortete ihr Mann.

»Das tut mir leid,« versetzte die Frau, »allein ich bin nicht hergekommen, um Euch zu belügen; wenn ich glaubte, daß ich es lassen könnte, so würde ich's Euch sagen.«

»Es tut mir wahrlich leid um Euch, Madonna,« sprach der Eifersüchtige, »weil ich sehe, daß Ihr auf diese Weise Eure Seele ins Verderben stürzt. Ich will inzwischen Euch zuliebe besonders für Euch beten, vielleicht wird Euch das helfen. Ich will deswegen meinen Chorknaben bisweilen zu Euch schicken, und Ihr könnt ihm sagen, ob mein Gebet Euch geholfen hat oder nicht. Hilft es, so will ich damit fortfahren.«

»Tut das ja nicht, ehrwürdiger Herr,« sprach sie, »daß Ihr mir jemand ins Haus schickt. Mein Mann ist gar zu eifersüchtig, und wenn er's erführe, so würde alle Welt ihm den Verdacht nicht aus dem Kopfe bringen, daß der Mensch um unerlaubter Dinge willen zu mir käme, und dann hätt' ich in Jahr und Tag keine gute Stunde mehr bei ihm.«

»Davor fürchtet Euch nicht, Madonna«, sprach der Eifersüchtige. »Ich will es schon so einrichten, daß Ihr nie ein Wort von ihm deswegen hören sollt.«

»Wenn Ihr das zuwege bringt, so bin ich's zufrieden«, sprach die Frau. Sie schloß hierauf ihre Beichte, empfing die Absolution, stand auf und ging in die Messe.

Der Eifersüchtige keuchte vor Wut über sein Mißgeschick. Er legte seine Priesterkleider ab und ging nach Hause, voll Begier, den Priester bei seiner Frau zu ertappen und ihnen beiden übel mitzuspielen.

Als die Frau aus der Kirche kam, sah sie bald an der Miene ihres Mannes, daß sie ihm einen bösen Christtag verschafft hatte; er suchte jedoch soviel wie möglich sich nichts merken zu lassen, was er getan hatte und was er meinte erfahren zu haben. Da er nun beschlossen hatte, die folgende Nacht bei der Haustür aufzupassen, ob der Priester kommen würde, so sagte er zu seiner Frau: »Ich werde heute abend auswärts essen und auch die Nacht nicht zu Hause zubringen. Sieh zu, daß du die Haustür, die Treppentür und die Kammertür gut verschließest und geh zu Bett, wenn es Zeit ist.«

»Schön!« sagte die Frau und ging, sobald sie Zeit fand, zu ihrer Mauerspalte. Auf ein gegebenes Zeichen stellte sich Filippo den Augenblick ein. Sie erzählte ihm, was sie des Morgens getan und was ihr Mann ihr nach der Mahlzeit gesagt hatte. »Ich bin versichert,« sprach sie, »daß er nicht aus dem Hause gehen, sondern an der Tür Nachtwache halten wird. Versuche über das Dach zu mir ins Haus zu kommen, damit wir beieinander sein können.«

»Madonna, laßt mich nur machen«, sprach der Jüngling voller Freuden.

Als der Abend kam, nahm der Eifersüchtige seinen Degen und verbarg sich heimlich in einem Kämmerchen im Erdgeschoß, dicht neben der Haustür. Die Frau vergaß nicht, alle Türen zu verschließen, vor allen Dingen aber die Treppentür, damit ihr Eifersüchtiger nicht zu ihr herauf kommen könne. Zu gelegener Zeit kam der junge Nachbar still und vorsichtig zu ihr herüber, und beide legten sich zu Bett, um sich miteinander zu vergnügen, bis der Tag kam und der Jüngling in sein Haus zurückkehrte.

Indes klapperten dem Eifersüchtigen, der nichts zu Abend gegessen hatte, vor Hunger, Frost und Verdruß die Zähne. Er blieb fast die ganze Nacht hindurch wach und unter den Waffen und wartete auf den Priester. Als schon der Morgen dämmerte, legte er sich endlich in dem Kämmerchen zu ebener Erde nieder und schlief bis zur dritten Morgenstunde. Sobald die Haustür offen war, stand er auf und stellte sich als ob er eben nach Hause käme, ging hinauf in sein Zimmer und frühstückte. Bald nachher schickte er einen Knaben zu seiner Frau, der sich für den Chorknaben des Priesters, bei dem sie gebeichtet hatte, ausgeben und sich erkundigen mußte, ob der Bewußte wieder bei ihr gewesen wäre.

Die Frau kannte den Abgesandten recht gut und gab ihm zur Antwort, der Bewußte sei in der vergangenen Nacht nicht gekommen, und wenn er noch öfter ausbliebe, so wäre es möglich, so leid ihr das auch sein würde, daß sie ihn gar vergäße.

Der Eifersüchtige fuhr noch viele Nächte fort, an der Tür zu wachen, um den Priester zu ertappen; die Frau versäumte unterdessen nicht, sich mit ihrem Liebhaber gütlich zu tun. Endlich konnte der Eifersüchtige sich nicht länger halten und fragte mit zorniger Miene seine Frau, was sie dem Priester an jenem Morgen in der Beichte gesagt hätte.

Sie gab zur Antwort, sie würde es ihm nicht sagen, weil es weder ehrbar noch geziemend wäre, es ihn wissen zu lassen.

»Gottloses Weib!« fuhr er sie an. »Ich weiß trotzdem, was du ihm gebeichtet hast, und nun will ich durchaus wissen, wer der Priester ist, in den du dich vergafft hast, und der durch seine Zauberei alle Nächte bei dir schläft. Gestehe mir's, oder ich schneide dir den Hals ab.«

Die Frau antwortete, es wäre nicht wahr, daß sie einen Priester liebe.

»Was?« sprach der Mann. »Hast du dem Priester nicht so und so alles gestanden, als du ihm beichtetest?«

»Das kann er dir nur selbst erzählt haben. Du sprichst so, als ob du selbst dabeigewesen bist. Freilich habe ich ihm das alles gesagt.«

»Wohlan, so sage mir, wer dieser Priester ist, und zwar sofort«, sprach der Eifersüchtige.

Die Frau lachte und gab ihm zur Antwort: »Es macht mir nicht wenig Spaß, daß ein kluger Mann sich von einem einfältigen Weib bei der Nase führen läßt wie ein Schöps bei den Hörnern zur Schlachtbank. Aber du bist freilich nicht recht klug und warst es nie, von dem Tage an, da du dich von dem verdammten Teufel der Eifersucht betören ließest, ohne selbst zu wissen warum; und je törichter und einfältiger du dich bewiesen hast, um so weniger Ehre macht es mir, dich überlistet zu haben. Meinst du denn, mein Herr und Gemahl, daß ich an den Augen des Leibes so blind bin wie du an den Augen des Geistes? Nein, das bin ich wahrlich nicht! Ich sah und wußte wohl, wer der Priester war, dem ich beichtete, und das warst du selbst. Ich nahm mir aber vor, dir zu geben, was du haben wolltest, und ich gab es dir. Wärst du so gescheit gewesen wie du dich dünkst, so hättest du freilich nicht auf solche Art gesucht, hinter die Geheimnisse deines guten Weibes zu kommen; du hättest auch wohl, ohne dir eitle und nichtige Grillen in den Kopf zu setzen, einsehen können, daß ich dir die reine Wahrheit bekannte, ohne jedoch das geringste wider dich gesündigt zu haben. Ich sagte dir, ich liebe einen Priester. Und hattest denn du, den ich mehr liebe, als du es verdienst, dich nicht in einen Priester verwandelt? Ich sagte dir, keine Tür in meinem Hause könne ihm den Weg versperren. Und welche Tür hätte dich denn jemals zurückhalten können, wenn du zu mir kommen wolltest? Ich sagte, der Priester schliefe alle Nächte bei mir. Und welche Nacht hättest du nicht bei mir geschlafen? So oft du nachher deinen Chorknaben zu mir sandtest, weißt du, daß ich dir jedesmal, wenn du nicht bei mir gewesen bist, dir ebenso oft habe sagen lassen, der Bewußte wäre ausgeblieben. Welcher Narr außer dir, der du dich von der Eifersucht hast verblenden lassen, hätte das alles nicht eingesehen? Überdies bist du zu Hause geblieben, hast an der Tür Schildwache gestanden, und mir glaubtest du weiszumachen, du hättest anderswo zur Nacht gegessen und geschlafen. Bessere dich doch endlich und werde wieder ein Mann, wie du gewesen bist, und mache dich nicht zum Gespött bei denen, die dich kennen, wie ich dich kenne, und laß das feierliche Wachestehen bleiben, wie du es bis jetzt ausübst. Denn ich schwöre dir bei Gott, wenn mir die Lust ankäme, dir Hörner aufzusetzen, und du hättest hundert Augen statt deiner zwei, ich würde wissen, meinen Willen durchzusetzen, ohne daß du das geringste gewahr würdest.«

Der Eifersüchtige, der meinte, das Geheimnis seiner Frau so schlau ausgekundschaftet zu haben, merkte nun, daß sie ihn zum besten gehabt hatte. Er erwiderte ihr kein Wort, und von der Stunde an hielt er sie für das beste und keuscheste Weib und entsagte seiner Eifersucht in dem Augenblick, da sie begründet gewesen wäre, nachdem er sich ihr zur Unzeit überlassen hatte, solange es nicht nötig war. Die kluge Frau hatte von der Zeit an fast freie Hand, sich ihrem Vergnügen zu überlassen, und sie brauchte nun nicht mehr ihren Liebhaber über die Dächer kommen zu lassen wie ein Kater, sondern konnte ihn zur Tür hereinlassen. Sie stellte es so vorsichtig an, daß sie zu vielen Malen frohe Stunden und ein heiteres Leben genoß.