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Joseph Marie de Maistre über Regierung

Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.
Brief vom 15.VIII.1811
Zitat von Joseph Marie de Maistre
Joseph Marie de Maistre
französischer Schriftsteller sowie Diplomat, Staats- und Geschichtsphilosoph
* 01.04.1753, † 26.02.1821
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Gedanken zum Zitat von Tom Borg

Als Joseph Marie de Maistre sich darüber ausließ, dass jedes Volk die Regierung hat, die es verdient, war die Welt noch weit von den heutigen Demokratien entfernt. Man schrieb das Jahr 1811. Der Prince of Wales und spätere König George IV. übernahm die königliche Gewalt in Großbritannien nachdem sein Vater George III. wegen langer Geisteskrankheit die Amtsgeschäfte nicht mehr führen konnte. Im Rahmen der Napoleonischen Kriege siegten französische Truppen in der Schlacht am Gévora bei Badajoz und eine britisch-portugiesische Armee unter Arthur Wellesley, 1. Duke of Wellington besiegte eine französische Armee unter Marschall André Masséna. Durch das Berliner Polizeireglement wurde in Berlin die erste Kriminalpolizei in Deutschland geschaffen und in Österreich das Allgemeine bürgerliche Gesetzbuch verkündet, weches ab Jahresbeginn 1812 gelten sollte.

Vor diesem kriegerischen und absolutistischen Hintergrund klingt de Maistres Satz fast schon etwas sarkastisch, denn was konnte man schon tun, außer auf die Barrikaden zu gehen? Doch genau dies schloss de Maistre mit seiner Feststellung ein: Man muss für Werte und die eigenen Überzeugungen kämpfen - wenn es sein muss, auch mit der Waffe in der Hand.

Davon sind wir heute wiederum weit entfernt, zumindest im übertragenen Sinn. Kaum ein Mitteleuropäer kann sich vorstellen, seine Interessen mit Waffengewalt durchzusetzen oder gar schützen zu müssen.

Doch geographisch betrachtet ist die Ukraine mit ihren bürgerkriegsähnlichen Zuständen gar nicht so weit entfernt.

Die Welt ist voller Kriege bei denen es nicht um die Eroberung von Territorien geht, sondern um die politische Vorherrschaft.

Doch auch wenn wir von einer Flüchtlingswelle überrollt werden, können wir Mitteleuropäer uns nicht vorstellen, mit der Waffe in der Hand für die politische Überzeug zu kämpfen. Den meisten ist selbst eine Demonstration schon zuwider oder zu viel; es kostet Überwindung und vielleicht den Job oder gar mehr.


Zukunftskiller Desinteresse


Die politisch Aktiven, die Berufspolitiker und die sogenannten Eliten wissen sehr um genau diese politische Behäbigkeit und nutzen sie zu ihren Gunsten aus. Wie sagte Jean-Claude Juncker: "Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt."

Das passiert leider immer öfter, weil die Menschen sich immer mehr einlullen lassen. Der persönliche Komfort und Lebensstandard ist wichtiger als das gesellschaftliche Wohlbefinden. Protestiert wird am Stammtisch oder im Internet. Aber wenn es gilt, den Job, das Auto oder gar das halb abgestotterte Häuschen zu riskieren, dann ist Schluss mit Protestieren. Dann wird kleinlaut geschluckt, was da politisch serviert wird.

Dabei passiert es immer öfter, dass Menschen gar nicht mehr bemerken, dass sie etwas schlucken sollen, weil die Kröten gut verpackt serviert werden. Das geht Hand in Hand mit ansprechenden Unterhaltungsangeboten, die Menschen so nachhaltig ablenken, dass sie sich weniger mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigen weil weder Zeit noch Interesse übrig ist. Die permanente Berieselung mit vorgefertigten Meinungen lässt zudem ein Volk langsam und fast unbemerkt abstumpfen. Manches wird gar nicht mehr wahrgenommen - oder irgendwann widerspruchslos hingenommen. Man gewöhnt sich an gängige Meinungen und Verhältnisse.

Wie viele Menschen schimpfen über TTIP-Abkommen, BER-Flughafen oder andere Missstände. Aber wie viele würden dafür wirklich an einem Generalstreik teilnehmen? Wie viele Menschen würden ihren Wohlstand riskieren, um eine andere Politik, eine andere Regierung zu erzwingen, indem das Land solange lahmgelegt wird, bis die Machtmissbraucher klein beigeben?

Das Stichwort Solidarnosc belegt, dass es sogar in totalitären Gesellschaften möglich ist, ein Ziel durchzusetzen. Lech Walesa, einer der Führer der Bewegung, schaffte es in Polen vom Elektriker zum Präsidenten. Er nahm vieles auf sich, vor dem andere Menschen sich ängstigen. Doch er schaffte es, Polen von einem realsozialistischen zu einem demokratisch-marktwirtschaftlichen Land zu führen.

Man kann die Regierung bekommen, die man haben will, wenn man dafür kämpft. Sind die Menschen dazu jedoch nicht bereit, dann bekommt ein Volk tatsächlich die Regierung, die es verdient. Eine, die jede menschliche Schwäche des Volkes zum eigenen Vorteil nutzt, eine der nichts zu schäbig ist, die eigenen Interessen durchzusetzen und dafür das eigene Volk nach Strich und Faden belügt und betrügt. Wenn das Volk sich all das gefallen lässt, dann hat es eine solche Regierung in der Tat verdient, denn die Regierung ist letztlich nur der politisch-gesellschaftliche Spiegel den das Volks sich selbst vorhält. Das Volk wählt sich seine Regierung - und politisch Desinteressierte werden regiert von Menschen, die sich sehr für Politik interessieren und deren Möglichkeiten für ihre persönlichen Interessen zu nutzen wissen.