Anzeige
Theodor Gottlieb von Hippel der Ältere: Über die Ehe

Beschluß

Die Brautnacht und das erste Kapitel in einem Buche sind sich so ähnlich wie ein Vater und ein Autor. Eine kluge Hebamme fängt nicht von derselben zu zählen an, und wenn ein Autor beim ersten Kapitel seine Bogen als bar Geld rechnet, so macht er bankrott, es wäre denn, daß der Verleger ihn schadlos hält, wovon es einige Beispiele geben soll. Ich möchte wetten, daß wir unter tausend Anfängen eines Buches nicht einen einzigen zu sehen bekommen. Was mich betrifft, so sind es vier Vorberichte, die ich ausgestrichen habe, und der jetzige ist keinen Augenblick sicher, solange er noch in der väterlichen Gewalt ist. Unter allen Menschenaltern ist die Kindheit die gefährlichste, und die meisten Menschen sterben als Kinder –: würde ich sagen, wenn ich nicht wider die Allegorie sündigen und einen Ehebruch begehen wollte, denn die Metapher hat die Eigenschaft der Ehe: man muß nicht aus einem Gleichnis in ein anderes kommen. Der Anfang ist schwer, die Mitte angenehm, das Ende lustig, sagen die Schullehrer zu ihren Untergebenen, wenn sie ihnen die fünf Deklinationen und die vier Konjugationen beizubringen anheben, und ein jeder, selbst der Geistliche am Schluß eines alten Kirchenjahres, versichert, daß Ende gut, alles gut sei. Diese Umstände, besonders der letzte, sollten mich verlegen machen, allein ich bin es so wenig, daß ich Herz genug besitzen würde, vor meinen Lesern die verworfenen vier Eingänge, von welchen ich oben geredet habe, in den vorigen Stand zu setzen, wenn ich sie nicht außerdem, daß ich sie ausgestrichen, zugleich zerrissen und aus dem Fenster in meinen Garten geworfen hätte, wo sie in alle vier Gegenden der Welt hinflogen, doch, wie es mir aus Vaterliebe vorkam, so, daß ein Stück Eingang beim anderen Stück blieb und jeder Eingang eine Gegend der Welt sich zueignete. Sie sind also ebensogut in der Welt, wie die gegenwärtige Schrift ist. Eine Idee aus diesem Gespann von Eingängen will ich meinen Lesern mitteilen, weil ich sie zum Beschluß nötig habe.

Seitdem der englische Diogenes, Laurence Sterne, eine empfindsame Reise angestellt, so läßt halb Deutschland anspannen, und ein gut Teil ist schon unterwegs. Unfehlbar ist diese allgemeine Reisesucht schuld daran, daß ich mir Schriftsteller und Leser wie ein Paar Reisende vorstellte, die in einem Posthause zusammentrafen. »Wohin?« –: »Nach xxx!« –: »Allerliebst, wir reisen zusammen!« Die Worte: Wir reisen zusammen! haben eine so sympathetische Kraft, daß Magnet und Eisen nicht so geschwind zusammen sind als diese beiden Herzen. Der Reisekoffer wird zu-, und das Herz wird aufgeschlossen. Man erzählt sich seinen Lebenslauf bis zu dem Vorfall, da man sich in dem Posthaus zusammengefunden hat, und obgleich dieser Vorfall beiden bekannt ist, so will ihn doch jeder erzählen. Sobald sie nach xxx kommen, so sagen sie: »Ihr Diener«, und jeder geht seiner Wege.

Dieses waren ungefähr meine Gedanken, die ich in dem Eingang Nr. 3 besser vorgetragen hatte. Ich merkte im selbigen an, daß bei Autor und Leser der Unterschied wäre, daß nur der Autor erzähle und daß es schwerer sei, aufrichtig zu hören, als so zu erzählen.

»Wo Gott und mein Pferd will«, antwortete ein Feldprediger, der das Roß seines Generals ritt, das er nicht regieren konnte, auf die Frage: »Wohin?« Vor dieser Frage bin ich zwar, weil ich den Schluß erreicht habe, sicher, allein nicht im geringsten vor der Frage: Woher? Desto schlimmer! Ich will mich tausendmal eher wohin als woher fragen lassen. Mein Trost ist, daß einige meiner Leser »Ihr Diener!« sagen und ihrer Wege gehen werden, und diesen bin ich für ihr gutes Herz mit gleich gutem Herzen verbunden. Wider einen bösen Weg und ein störrisches Pferd kann niemand. Guter Freund oder Freundin, wer du auch seist, der oder die du mir nicht nachsiehst, wo ich einkehre, noch mich für einen Menschen hältst, der flüchtigen Fuß gesetzt hat, weil ich inkognito gereist bin; guter Freund oder Freundin, der Himmel schenke dir einen besseren Reisegefährten und bessere Pferde und einen besseren Weg.

Es würde mich unendlich kränken, wenn du, ehrliche Seele, ein einziges Wort finden solltest, daß dich in dieser Schrift verdrießen könnte. Mit Freuden würde ich deinetwegen ein Kapitel dem Feuer übergeben, um die Weltgegenden nicht zu belästigen. Denn es wäre mir unendlich lieber, mit sieben Kapiteln, nach der Zahl der Farben im Sonnenstrahl, zu erscheinen als mit acht, wenn in einem ein Wort, das dich ärgert, vorhanden sein sollte.

Was dich beruhigen kann, ist, daß ich sehr entfernt bin, jemandem meine Meinung aufzudringen. Solange man nicht aufhören kann, zu fragen: warum?, ists einem jeden erlaubt zu sagen: darum. Sokrates redete sokratisch, und ich habe ehemäßig geschrieben. Scherz und Ernst ist verwebt, und wenn sich am Hochzeitsfeste das harte Wort: »Was Gott zusammenfügt, soll kein Mensch scheiden«, der priesterliche Segen, das Lied: »Nun danket alle Gott« und dann ein englischer, ein polnischer und ein französischer Tanz miteinander vertragen, so habe ich geglaubt, es würde auch in meiner Schrift ohne Lärm abgehen, wenn die Schärung Ernst und der Einschlag Scherz wäre. Was dir nicht gefällt, gute Seele, schreibe flugs auf die Rechnung des Scherzes, denn wenn man gleich im Scherz nicht lügen muß, so ist doch der Irrtum im Scherz am ersten zu vergeben, weil er am wenigsten Schaden tut. Es ist wahr, ich halte in meiner Schrift die Hand nicht vor, wenn ich gähne, und sage nicht: Gott helfe!, wenn mein Nachbar niest, allein ich bin der Meinung, daß alles, was natürlich ist, nicht schändlich sein kann. Ich weiß, daß zwischen Denken und Sagen ebenso ein Unterschied ist wie zwischen Wissen und Tun, und ich hätte hier und da mich schicklicher ausdrücken können, wenn ich gewohnt gewesen wäre, auf Worte zu studieren, die bei mir das Mühlenrecht genießen: was zuerst kommt, das nehm ich zuerst. Man hat mit dem Gedanken schon genug zu tun, und wer ihre Eifersucht kennt, die sie sogleich äußern, wenn man sich gegen die Worte ein wenig artig führt... Aber auch die Gedanken? Es ist wahr, ich hätte hier und da anders denken können, und ich stehe nicht dafür, ob man nicht mich hier der Kurz- und dort der Weitsichtigkeit beschuldigen wird, allein wer kann für Unglück! Wer einen Fehler an den Augen hat, pflegt desto bessere Ohren zu haben. Ich verlange nicht den Schein der Unfehlbarkeit. Ein kleines Steinchen macht nicht gleich das Wasser trübe, und es ist schon ein Verdienst, nach dem Ziele zu werfen, wenn man gleich nicht trifft. Ist man nicht ein halber Erfinder, wenn man einem andern durch seinen Irrtum zu Erfindungen Gelegenheit gegeben? Hat derjenige nicht einen Anteil am neuen Gebäude, der das alte gotische abgerissen hat, obgleich er nicht in den Umständen gewesen ist, allen Schutt wegzubringen? So viel wird mir auch ein Feind zugestehen, daß ich einen Abscheu gegen alle Ausschweifungen zu erkennen gegeben habe. Was ist verächtlicher als ein Schmetterling, der von einer Blume zur anderen flattert, und als ein Reh, das aus einem Walde in den andern läuft?

Ich erkläre hiermit die Liebe für den Puls der Natur, und wenn alles zu diesem Hauptpunkt geleitet wird, bei welchem das Mittel Vergnügen und der Endzweck Nutzen ist, so bin ich, wo ich sein wollte. Nach dieser Quelle wird das meiste schmecken, wenn man das Wasser in einem reinen Gefäß auffängt.

Das schöne Geschlecht kann über mich keine gerechte Klage anstellen. Habe ich gleich nicht im Auftrag unserer Gattin geschrieben, wie es in alten Diplomen heißt, so bin ich doch ein strenger Verteidiger fraulicher Vorrechte gewesen. Ich glaube nicht mehr, was in alter Zeit geglaubt worden ist, daß Frauen göttlichen Ursprungs seien, denn sie zieren die Menschheit zu sehr. Wenn ich etwas Untreue nannte, was die meisten Eheweiber auf die Rechnung der Lebensart schreiben, so habe ich getan, was ich zu tun schuldig war. Wer mich beschuldigt, daß ich so wie die Maler geglaubt hätte, die Engel wären männlichen Geschlechts, der irrt sich. Ich habe dem schönen Geschlecht andere Vorzüge beigelegt, die sich selbst loben. Einem Autor ohne Namen steht keine andere Denkungsart an. Ich habe zur Ehre des Hauswesens geschrieben und wollte daher nicht feines Brot backen, sondern bloß hausbackene Philosophie auftragen. Ich mag nicht zahme Tiere wild und wilde zahm machen, denn ich bin ein zu großer Freund der Natur.

Bleibt es bei der ersten Auflage, wie ich zu hoffen und nicht zu befürchten Ursache habe, so habe ich eine Mühe weniger in der Welt. Ein Bäumchen, das im ersten Winter ausgeht, kann der Gärtner im Frühling nicht verpflanzen, um sein Wachstum zu befördern, überlebt aber meine Schrift den Winter, so könnte wohl hier und da was Neues ausschlagen.

Vieles in dieser Schrift gehört auf die Rechnung meines Vaterlandes. Ein Prophet gilt nirgend weniger als in seinem Vaterlande, in seiner Vaterstadt läßt man ihn gar verhungern, obgleich man, was den Durst anbetrifft, weniger grausam mit. ihm verfährt. Da ich aber kein Prophet bin, so hab ich mich um niemand anders als mein vielgeliebtes deutsches Vaterland bekümmert, das in bezug auf die Ehe mit der Natur noch in so ziemlichem Einvernehmen steht. Ich bin sehr für Leute, welche reisen, um ihr Vaterland schätzenzulernen. Vielleicht stirbt man leichter in der Fremde, weil der Tod einem verlassenen Herzen lieb ist. Leben aber muß man, wo man geboren ist.

Es ist süß, fürs Vaterland –: Federn zu schneiden. Denn ohne meiner andern kleinen Mühen zu gedenken, so habe ich sechse zu dieser Schrift geschnitten. Der Franzose würde mich, wenn er diese Schrift lesen müßte (denn wollen wird ers nie), für einen Idioten in der Liebe halten, der Italiener für einen frommen Pilger. Und der Engländer, der sonst unser lieber Vetter ist? Was die Liebe anbetrifft, so sind wir nicht ganz aus einem Hause. Er ist von der Schwester, wir vom Bruder. Er ist Sklave seines Weibes, so wie wir von Gottes Gnaden Herren sind, vielleicht weil er sich des Vorzugs einer wichtigeren Freiheit viel zu sehr bewußt ist, als daß er sich darum in seinem Hause Mühe geben sollte.

Es ist bekannt, daß die Geistlichen der protestantischen Kirche, besonders auf dem Lande, wo man in diesem Stück noch etwas protestantischer ist, sich verheiraten müssen, wenn sie Zutrauen bei ihrer lieben Gemeinde haben wollen, obgleich die Geistlichen einer andern, wiewohl auch christlichen Kirche, die Ehe als ein Sakrament ansehen und die Gabe der Enthaltsamkeit oder der Verschneidung von Natur haben, wenigstens haben müßten. Aus dieser christlichen Unübereinstimmung wird sich so viel ergeben, daß es eben nicht notwendig sei, daß ich durchaus geheiratet sein müsse, und daß ich es nicht bin, wolle man sich von mir versichern zu lassen geruhen, wer adligen, und belieben, wer bürgerlichen Standes ist. Dieses ist der einzige Umstand, den ich für nötig finde, von mir anzuführen.

Des Piaton »Phädon« machte, daß sich jemand ins Meer stürzte, und wenn ich so viel erlange, daß meiner Schrift wegen nur ein einziger junger Mensch sich entschließt, ein Mädchen glücklich zu machen, so möchte ich wissen, wie ich selbst als Autor glücklicher sein könnte.

Gehab dich wohl, nicht bis auf Wiedersehen, denn es ist eher möglich, daß wir uns nicht mehr treffen, als daß es geschieht, wobei aber die Ehre, wenn es geschehen sollte, allemal auf meiner Seite sein wird. Gehab dich wohl!

Noch ein paar Worte an dich, kunstrichterlicher Leser, der du diese Schrift mit einer Bleifeder ergriffen und so manche Stelle mit derselben (auch wohl in der Hitze mit dem Nagel des Zeigefingers deiner rechten Hand) angezeichnet hast. Ich würde dieses weglagern nennen, wenn ich nicht dieses Wortes wegen noch ein Notabene mehr befürchten müßte. So viel ist gewiß, daß ich keine Beurteilung durch Lügen erschlichen habe und daß ich mich mit Freuden dem Urteil zu unterwerfen bereit bin, das ein kompetenter Richter, der das Recht nicht beugt und meine Schrift, nicht mich, beurteilt, aussprechen wird. Leuten von anderer Art, denen das Hauptstück ihrer Beurteilung fehlt, weil sie meinen Namen nicht wissen, dient zur Nachricht, daß niemand meinem Paß gesehen hat, woraus sich Namen, Vaterland und daß ich aus einem gesunden Ort ausgereist bin, ergibt.