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Leo Nikolajewitsch Graf Tolstoi

russischer Schriftsteller (1828 - 1910)

Geboren am 9. September 1828 in Jasnaja Poljana bei Tula gehörte Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi dem russischen Adelsgeschlecht der Tolstois an. Er war das vierte von fünf Kindern. Sein Vater war der russische Graf Nikolaj Iljitsch Tolstoi (1794–1837), seine Mutter Maria Nikolajewna, geb. Fürstin Wolkonskaja (1790?1830). Als er mit neun Jahren Vollwaise wurde, übernahm die Schwester seines Vaters die Vormundschaft. 1844 begann er an der Universität Kasan das Studium orientalischer Sprachen. Nach einem Wechsel zur juristischen Fakultät brach er das Studium 1847 ab, um zu versuchen, die Lage der 350 geerbten Leibeigenen im Stammgut der Familie in Jasnaja Poljana mit Landreformen zu verbessern.

Ab 1851 erlebte Tolstoi in der zaristischen Armee als Fähnrich einer Artilleriebrigade den Krieg im Kaukasus. Seine Erfahrungen aus dem Krieg hatten starken Einfluss auf seine frühen Kaukasus-Erzählungen wie "Der Holzschlag", "Der Überfall" oder "Die Kosaken". Nach Ausbruch des Krimkriegs erlebte er 1854 den Stellungskrieg in der belagerten Festung Sewastopol. Die realistischen Berichte aus diesem Krieg, die 1855 als "Sewastopoler Erzählungen" erschienen, machten ihn über die Grenzen Russlands hinaus als Schriftsteller bekannt.

Statt seinen frühen Ruhm weiter auszubauen, bereiste Tolstoi 1857 und 1869/61 westeuropäische Länder. Er besuchte Künstler wie Charles Dickens und Iwan Sergejewitsch Turgenew und traf Pädagogen wie Friedrich Fröbel und Adolph Diesterweg. Nach seiner Rückkehr verstärkte er seine reformpädagogischen Bestrebungen und richtete Dorfschulen nach dem Vorbild Rousseaus ein. Tolstoi schrieb Lesebücher, die Erzählungen zu Geschichte, Physik, Biologie und Religion enthielten, um Kindern moralische und soziale Werte zu vermitteln. Generationen russischer Kinder erhielten bis in die 1920er-Jahre mit seinem erstmals im Jahre 1872 erschienen Schulbuch "Alphabet" die Grundschulbildung.

Tolstoi selbst lebte seit 1855 abwechselnd auf dem Gut Jasnaja Poljana, in Moskau und in Sankt Petersburg. Im Jahre 1862 heiratete Tolstoi die 18-jährige deutschstämmige Sofja Andrejewna Behrs, mit der er insgesamt 13 Kinder hatte. In den folgenden Jahren seiner Ehe schrieb er die monumentalen Romane "Krieg und Frieden" sowie "Anna Karenina", die Tolstois literarischen Weltruhm begründeten.

Mit der großen Anerkennung für seine Romane begann für Tolstoi eine Phase der Orientierungslosigkeit. Seine Sinnsuche erstreckte sich auf immer weitere Bereiche. Tolstoi setzte sich wiederholt und oft erfolgreich für politisch und religiös Verfolgte ein. Auch als Autor blieb er weiterhin produktiv, unterstützt von seiner Frau. Seine politische und religiöse Haltung führte ihn zur Frage nach beständigen moralischen Werten, die er für sich mit dem Anspruch auf bedingungslose Nächstenliebe und radikale Gewaltlosigkeit beantwortete.

Auf einer Reise im offenen Zug erkrankte Lew Tolstoi an einer Lungenentzündung und starb auf der Reise am frühen Morgen des 20. November 1910 im Bahnwärterhäuschen von Astapowo – umlagert von der Weltpresse. Zwei Tage später wurde er in Jasnaja Poljana begraben.