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Walther Rathenau

deutscher Politiker und Industrieller (1967 - 1922)

Walther Rathenau wurde am 29. September 1867 als ältester Sohn des deutsch-jüdischen Industriellen und des späteren Gründers der AEG Emil Rathenau und seiner Ehefrau Mathilde in Berlin geboren. Er wuchs zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern Erich und Edith in Berlin auf und besuchte das Königliche Wilhelms-Gymnasium in Berlin. 1886–1889 studierte er in Straßburg und Berlin Physik, Philosophie und Chemie bis zur Promotion über das Thema "Die Absorption des Lichts in Metallen". 1889/1890 folgte ein weiteres Studium in Maschinenbau an der Technischen Universität München.

Trotz seiner akademischen Würden schmerzte den jungen Rathenau seine jüdische Abstammung und die damit verbudnene Ablehnung, über die er später rückblickend schrieb: "In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann." Die erlebte Kluft zwischen Zugehörigkeit zur Elite und gleichzeitiger Diskriminierung begleitete ihn und bestimmte sein Handeln und Denken sein Leben lang.

Von 1893 bis 1898 übernahm Rathenau den Aufbau der von der AEG gegründeten Elektrochemischen Werke in Bitterfeld und Rheinfelden. Seit 1899 war Rathenau in leitenden Positionen für die AEG tätig, zunächst im Vorstand, 1902–1907 als Geschäftsinhaber in der nahestehenden Berliner Handels-Gesellschaft (BHG), seit 1904 vom Aufsichtsrat der AEG aus, dessen Vorsitzender er 1912 wurde. Ab 1904 vereinigte er nach und nach mehr als 80 Aufsichtsratsposten auf sich. Seine führende Stellung in der deutschen Wirtschaft wurde auch durch seine Aufnahme in die Gesellschaft der Freunde deutlich.

In der kritischen Rezessionszeit der deutschen Elektroindustrie setzte er sich erfolgreich für Konkurrenzverminderung durch Syndikate und Fusionen ein. Die erfolgreich von ihm betriebene Kartellpolitik ließen ihn ab 1914 als den geeigneten Mann für die Organisation der deutschen Kriegsrohstoffversorgung erscheinen und er wurde engster Berater seines Vaters.

Da die AEG stark an der deutschen Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg beteiligt war, war Rathenau als ihr Aufsichtsratsvorsitzender auch in die Kriegsplanungen der Reichsregierung eingebunden. Am 16. September 1916 nahm er an einer Konferenz im preußischen Kriegsministerium teil, auf der Carl Duisberg und andere führende Industrielle angesichts des kriegsbedingten Arbeitskräftemangels die Deportation belgischer Zivilisten zur Zwangsarbeit nach Deutschland forderten. Rathenau unterstützte ihre Forderung in einem Brief an den OHL-General Erich Ludendorff, in dem er sich für scharfe Maßnahmen gegen die belgische Zivilbevölkerung aussprach.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs machte Rathenau als erster auf die unzureichende wirtschaftliche Vorbereitung des Reiches aufmerksam und empfahl die rasche Errichtung eines "Rohmaterialamtes" zur zentralen Bewirtschaftung kriegswichtiger Rohstoffe.

Als wichtige Zukunftsziele sah Rathenau 1917 in seinem wirkungsvollsten Buch "Von kommenden Dingen" wirtschaftliche Rationalisierung und Verfassungsreformen aber noch notwendiger erschien ihm eine Bewußtseinsveränderung.

Bis zum Ende des Krieges konzentrierte sich Rathenau auf die Organisation der Rüstungsfabrikation der AEG und Planungen zur Rückumstellung auf die Friedensproduktion. Hatte er dem Krieg 1914 noch kritisch gegenübergestanden, wandelte er während seiner Arbeit für das Kriegsministerium immer mehr zum Falken. So sprach er sich für die Bombardierung Londons mit Zeppelinen und die Deportation belgischer Zivilisten zur Zwangsarbeit nach Deutschland aus. 1918 kritisierte er sogar den Waffenstillstand und plädierte für die Fortführung des Krieges, um die späteren Verhandlungen aus einer besseren Position heraus führen zu können.

Trotz seiner harten Haltung im Krieg wurde er aber später zur Zielscheibe von antisemitisch motivierten Angriffen. Wegen seiner widerspruchsvollen politischen Haltung von allen Seiten angefeindet, hatte Rathenau nach dem Krieg zunächst Mühe, für die neue Politik tätig zu werden. Dank seines entspannungsfördernden Verhandlungsgeschicks und seines internationalen Ansehens wurde er im Mai 1921 Wiederaufbauminister im Kabinett des Reichskanzlers Joseph Wirth und am 31. Januar 1922 Außenminister im Kabinett Wirth II.

Am 24. Juni 1922 gegen 11 Uhr vormittags wurde Reichsaußenminister Rathenau im offenen Fond seines Wagens von sogenannten Fememördern durch eine Handgranate und mehrere Schüsse aus einer Maschinenpistole getötet.