Anzeige
Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Das Vermächtnis des Erasmus

In Florenz erscheint zur gleichen Zeit, da der sterbende Erasmus sein geistiges Vermächtnis europäischer Eintracht den kommenden Geschlechtern als edelste Aufgabe hinterläßt, eines der entscheidendsten und verwegensten Bücher der Weltgeschichte, der berüchtigte »Principe« des Nicolo Machiavelli. In diesem mathematisch klaren Lehrbuch rücksichtsloser Macht- und Erfolgspolitik ist das Gegenprinzip des Erasmischen handgreiflich wie in einem Katechismus formuliert. Während Erasmus von den Fürsten und Völkern fordert, sie sollten ihre persönlichen, ihre egoistisch-imperialistischen Ansprüche freiwillig und friedlich der brüderlichen Gemeinschaft der ganzen Menschheit unterordnen, erhebt Machiavelli den Machtwillen, den Kraftwillen jedes Fürsten, jeder Nation zum obersten und einzigen Ziel ihres Denkens und Handelns. Alle Kräfte einer Volksgemeinschaft haben dem Volksgedanken mit der Hingabe einer religiösen Idee zu dienen, Staatsraison, äußerste Entfaltung der eigenen Individualität, muß für sie der einzig sichtbare Selbstzweck und Endzweck aller historischen Entwicklung sein und ihre rücksichtslose Durchsetzung die höchste Aufgabe innerhalb des Weltgeschehens; für Machiavelli sind Macht und Machtentfaltung der letzte Sinn, für Erasmus die Gerechtigkeit.

Damit sind für alle Zeiten die zwei großen und ewigen Grundformen aller Weltpolitik in geistige Form gegossen, die praktische und die ideale, die diplomatische und die ethische, Staatspolitik und Menschheitspolitik. Für Erasmus, den philosophischen Weltbetrachter, gehört im Sinne Aristoteles', Platos und Thomas' von Aquino die Politik in die Kategorie der Ethik: der Fürst, der Staatslenker hat vor allem Diener des Göttlichen, Exponent sittlicher Ideen zu sein. Für Machiavelli, den berufsmäßigen, mit dem praktischen Betrieb der Staatskanzleien vertrauten Diplomaten, stellt dagegen Politik eine amoralische und völlig selbständige Wissenschaft dar. Sie hat mit Ethik ebensowenig zu schaffen wie Astronomie und Geometrie. Der Fürst und der Staatslenker haben nicht von der Menschheit zu träumen, diesem vagen und unübersehbaren Begriff, sondern völlig unsentimentalisch mit Menschen zu rechnen, als dem einzig sinnlich gegebenen Material, und deren Kräfte und Schwächen mit äußerster Anspannung der Psychologie für sich und ihre Nation auszunützen; klar und kalt haben sie ebensowenig wie ein Schachspieler Rücksicht und Nachsicht auf ihre Gegner zu nehmen, sondern mit allen Mitteln, erlaubten wie unerlaubten, ihrem Volk das höchste erreichbare Maß an Vorteil und Vorherrschaft zu gewinnen. Macht und Machterweiterung sind für Machiavelli die oberste Pflicht, und Erfolg das entscheidende Recht eines Fürsten, eines Volkes.

Im realen Raum der Geschichte hat selbstverständlich die das Prinzip der Gewalt verherrlichende Auffassung Machiavellis sich durchzusetzen gewußt. Nicht die ausgleichende und versöhnende Menschheitspolitik, nicht »das Erasmische«, sondern die jede Gelegenheit entschlossen nützende Hausmachtpolitik im Sinne des »Principe« hat seitdem die dramatische Entwicklung der europäischen Geschichte bestimmt. Ganze Geschlechter von Diplomaten haben ihre kalte Kunst aus dem politischen Rechenbuche des grausam scharfsichtigen Florentiners gelernt, mit Blut und Eisen sind die Grenzen zwischen den Nationen eingezeichnet und immer wieder neu umgezeichnet worden. Das Gegeneinander und nicht das Miteinander hat die leidenschaftlichsten Energien in allen Völkern Europas herausgezwungen. Niemals dagegen hat bisher der erasmische Gedanke Geschichte gestaltet und sichtbaren Einfluß genommen auf die Formung des europäischen Schicksals: der große humanistische Traum von der Auflösung der Gegensätze im Geiste der Gerechtigkeit, die ersehnte Vereinigung der Nationen im Zeichen gemeinsamer Kultur ist Utopie geblieben, unerfüllt und vielleicht nie erfüllbar innerhalb unserer Wirklichkeit.

Aber in der geistigen Welt haben alle Gegensätze Raum: auch was im Wirklichen niemals sieghaft in Erscheinung tritt, bleibt dort wirksam als dynamische Kraft, und gerade die unerfüllten Ideale erweisen sich als die unüberwindlichsten. Eine Idee, die nicht in Erscheinung tritt, ist darum weder besiegt noch als falsch erwiesen, eine Notwendigkeit, auch wenn sie verzögert wird, nicht minder notwendig; im Gegenteil, nur Ideale, die sich nicht durch Realisierung verbraucht oder kompromittiert haben, wirken in jedem neuen Geschlecht als Element sittlichen Auftriebs fort. Nur sie, die nie noch erfüllten, haben ewige Wiederkehr. Darum bedeutet es im Geistigen keine Entwertung, daß das humanistische, das erasmische Ideal, dieser erste sichtbare Versuch einer europäischen Verständigung, nie zur Herrschaft und kaum jemals zu einer politischen Wirkung gelangte: es liegt nicht im Wesen des Willens zur Überparteilichkeit, jemals Partei und Majorität zu werden, und kaum ist zu erhoffen, jene heiligste und höchste Lebensform goethischer Gelassenheit könne jemals Form und Inhalt der Massenseele werden. Jedes humanistische, auf Weite des Weltblicks und Helligkeit des Herzens gestufte Ideal ist bestimmt, ein geistes-aristokratisches zu bleiben, wenigen gegeben und von diesen wie ein Erbgut von Geist zu Geist, von Geschlecht zu Geschlecht verwaltet, aber niemals wird andererseits dieser Glaube an ein künftiges Gemeinschaftsschicksal unserer Menschheit irgendeiner Zeit, und sei sie auch die verwirrteste, völlig abhanden kommen. Was Erasmus, dieser enttäuschte und doch nicht zu enttäuschende alte Mann, mitten im Wirrsal der Kriege und der europäischen Verzwistung als Vermächtnis hinterließ, war nichts als der erneute uralte Wunschtraum aller Religionen und Mythen von einer kommenden und unaufhaltsamen Vermenschlichung der Menschheit und von einem Triumph der klaren und gerechten Vernunft über die eigensüchtigen und vergänglichen Leidenschaften: mit unsicherer und oft verzagter Hand zum erstenmal pragmatisch hingezeichnet, hat dieses Ideal mit immer wieder neuer Hoffnung den Blick von zehn und zwanzig Generationen Europas belebt. Nichts, was klaren Geistes und aus reiner sittlicher Kraft jemals gedacht und gesagt wurde, ist völlig vergeblich; auch von schwacher Hand und nur unvollkommen geformt, regt es den sittlichen Geist zu immer wieder erneuter Formung an. Es wird der Ruhm des im irdischen Raum besiegten Erasmus bleiben, dem Humanitätsgedanken literarisch den Weg in die Welt gewiesen zu haben, diesem einfachsten und zugleich ewigen Gedanken, daß es höchste Aufgabe der Menschheit sei, immer humaner, immer geistiger, immer verstehender zu werden. Nach ihm spricht sein Schüler Montaigne, dem die »Unmenschlichkeit das schlimmste aller Laster« bedeutet, »que je n'ay point le courage de concevoir sans horreur«, die Botschaft der Einsicht und Nachsicht weiter. Spinoza fordert statt der blinden Leidenschaften den »amor intellectualis«, Diderot, Voltaire und Lessing, Skeptiker und Idealisten zugleich, sie kämpfen gegen jene Eingeschränktheit der Gesinnung zugunsten einer allverstehenden Toleranz. In Schiller ersteht die Botschaft des Weltbürgertums dichterisch beschwingt, in Kant die Forderung des ewigen Friedens, immer wieder bis zu Tolstoi, Gandhi und Rolland verlangt der Geist der Verständigung mit logischer Kraft sein sittliches Recht neben dem Faustrecht der Gewalt. Immer wieder bricht der Glaube an eine mögliche Befriedung der Menschheit gerade in den Augenblicken eifervollster Verzwistung durch, denn die Menschheit wird nie und niemals leben und schaffen können ohne diesen tröstlichen Wahn eines Aufstiegs ins Sittliche, ohne diesen Traum einer letzten und endlichen Verständigung. Und mögen die klugen und kalten Rechner immer wieder von neuem die Aussichtslosigkeit des Erasmischen erweisen und mag die Wirklichkeit ihnen abermals und abermals recht zu geben scheinen: immer werden jene vonnöten sein, die auf das Bindende zwischen den Völkern jenseits des Trennenden hindeuten und im Herzen der Menschheit den Gedanken eines kommenden Zeitalters höherer Humanität gläubig erneuern. In diesem Vermächtnis wirkt schöpferisch eine große Verheißung. Denn nur was den Geist über den eigenen Lebensraum ins Allmenschliche weist, schenkt dem einzelnen Kraft über seine Kraft. Nur an den überpersönlichen und kaum erfüllbaren Forderungen fühlen Menschen und Völker ihr wahres und heiliges Maß.