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Walther Rathenau

deutscher Politiker und Industrieller (1967 - 1922)

83 Zitate, Sprüche & Aphorismen

  • Warum sollen nicht die Völker in der Menschheit lösen, die Staaten im guten Willen, die Mächte in göttlicher Fügung, das Handeln im Dulden?

  • Wäre die Liebe ein physikalisches Phänomen, als Freude am Besitz, Freude an Vollkommenheit, Erinnerung an Freude oder dergleichen, so liebten wir nicht Unvollkommenes, Abwesendes, Tote. Je vollkommener und je gegenwärtiger etwas ist, desto schwerer ist es uns, es zu lieben.

  • Alle Weltverbesserung ist Utopie.

  • Das bewußte Denken unterscheidet sich vom unbewußten und traumhaften Denken wie die Kantilene von der Fuge. Das Bewußte besteht darin, daß eine der Stimmen - der Gedanke - vom Willen hervorgehoben und losgelöst wird, so daß die anderen Stimmen als leise Begleitung verblassen. Das Unbewußte denkt die verschiedenartigsten Elemente mit gleicher Intensität zu gleicher Zeit.

  • Alle Künste sind androgyn. Außer der Kunst des Denkens.

  • "Die reinste Freude ist die Schadenfreude." Ihr lachet über dies verruchte Wort? Ihr solltet alle Tränen eurer Seele weinen, daß es ausgesprochen werden konnte!

  • Die Klage über die Schärfe des Wettbewerbs ist in Wirklichkeit meist nur eine Klage über den Mangel an Einfällen.

  • Die Schicksalsstunde webt nicht über Schlachten und Konferenzen, Brand und Löschung, sondern über der Bauhütte, über ihren Meistern und Gesellen, dem Geheimnis ihres Grund- und Aufrisses und dem Geist ihrer Gemeinschaft.

  • Danksagung erhebt, Gebet erniedrigt.

  • Das Denken ist der Prozeß, durch den die niederen Instinkte in hohe Instinkte verwandelt werden.

  • Alles Abbild des Essentiellen, des Transzendenten und Ewigen im Spiegel des menschlichen Geistes ist unveränderlich und gleich, von Mose bis Plato, von Lionardo bis Goethe: Hier waltet keine Originalität. Originell ist nur das Menschliche: Die Trübung.

  • Die Abneigung der Juden gegen die Germanen war in der Zeit der materiellen Bedrückung lebhaft, ja leidenschaftlich. Seit zwei bis drei Menschenaltern stirbt sie ab und weicht bei den jüngeren Geschlechtern einer rückhaltlosen Anerkennung der Nation, der sie den wertvollsten Teil ihrer Geistesgüter verdanken.

  • Individualität ist das, was mich von der Welt absondert, Liebe ist das, was mich mit ihr verbindet. Je stärker die Individualität, desto stärker erfordert sie Liebe.

  • Die sakrale Gotik ist eine Architektur der Ebene. Um sich mit der Natur in Kontrast zu setzen, mußte sie die Höhendimensionen betonen.

  • Freundschaften schließen sich nur in der Jugend, wo die Domination der Interessen über das gemeine Leben noch nicht begonnen hat, oder zwischen ausgezeichneten Individuen, bei denen eine Trennung des Interesses vom Ideal nicht stattfindet.

  • Das höchste Glück des Menschen ist die Befreiung von Furcht.

  • In Deutschland entscheiden über einen Menschen nicht Vorzüge, sondern die Einwände. "Einwandfrei" muß der Mensch sein und die Sache "tadellos". Einwandfrei aber ist nur die klare, runde, tadellose Null.

  • Das Lachen, dem vitalen Menschen ein reiner Naturlaut der Freude, ist dem Klugen nur eine Reaktion auf Witzempfindung. Das heißt: Auf schnell erkannte Inkongruenz in der Maske der Identität: Eine halbe Schadenfreude.

  • Denken heißt Vergleichen.

  • Wer an dem Wert seiner Gedanken zweifelt, für den gibt es nur einen Trost: Wenn andere seine Hintermauerungssteine für ihre Fassaden brauchen. Mit anderen Worten: Wenn andere behaupten, was er voraussetzt.

  • Aller Verstand muß sich zuletzt im Unwesentlich-Wirklichen verlieren. Die träumende Phantasie allein findet den Aufstieg zum Wesentlich-Wahren.

  • Was den Furchtmenschen unrettbar verrät ist, daß er sich amüsieren kann. Der Furchtfreie kennt die Freude, die Begeisterung, auch den Rausch, die Völlerei - aber er ist nicht amüsabel.

  • Pietät ist nicht Liebe, sondern Unterwerfung. Eine furchtsame Tugend.

  • In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: Wenn ihm zum erstenmal bewußt wird, daß er als ein Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn daraus befreien kann.

  • Wie in einem lebendigen Körper die Säfte dahin strömen, wo die Natur ein starkes Wachstum fordert, sei es, daß eine Wunde vernarbt oder eine Stütze geschaffen oder eine Blüte erzeugt werden soll, so strömen die geistigen Potenzen und Talente einer Nation in diejenigen Berufsprovinzen, die einen besonderen Aufwand an Kräften verlangen und rechtfertigen. Deshalb wird in unserer Zeit die Provinz der Künste, man möchte sagen vom Landsturm, ja teilweise vom Invaliden geschützt, während...

  • Wer Lust hat, über Sklaven zu herrschen, ist selbst ein entlaufener Sklave. Frei ist, wem Freie willig folgen und wer Freien willig dient.

  • Eleganz ist gemeisterte Verschwendung.

  • Das ursprüngliche Herdenwesen der Menschentiere besteht noch heute, und zwar auf dem Gebiet des Geistes. Wie ehemals das Rudel auf einem Nahrungsplatz solange verharrte, bis das sensitive Speciment sich auf neue Fährten wagte, so bewegt sich die Menge in gleichbleibenden Denkformen, bis ein Unbefriedigter, Instinktbegabter neue Weideplätze des Geistes sucht und findet.

  • Ich habe niemals einen wirklich großen Geschäftsmann gesehen, dem das Verdienen die Hauptsache war.

  • Künstler und Kunstschreiber klagen unaufhörlich über die Hilflosigkeit, Heuchelei und Brutalität der gebildeten Menge in künstlerischen Dingen. Es ereignet sich hier wie allerwärts, wo allzuviel beschuldigt wird: Frage und Anspruch sind falsch gestellt. Wer würde es wagen, einen Offizier über Volkswirtschaft, einen Maler über Kirchenrecht oder einen Geistlichen über Chemie zu verhören und ihm Unbildung und Urteilsschwäche vorzuwerfen?

  • Schönheit ist Gesetzmäßigkeit. Schönheit erscheint, solange die Gesetzmäßigkeit empfunden wird. Sie schwindet, wenn unsere Sinne die Gesetzmäßigkeit nicht mehr erkennen.

  • Nie hat sich das innere Wesen des Menschen geändert, Entwicklung erlebt nur das Wie, nicht das Was, das Glück des Menschen vermehrt sich nicht.

  • Gäbe es einen Moment, wo wir Gott ganz und durchaus lieben könnten, so bräche die Welt zusammen.

  • Der Furchtmensch ist scheu und unruhig. Seine hastigen, an Störung gewöhnten Freuden sind kurz. Deshalb braucht er Abwechslung. Der Reichtum seines Lebens ist nicht Tiefe sondern Mannigfalt.

  • In jedem starken menschlichen Gefühl ist sein Gegenteil enthalten. Im Ausbruch der Verzweiflung verkündet sich der Trost, im Jubel lauter die Verzweiflung.

  • Den Tadel der Menschen nahm ich solange gerne an, bis ich einmal darauf achtete, wen sie lobten.

  • Der Mutmensch kennt den Zorn, der Furchtmensch die Wut und den Ärger.

  • Es kommt mir so vor, als ob ich nichts aus mir heraus willkürlich tun kann, als ob ich geführt werde, sanft, wenn ich mich füge, rauh, wenn ich widerstehe.

  • Wer lügt, stößt Gott einen Dolch ins Herz.

  • Entrüstung ist Bekenntnis der Hilflosigkeit.

  • Gerechtigkeit entspringt dem Neide; denn ihr oberster Satz ist: Allen das Gleiche.

  • Genie ist der Verdichtungspunkt latenter Massenkräfte.

  • Kunst ist unbewußte, wirksame Betrachtung des Göttlichen.

  • Was ist Erfüllung? Vernichtung des Wünschens. Dies begreifet nur recht, so werdet ihr nicht ein sattes Jenseits begehren, sondern euch des Todes, der edelsten Erfüllung getrösten.

  • Unsere Kunst leidet am Überfluß der Talente und am Mangel der Persönlichkeit.

  • Es lachen nur die geistig Tiefstehenden und die geistig Hochstehenden. Die Mittelschicht mit geübtem Verstand und geschwächtem Instinkt lacht nicht.

  • Vornehmheit ist Entsagen.

  • Mit dem Lächeln, das uns entlockt wird, wenn wir Von der Freude ostafrikanischer Neger an preußischen Husarenjacken hören, werden unsere Nachkommen vernehmen, von welchem Warenhunger wir besessen waren.

  • Die Phantastik der Phantasielosen ist Ethik.

  • Alle Begeisterung ist transzendent.

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