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Carl von Clausewitz: Grundgedanken über Krieg und Kriegführung

Betrachtungen und Ausblicke

Niemals wird man sehen, daß der Staat, der in der Sache eines andern auftritt, diese so ernsthaft nimmt wie seine eigene. Eine mäßige Hilfsarmee wird abgesandt. Ist sie nicht glücklich, so sieht man die Sache ziemlich als abgemacht an und sucht so wohlfeil als möglich herauszukommen.

Aber selbst dann, wenn zwei Staaten wirklich gegen einen dritten Krieg führen, so betrachten sie diesen doch nicht immer gleichmäßig als einen Feind, den sie vernichten müssen, damit er sie nicht vernichte, sondern die Angelegenheit wird oft wie ein Handelsgeschäft abgemacht; ein jeder legt nach Verhältnis der Gefahr, die er zu bestehen, und der Vorteile, die er zu erwarten hat, eine Aktie von soundsoviel hunderttausend Mann ein und tut, als könne er dabei nichts als diese verlieren.

Die Sache würde eine Art von innerem Zusammenhang haben, und die Theorie des Krieges dabei weniger in Verlegenheit kommen, wenn diese zugesagte Hilfe dem im Kriege begriffenen Staate völlig überlassen würde, so daß er sie nach seinem Bedürfnis brauchen könnte. Alsdann wäre sie wie eine gemietete Truppe zu betrachten. Allein davon ist der Gebrauch weit entfernt. Gewöhnlich haben die Hilfstruppen ihren eigenen Feldherrn, der nur von seiner Regierung abhängt und dem diese ein Ziel steckt, wie es sich mit der Halbheit ihrer Absichten am besten verträgt.


Es ist eine Eigentümlichkeit der Kriegführung Verbündeter, die nicht von der äußersten Gefahr zur Einheit und Konsequenz gedrängt wird, daß die geteilten politischen Interessen ihr Spiel treiben, Uneinigkeit, Widersprüche und zuletzt völligen Unsinn hervorbringen.


Wenn eine Macht allein Krieg führt, mag sie Zeit und Kräfte nach Gefallen verschwenden. Es entsteht wenigstens kein zweiter Nachteil daraus. Aber bei einem Bündniskriege kann es nie fehlen, daß auffallende Untätigkeit des einen den andern entweder zu ebensolcher veranlaßt oder so empört, daß ein baldiger Bruch des Bündnisses erfolgt.


Schon die Führung einer Armee, von der drei Viertel einem fremden Monarchen gehört, ist ein Auftrag ganz andrer Art als die Führung einer Armee entweder als Landesherr oder wenigstens mit der Autorität einer nach und nach in ihr erworbenen Feldherrnwürde. Wer fühlt nicht, daß man in seinem eigenen Hause ein ganz anderer Herr ist als in einem fremden, trotz aller übertragenen Machtvollkommenheit?


Man kann ganz allgemein sagen, daß alle die unglücklichen Kriegsunternehmungen, die durch eine Reihe von Fehlern hervorgebracht sind, niemals in ihrem inneren Zusammenhang so beschaffen sind, wie die Allgemeinheit glaubt. Die Leute, die handeln, wenn sie auch zu den schlechtesten Feldherren gehören, sind doch nicht ohne gesunden Menschenverstand und würden nimmermehr solche Torheiten begehen, wie der Laie und die historischen Kritiker ihnen in Bausch und Bogen anrechnen. Die meisten Beurteiler wären erstaunt, wenn sie alle die näheren Motive des Handelns kennen lernten, und höchstwahrscheinlich ebensogut verleitet worden wie der Feldherr, der jetzt wie ein halber Schwachkopf vor uns steht. Fehler müssen allerdings vorhanden sein; nur liegen sie gewöhnlich tiefer, in Fehlern der Ansicht und in Schwächen des Charakters, die nicht auf den ersten Blick als solche erscheinen, sondern die man erst auffindet und deutlich erkennt, wenn man alle Gründe, die den Besiegten zu seinem Handeln bestimmt haben, mit dem Erfolg vergleicht. Dieses Finden des Wahren hinterher ist der Kritik gestattet; es kann ihr nicht höhnisch vorgeworfen werden, sondern ist ihr eigentliches Geschäft, das aber allerdings viel leichter ist als das Treffen des Rechten im Augenblick des Handelns.

Es ist darum in der Tat eine Torheit, wenn wir fast sämtliche Armeen den Grundsatz befolgen sehen, über unglückliche Kriegsereignisse so wenig als möglich bekanntzumachen. Die Dinge, bis ins einzelne bekanntgemacht, werden sich immer viel besser ausnehmen als in Bausch und Bogen.


So wie das Schlachtfeld strategisch nur ein Punkt ist, so ist die Zeit einer Schlacht strategisch nur ein Moment, und nicht der Verlauf, sondern das Ende und Ergebnis einer Schlacht ist eine strategische Größe.


In der Strategie gibt es keinen Sieg. Der strategische Erfolg ist von der einen Seite die günstige Vorbereitung des taktischen Sieges. Je größer dieser strategische Erfolg ist, um so wahrscheinlicher wird der Sieg im Gefecht. Von der anderen Seite liegt der strategische Erfolg in der Ausnutzung des erfochtenen Sieges. Je mehr Ereignisse die Strategie durch ihre Kombinationen nach einer gewonnenen Schlacht in die Folgen derselben hineinzuziehen, je mehr sie von den nachfallenden Trümmern, deren Grundfeste durch die Schlacht erschüttert worden, an sich zu reißen vermag, je mehr sie in großen Zügen eintreibt, was in der Schlacht selbst mühevoll einzeln errungen werden mußte, um so großartiger sind ihre Erfolge.


Die Kriegskunst auf ihrem höchsten Standpunkte wird zur Politik, aber freilich einer Politik, die statt Noten zu schreiben, Schlachten liefert.


Man sagt eigentlich etwas ganz anderes, als man sagen will, wenn man, was häufig geschieht, vom schädlichen Einfluß der Politik auf die Führung des Krieges spricht. Es ist nicht dieser Einfluß, sondern die Politik selbst, die man tadeln sollte. Ist die Politik richtig, d. h. trifft sie ihr Ziel, so kann sie auf den Krieg in ihrem Sinne auch nur vorteilhaft wirken; und wo diese Einwirkung vom Ziel entfernt, ist die Quelle nur in der verkehrten Politik zu suchen.


Die Aufgabe und das Recht der Kriegskunst der Politik gegenüber ist es hauptsächlich, zu verhüten, daß die Politik Dinge fordere, die gegen die Natur des Krieges sind, daß sie aus Unkenntnis über die Wirkungen des Instruments Fehler begehe im Gebrauche desselben.


Nichts ist im Leben so wichtig, als genau den Standpunkt zu ermitteln, von dem die Dinge aufgefaßt und beurteilt werden müssen, und dann an ihm festzuhalten. Denn nur von einem Standpunkt aus können wir die Masse der Erscheinungen in ihrer Einheit auffassen, und nur die Einheit des Standpunkts kann uns vor Widersprüchen sichern.

Gehört der Krieg der Politik an, so wird er ihren Charakter annehmen. Ist sie großartig und kräftig, so wird es auch der Krieg. Nur durch diese Vorstellungsart wird der Krieg zur Einheit, nur mit ihr kann man alle Kriege als Dinge einer Art betrachten, und nur durch sie wird dem Urteil der rechte und genaue Stand- und Gesichtspunkt gegeben.


Die ungeheuren Wirkungen der Französischen Revolution nach außen sind offenbar viel weniger in neuen Mitteln und Ansichten der französischen Kriegführung zu suchen, als in der ganz veränderten Staats- und Verwaltungskunst, im Charakter der Regierung, im Zustande des Volkes usw. Daß die anderen Regierungen alle diese Dinge unrichtig ansahen, – daß sie mit gewöhnlichen Mitteln Kräften die Wage halten wollten, die neu und überwältigend waren: das alles sind Fehler der Politik. Man kann sagen: die zwanzigjährigen Siege der Revolution sind hauptsächlich die Folge der fehlerhaften Politik der ihr gegenüberstehenden Regierungen gewesen, wenn auch der eigentliche Überfall, von dem sich die Intelligenz getroffen fühlte, innerhalb der Kriegführung stattfand.


Wenn blutige Schlachten ein schreckliches Schauspiel sind, so muß dies eine Veranlassung sein, den Krieg mehr zu würdigen, aber nicht die Waffen, die man führt, nach und nach aus Menschlichkeit stumpfer zu machen, bis einmal wieder einer dazwischenkommt mit einem scharfen Schwerte und uns die Arme vom Leibe weghaut.


Ein Fürst oder Feldherr, der seinen Krieg genau nach seinen Zwecken und Mitteln einzurichten weiß, nicht zu viel und nicht zu wenig tut, gibt dadurch den größten Beweis seines Genies. Aber die Wirkungen dieser Genialität zeigen sich nicht sowohl in neuerfundenen Formen des Handelns, die sogleich in die Augen fallen, als im glücklichen Endergebnis des Ganzen. Es ist das richtige Zutreffen der stillen Voraussetzungen, es ist die geräuschlose Harmonie des ganzen Handelns, die wir bewundern sollten und die sich erst im Gesamterfolge verkündet.