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Otto Harnack: Schiller

Literarische Übersicht.

Wie es bei dem vorstehenden biographischen Versuch sich hauptsächlich darum handelte, aus dem überreichen vorliegenden Material das Wesentliche herauszugreifen und hervorzuheben, so kann auch diese Übersicht der kaum mehr übersehbaren Schiller-Literatur sich nur darauf beschränken, wenige Haupterscheinungen namhaft zu machen.

Das erste Gesamtbild von Schillers Leistungen gaben die von Körner besorgten, 1812-1815 in Cottas Verlag erscheinenden Sämtlichen Werke (12 Bände). Diese Sammlung teilte zuerst die Gedichte in der noch jetzt üblichen Weise nach drei Perioden ein, ebenso die Prosaschriften nach zwei Perioden; sie gab für lange Zeit die einzige bekannte Form der Fragmente (Demetrius, Warbeck usw.). Körner arbeitete mit der Gewissenhaftigkeit des treuen Freundes; die philologische Gewissenhaftigkeit, die wir heute fordern, kam für ihn noch nicht in Betracht. Auf seiner Ausgabe fußt die zuerst 1836 bei Cotta erschienene zwölfbändige, in der Schillers Werke den meisten bekannt geworden sind, da sie bis zum Aufhören des Verlagsmonopols immer von neuem abgedruckt wurde; eine Vervollständigung und kritische Bearbeitung des Textes wurde dadurch für lange Zeit hinausgeschoben.

Körner hatte seiner Sammlung auch »Nachrichten von Schillers Leben« vorausgeschickt, die natürlich noch sehr lückenhaft waren. Authentisches Material von höchstem Wert gab Goethes Veröffentlichung seines Briefwechsels (6 Bände. Bei Cotta. 1828–29), und ebenso Wilhelm Humboldts entsprechende Veröffentlichung »nebst einer Vorerinnerung über Schiller und den Gang seiner Geistesentwickelung« (Cotta, 1830. 3. sehr vermehrte Auflage. Herausg. von Leitzmann. 1900). Durch reichliche briefliche Beigaben gab auch Karoline von Wolzogen ihrer Biographie (Schillers Leben, 2 Bde. Cotta, 1830) große Bedeutung; die Lebensnachrichten Körners wurden hier zu einer schon ziemlich gleichmäßigen und abgerundeten Darstellung ergänzt; doch hat die entschieden idealisierende Tendenz des Buches zweifellos dazu beigetragen, die natürlichen Züge Schillers zu verschleiern und das weiche, schattenhafte Bild hervorzubringen, mit dem man sich seitdem gern begnügte. Ohne eigentliche Spezialkenntnisse, aber von hohem allgemein menschlichem Standpunkt aus, unternahm zuerst Carlyle, ein in großem Stil gehaltenes Bild von Schillers Leben zu geben. (1825, deutsche Ausgabe 1830, eingeleitet von Goethe.) Um so größeren, kritischwissenschaftlichen Wert hatte dann die Biographie von Karl Hoffmeister: Schillers Leben, Geistesentwickelung und Werke im Zusammenhang (5 Bde. P. Balzsche Buchhandlung, 1838–1842). Berücksichtigt man die geringen Hilfsmittel, die zu Gebot standen, so muß man dies Werk als eine meisterhafte Leistung anerkennen. Es gehört zu den Büchern, die bei allem Veralten des Einzelnen doch niemals überflüssig werden können. Für einen größeren Leserkreis war es freilich nicht berechnet und ist auch niemals neu aufgelegt worden. Ein weiteres großes Verdienst erwarb sich Hoffmeister durch die Ausgabe der »Supplemente zu Schillers Werken« (4 Bde. Bei Cotta, 1840 bis 1841). Einen festeren Leitfaden für die Lebensgeschichte des Dichters, besonders in ihrer unruhigen und verworrenen mittleren Periode, brachte dann der Briefwechsel mit Körner (4 Bde. Berlin 1847. Neu-Ausgabe von Goedeke 1878). Weitere sehr wichtige Materialien boten Köpke, Charlotte von Kalb usw. (Berlin 1843), Schiller und Lotte (Bei Cotta, 1856, 4. Auflage, herausg. von Fielitz 1897), Karl Augusts erstes Anknüpfen mit Schiller (Bei Cotta, 1857; herausgegeben von Schillers Tochter Emilie von Gleichen). Auf Grund so viel reicherer positiver Daten und charakteristischer Äußerungen durften die beiden Schillerbiographen der Jubiläumsfeier von 1859 ihre Werke schaffen: es waren Palleske: Schillers Leben und Werke (2 Bde. Berlin 1858-59) und Scherr: Schiller und seine Zeit (Leipzig 1859). Ihre beiden Darstellungen haben mehr als dreißig Jahre lang dem Bedürfnis des größeren Publikums genügt, besonders die erstgenannte, die viele Neuauflagen erlebt hat; noch in den achtziger Jahren konnten neuere Bücher (von Düntzer, Leipzig 1881; von Hepp, Leipzig 1885) nicht dagegen aufkommen. Inzwischen wurde noch reichlich den künftigen Biographen durch neue Quellenpublikationen und kritische Untersuchungen vorgearbeitet; es erschienen: Schillers Beziehungen zu Eltern, Geschwistern und der Familie von Wolzogen (herausgegeben von A. v. Wolzogen; Cotta 1859); Charlotte von Schiller und ihre Freunde (herausg. von L. Urlichs; 3 Bde. Bei Cotta 1860-65); Geschäftsbriefe Schillers (gesammelt, erläutert und herausgegeben von Karl Goedeke, Leipzig 1875); Briefwechsel zwischen Schiller und Cotta (herausg. von W. Vollmer; bei Cotta, 1876); Schillers Briefwechsel mit dem Herzog von Augustenburg (herausg. von Max Müller; Berlin 1875); die Urgestalt der ästhetischen Briefe wurde durch A. Michelsen (Berlin 1876) bekannt gemacht. Gräf gab in übersichtlicher Zusammenstellung Heinrich Voß' Berichte über seinen Verkehr mit Schiller (und Goethe) heraus (Reclamsche Buchhandlung; ohne Jahr).

Mit dem Aufhören des Cottaschen Monopols wendete sich die germanistische, kritische Editionstätigkeit auch Schillers Werken zu; eine monumentale Ausgabe übertrug der Cottasche Verlag selbst dem verdienstvollen Karl Goedeke, der sie in fünfzehn Großoktavbänden von 1867-1876, unterstützt von anderen Gelehrten, vollendete. Die auch heute unentbehrliche Ausgabe ist leider durch manche Willkürlichkeiten des damals schon alternden Herausgebers entstellt. Für einen weiteren Abnehmerkreis berechnet wurde die im Hempelschen Verlag erscheinende kritische Ausgabe, die Boxberger und Maltzahn herausgaben (16 Bde. 1868-1874). Diese, sowie die in Kürschners »Deutsche Nationalliteratur« aufgenommene Ausgabe von Boxberger und Birlinger (Bei Spemann 1882-1891) befriedigten sowohl wissenschaftliche als auch allgemeine Ansprüche. Im Cottaschen Verlag ist 1894 eine noch mehr populäre, sorgfältig-kritische Ausgabe in 16 Bänden vollendet worden und erscheint soeben eine neue, von E. von der Hellen herausgegebene. Auch Bellermanns Ausgabe (Bibliographisches Institut, 14 Bde.) verdient rühmliche Erwähnung. Von Einzel-Editionen sei hier nur die Ausgabe von »Schillers dramatischem Nachlaß« durch G. Kettner genannt (2 Bde. Weimar 1894-95) sowie die Ausgabe der aus dem Goethe-Schiller-Archiv beträchtlich vermehrten Xenien durch Erich Schmidt und B. Suphan (Weimar 1893). Eine nicht hoch genug anzuschlagende Förderung erhielt die Forschung durch F. Jonas' Kritische Gesamtausgabe von Schillers Briefen (7 Bde. Deutsche Verlagsanstalt 1892 ff.); ein Werk größten Sammeleifers und gewissenhafter Sorgfalt.

Infolge dieses reichen Zuwachses und dieser wissenschaftlich-kritischen Behandlung der Quellen drängte sich auch die Notwendigkeit einer neuen, auf streng wissenschaftlicher Grundlage errichteten biographischen Darstellung auf. Drei Gelehrte von zweifelloser Kompetenz unternahmen diese Aufgabe zu lösen; leider sind alle drei Werke bisher nicht vollendet worden; es sind: R. Weltrich, Friedrich Schiller. Geschichte seines Lebens und Charakteristik seiner Werke (Stuttgart 1885-1889), O. Brahm, Schiller (Berlin 1886-1892), J. Minor, Schiller. Sein Leben und seine Werke (Berlin 1890-1891). Das Buch von Brahm, am kürzesten gefaßt, ist auch am weitesten – bis 1794 – vorgeschritten. Eine illustrierte populäre Lebensbeschreibung gab Wychgram (1895). Auch Ehrlichs Doppelbiographie: Goethe und Schiller, ihr Leben und ihre Werke (1897) ist hier zu nennen. Unter allen genannten Biographien fühle ich für meine eigene Darstellung mich am meisten denen von Hoffmeister und von Minor, trotz zahlreicher Meinungsverschiedenheiten, zu Dank verpflichtet. Künftigen Biographen hat jetzt Ernst Müller in seinen Regesten (1900) ein zuverlässiges, erleichterndes Hilfsmittel geliefert. –

Schon früh wurden auch einzelne Seiten von Schillers Lebenswerk der erläuternden oder kritischen Betrachtung unterworfen. Am lebhaftesten war das Interesse für seine Dramen. Doch zeigte sich bald das besonders auf die Kritik der romantischen Schule zurückgehende Mißverhältnis, daß diese auf allen Bühnen immer neue Siege erfechtenden und zu beständiger Nachahmung anlockenden Werke von der deutschen Ästhetik mit maßloser Strenge, ja sogar mit grober Verständnislosigkeit beurteilt wurden. Es war die Zeit der unbedingten dogmatischen Shakespeare-Verehrung, deren Folgen Scherer in seiner schlagenden Weise gekennzeichnet hat: »Die Beurteilung Schillers geriet dadurch auf völlig falsche Wege, daß man Shakespeares Drama für das moderne Drama schlechthin erklärte und daher jede Abweichung Schillers von Shakespeare dem ersteren als Fehler anrechnete.« Gerade die angesehensten Literaturgeschichten von Gervinus, Vilmar, Hettner, so verschieden sonst ihr Standpunkt war, stimmten in dieser Verständnislosigkeit überein. Vom Standpunkt des selbst um ein neues Kunstideal sich mühenden dramatischen Dichters verurteilte Otto Ludwig in seinen Shakespearestudien scharfsinnig und geistreich, aber höchst einseitig Schillers Dramatik. Die kritisch-historische Betrachtungsweise brach etwa seit den siebziger Jahren diese Vorurteile. Schriften über die einzelnen Dramen anzuführen ist hier unmöglich; eine Ausnahme sei nur für das geistvolle, wenn auch im einzelnen oft anfechtbare Buch von Karl Werder gemacht: »Vorlesungen über Schillers Wallenstein« (Berlin 1889). Als entschiedenster Verteidiger von Schillers dramatischer Kunst ist L. Bellermann aufgetreten: »Schillers Dramen. Beitrage zu ihrem Verständnis.« (2 Bde. Berlin 1888 und 1891); wenn er auch hie und da zu weit geht, so hat sein Buch doch durch die klare Widerlegung zahlreicher törichter Angriffe großes Verdienst. Weitbrecht hat seine Bevorzugung der Jugenddichtung Schillers in seinem Buche Schillers Dramen (1897) allzu einseitig zum Ausdruck gebracht. Schillers Tätigkeit als Bearbeiter und Übersetzer fremder Dramen behandelte umsichtig A. Köster, Schiller als Dramaturg (Berlin 1891).

Schillers Gedichte sind immer von neuem erläutert und kommentiert worden, die Balladen auf ihre Quellen hin untersucht, die didaktischen Gedichte auf ihre philosophischen Grundbegriffe hin, die satirischen in bezug auf ihre Anlässe. Ein großes Material hat H. Viehoff beigebracht, dessen fünfbändiger Kommentar (zuerst bei Cotta, 1839-1841) in zahlreichen Auflagen erschienen ist. Daneben sei genannt E. Boas, Schiller und Goethe im Xenienkampf. (Bei Cotta, 1851) und aus neuester Zeit F. Jonas, Erläuterungen zu den Jugendgerichten (1900). Eine umfassende Charakteristik Schillers als lyrischen Dichters im weitesten Sinne des Wortes fehlt noch.

Schillers wissenschaftliche Tätigkeit behandelte allseitig Tomaschek, Schiller in seinem Verhältnis zur Wissenschaft (Wien 1862). Besonders für die Betrachtung der Jugendwerke liefert wertvolle Ergänzungen dazu Ueberweg, Schiller als Historiker und Philosoph (Leipzig 1884; aber schon gleichzeitig mit Tomascheks Buch entstanden). Hier reihen wir auch an die auf verschiedenen Gebieten sich bewegenden geistvollen Schiller-Schriften von Kuno Fischer (Gesammelt erschienen Heidelberg 1891. 1892).

Über Schillers Ästhetik verweise ich zunächst auf meine eigne ausführlichere Darstellung in: »Die klassische Ästhetik der Deutschen. Würdigung der kunsttheoretischen Arbeiten Schillers, Goethes und ihrer Freunde.« Von O. Harnack (Leipzig 1892). Der Gegenstand hat in neuester Zeit noch verschiedene Bearbeitungen durch Zimmermann, H. v. Stein, Berger, Kühnemann, Gneisse, Geyer gefunden. In den Geschichten der Philosophie, besonders der Ästhetik pflegt Schillers Lehre an ihrem Ort behandelt zu werden; mit besonderer Ausführlichkeit und Gedankentiefe, aber mit etwas willkürlich umdeutender Methode hat dies Lotze getan in seiner Geschichte der Ästhetik in Deutschland (München 1868). Eine vollständige Orientierung über die gewaltige wissenschaftliche und literarische Arbeit, die fortdauernd Schiller zugewandt wird, geben (seit 1890) die Jahresberichte für neuere deutsche Literaturgeschichte, in denen die einschlägigen Abschnitte anfangs von A. Köster, später von E. Müller bearbeitet worden sind.