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Stanislaw Lem über Unwissenheit

Ein hartnäckiger Begleiter der Erkenntnis ist die Unwissenheit über die eigene Unwissenheit.
Also sprach Golem, S. 184, Insel Verlag 1984
Zitat von Stanislaw Lem
Stanislaw Lem
polnischer Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor
* 12.09.1921, † 27.03.2006

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

»Ich weiß, dass ich nichts weiß«, mag man Stanislaw Lem mit der Sokrates-Aussage zurufen, die Cicero bezeugte und sich auf Platons Apologie bezieht. Doch wie vorschnell werden geflügelte Worte eitel in den Gesprächsraum geworfen, um damit eigenes Bildungswissen kundzutun und die Sache zur Koketterie hoch zu steigern.

Weisheit, Bildung, Denken, Erkenntnisse, Erfahrungen, Scheinwissen oder Weltkenntnis sind Begriffe, die sich mal stark oder mal schwach überlappen können, wenn es um unser eigenes Wissen geht. Seitdem die Welt immer komplexer wird und der Homo Sapiens gezwungen war, sich über viele weitere Zwischenzustände zum Homo technologicus zu entwickeln, mag ein wenig neue Bescheidenheit eingekehrt sein, die das geflügelte Sokrates-Wort heute mehr denn je als zeitgemäß erscheinen lässt.

Denn der moderne Mensch ist in einem nie gekannten Ausmaß an eine atemlos machende Geschwindigkeit technischer Fortschritte angebunden, mit der kaum noch jemand mithalten kann. Das heutige Spezialistentum, zersplittert in zahllose Fachgebiete, hat sich die Welt neu erobert. Das Universalgenie früherer Zeiten hat ausgedient und kann nicht mehr mithalten angesichts der Fülle von Wissen auf allen Gebieten. Insofern dürfte der Gegenwartsmensch leisere Töne bezüglich seines Wissens anschlagen, als der gut Gebildete noch vor hundert oder zweihundert Jahren.

Doch was ist Wissen, was ist Erkenntnis? Wissen ist vor allem auch eine Sache der Quantität, neben der Qualität, die sie bergen kann. Wissen kann man in vielen Bereichen erwerben, wenn man nur genug Zeit und Kraft in die Wissensaufnahme investiert und diese auch abrufbar in sich abzuspeichern weiß. Wissen beinhaltet Fakten, Theorien, Regeln, die man allgemein als wahr anerkennt. Die Erkenntnistheorie versteht unter Wissen traditionell eine wahre und gerechtfertigte Auffassung.


Scheinwissen contra Wissen


Wissen wird nicht ohne weiteres auch zur Weisheit und Wissen bedeutet auch nicht automatisch, dass eine persönliche Erkenntnis der oft sehr komplizierten Zusammenhänge verbunden sein muss. Philosophieren kann man nur dann über diese Dinge, wenn man zunächst auch ein Bewusstsein für sein eigenes Nichtwissen voraussetzt. Die Masse des Scheinwissens, dass sich in uns allen in unterschiedlichen Formen, Themen und Quantitäten angesammelt hat, ist dabei nicht immer gleich zu entlarven, sondern will nach und nach entdeckt und korrigiert werden.

Zu unterscheiden ist auch die reine Sachkenntnis von den Dingen und die ethische Haltung dazu, die sich diametral entgegenstehen können.

Wissen und Gewissen sind unterschiedliche Begriffe und haben dennoch einen gemeinsamen Wortstamm, der sich im Verlauf der Lebenspraxis aber auch als Bruderschaft einer Notwendigkeit erweist. Denn dort, wo wir Wissen nutzen, ohne unser Gewissen auch einzuschalten, entstehen eben all jene Zustände, die die Schöpfung an den Rand des Überlebens bringen. Das aktuelle Massenphänomen des dramatischen Artensterbens beispielsweise wurde trotz Wissens um die Zustände über Bestände und Gefahren von der Menschheit zugelassen, weil sie nicht von genügend Gewissensbissen um ihre Taten und Unterlassungssünden tangiert war. Wissen ohne Gewissen kann in die Katastrophe führen.

Doch zu Beginn der Überlegungen zu den Worten von Stanislaw Lem steht die kritische und ehrliche Selbstbilanz über das eigene Wissen und Nichtwissen. Erst wenn man hier in aller Bescheidenheit klar erkennt, wie unendlich begrenzt unser Wissen ist, dann ahnen wir auch, dass wir die Folgen unseres Handelns an vielen Stellen nicht nur nicht überblicken, sondern vor allem auch nicht verantworten können. Dennoch verschließen wir allzu gern die Augen vor dieser Tatsache.

In der Realität des Alltags jedoch fragt kaum jemand an entscheidender Stelle, ob er oder sie dies oder das verantworten kann, weil die Verantwortung ja nicht höchst persönlich übernommen werden muss. Verantwortlich ist die »Regierung« in toto. Oder die EU, oder ein Gremium oder eine Organisation. Diese übliche Art der Verantwortungslosigkeit ist fatal und beschleunigt viele Fehlentscheidungen zu Lasten der Lebensqualität, ja des Überlebens von Menschen, Tiere und Pflanzen. Auch die Mineralstoffe der Erde sind durch den enormen Raubbau mit brachialer Abbaugewalt tangiert und werden das Antlitz der Erde nachhaltig negativ beeinflussen.


Hartnäckigkeit an der richtigen Stelle


Stanislaw Lem, der polnische Philosoph, Essayist und Aphoristiker, spricht zu Recht vom hartnäckigen Begleiter der Erkenntnis, der der Unwissenheit über die eigene Unwissenheit treu zur Seite steht. Hier haben wir es also mit einem Dilemma in Sachen Bewusstsein und kritischem Selbstbewusstsein zu tun. Wären wir uns alle darüber im Klaren, zu welchen Folgen es führt, dass die Unwissenheit über unsere Unwissenheit so enorm groß ist, dann würden Entscheidungen auf allen Ebenen anders gefällt. Man würde behutsamer, vorsichtiger und weitsichtiger mit allen Entschlüssen umgehen. Man würde andere, kritische und anspruchsvollere Fragen stellen und würde wo immer es möglich ist, Sicherheiten einbauen und neue Abwägungen treffen, damit unser Unwissen nicht zu unnötigen Folgeschäden führt, die oftmals irreparabel sind.

Doch wie kommt man dazu, wenigstens sein eigenes Unwissen über die eigene Unwissenheit nach und nach abzubauen? Jeder wird sein eigenes Rezept dafür finden müssen. Bei dem einen mag der Schock wirken. Bilder und Informationen über all die menschengeschaffenen Katastrophen dürften so manchen aufrütteln. Doch dieser Schock, das wissen wir mittlerweile, hält in der Regel nur kurz an, weil sich der Mensch allzu schnell gegen all die vielen realen Schockbilder immunisiert. Es wäre angesichts der Massen sonst nicht zu ertragen. Was bleibt? Das eigene Gewissen. Daran kann jeder nur selbst arbeiten. Das kann nicht per Dekret verordnet werden. Wer den Planeten Erde mit all seiner unsagbaren Schönheit liebt, wird nach und nach aus ganz eigenem Antrieb dafür sorgen, dass er ganz persönlich so viel Schaden wie möglich von unserer Welt abzuwenden weiß. Und dieses Bewusstsein führt dann auch in die Tat des realen Alltags oder auch zur Wahl bei politischen Entscheidungen. Dafür braucht es keine bestimmte politische, keine ideologische oder religiöse Motivation, sondern nur die Liebe zum Leben selbst und die Einsicht, dass Wissen und Gewissen eine Einheit bilden müssen – zuvor aber die klare Erkenntnis über die Begrenztheit des eigenen Wissens die Grundlage bilden muss, wie es Lem uns aufzeigt.