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Emma Uhland

Ludwig Uhlands Leben

Aus dessen Nachlaß und aus eigener Erinnerung zusammengestellt von seiner Wittwe.

1874


Vorwort.

Im vergangenen Jahr hat Uhlands Vaterstadt dem Entschlafenen ein schönes Denkmal errichtet. Vielleicht erregt dasselbe in manchem Beschauer den Wunsch, auch von des Mannes äußeren Schicksalen und von dessen geistiger Entwicklung ein möglichst treues Bild zu besitzen. In diesem Sinn wird von der Wittwe des Dichters die schlichte Schilderung seines Lebens der Oeffentlichkeit übergeben.

I. Die Kinderjahre.

1787–1801.

Die Familie UhIand, seit dem Jahre 1720 in Tübingen ansäßig, stammt aus Kleingartach. Dort wurde Johann Michael Uhland, der Ureltervater Ludwig UhIands, geboren, der, laut der Familientradition, als Quartiermeister den Türkenkrieg mitmachte und bei der Einnahme von Belgrad, 1688, durch Max Emanuel von Bayern, einen türkischen Bassa niederhieb. Zum Andenken ließ er über die Thür seines Hauses einen Arm mit einem Türkensäbel und die Anfangsbuchstaben seines Namens in Stein einbauen. Dieses Haus ist noch im Besitz seiner Nachkommen. Sein Sohn, Joseph Uhland, erlernte in Tübingen die Handlung, heirathete eine Tübinger Bürgerstochter und gründete die jetzt noch bestehende Handlung daselbst. Sein ältester Sohn, Ludwig Joseph, geboren den 15. Mai 1722, ist der Großvater unseres Dichters. Er studierte Theologie, wurde Diakonus in Marbach, dann Professor der Theologie in Tübingen, Superattendent des evangelischen Stiftes, und starb, nachdem er lange Zeit dieses Amt bekleidet, im 81. Lebensjahr. Sein zweitältester Sohn, Johann Friedrich, geboren 1756, der Vater Ludwig Uhlands, studierte die Rechtswissenschaft, übernahm die Stelle des Universitäts-Secretärs Jakob Samuel Hoser, dessen Tochter Elisabeth er im Jahr 1783 heirathete. Diese Familie stammt aus Augsburg, wo drei Glieder derselben Bürgermeister der freien Reichsstadt waren. Ludwig Uhland, das dritte Kind seiner Eltern, kam am 26. April 1787 zur Welt. Sein ältester Bruder war bald nach der Geburt gestorben; der zweite, Friedrich, war zwei Jahre älter als Ludwig. Es wird oft bei Dichtern die Frage aufgeworfen: von wem sich die poetische Begabung auf den Dichter vererbt habe? Ohne ein Gewicht darauf zu legen, ist hier zu bemerken, daß die Mutter seines Vaters eine Tochter des Landschaftseinnehmers Stäudlin war und drei Geschwister Stäudlin, zwei Brüder und eine Schwester, Gedichte herausgegeben haben, und auch die Mutter des Aesthetikers Friedrich Vischer ein Glied dieser Familie war. Daß diese Großmutter des Dichters eine Frau von seinem Geist und Gemüth gewesen sein muß, bezeugen die von ihr noch vorhandenen Briefe. Auch von ihrem Gatten, dem Großvater Uhlands, sind Gedichte vorhanden, die er an Frau und Kind gerichtet hat. Sie zeigen aber weniger eine entschiedene poetische Begabung, als einen frommen und zarten Sinn. Ein wahrhaftes, redliches und frommes Gemüth hat sich jedenfalls von den Großeltern und Eltern auf Ludwig UhIand vererbt und wurde von ihnen mit großer Liebe und Treue in ihm ausgebildet. Ein bis in die letzte Zeit ungedruckter Vers von ihm darf wohl auf ihn selbst angewendet werden.

Zu stehn in frommer Eltern Pflege;
O welch ein Segen für ein Kind!
Ihm sind gebahnt die rechten Wege,
Die Andern schwer zu finden sind.

Das Haus, in welchem Ludwig geboren wurde, steht in der Neckarhalde, ganz nahe bei der großväterlichen Amtswohnung. Es wurde aber bald mit einem andern Hause vertauscht, welches dem Großvater angehörte. Seine Eltern hatten den ersten Stock inne, den zweiten bezog bald nach ihnen ein anderer Sohn des Großvaters, der Doctor der Medicin, Gotthold UhIand (später langjähriger Oberamtsarzt in Tübingen). Diesem wuchsen im Laufe der Jahre drei Töchter heran, mit welchen Ludwig viel zusammen war. Mit der ältesten, ihm im Alter am nächsten, stand er in so gutem Vernehmen, daß, wenn sie wegen einer Kinderunart eingesperrt wurde, er sich in seiner Mutter Küche auf den Herd setzte und durch den Rauchfang hinauf der lieben Base Märchen erzählte, um ihr die Zeit zu verkürzen.

Ludwigs älterer Bruder war ein schönes, feines Kind, während dieser auf Schönheit keinen Anspruch machte. Doch zieht ein noch vorhandenes, gutgemaltes Brustbild des etwa sechsjährigen Knaben durch den treuen, klaren Blick der großen blauen Augen und den festen Zug um den Mund den Beschauer an.

Bei den Verwandten war der ältere Bruder viel beliebter, als der jüngere, der ungemein lebhaft, ja wild gewesen sein soll. Wenn beide Brüder zusammen einen Besuch gemacht, so habe es immer geheißen: »grüß Gott, lieber Fritz, das ist schön, daß du zu uns kommst!« und dann eine Octave tiefer: »so Louis, du kommst auch mit;« eine Bevorzugung, welche Ludwig wohl fühlte, aber neidlos anerkannte.

Die Eltern durften sich nicht lange beider begabten Knaben freuen; das Scharlachfieber raffte den älteren in seinem zehnten Jahre hinweg, und als dieser auf den Kirchhof gebracht wurde, lag der jüngere an der gleichen Krankheit im heftigsten Fieber, fort und fort seine lateinischen Conjugationen hersagend, bis ihm die Stimme versagte.

Im Jahre 1795 wurde den Eltern eine Tochter geboren, zärtlich von dem Bruder geliebt, obgleich in den Kinderjahren durch die Altersverschiedenheit nicht zum Spielkameraden geeignet. Auch war Ludwig so wild und muthig, daß ihm bald kein Graben zu breit, keine Treppe zum Hinabspringen zu hoch war. Im Sommer übte er sich im Neckar im Schwimmen, im Winter war das Schlittschuhlaufen (in welchem er es zur Virtuosität gebracht) seine Freude. Die Gesundheitspflege machte ihm manche Drangsale. »Im Frühjahr mußte ich Schleenblüthethee trinken gegen die Würmer, das hat mir fast den Frühling entleidet,« erzählte er. Winters unterdrückte er im Zimmer, so lange es möglich war, den Husten, um nicht zu Hause bleiben zu müssen. Auch seine Kleidung wurde ihm oft lästig; er mußte lederne Kniehosen tragen und seine Haare pudern und hinten in ein Zopfband flechten lassen. Oft habe er sich durch Ohrfeigen den Puder aus den goldblonden Haaren gestäubt. In der Schule wurde dem Knaben das Lernen leicht, und der gestrenge Rector Hutten hatte den fleißigen Knaben, der fast immer den ersten Platz einnahm, gern. Ueberhaupt war Hutten bei allem Eifer doch gut gegen seine Schüler. Er konnte zwar wohl ausrufen: Ihr Nägel meiner Bahre! Ihr Teufel meiner Gesundheit! machte aber dadurch keinen zu tiefen Eindruck auf seine Schüler.

Die Gegend von Tübingen, mit dem klaren Flusse, dem nahen Walde, der die Höhen um das freundlich ernste Neckarthal bekleidet, bildete frühe in dem empfänglichen Gemüth des Knaben den Sinn für landschaftliche Schönheit aus, um so mehr, als Vater und Mutter diesen Sinn theilten und erweckten. Rottenburg, der jetzige Bischofssitz, war damals unter österreichischer Herrschaft und gehörte zur Grafschaft Hohenberg. Dorthin nahm ihn der bei allem Ernste und vielleicht etwas Pedanterie doch liebreiche Vater zuweilen mit sich. Es lagen dort Ungarn und Kroaten in Garnison, deren fremdartige Bewaffnung und Bekleidung den Ludwig sehr anzog. Auch das Fronleichnamsfest mit dem feierlichen Umzug mit Heiligenbildern, Fahnen und Kerzen, war ihm dort sehr merkwürdig. Aber auch in Tübingen selbst sollte er bald fremde Gäste sehen, denn Oestreicher und Franzosen zogen abwechselnd in großen Schaaren durch die Stadt. Die Spiele der Knaben nahmen dadurch einen kriegerischen Charakter an. Sie standen sich als Franzosen und Oestreicher gegenüber, wobei es Uhland immer mit den letzteren hielt. Obgleich ziemlich klein für sein Alter, zeigte er sich doch, nach den Aussagen seiner Zeitgenossen, ritterlich, und nahm es mit den größten in der Schule auf. Konnte er seine Zeit nicht im Freien zubringen, mit den Kameraden sich herumtummelnd oder den Schmetterlingen nachjagend, so ging er nach vollbrachter Arbeit gerne in das Haus der Großväter Uhland und Hofer; die Großmütter waren längst gestorben. Der väterliche Großvater hatte seine Amtswohnung, wie schon gesagt, in der Neckarhalde, neben dem Stifte, dessen erster Vorstand er war. Dort saß der Knabe gerne in dem schön gelegenen Hausgarten mit einem Buche. Der Vater seiner Mutter bewohnte mitten in der alten Stadt ein eigenes Haus allein, mit zwei alten Dienerinnen. Die eine, die mehr als fünfzig Jahre bei dem Großvater gedient und seit dem Tode der Frau die Wirtschaft führte, war in der Jugend schön und liebenswürdig gewesen; sie hätte längst eine Frau Professorin sein können, wenn sie nicht vorgezogen hätte, bei ihrem alten Herrn zu bleiben. Musje Louis, wie sie den Enkelsohn hieß, gewann sie auch so lieb, daß er später, nach des Großvaters Tod, als er schon Student war, gerne in ihrem eigenen Hauswesen Mittags ihr Gast war. In dem alten Haus, das sich bis zum sechsten Stockwerk hinaufthürmte, war Raum genug für altes Gerümpel aller Art; da gab es eine besondere Kammer für des Herrn Reisemützen, Perücken und Stöcke, in einer andern waren alte Bücher und Chroniken, mit wunderbaren Bildern, Reiseschilderungen von Ländern, wo die Bewohner nur ein Auge mitten auf der Stirne, andere wo Menschen mit Pferdefüßen und Kranichhälsen zu sehen waren, ein großes Kupferwerk mit gräulichen Darstellungen aus dem spanischen Kriege in den Niederlanden u. dgl. Da fand die Wißbegierde und die Phantasie des Knaben reiches Feld. Der Großvater war immer freundlich, wenn auch so stiller Art wie später der Enkelsohn. Die alte Madel hatte ein Herz voll Liebe zur Familie ihres Herrn. Sie wollte den Ludwig und seine Schwester Luise durchaus zu Erben ihres Ersparten einsetzen, und die Mutter der Kinder konnte sie nur dadurch bewegen, ihr Vermögen den eigenen Verwandten nicht zu entziehen, daß sie ihr vorschlug, ein Legat zu einstigen Hochzeitsgeschenken für die Kinder zu bestimmen. Die fünfzig Gulden für den »lieben Louis« wurden dann auch später von diesem zum Ankauf eines schlichten eichenen Schreibtisches und eines Bücherschrankes in die neue Wirthschaft verwendet, und wenn später die Hausfrau gerne für einen bequemeren Schreibtisch gesorgt hätte, so hieß es: »Ach laß mir meinen Schreibtisch, er ist von meiner lieben Madel!« So ist er auch in seinem Zimmer geblieben, wenn gleich französische und deutsche Touristen sich über die allzu einfache Einrichtung des Arbeitszimmers verwunderten. Noch nach einer Reihe von Jahren findet sich in Uhlands Tagebuch angemerkt: »Todestag der Madel.«

Der Lehrer der höheren Klasse, in welche Uhland mit dem zwölften Jahre eintrat, der Rector Kaufmann, war als tüchtiger Philologe bekannt. Er scheint seinen Lehreifer mit vieler Humanität gepaart zu haben. Die Knaben durften die lateinischen Verse, die sie zu liefern hatten, wohl zum Beispiel auf dem Fenstersims stehend und in die grünen Vorhänge drapirt vortragen. Oft war es ihnen auch freigestellt, ob sie lateinische oder deutsche Verse machen wollten. Das Bilden der lateinischen Verse scheint Uhland ungewöhnlich leicht geworden zu sein; über einen Sonntag lieferte er dem Lehrer einmal hundert. Auf der Schultreppe, beim Ueberzählen, fand er nur neunundneunzig; aber flugs wurde der hundertste noch vollendet. Oft fertigte er auch minder begabten Knaben die ihrigen, nur mußten sie sich gefallen lassen, daß die für sie bestimmten mit Humor nach ihrer Individualität gemodelt wurden. Der Rector unternahm auch zuweilen Spaziergänge mit seinen Schülern, und hielt sie dann zu kriegerischen Spielen an. Einmal bestieg er mit ihnen den Roßberg, den höchsten Punkt der Gegend, um dort die Sonne aufgehen zu sehen. Als die Erwartete endlich heraufstieg, habe Uhland die Arme ausgebreitet und ausgerufen: Sonne, du kommst! Die Knaben erwarteten ein Gedicht, aber zu ihrem Staunen blieb es bei diesen Worten. Von einem Gange, den er zuweilen mit den Eltern machen durfte, hat Uhland immer mit freudiger Erinnerung erzählt. Auf dem Hofgut Roseck, über dem Ammerthal auf der Höhe gelegen, wohnte ein herrschaftlicher Verwalter, ein Bekannter der Eltern. Das ländliche Leben ergötzte das junge Gemüth. Die Raben flogen auf den bekannten Ruf aus dem Wald herbei, um sich Futter zu holen. Unten im Hofe versammelten sich die so oft feindlich gesinnten Thiere, Hunde, Katzen, junge Schweinchen mit Waldvögeln und dem zahmen Federvieh in Eintracht um die große Futterschüssel. Dazu die liebliche Aussicht über das Neckarthal und auf der andern Seite der stille Wald. Auf solchen Gängen, bald mit den Eltern, bald allein, entwickelte sich wohl in der jungen Seele der Sinn und die Liebe zur Natur, da wurde das Auge für ihre Schönheit gewonnen, da nahm er die Bilder in sich auf, die uns in seinen Liedern so frisch anwehen.

Mit einem Schulkameraden las er nun auch Ritterromane von Spieß und Cramer. Sie hatten aber noch solchen Kindersinn dabei, daß sie die Ritter, Knappen und Burgpfaffen Sonntags Mittags sich malten und aufpappten und die Geschichten dann mit ihnen aufführten.

Auf der Höhe des Oesterbergs, damals noch Heideland, hat er sich zuerst mit frohen Kameraden herumgetummelt, oder den Schmetterlingen nachgejagt; nun saß er mit einer Rittergeschichte, etwas später mit Ossian und Hölty daselbst. Oft sah er auch dort den ziehenden Wolken, dem herannahenden Gewitter, dem Leuchten der Blitze zu, und erst wenn der Regen herabzuprasseln anfieng, eilte er mit großen Sätzen dem Elternhause zu. Dort ist auch später, im Jahre 1806, das frische Gedicht »Des Knaben Berglied« entstanden.

Schon von dem Jahre 1800 finden sich in einem kleinen Hefte eingeschriebene Gedichte, sie zeigen aber noch kein eigenes Gepräge. Das erste, welches angeführt werden soll, ist im Frühjahr 1801 entstanden. Es ist eigentlich eine Schulaufgabe. In der Tübinger Schule war es Sitte, daß der Erste in der Klasse in selbstverfertigten Versen den Schulvorstand um die Erlaubniß zur Vakanz ansprechen mußte. Diese Obliegenheit traf unsern jungen Dichter; er mußte im schwarzen Mäntelchen (das er sich aber erst in der Hausflur des Herrn Dekans umgebunden hatte), das folgende Bittgedicht vortragen:

Bitte um die Frühjahrsvakanz.

Der stürmische Winter im rauhen Gewande
Floh hin zu des Eismeers versilbertem Strande,
Floh hin zu des Nordpols verödeter Flur.
Da weckte der Frühling im blumigten Kleide,
Geschmückt mit dem duftenden Kranze der Freude,
Aus ruhendem Schlummer die junge Natur.

Das heitere Licht der erwärmenden Sonne
Erfüllt die Natur mit Entzücken und Wonne,
Ihr Feuer zerschmolz den gefrorenen See;
Er löste sich los in gekräuselten Wellen,
Da stürzte sich in romantischen Fällen
Vom hohen Gebirge der glänzende Schnee.

Jetzt schweigt das Getöse der zürnenden Winde;
Der Zephyr umsäuselt die knospende Linde,
An welche der flötende Schäfer sich lehnt.
Die Heerde durchhüpfet mit fröhlichem Blöcken
Die grünenden Anger, die blühenden Hecken,
Wonach sie so lange, so sehr sich gesehnt.

Das Zwitschern der Schwalben, das Klappern der Störche,
Das Schlagen der Wachtel, das Trillern der Lerche
Durchströmet die Lüfte in buntem Gemisch.
Es plätschert die schlüpfrige muntere Schmerle
Im Teiche beschattet vom Wipfel der Erle,
Und unter dem haarigen Weidengebüsch.

Die wärmenden Strahlen der Sonne erweckten
Unzählige Heere von kleinen Insekten,
Sie füllen mit dumpfem Gesäusel die Luft.
Der Schmetterling flattert durch blumigte Waiden,
Durch junge Gebüsche, durch sonnige Haiden
Und schlürfet der Veilchen erquickenden Duft.

Der Ackermann jocht die gemästeten Stiere
Vergnügt an den Pflug und die stattlichen Thiere
Erfreut die Erlösung vom düsteren Stall.
Hell schallen des Ackermanns ländliche Lieder
Verdoppelt vom schattigen Tannenwald wieder,
Vermischt mit der Peitsche erschütterndem Knall.

Und wir, wir Söhne der Musen, wir schauen
Hinaus in des Neckar-Thals heitere Auen,
Und Durst nach Vergnügen bewegt uns die Brust.
Hier unter dem blauen, erhabenen Himmel,
Zu wandeln im freudigen, bunten Gewimmel,
O welches Entzücken, welch himmlische Lust!

Drum nahen wir uns nach der jährlichen Sitte
Uns Ihnen, Hochwürd'ger! mit hoffender Bitte,
Um Zeit zu des Frühlings vergnügtem Genuß.
Doch nicht um in Muße die Zeit zu verträumen,
Des Fleißes geheiligte Pflicht zu versäumen;
Den Fleiß zu ermuntern sei unser Entschluß!

Dann kehren wir wieder mit frischeren Kräften
Zurück zu den Musen, zu unsern Geschäften,
Zurück mit erneuertem Eifer und Fleiß.
Und daß wir gemäßigt die Freude genossen,
Daß nicht blos in Muße die Zeit uns verflossen,
Sei Wachsthum im Guten der schönste Beweis!

Der Confirmations-Unterricht, den Uhland von seinem hochbejahrten Großvater erhielt, weckte eine ernste Stimmung in ihm, die sich in dem folgenden Liede, gedichtet den 3. Mai 1801, ausspricht.

Jesu Auferstehung und Himmelfahrt.

In eines Felsen nachtumflortem Schoose,
Da lag der heil'ge Gottessohn,
Da lag er blaß, entstellt, auf weichem Moose,
Des Lebens Odem war entflohn;
Da ruhten seine Glieder, ach die müden,
In stillem Frieden.

Da lag er ach! im Felsen eingemauert,
Von keinem Lüftchen angeweht,
Von wenigen Getreuen nur betrauert,
Von Vielen frech verhöhnt, verschmäht.
Die Todtenvögel klagten an den Felsen
Aus heisern Hälsen.

Nur wen'ge seiner treuen Schüler wallten
Mit Thränen oft zum Grab hinaus,
Doch Myriaden Trauerlieder hallten
Dort oben in des Vaters Haus;
Dort weinten ihm in unermeßnen Weiten
Der Engel Saiten.

Doch endlich dämmerte der dritte Morgen,
Seitdem der Leib begraben war,
Noch lag er in der Felsenkluft verborgen,
Noch klagte sanft der Engel Schaar.
Da wurde schnell das Land des Herrn erschüttert,
Judäa zittert.

Da brausten wild der Erde Eingeweide,
Die Meere strebten himmelan,
Der Tabor und der Hermon wankten beide,
Palläste riß des Sturmwinds Zahn.
Da sprang der Jesusfels gleich alten Eichen
Bei Wetterstreichen.

Und aus den hohlen, weitgespalt'nen Klüften
Steigt feierlich der Herr einher;
Ein Silberkleid umflattert seine Hüften
Und ihn umfließt ein Strahlenmeer,
Ein Strahlenmeer, als wären tausend Sonnen
In Eins zerronnen.

Und seine Wächter, die vorher so dreisten,
Ertragen nicht das Gotteslicht,
Sie werfen Spieß und Schwerter aus den Fäusten
Und stürzen hin auf's Angesicht.
Da liegen sie, die Würmer, ach! sie gleichen
Erblaßten Leichen.

Doch nicht um Rache an dem Feind zu üben,
Entstieg der Heil'ge seinem Grab;
Ach nein! er wandelt hin zu seinen Lieben
Und trocknet ihre Thränen ab;
Er will als Gottes Sohn den Jüngerschaaren
Sich offenbaren.

Doch bald entschlüpft dem Tabor eine Wolke
Und hebet den Erstand'nen auf.
Er spricht zu seinem tiefgerührten Volke:
»Getrost, zum Vater geht mein Lauf!«
Und bald entschwind't er über allen Sternen
In blauen Fernen.

Im Spätjahr 1801 durfte Uhland eine Vakanzreise zu Verwandten in Stuttgart und Brackenheim unternehmen. Ein Brief der zärtlichen Mutter, der ihm nach Stuttgart nachgeschickt wurde, zeigt durch die mannigfachen Ermahnungen, die er enthielt, wie z. B. nicht zu trinken, wann er warm habe, nicht zu weit zu Fuß zu gehen, bei unbeständigem Wetter lieber mit dem Boten zu fahren u. s. w. das ängstliche Mutterherz. Der Sohn war noch nicht lange in Brackenheim bei seinem Oheim, dem Dekan Uhland, angekommen, als Vater und Mutter angefahren kamen, dem Sohne zu großer Ueberraschung. Unvorhergesehene Umstände hatten sie zur Reise veranlaßt. Nachdem ihr Ludwig die Vakanzreise angetreten hatte, war ein Professor, der ein beträchtliches Familienstipendium zu verwalten hatte, zum Vater gekommen, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß ein Platz darin erledigt werde, und daß sein Sohn das erste Recht darauf habe. Um aber eingesetzt zu werden, müsse dieser jetzt schon inscribiren und entweder die Theologie oder die Rechtswissenschaft zum Studium erwählen, weil der Stifter, dem die Aerzte von einem schweren Leiden nicht helfen konnten, die Medicin Studierenden vom Genusse ausgeschlossen hatte. Bei den Eltern hatte sich die Ansicht gebildet, ihr Sohn würde am Besten thun, den Beruf eines Arztes zu wählen, wie der Onkel Doctor, bei dem sie im Hause wohnten. Ludwig Uhland hätte sich am liebsten der Philologie gewidmet, wenn es in jener Zeit üblich gewesen wäre, diese zum Hauptstudium zu wählen. Die Einrichtungen im württembergischen Studienwesen waren aber damals von der Art, daß das Studium der Philologie und Theologie enge mit einander verbunden waren. Alle Lehrstellen im Lande wurden mit Männern besetzt, die Philologie und Theologie studiert hatten. So kam es, daß Ludwig der Eltern Ansicht: er solle Mediciner werden, ohne Abneigung zur seinen gemacht hatte. Der Onkel Doctor war auch so liebenswürdig und wurde überall so hoch geschätzt, daß sein Vorbild ihm die Wahl wohl einleuchtend machen konnte. Die Nachricht des Professors war für Uhlands Vater die Veranlassung, jetzt schon eine entschiedene Berufswahl mit dem Sohn zu treffen; er stellte diesem die Wahl frei, bemerkte ihm aber, daß, wenn er sich zur Rechtswissenschaft entschließen wolle, er den Ertrag des Stipendiums für ihn zu einer künftigen Reise aufbewahren wolle. Dem Knaben, dem die Mutter kaum erst geschrieben hatte, er möge Acht geben, daß er dem Wagenrade nicht zu nahe komme, wurde nun die Wahl des künftigen Berufes anheimgegeben! Er machte des Vaters Ansicht, er werde wohl thun, das Jus zu ergreifen, auch zur seinigen. »Ich kehrte mit den Eltern heim und inscribirte den 3. October als Jurist,« erzählte er später den Freunden.

Hiemit schließen wir die Kinderjahre, setzen aber der Zeit etwas vorgreifend ein Neujahrsgedicht vom 1. Januar 1802 an die Eltern bei, weil es seine herzliche Dankbarkeit gegen diese ausspricht.

Meinen Eltern am Neujahr 1802.

Meines Lebens zarte Blüte
Hat die Zeit nun abgestreift,
Und, bewahrt durch Gottes Güte,
Sind die Früchte bald gereift.

Wie nach Freunden, die in's Ferne
Unserm Aug enteilend gehn,
Wir zwar trüben Blicks, doch gerne
Noch, so weit wir können, sehn:

Also durch der Vorzeit Dunkel
Seh ich nach der Kindheit Glück,
Das, wie goldner Sterne Funkel
Fern im Nebel blinkt, zurück.

Stets aus sinnendem Gemüthe
Tönt mir dann der laute Ruf:
Dank den Eltern, deren Güte
Jene Zeit so glücklich schuf!