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Eduard Mörike

deutscher Schriftsteller (1804 - 1875)

Müde, enttäuscht, grämlich und hypochondrisch - so blickt Eduard Mörike aus seinen Bildnissen,; unverkennbar jener Zug leiser Bitterkeit, den das Bewusstsein heraufruft, vom unmittelbaren Leben geschieden zu sein. Mörike war unzufrieden mit sich uns seinem Leben und er wusste selbst nur allzu gut um seine Schwächen. Über seine achtjährige "Vikariatsknechtschaft" als Vikar und später Pfarrverweser schreibt er bereits am 9. Dezember 1827, im Alter von 24 Jahren: "Du ahnest ohne Zweifel bereits den Grund jener unschmackhaften Stimmung. Das geistliche Leben ists. Ich bin nun überzeugt, es taugt nicht für mich…"

Von Dezember 1827 bis Februar 1829 war sein Dienst durch Urlaub unterbrochen, den er aus gesundheitlichen Gründen beantragt hatte. Dahinter steckten allerdings seine generellen Zweifel an einer kirchlichen Laufbahn. Mörike hätte sich lieber der Schriftstellerei gewidmet, wagte es aber, anders als seinerzeit Hölderlin, nicht, sich als freier Schriftsteller durchzuschlagen. So plagte er sich noch einige Jahren mit dem ungeliebten "Brotberuf", den er weder ausüben noch - aus finanziellen Gründen - niederlegen wollte. Erst 1843, nachdem er sich aus gesundheitlichen Gründen beim Pfarrdienst mehrfach durch einen Vikar hatte unterstützen lassen, beantragte er die Versetzung in den Ruhestand. 1844, im Alter von 39 Jahren pensioniert, ließ Mörike sich nach einem kurzen Aufenthalt in Schwäbisch Hall in Bad Mergentheim nieder.

Doch auch damit hatte er sein Leben nicht wirklich im Griff. Es mangelt Mörke an Durchhaltevermögen und Selbstbewusstsein. Alles Durchgehaltene ist ihm fremd, und es liegt ihm fern, seinen Erleuchtungen oder Verdüsterungen zu gebieten oder gar sich gegen sie hartnäckig zu behaupten.

Bereits den i8jährigen Mörike kennzeichnet Waiblinger: "Mörike ist ganz der Raub des Momentes - Alles kann auf ihn Einfluß haben ... er ist zu flüchtig ... Mörike ist über keine Stunde seines Lebens Meister. Er verspricht tausenderlei, aber wer weiß, was dazwischen kommt, kurz, es bleibt immer beim Versprechen oder beim Vorsatz. Es ist denn doch Mangel an Selbständigkeit."

Unablässig war er bemüht, sich einen Freiraumzu bewahren, der ihm erlaubte, in wunderbar gemischter Stimmung zu schwelgen: "so berausch ich mich wohl ganze Viertelstunden in dieser purpurischen Nacht der süßesten Gedanken, der lieblichsten, zärtlichsten Wehmut. Ich sage Nacht und Purpur, denn jene lichte Dämmerung verdichtet sich zuletzt auch wohl, je tiefer die Gedanken gehn, bis zur dunkelseligen Selbstvergessenheit, wo die äußeren Sinne sich zu schließen scheinen, alles, was uns umgibt, verschwindet und versinkt und die innerste Seele die Wimpern langsam erhebt ..."

Dieses Sich-Zurückziehen, Im-Unklaren-Belassen, diese Art von Treulosigkeit gegenüber allem, bleibt für Mörike ebenso quälend wie unüberwindlich. Im Februar 1822 vertraut er sich Waiblinger an: "Das ist ein wunderlicher, aber schon tausendmal von mir verfluchter Zug, daß ich aus einer dunkeln Besorgnis, ich möchte dem Freund oder Bekannten, den ich zum erstenmal oder auch nach langer Zeit wieder sehe, in einem ungünstigen Licht erscheinen, blitzschnell aus meinem eigenen Wesen her- austrete. Das ist schon so eingewurzelt bei mir, daß ich diese Maske fast bewußtlos annehme und so den Freund abhalte, mir frei mit warmem Zutrauen entgegenzukommen, mithin keinem von beiden, am wenigsten mir selbst damit diene. Dabei ist mir aber nicht wohl zumute; es drückt mich immer; es ist als wär ich in einem neblichten Duft halb eingeschleiert, als stünde der Freund klar und wahrhaft mir vor Augen, wo ich mich ihm dann so gerne ganz und unbefangen zeigen möchte, je mehr ich ihn lieb gewinne und bemerke, daß er so mich nicht lieben kann: da möcht ich ihm gerne mit Tränen mein Inneres aufschließen, aber ich kann nicht mehr aus dem Schleier herausspringen, ich scheue mich vor ihm und zürne wütend über mich selber. Und dieser Zwiespalt, diese Unzufriedenheit mit mir steigt dann aufs höchste, wenn der Geliebte fort ist: ich brenne ihn noch einmal zurückrufen zu können, um ihm das unechte Bild aus dem Herzen zu reißen."

Der Zwang zur Maske verrät sich in diesem Bekenntnis, aber auch das Wissen um das Verhängnisvolle dieser Nötigung. Ein Rätsel aus Rätseln, so bleibt Mörike schwer fassbar. Wo man Sinn und Mitte seines Wesens sucht, entzieht er sich, wo man ihn nicht vermutet, gibt er sich auf einmal halb und von ferne zu erkennen, um zu verschwinden, ehe man ihn festhalten kann. Dieses ungreifbare Mörike-Wesen äußert sich in allen Figuren des "Nolten", aber in keiner ganz, es bleibt unnahbar.

Mörike, der Lebensängstlichen, von steter Berührungsangst Befallene, verschließt sich allem Zudrang, dem Unerwarteten, Künftigen ausweicht, um fast ausschließlich in dem Gewesenen aufzugehen. "Es ist überhaupt in meinem wirklichen Zustand ein besonders peinlicher Zug, daß alles, auch das Kleinste, Unbedeutendste, was von außen Neues an mich kommt - irgendeine mir nur einigermaßen fremde Person, wenn sie sich mir auch nur flüchtig nähert, mich in das entsetzlichste, bangste Unbehagen versetzt und ängstigt, weswegen ich entweder allein oder unter den Meinigen bleibe, wo mich nichts aus dem unglaublich verzärtelten Gang meines innern Wesens herausstört und zwingt."

Mangelnder Selbstbesitz und zweifelhafte Selbstgewissheit nötigen Mörike, sein Ich zu verhüllen. Nur in der Geborgenheit einer Rolle vermag er sich auszusprechen; sie erlaubt es ihm, sich zu verbergen ohne sich jedoch zu verleugnen.

Dennoch oder vielleicht gerade deswegen, war Mörke ein sprachlich versierter Dichter, von seinen Zeitgenossen durchaus geschätzt. Ihm wurden einige Ehrungen zuteil und er hatte Kontakt zu anderen Schriftstellern; so besuchten ihn Theodor Storm und Friedrich Hebbel.

Aber Mörike blieb ein unbeständiger Geist. Er zog nach Stuttgart, wo er von 1856 bis 1866 Literatur am Königin-Katharina-Stift unterrichtete. In der Folgezeit von 1867 bis 1873 wechselte Mörike mehrmals Orte und Wohnungen, unter anderem lebte er kurz in Lorch. Eine wirkliche Heimat und seinen inneren Frieden fand er nur in seinen Werken.

Am 4. Juni 1875 starb Eduard Mörike in Stuttgart.