Fünfzehntes Kapitel.

Ein Jahr später . . .

In den Straßen der Siebenhügelstadt – welch ein Getümmel! Welch ein Jubel und Jauchzen, mit gellem Spott und lauten Verwünschungen untermengt! Allenthalben, vom Grabmal der Scipionen bis zur milvischen Brücke, bewegte Gruppen, ein stürmisches Hin und Her, – Fragen und Antworten, – und ein brausendes ›Heil dem Befreier‹ bei jeder neuen Botschaft von draußen.

Endlich, endlich hat die Revolution gesiegt. Der brot- und spiel-verlangende Pöbel, auf den der fürchterliche Despot sich stützte, sieht müßig und gleichgültig dem Zusammenbruch der Gewaltherrschaft zu. Der Oberst der Leibwache, Tigellinus, feig und treulos, wie ihn Phaon vorausgeahnt, ist übergegangen zu den Rebellen. Aber sein Schicksal ist schon besiegelt. Galba, der zukünftige Kaiser, der mit seinen Soldaten nur noch wenige Meilen von Rom steht, wird ihn unverzüglich in die Verbannung schicken; denn die Beteiligung des verhaßten Agrigentiners ist der einzige dunkle Punkt im Glanzgemälde dieses ehrlichen Aufstandes wider die tollgewordene Frechheit des Absolutismus.

Julius Vindex, der heldenhafte Verfechter altrömischer Freiheit und Manneswürde, hat Pisos Werk, das durch den schnöden Verrat des Milichus in der zwölften Stunde noch scheiterte, wiederum aufgenommen, und diesmal für die eiserne Selbstbeherrschung, die ihn das Joch des Tyrannen bis zum entscheidenden Augenblick fügsam ertragen ließ, einen Lorbeer errungen, herrlicher als die Kränze des göttlichen Africanus. Freilich, einen umflorten Todeslorbeer: denn er selber sollte den Sieg der guten Sache nicht mehr erleben. Nero, der in Vindex nur den pflichtgetreuen Soldaten, nicht den zornglühenden Patrioten vermutete, hatte den fürstlichen Aquitanier zum Proprätor des nördlichen Galliens gemacht – und dort am Gestade der Sequana reifte der Plan, der dem rasenden Treiben des Imperators ein Ende machte. Nicht für sich selbst begehrte Julius Vindex die Herrschaft. Ein Charakter wie Cincinnatus, wollte er nur dem Vaterland dienen, das unter den Griffen des cäsarischen Löwen langsam verblutete. Der alte, würdige Galba, der mit strengster Gerechtigkeit Nordhispanien und andre Provinzen verwaltet hatte, und stets, soweit es in seiner Macht stand, die wilden Eingriffe des kaiserlichen Gewalthabers abzumildern und auszugleichen bestrebt war, schien dem begeisterten Vindex als der geeignete Mann, den zerrütteten Staat wieder aufzurichten, des Prinzipat zu erneutem Ansehen zu bringen und dem Volke die Segnungen des inneren Friedens zu sichern. So rief er denn Galba zum Kaiser aus. Die streitlustigen Gallier scharten sich in hellen Haufen um Vindex' Fahne. Ehe ein Mond verstrich, hatte er eine wohlbewaffnete, kampfesfrohe Armee beisammen. Inzwischen war auch der Statthalter von Römisch-Germanien, Virginius Rufus, für Galba gewonnen worden. Das Heer des Vindex sollte sich mit den Truppen des Rufus vereinigen. Da geschah, was dem Schöpfer der großartigen Revolution das Leben kostete. Als die beiden Armeen just aufeinander stießen, gab es ein Mißverständnis. Die Soldaten des Rufus glaubten, Julius Vindex wolle sie angreifen. In den vordersten Reihen kam es zum Handgemenge. Julius Vindex, fieberisch erregt, wähnte sich seitens der Mitverschworenen verraten. Am Gelingen des mühsam geplanten Werkes verzweifelnd, stürzte er sich in sein Schwert, eh' noch Virginius Rufus ihn aufklären konnte.

Mit Julius Vindex starb jedoch keineswegs die hunderttausendköpfige Revolution. Im Gegenteil: sie hat aus dem Heldenblute ihres vergötterten Führers unüberwindliche Kräfte gesogen.

Näher und näher wälzen sich die begeisterten Scharen der Hauptstadt zu. Der streitbare Galba schickt bereits seine Eilboten an den Senat.

In der Begleitschaft des neuverkündeten Kaisers befindet sich eine hohe, schlanke Gestalt, das bleiche Antlitz von dunklen Locken umwallt, den Mund, der einst wonnetrunken zu lächeln oder zärtlich zu schmollen gewohnt war, fest geschlossen: Otho, der Statthalter von Lusitanien.

Er kömmt, um Nero für die unsägliche Schmach, die stumme Entsagung, den wühlenden Kummer so vieler Jahre grausam zu züchtigen.

Das ganze gequälte Land will Rache nehmen an dem weltverachtenden Staatsverderber, der seit dem Tode Poppäas auch die letzte Schranke der Selbstbeherrschung in Trümmer gelegt, der das geworden ist, was ihm die Anhänger Pisos früher schon vorgeworfen: ein Fluch des Menschengeschlechts.

Die Träger dieses zermalmenden Aufstandes fragen nicht, wie es im Hirn und Herzen des Mannes aussieht, der so maßlos gewütet hat. Sie rechnen nur mit der That, nicht mit der öden, lichtlos-verzweifelten Stimmung, aus der sie geboren wurde.

Und wahrlich, sie haben ein Recht dazu.

Fort mit dem Frevler, der nur das eigene Ich mit seinem unendlichen Wollen und Weh kennt, und zur Stillung der Qual, die ihn durchglüht, das ganze Weltall zerreiben möchte wie ein linderndes Heilkraut!

Fort mit dem götterverhaßten Dämon, der die Menschheit zertreten hat!

Rom ist in hellem Aufruhr. Die Prätorianer haben sich längst vom Goldenen Hause zurückgezogen. In zahlreichen Abteilungen streifen sie durch die Stadt, wo die Bildsäulen des Imperators unter Hohngelächter und Flüchen niedergerissen, beschimpft und besudelt werden. Selbst die sonst so getreuen Germanen sind lautlos hinweggeschlichen. Niemand will mit dem sinkenden Kaiser zu Grunde gehen. Der ungeheure Palast steht verödet. Nero, leichenblaß, weilt in dem drehbaren Göttergemach, dessen Maschinerie heute nicht arbeitet. Er hält das Schwert in der Hand, unschlüssig, ob er den Stahl wider die eigne Brust kehren, oder ob er hinabstürmen soll, um seinem wütenden Groll ein letztes Opfer zu schlachten.

Alles hat ihn verlassen. Nur Cassius, der Leibsklave, und Phaon, der Freigelassene, harren noch aus in der schrecklichen Einsamkeit. Der gewaltige Prachtbau, der noch vor kurzem die Stätte blutiger Gladiatorenkämpfe, brausender Zechgelage und schamloser, wildjauchzender Orgien gewesen, gleicht einer Grabkammer. Die Pforten, die hinaus in das Freie führen, sind abgeschlossen.

Phaon sinnt und sinnt. Er will den Gebieter retten. Er schmiedet Pläne um Pläne. Er rennt von einem Säulenhof in den andern. Umsonst. Wie soll Phaon es wagen, er, den jedermann kennt, mit Claudius Nero durch die wimmelnden Volksmassen hindurch zu flüchten? Wie gebrochen sinkt er auf eine Marmorbank und faltet die Hände im Schoß.

Der Haupteingang an der Südseite ist geöffnet. Glasigen Auges steht hier der wackere Cassius, einen Speer in der Faust, bereit, den ersten niederzustoßen, der sich da zeigen sollte.

Seltsam genug: keiner der Aufrührer wagt es, durch das Vestibulum einzudringen. In seiner Erstarrung hat Cassius gar nicht versucht, die Riegel in die eisernen Halter zu schieben. Er weiß nicht, daß die enteilenden Prätorianer, gleichsam beschämt über ihren geräuschlosen Abzug, die Thüre zertrümmert haben. Dennoch, es naht sich niemand. Der Name Nero wirkt immer noch lähmend auf die zwei Millionen erregter Menschen da draußen. Die tiefgewurzelte Scheu vor dem Cäsar scheint selbst durch die Nachricht von dem Abfall sämtlicher Truppen nicht ausgetilgt.

Plötzlich fährt Cassius empor. Einer von dieser zürnenden Schar macht eine Ausnahme. Seine bedächtigen Schritte hallen dröhnend im Ostium.

»Was willst du?« fragt ihn Cassius, die Lanze einlegend.

»Den Kaiser,« lautet die Antwort. Jetzt erkennt ihn der Sklave. Es ist Pallas, ehedem der Vertraute der Agrippina. Er hat heimlich mitgearbeitet am Sturze des Imperators. Fern in stiller Verborgenheit, in Lusitanien ist er gewesen, um Gift in die Wunde des verzweifelten Otho zu träufeln. Er hat dem ehrlichen Galba vom Tode der Kaiserin-Mutter erzählt, und Nero, den Sohn der Gemordeten, als den Thäter bezeichnet. Auch in Gallien hat er sich aufgehalten, um den Brand zu schüren gegen den Mann, den er am tödlichsten haßt von allen Geschöpfen der Erde, nicht um der hingeschlachteten Agrippina willen, sondern im heißen Erinnern an jene duftige Mädchengestalt, die er, Pallas, mit unauslöschlicher Sehnsucht geliebt – und verloren hatte, um einer Laune des Imperators willen. So glaubte er, denn Agrippina hatte ihm das Verhältnis Neros zu Acte so ausgemalt.

»Laß mich vorüber, Cassius! Ich sinne dem Thronberaubten nichts Uebles. Ich will ihn retten.«

»Du?« fragte Cassius zweifelnd.

Er hatte die Lanze gesenkt.

»Ja, ich,« wiederholte der andre. »Schon steigen die Senatoren die Stufen zum Kapitol hinan, um über den Staatsverbrecher Gericht zu halten. Die Zeit drängt.«

So sprechend wandte er sich nach dem Schlundgang, der in den zweiten Hof führte. Cassius folgte ihm.

»Rede, wie willst du's anfangen?« fragte der Kammersklave.

»Das sollst du erleben. Laß mich nur wissen, wo der Erlauchte sich aufhält. Du selber kannst hier zurückbleiben.«

In diesem Augenblick machte Cassius die Wahrnehmung, daß Pallas unter den Falten der Toga ein blankes Schwert trug.

»Halt!« rief er, den Dolch aus dem Gürtel ziehend. »Was soll's mit der Klinge da?«

Er hatte den Eindringling bei der Schulter gepackt.

Pallas versuchte ihn abzuschütteln. Da's nicht gelang, zückte er, plötzlich die Maske der Heuchelei abwerfend, die verborgen gehaltene Waffe. Er durchbohrte dem Kammersklaven die Brust, während Cassius ihm den Dolch bis ans Heft in die Schulter grub. Dumpf ächzend stürzten die beiden übereinander.

»Feiger Hund!« röchelte Cassius. »Nicht eher getraust du dich an den Löwen, bis ihm die Bosheit hinterrücks alle Sehnen durchschnitten hat. Da, nimm noch dies, eh' du hinabfährst in die Schauer der Unterwelt!«

Er hatte im Niederbrechen den Dolch aus der Wunde gerissen und bohrte dem Feind seines Herrn die blutige Klinge nun von unten herauf in die Weiche. Pallas umkrallte mit letzter verzweifelter Kraft ihm die Gurgel; aber Cassius stieß zu bis ans Heft, als könne er nicht genug thun in der Züchtigung dieses Ueberfalles.

Gleich danach lösten sich die Glieder der beiden Sterbenden. Pallas wälzte sich in gräßlichen Zuckungen; dann erstarrte er, lang und steif wie ein Erzbild. Cassius glitt vom Leibe des Toten herab, schlug noch einmal die Augen auf, und lag dann, mit dem Haupte wider den Sockel der korinthischen Säule gelehnt, ruhig und würdevoll wie ein Krieger, der den rühmlichen Tod in der männermordenden Schlacht gestorben.

Inzwischen lauschte der Cäsar dem Gebrand des Straßenlärms, der unheimlich durch die Oeffnung im Deckengewölbe zu ihm herüberscholl.

Klang das nicht da draußen wie Kampf?

Gewiß, Tigellinus würde doch wenigstens eine Kohorte zusammenraffen und für ihn einstehen, – Tigellinus, der altbewährte, getreue Freund!

Nero ahnte noch nicht, daß Tigellinus der erste gewesen, der das sinkende Schiff der cäsarischen Herrlichkeit schleunigst verlassen hatte.

Aber wenn der Princeps denn wirklich noch Freunde besaß, wenn irgend wer noch das Schwert für ihn zog, weshalb war es dann rings im Palast so tot und so schweigsam?

Die entwichenen Sklaven – hatten sie jegliche Furcht verlernt vor dem Zorn des Gebieters, der sie zermalmen würde für ihren Ungehorsam? Die zahllosen Hofbediensteten, die Atrienses in ihren goldgestickten Gewändern, die Stundenanzeiger, die Kammersklaven, die Verwalter, die Aerzte, – wo waren sie nun, diese Elenden, die bis jetzt seinen Glanz und seine Größe geteilt hatten?

Und die sigambrischen Leibwächter, die er mit Tausenden überhäuft, die ihm Treue gelobt bei dem rabenumkrächzten Gott ihrer Heimat?

Das Schwert erhebend, trat er zur Thüre. Eine weite Flucht von Gemächern lag stumm vor seinem ängstlich-forschenden Blicke.

»Cassius!« rief er hinaus – und »Cassius!« klang es wie höhnend zurück von den goldgetäfelten Mauern.

Alles leer, alles verödet wie eine Totenstadt. Er schritt vorwärts. Die Kniee wankten ihm. Rechts und links in dem spiegelhellen Metall gewahrte er verhundertfältigt sein eigenes blasses Gesicht. Er trat zu der nächsten Wand und blickte sich wie ein Irrsinniger starr in die Augen, die ihm so groß erschienen, so angsterfüllt und so ziellos. Von plötzlichem Grausen ergriffen, eilte er weiter. Der Hall seiner eigenen Schritte entsetzte ihn.

»Cassius!« rief er noch einmal. Dann horchte er.

Alles still. Eine Verzweiflung ergriff ihn, wie er sie nie zuvor im Leben gekannt hatte. Und da er nun wieder im Spiegelglanze der Goldplatten sein hohlverzerrtes Antlitz gewahrte, da stürzte er mit dem Schwert darauf los, und hieb wie ein Rasender in das blanke Metall ein, bis die Klinge zersprang und der Schwertstumpf aus seiner erschöpften Hand klirrend zu Boden fiel. Horch, wer war das? Deutlich vernahm er den helldröhnenden Mahnruf, der ihm den letzten Schimmer von Hoffnung nahm.

»Holt ihn heraus!« klang es voll dämonischer Tücke. »Schleppt den Buben vor den Senat! Oder wollt ihr ihm Zeit lassen, Gift zu trinken?

Es überlief den Verratenen eiskalt vom Wirbel bis zu der Sohle. Das war die Stimme des Tigellinus. Eine Sekunde lang war dem Kaiser zu Mute, als ob sich ein dunkler Flor über sein Haupt lege. Er taumelte. Stöhnend sank er auf's nächste Ruhebett.

Schritte – Schritte in unmittelbarster Nähe. Hastig fuhr er empor. Die bebenden Finger suchten nach einer Waffe. Da . . . im Gürtel der Tunica steckte ein syrischer Dolch. Blitzschnell fuhr die Hand nach dem Griffe – – um gleich danach wie gelähmt wieder herabzugleiten.

Zwischen den teppichumwallten Thürpfosten stand eine Mädchengestalt, ein Traumbild, eine zauberhafte Vision.

Claudius Nero fiel in die Kniee.

»Acte!« rief er, sein blutloses Antlitz verhüllend. »Die Toten stehen aus ihren Gräbern auf! Das Ende aller Dinge ist da, und mit dem Cäsar stirbt auch die Welt!«

»Nero,« sagte das Mädchen, »ich bin's leibhaftig, die glücklich-unglückselige Acte, die einst an deinem Herzen geruht hat. Ich bin tot gewesen . . . für dich. Im Verborgenen aber, von keinem geahnt, hab' ich dein Leben verfolgt wie mein eigenes, und Thränen um dich geweint, Thränen . . .«

Nero hatte sich langsam emporgerichtet. Scheuen Blicks schaute er in das himmlische Antlitz, an dem die Jahre der Einsamkeit, der Entsagung, des Jammers über den grausenhaften Verfall ihres Idols spurlos vorübergegangen waren. Nur bleicher war sie als sonst, und die süßen, tiefblauen Augen erschienen jetzt größer. Ja, sie hatte geweint und gebetet, wie eine Mutter um ihr verlorenes Kind betet. Jede Botschaft von den Missethaten des Cäsars hatte ihr Herz zerrissen, und das Mahnwort ihr in die Seele geschleudert: ›Du mußt ihn hassen, der so schmachvoll entarten konnte.‹ Dennoch: sie strahlte im vollen Zauberschein ihrer Jugend. Sie war noch ganz die berückende, blonde Acte von einst, die gleich bei jener ersten Begegnung so viel Duft und Licht in die Seele des makellosen Jünglings gegossen.

»Acte!« rief Claudius Nero, zurückprallend vor dem Anblick seines wonnigen Jugendtraumes. »Was suchst du? Wehe, du kommst zu spät! Rase ich denn? Also das Meer hat dich nicht behalten? Alles dies war ein Märchen, eine verwerfliche Lüge? Und du konntest jahrelang einsam dahinleben und meine Seele verschmachten lassen?«

»Ich mußte wohl. Das Gesetz Gottes hat es gewollt. Ach, und später – Nero, Nero, mir grauste, wenn ich von fern deinen Namen hörte.«

»So willst du mich schmähen? Jetzt in diesem schrecklichen Augenblick? Ach, wärst du emporgetaucht aus deiner Verborgenheit, wahrlich, Acte, dies alles wäre anders gekommen! Ich bin ein Frevler geworden, ein Feind des Menschengeschlechts, weil hier in der Brust mir ein Abgrund gähnte, den nichts, nichts auf dieser Erde mehr ausfüllen konnte.«

»Der Glaube an Gott hätte ihn ausgefüllt. Schau mich nicht so verzweiflungsvoll an! Ich komme, um dich zu retten.«

»Du? Die Hohe, die Herrliche? Du willst den Tyrannen retten, der alles zertreten hat, der am Lebensmarke des Reichs gesogen, den Bluthund, den Hunderttausende mit ihren Flüchen verfolgen?«

»Ja!« versetzte sie, seine Rechte ergreifend. »Du hast mich, da du noch glücklich warst, dein Alles genannt: ich will es nun sein, da sich die ganze Welt wider dich auflehnt. Nein, nein, rede nicht länger! Ich frage nicht, was du begangen hast, und ob dir Gott in seiner unendlichen Gnade jemals vergeben kann! Ich weiß nur das eine: daß ich dich liebe!«

»So muß es dennoch eine göttliche Kraft sein, die deine Seele gestählt hat!« rief der Cäsar erschüttert. »Acte, Acte, mein ewig beweintes Glück!«

»Komm!« sagte sie schluchzend. »Eine lederne Pänula, wie sie die Arbeiter tragen, wird dich unkenntlich machen. Mich aber hat man in Rom längst vergessen. Wandle gebeugt und stütze dich auf den Stab! Deine Hand lege mir fest in den Arm! So! Ich habe den richtigen Augenblick abgepaßt. Wo ist Phaon? Hat auch Phaon dich treulos im Stiche gelassen?«

»Hier, hier!« sagte der Freigelassene, starr vor Erstaunen. Er war just in die Thüre getreten. »Was planst du? Sprich, Acte! Ich gehorche dir blindlings.«

»Hörst du den Lärm im Vestibulum?« versetzte das Mädchen. »Die letzte Scheu vor der Unantastbarkeit dieser Räume bricht jetzt zusammen. Das Volk stürmt vom Vicus Cyprius her in den Vorhof. Jenseits aber, wo sich das Myrtengehölz an den Teich lehnt, fand ich die Gasse verwaist.

Zwei Freunde von mir, Nazarener, – hörst du, Cäsar? – harren dort mit der nötigen Gewandung und einer Strickleiter. Wir überklettern die Mauer. Meine Genossen sind stark. Sollte der Zufall jemanden da vorbeiführen, wohl, so geben sie ihm zu schaffen, bis wir entronnen sind. Du, Phaon, eilst dann voraus. Ich denke, dein Landhaus wird uns zunächst ein Versteck bieten. Hat sich Rom erst beruhigt, so wird es ein leichtes sein, bis ans Meer zu entkommen, wo uns ein Schiff nach Hispanien trägt und von dort hinauf an die fernen Gestade Germaniens.«

So sprechend, schritt sie, von Nero und Phaon gefolgt, schon hastig von Raum zu Raum.

»Und dann?« fragte der Cäsar.

»Dann will ich dir beten helfen, daß Gott dir verzeihen möge, wie er einst mir verziehen.«

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