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Mark Aurel: Des Kaisers Marcus Aurelius Antonius Selbstbetrachtungen

Zwölftes Buch.

1.

Alles das, was du nach einiger Zeit zu erlangen wünschst, kannst du jetzt schon haben, wenn du nicht mißgünstig gegen dich selbst bist. Und es wird dir werden, wenn du alles Vergangene beiseite lässest, das Zukünftige der Vorsehung anheimstellst und bloß das Gegenwärtige der Frömmigkeit und Gerechtigkeit gemäß einrichtest, und zwar der Frömmigkeit gemäß, um mit dem dir zugeteilten Lose zufrieden zu sein; denn die Natur ist es, die dasselbe für dich und dich für dasselbe bestimmte; der Gerechtigkeit gemäß aber, um freimütig und ohne Umschweife die Wahrheit zu reden und dein Tun dem Gesetz und Wert der Dinge entsprechend zu gestalten, unbeirrt von fremder Schlechtigkeit, von Vorurteilen, vom Gerede anderer und auch von den Lüsten deines eigenen Fleisches. Denn da mag es sich der Körper selbst zuschreiben, wenn er sich Leiden schafft. Laß denn, ohnedem schon dem Lebensausgang nahe, alles übrige dahingestellt, ehre einzig und allein die herrschende Vernunft und das Göttliche in dir, fürchte dich nicht vor dem einstigen Aufhören des Lebens, vielmehr nur davor, daß du ein naturgemäßes Leben noch nicht einmal begonnen hast. Dann erst wirst du ein Mensch sein, würdig der Welt, deiner Erzeugerin, und wirst auch aufhören, in deinem Vaterlande ein Fremdling zu sein, das, was doch alle Tage geschieht, als dein Erwarten übersteigend anzustaunen und dein Herz an dieses oder jenes zu hängen.

2.

Alle Seelen sieht Gott in ihrer Nacktheit, ohne alle körperliche Hülle, Rinde und Unsauberkeit. Nur durch seinen Geist ist er mit dem in Berührung, was aus ihm selbst in sie übergeflossen und abgeleitet worden ist. Gewöhnst du dich daran, ebenso zu verfahren, so wirst du dir eine Menge Sorgen aus dem Wege räumen. Denn wer sich nicht viel um das Fleisch kümmert, von dem er umgeben ist, wird sich noch viel weniger um Kleidung, Wohnung, Ehre und allen solchen Schmuck und Pomp ängstigen.

3.

Drei Teile sind es, woraus du bestehst: Körper, Lebensgeist, Denkvermögen. Von diesen sind die beiden ersten nur insoweit dein, als du für sie zu sorgen hast; der dritte ist aber in besonderem Sinne dein Eigentum. Hältst du also von deinem Ich, das heißt von deiner Denkkraft, den Gedanken an alles fern, was andere tun oder reden oder was du selbst getan oder gesagt hast, alles, was dich schon im voraus beunruhigt, alles, was den dich umgebenden Leib oder den ihm eingepflanzten Lebensgeist angeht und mithin deiner freien Wahl entzogen ist und durch den ewigen Wirbel der dich umgebenden Außenwelt umgewälzt wird, so daß die Denkkraft in dir dem Einflusse der Verkettungen des Schicksals entzogen, rein und ungebunden sich selbst lebt, tut, was recht ist, will, was geschieht, und redet, was der Wahrheit entspricht – trennst du, wie gesagt, von dieser herrschenden Vernunft alles, was durch leidenschaftliche Neigungen angehängt ward und der Zukunft oder der Vergangenheit angehört, bildest du so gleichsam aus dir das, was Empedokles von der Welt sagt:

Eine gerundete Kugel, der wirbelnden Kreisbahn sich freuend, bist du darauf bedacht, nur die Zeit, die du lebst, das heißt die Gegenwart, ganz zu durchleben, so wird es dir möglich sein, den Rest deiner Tage bis zum Tode ruhig, edel und dem Genius in dir hold hinzubringen.

4.

Oft habe ich mich darüber gewundert, wie es möglich ist, daß der Mensch, der sich doch mehr liebt als alle anderen, dennoch seinem eigenen Urteile über sich geringeren Wert beilegt als dem Urteile anderer. Wenn demnach ein Gott oder ein verständiger Lehrer zu jemandem hintreten und ihm befehlen würde, nichts bei sich selbst zu denken und zu beschließen, ohne es zugleich, sobald er sich dessen bewußt geworden, auszusprechen, so würde er das nicht einmal einen einzigen Tag aushalten können. Es ist also wahr, daß wir fremdes Urteil über uns mehr scheuen als unser eigenes.

5.

Wie konnten die Götter, die doch sonst alles so schön und menschenfreundlich eingerichtet haben, das eine übersehen, daß die wenigen vorzüglich wackeren Menschen, die im innigsten Verkehre mit der Gottheit standen und durch fromme Werke und heiligen Dienst ihre Vertrauten geworden waren, doch, nachdem sie einmal gestorben sind, nicht wieder ins Dasein zurückkehren, sondern ganz und gar verschwunden sind? Wenn dem aber wirklich so ist, so sei überzeugt, daß, wenn es anders hätte sein sollen, sie es auch wohl anders eingerichtet haben würden. Denn, wenn es recht wäre, so würde es auch möglich gewesen sein, und wenn naturgemäß, so würde es auch die Natur mit sich gebracht haben. Daraus also, daß dem nicht so ist, mußt du die feste Überzeugung schöpfen, es habe nicht so sein sollen. Du siehst selbst, solche Fragen aufwerfen, hieße mit Gott rechten, wir würden aber mit den Göttern nicht also streiten, wenn sie nicht wirklich die besten und gerechtesten Wesen wären. Sind sie das aber, so haben sie gewiß bei der Welteinrichtung nichts ungerechter- und unbesonnenerweise übersehen und außer acht gelassen.

6.

Gewöhne dich auch an Dinge, an deren Ausführbarkeit du anfangs verzweifelst. Faßt ja auch die linke Hand, obgleich sie aus Mangel an Übung gewöhnlich schwächer ist, dennoch die Zügel kräftiger als die rechte; denn hierzu wird sie beständig gebraucht.

7.

Denke, in welcher Beschaffenheit des Leibes und der Seele dich der Tod antreffen wird, sowie an die Kürz des Lebens, an den unermeßlichen Zeitraum hinter dir und vor dir, an die Gebrechlichkeit alles Stoffes.

8.

Betrachte die Grundeigenschaften der Dinge sowie die Zwecke der Handlungen entkleidet von ihrer Umhüllung. Erwäge, was Unlust, was Lust, was Tod, was Ruhm sei und wie man an seiner Unruhe selbst schuld ist, wie niemand von einem andern gehindert werden kann und daß alles auf die Vorstellung ankommt.

9.

Bei Anwendung deiner Grundsätze mußt du dem Ringer, nicht dem Zweikämpfer ähnlich sein. Dieser nämlich wird niedergestochen, sobald er sein Schwert verliert, jenem aber steht sein Arm immer zu Gebote, und er hat weiter nichts nötig als ihn recht zu gebrauchen.[1]

10.

Prüfe die Beschaffenheit der Dinge in der Welt und unterscheide an ihnen die Stoffe, die wirkende Kraft und den Zweck.

11.

Welche Gewalt hat doch der Mensch! Er hat es in seiner Macht, nichts zu tun, als was den Beifall der Gottheit zur Folge hat, und alles hinzunehmen, was ihm die Gottheit zuteilt.

12.

In betreff dessen, was eine Folge des Naturlaufs ist, soll man weder den Göttern noch den Menschen Vorwürfe machen; denn jene versehen sich weder willkürlich noch unwillkürlich, diese fehlen auch nicht willkürlich; daher soll man niemandem Vorwürfe machen.

13.

Es hieße lächerlich und ein Fremdling in der Welt sein, wenn man über irgendein Ereignis in seinem Leben staunen wollte.

14.

Entweder herrscht ein unvermeidlich notwendiges Schicksal und eine unverletzbare Ordnung der Dinge oder eine versöhnliche Vorsehung oder ein verworrenes, blindes Ungefähr. Herrscht nun eine unveränderliche Notwendigkeit, warum sträubst du dich dagegen? Herrscht aber eine Vorsehung, die sich versöhnen läßt, so mache dich des göttlichen Beistands würdig. Herrscht endlich ein blinder Zufall, so erfreue dich an dem Gedanken, daß du mitten in solch einem Wogensturm in dir selbst an der Vernunft eine Lenkerin hast. Und wenn dich auch die Strömung ergreift, so mag sie das bißchen Fleisch und Lebensgeist und alles andere mit sich fortreißen; kann sie ja doch die Vernunft nicht wegnehmen.

15.

Das Licht einer Lampe scheint, bis es erlischt; nicht eher verliert es seinen Schimmer; in dir aber sollte die Liebe zur Wahrheit, Gerechtigkeit und Besonnenheit früher erlöschen?

16.

Hast du von jemand die Meinung, daß er gefehlt habe, so frage dich: Bin ich sicher, daß es wirklich ein Fehler ist? Aber, gesetzt auch, er habe gefehlt, hat er sich damit nicht selbst gestraft und so gleichsam sein eigenes Angesicht zerfleischt? Überhaupt, wer verlangt, daß der Lasterhafte nicht fehlen soll, kommt mir vor wie einer, der nicht will, daß der Feigenbaum Saft in den Feigen erzeuge, daß die Kinder weinen, daß das Pferd wiehere und dergleichen von Natur notwendige Erscheinungen mehr. Denn was soll der tun, der nun einmal die Anlage zu so etwas hat? Rotte sie ihm aus, wenn du die Fähigkeit hierzu in dir fühlst.

17.

Was nicht pflichtgemäß ist, das tue nicht; was nicht wahr ist, sage nicht; denn deine Willensrichtung ist ganz von dir abhängig.

18.

Unterlaß nie zu untersuchen, was jenes gerade sei, das in dir eine Vorstellung erzeugt, indem du daran die Grundkraft, den Stoff, den Zweck und die Zeit, innerhalb deren es wieder aufhören muß, unterscheidest.

19.

Empfinde es doch endlich, daß du etwas Besseres und Göttlicheres in dir hast als das, was die Leidenschaften erregt und dich hin- und herzerrt wie der Draht die Marionetten. Denn was ist deine Seele? Besteht sie aus Furcht oder Argwohn oder Begierde oder etwas anderem der Art?

20.

Fürs erste handele nicht aufs Geratewohl, nicht ohne Zweck, zum andern richte deine Endabsicht auf nichts anderes als auf das Gemeinwohl.

21.

Noch eine kleine Weile – und dann wirst du selbst nicht mehr sein noch etwas von den Dingen, die du jetzt siehst, noch von den Menschen, die jetzt leben. Denn alles ist von Natur zur Umwandlung, zur Veränderung und zum Untergang bestimmt, damit anderes an seine Stelle rücke.

22.

Alles ist Meinung, und diese hängt ganz von dir ab. Räume also, wenn du willst, die Meinung aus dem Wege, und gleich dem Seefahrer, der eine Klippe umschifft hat, wirst du unter Windstille auf ruhiger See in den sicheren Hafen einfahren.

23.

Jegliche Tätigkeit, die zur bestimmten Zeit ihr Ende erreicht, erleidet durch das Aufhören keinen Schaden. Ebensowenig erleidet der, der sich hierbei tätig gezeigt hat, durch diese Beendigung einen Nachteil. Folglich erleidet der Inbegriff aller Tätigkeitsäußerungen, die wir das Leben nennen, durch ebendiese Beendigung keinen Nachteil, und so ist auch der, der zu seinerzeit diese Reihe geschlossen hat, hierdurch in keine schlimme Lage versetzt worden, denn jene Zeit und diese Lebensgrenze weist die Natur an und zwar zuweilen, wenn sie erst im Greisenalter eintritt, zugleich die eigene Natur des Menschen, jedesmal aber jene Allnatur; denn durch Umwandlung ihrer Teile wird das ganze Weltgebäude stets verjüngt und wieder in volle Blüte versetzt. Alles aber, was dem Ganzen zuträglich ist, ist jederzeit auch schön und rechtzeitig. Das Aufhören des Lebens ist also für niemand von Nachteil, zumal da es auch, weil von unserer Willkür unabhängig und dem Gemeinwohl nicht zuwider, niemandem Schande macht; vielmehr ist es ein Gut, insofern es für die ganze Welt, die auf solche Weise erneuert wird, nützlich und zuträglich ist. So ist auch der ein von Gott Geführter, der sich von Gott auf dessen Wegen und mit seiner Gesinnung zu gleichen Zielen führen läßt.[2]

24.

Folgende drei Grundsätze müssen dir immer bei der Hand sein: Erstens nämlich in betreff dessen, was du tust, nie ohne Grund noch anders zu verfahren als die Gerechtigkeit selbst verfahren sein würde; in betreff dessen aber, was dir von außen zustößt, zu bedenken, daß es entweder von einem Zufall oder von einer Vorsehung herrührt, den Zufall aber soll man weder anklagen noch soll man sich über die Vorsehung beschweren. Zweitens, bei jedem Wesen darauf zu achten, wie es von seiner Empfängnis an bis zu seiner Beseelung und von seiner Beseelung an bis zu seiner Entseelung beschaffen ist, desgleichen aus welcherlei Bestandteilen es besteht und in welche es wieder zerfallen wird. Drittens, daß, wenn du, plötzlich über die Erde emporgerückt, von oben herab auf die Menschenwelt herniederschauen, den großen, vielgestaltigen Wechsel in derselben wahrnehmen und zugleich den ganzen Umkreis luftiger und ätherischer Wesen mit einem Blicke übersehen könntest, daß du dennoch, sage ich, sooft du emporgerückt würdest, immer wieder dasselbe, nämlich alles gleichförmig und kurzdauernd finden müßtest. Und hierauf dürftest du stolz sein.

25.

Mache dich nur von den Vorurteilen los, und du bist gerettet. Wer hindert dich aber, dich davon loszumachen?

26.

Beklagst du dich über irgend etwas, so hast du vergessen, daß alles sich der Allnatur gemäß ereignet und daß fremde Vergehungen dich nicht anfechten sollen; ferner vergessen, daß alles, was geschieht, immer so geschehen ist, immer so geschehen wird und überall jetzt so geschieht; vergessen, welch innige Verwandtschaft zwischen dem einzelnen Menschen und dem ganzen Menschengeschlecht besteht; denn hier findet nicht sowohl eine Gemeinschaft von Blut oder Samen als vielmehr Teilhaftigkeit einerlei Geistes statt. Du hast aber auch vergessen, daß der denkende Geist eines jeden gleichsam ein Gott und ein Ausfluß der Gottheit ist; vergessen, daß niemand etwas ihm ausschließlich Eigenes besitzt, sondern sein Kind sowohl als sein Leib und selbst seine Seele aus jener Quelle ihm zugekommen ist; vergessen endlich, daß jeder nur den gegenwärtigen Augenblick lebt und folglich auch nur diesen verliert.

27.

Rufe dir immerfort diejenigen wieder ins Gedächtnis zurück, die sich über irgend etwas, zum Beispiel über widrige Zufälle und Feindseligkeiten, gar zu sehr betrübt oder die durch die größten Ehrenstellen oder durch andere Glücksumstände großes Aufsehen erregt haben. Dann frage dich: Wo ist jetzt das alles? Rauch ist's und Asche, ein Märchen oder auch nicht einmal mehr eine Märe. Vergegenwärtige dir auch so vieles andere der Art, zum Beispiel was Fabius Catullinus[3] auf seinem Landgut, Lusius Lupus in seinen Gärten, Stertinius in Bajä, Tiberius auf Caprea, Rufus in Velia getrieben haben und überhaupt alle, die von Leidenschaften besessen waren. Bedenke, wie geringfügig jeder Gegenstand ihrer Bestrebungen gewesen und wieviel philosophischer es wäre, sich bei jeder dargebotenen Gelegenheit gerecht, besonnen, den Göttern folgsam und ohne Gleißnerei zu zeigen. Denn der Hochmut, der sich mit scheinbarer Demut brüstet, ist der allerunerträglichste.

28.

Fragt man dich, wo du denn die Götter, die du so hoch verehrst, gesehen und woraus du ihr Dasein erkannt hast, so antworte: Sie sind erstens schon für das leibliche Auge sichtbar;[4] zweitens habe ich auch meine eigene Seele nicht gesehen und ehre sie dennoch. Gerade so halte ich es auch mit den Göttern. Aus den von allen Seiten mir gebotenen Proben ihrer Macht schließe ich auf ihr Dasein und verehre sie.

29.

Bei jedem Gegenstande zu sehen, was er im ganzen, was er nach seinem Stoffe, was weiter nach seiner Wirkungskraft sei, von ganzer Seele das Rechte tun und das Wahre reden: darauf beruht die Glückseligkeit des Lebens. Reihst du dergestalt Gutes an Gutes, ohne den mindesten Zwischenraum zu lassen, was anderes ist dann die Folge hiervon als froher Lebensgenuß?

30.

Es gibt nur ein Sonnenlicht, obgleich es durch Wände, Gebirge und andere Dinge bis ins Unendliche zerteilt wird. Ebenso gibt es nur ein gemeinsames Grundwesen, wenn es auch in tausend eigentümliche Körperbildungen sich spaltet – nur eine Seele, wenn sie auch unter zahllose Naturwesen von eigentümlichen Begrenzungen verteilt wird; einen denkenden Geist, obgleich auch er zerteilt scheint. Nun sind zwar einige Teile der genannten Gegenstände, wie die Lebensgeister und die ihnen unterstellten Körper, ohne Empfindung füreinander und ohne wechselseitige Zuneigung, und doch hält auch sie der vernünftige Weltgeist und das Gesetz der Schwere zusammen. Nur die denkende Menschenseele hat einen eigentümlichen Zug zu dem ihr Verwandten, tritt mit ihm in Verbindung, und nie wird dieser Trieb zur Gemeinschaft gehemmt.

31.

Was wünschst du? Länger zu leben? Das heißt zu empfinden? Dich zu bewegen? Zu wachsen? Wiederum stillezustehen? Deine Stimme zu gebrauchen? Nachzudenken? Was von allem diesem scheint dir so wünschenswert? Ist aber eines wie das andere geringfügig, so wende dich dem letzten Ziele zu, dem Gehorsam gegen die Vernunft und gegen die Gottheit. Der Verehrung dieser widerspricht es jedoch, wenn man sich von dem Gedanken gedrückt fühlt, durch den Tod der erstgenannten Dinge beraubt zu werden.

32.

Welch kleines Teilchen der unendlichen und unermeßlichen Zeit ist jedem von uns zugemessen und wie plötzlich wird es wieder von der Ewigkeit verschlungen! Was für ein winziges Teilchen ist der Mensch im Verhältnis zum Weltganzen, welch kleines Teilchen von der ganzen Weltseele! Wie klein ist endlich das Erdklümpchen, auf dem du umherkriechst! Dies alles bedenke und halte dann nichts für groß als das: zu tun, wie deine Natur dich leitet, und zu leiden, wie die Allnatur es mit sich bringt.

33.

Welchen Gebrauch macht die herrschende Vernunft von sich selbst?[5] Hierauf kommt alles an. Das übrige aber, mag es von deiner Willkür abhängen oder nicht, ist nur Totenstaub und Dunst.

34.

Das kann uns am meisten zur Todesverachtung anspornen, daß selbst diejenigen, die Sinnenlust für ein Gut und den Schmerz für ein Übel erklärten, dennoch alles das verachtet haben.

35.

Wer das, was die Zeit schickt, für gut hält, wem es gleichgültig ist, ob er eine größere oder kleinere Zahl vernunftgemäßer Handlungen aufzuweisen hat, wer zwischen einer länger oder kürzer dauernden Betrachtung der Welt keinen Unterschied macht, der sieht dem Tod nicht mit Schrecken ins Angesicht.

36.

O Mensch, du bist in dieser großen Stadt Bürger gewesen, was liegt daran, ob fünf oder dreißig Jahre? Was den Gesetzen gemäß ist, ist für niemand hart. Was ist es denn Schreckliches, wenn du nicht durch einen Tyrannen, nicht durch einen ungerechten Richter, nein, durch eben die Natur, die dich in diesen Staat eingeführt hat, wieder hinausgesandt wirst? Es ist nichts anderes, als wenn ein Schauspieler durch denselben Prätor,[6] der ihn angestellt hat, wieder entlassen wird. – »Aber ich habe nicht fünf Akte gespielt, sondern erst drei.« – Wohl gesprochen; doch im Leben sind drei Akte schon ein ganzes Stück. Denn den Schluß bestimmt derjenige, der einst das Gesamtspiel einrichtete und es heute beendet; weder das eine noch das andere hängt von dir ab. So scheide denn freundlich von hier; auch er, der dich entläßt, ist freundlich.

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Anmerkungen:
  1. Der Mensch soll auf das ihm Angeborene, die Vernunft, vertrauen.
  2. Ähnlich sagt der Apostel: Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
  3. Die hier Genannten lebten wahrscheinlich in Üppigkeit und Schwelgerei.
  4. Gottes unsichtbares Wesen wird erkannt an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt. (Paulus an die Römer.)
  5. Vgl. 5, 11.
  6. In der Kaiserzeit lag den Prätoren hauptsächlich die Sorge für die Festspiele ob.