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Heinrich Döring: Christoph Martin Wieland's Biografie

Durch den Tod seiner geliebten Gattin hatte Wieland hinlänglich Veranlagung erhalten, über den Zusammenhang der Geisterwelt mit dem irdischen Leben reiflich nachzudenken. Er glaubte sich aber gegen alle Geistererscheinungen erklären zu müssen, wenn er sich die Erfahrungen seines eignen Lebens zurückrief. „Wäre eine Möglichkeit“, schrieb er, „dass die Geister der Verstorbenen erscheinen könnten, warum habe ich von meiner Gattin, dieser treuen Seele, nie eine Erscheinung gehabt? Warum, wenn Geister auf unsre Seelenorgane wirken können, erscheint sie mir nicht alle Wochen wenigstens einmal im Traum, und unterhält sich mit mir, da sie doch weiß, wie unaussprechlich glücklich sie mich durch eine solche Herablassung zur menschlichen Schwachheit machen könnte? Sie kann also nicht, oder sie darf nicht, und warum sollte es denn nicht mit allen Andern eben diese Bewandtnis haben?“

Bei der Richtung, die sein Geist damals genommen, hatte Wieland die Vollendung des „Aristipp“ fast gänzlich aus den Augen verloren, besonders als ein literarischer Plan, den er schon vor zwanzig Jahren (1790) entworfen, der Ausführung entgegenreifte. Es war eine Übersetzung der sämtlichen Briefe Ciceros. Die mit einer solchen Arbeit verbundenen Schwierigkeiten getraute er sich zu überwinden. Willkommen war ihm diese Arbeit auch deshalb, weil sie ihn über die Eindrücke der politischen Ereignisse hinwegtrug. Freude und Leid griffen damals rasch wechselnd in sein Leben ein. Im November 1804 war er Zeuge gewesen bei der Vermählungsfeier des damaligen Erbprinzen (jetztverstorbenen Großherzogs) von Weimar mit der russischen Großfürstin Maria Paulowna. Den Dichter, der jenes frohe Ereignis durch das Drama: „die Huldigung der Künste“ gefeiert, musste Wieland bald nachher scheiden sehn. Schiller starb am 9. März 1805, und Goethe war damals gefährlich krank. „Ich kann mir vorstellen“, schrieb Wieland den 6. Juni 1805 an Göschen, „welche Sensation die Nachricht von Schillers Tode in Leipzig gemacht hat. Nach Herder, und so lange uns Goethe noch erhalten wird, konnte Deutschlands Literatur keinen empfindlicheren Verlust erleiden.“ Seinen eigenen Gesundheitszustand schilderte Wieland in diesem Briefe mit den Worten: „Einen so strengen und fast ununterbrochen fortdauernden Winter habe ich in 72 Jahren nicht erlebt, und ich wundere mich alle Tage, wie es zugeht, dass eine so zarte Maschine, wie diejenige, an die mein Dasein geknüpft ist, eine solche unbarmherzige Witterung mit so wenig Beschwerden, als ich in der Tat diese Zeit her gefühlt habe, auszudauern vermögend gewesen ist.“

Dieser physischen Kraft bedurfte Wieland, um die Schrecknisse zu ertragen, welche die Schlacht bei Jena am 14. Oktober 1806 über Weimars Bewohner verhängte. Bei der allgemeinen Plünderung jener Residenz hatte er jedoch am wenigsten Ursache gehabt, für seine Person und seine Familie sich zu beklagen. Er erhielt eine Sauvegarde, und im Namen Mürats ward ihm der unmittelbare kaiserliche Schutz zugesichert. Tief erschüttert von dem allgemeinen Unglück und innig beklagend, dass er den Tag erlebt, wo seine fürstliche Gönnerin ihren Sommeraufenthalt, das freundliche Tiefurt, hatte verlassen, und der Erbprinz für seine Gemahlin ein Asyl im Auslande hatte suchen müssen, begann Wieland wenige Wochen nach jenen Schreckenstagen, den 1. November 1806 seine früher erwähnte Übersetzung der Briefe Ciceros, die seinen Blick von dem vielfach bewegten Leben der Gegenwart so entschieden ablenkte, dass er, nach seinem eigenen Geständnis, von allem, was um ihn her vorging, wenig gewahr ward.

In Bezug auf die mit dieser Übersetzung verbundenen Schwierigkeiten nannte er sie, zumal für einen Greis von 72 Jahren, ein großes Wagstück. „Kaum kann ich“, schrieb er, „etwas anderes zu meiner Entschuldigung anführen, als die Zeit, in welcher, und die Art, mit welcher dieser verwegene Gedanke wie ein Gewappneter über mich gekommen ist. Ich fühlte damals ein zwiefaches dringendes Bedürfnis in mir, ohne dessen unmittelbare Stillung ich nicht länger ausdauern zu können glaubte. Das eine war: mich je eher je lieber aus einer fürchterlich einengenden Gegenwart in eine andre Welt, in eine Zeit und unter Menschen, die längst nicht mehr waren, wo möglich unter lauter kolossale Menschen vom Titanen- und Gigantenstamm zu versetzen; — das Andere: irgend eine große, schwere und mühselige, aber bei alle dem angenehme und zu meinen Studien passende Geistesarbeit zu unternehmen, welche mich hoffen ließ, dass sie mir durch Lust und Liebe zur Sache, und durch die mit der Ausführung selbst notwendig verbundene unvermerkte Steigerung meiner Kräfte vielleicht so weit gelingen dürfte, dass ich die Welt mit dem Troste verlassen könnte, die letzten Jahre oder Tage meines Lebens nicht nutzlos zugebracht zu haben. Wie hätte mir, zu Befriedigung dieses doppelten Bedürfnisses, und zur Erreichung dieser Absicht, mein guter Genius einen glücklicheren Vorsatz einhauchen können, als die Übersetzung der Briefe Cicero's?“

Mitten unter dieser Beschäftigung erschütterte ihn, nachdem die Kriegsstürme geschwiegen, die Nachricht von dem Tode der Herzogin Amalia. Am 10. April 1807 war ihr standhafter Geist von den Schicksalen, die sie ertragen, überwältigt worden. Wielands ganze philosophische Standhaftigkeit war nötig, um sich über den für ihn zu schmerzlichen Verlust zu trösten. Frohe Momente brachten ihm die Friedensnachrichten und die Heimkehr des Herzogs Carl August in seine Staaten. Dennoch aber bedurfte Wieland des rastlosen Fleißes, den er seiner Übersetzung der Briefe Ciceros widmete, um nicht der Gewalt schmerzlicher Eindrücke zu erliegen. Der Herzog von Weimar hatte ihm das freundliche Belvedere zu seinem Sommeraufenthalt angewiesen. Auf einer mäßigen Anhöhe, dem Schloßberge gegenüber, fand Wieland unter dunkeln Fichten ein Lieblingsplätzchen, wo er bald umherwandelte, bald mit der Lektüre irgend eines römischen oder griechischen Klassikers sich beschäftigte. Mit ruhigem Gleichmuth und auf das Unvermeidliche gefasst, schrieb er den 3. November 1809 an seine Freundin Sophie la Roche: „Was uns noch bevorsteht, weiß allein der Himmel. Unser künftiges Schicksal ist ungewiss. Wie es aber auch entschieden werden mag, ich werde es zu ertragen wissen, und mich selbst in keinem Falle verlassen.“

Wielands philosophischer Gleichmuth sollte jedoch bald erschüttert werden. Er erhielt die Nachricht von dem Tode seiner eben erwähnten Jugendfreundin, deren letztes Werk, „Melusinens Sommerabende“, er noch revidiert und mit einer Vorrede begleitet hatte. „Es scheint“, schrieb er, „mein Schicksal, dass ich alles überleben soll, was ich am meisten und innigsten liebte. Bald habe ich, außer meinen größtenteils weit von mir entfernten Kindern, nichts mehr zu verlieren. Aber der Verlust, den ich am 9. November 1801 erlitt, hat mich auch gegen jeden andern völlig abgestumpft. Die Welt kann zufrieden sein, eine so außerordentliche Frau, die von ihrer Kindheit an für diese Welt viel zu gut war, 76 Jahre lang besessen und 36 Jahre die Früchte ihres, mit ihrem Herzen gänzlich in Eins verwebten und gleichsam zusammengewachsenen Geistes dankbar und undankbar genossen zu haben. Für uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer gedenken und das wollen wir.“

In einem Briefe vom 8. September 1808 warf Wieland einen Rückblick auf seine Laufbahn. „Ich habe“, schrieb er, „zwar in vollen 75 Jahren Gottlob! kein glänzendes, noch sonderliches Glück gemacht; sondern auch das herzdrückende Schicksal erfahren, alle Freunde und Freundinnen meiner Jugend und meiner besten Jahre zu überleben. Aber demungeachtet verdanke ich der Mutter Natur eine so glückliche Organisation und Sinnesart, und meinem guten Genius so manche glücklichen Ereignisse, und ein so freundlich schönes Gewebe der 27,593 Tage (die Schalttage mit eingerechnet), dass ich mich nicht zu täuschen glaube, wenn ich gegen Einen trüben oder stürmischen Tag, womit die Parzen mich nicht verschonen konnten oder wollten, vierzehn heitere und vergnügte Tage eines so frohen Lebensgenusses zähle, als ein Sterblicher, ohne törichte Forderungen an den Himmel zu machen, von diesem unvollkommenen Erdenleben nur immer verlangen kann. Denn für mich sind die Gefühle, worin sich ein Tropfen Bitterkeit mit dem Süßen vermischt, immer die angenehmsten.“

Am Abend seines Lebens brachte Wielands Schicksal, ungeachtet er, nach seinem eignen Geständnisse, „sich von den Erdengöttern so viel als möglich entfernt gehalten,“ ihn noch in Berührung mit Frankreichs Kaiser, als Napoleon mit den damals (1808) auf dem Kongress zu Erfurt versammelten Fürsten einige Tage sich am Hofe zu Weimar aufhielt. Er wünschte den Dichter zu sehen, der ihm durch die früher erwähnte Prophezeiung, „dass Frankreichs Heil nur allein auf Bonaparte beruhe“, merkwürdig geworden war. Wieland befand sich gerade den Tag nicht am Hofe. Unter dem Vorwande des Unwohlseins hatte er eine Einladung zum Ball abgelehnt. Eine Vorstellung von Voltaires Julius Cäsar lockte ihn jedoch Abends ins Theater, wo er seinen Platz in einer Seitenloge nahm, die sonst der Herzog einzunehmen pflegte. Als Napoleon erfuhr, dass es Wieland gewesen sei, den er dort in seinem einfachen Kleide und einem Samtkäppchen auf dem Haupt gesehen hatte, erkundigte er sich auf dem Ball wiederholt nach ihm.

„Nun war kein andrer Rath“, gestand Wieland in einem Briefe vom 13. Oktober 1808, „als mich in den Hofwagen, der mir geschickt wurde, zu setzen und — in meinem gewöhnlichen accoutrement, eine Kalotte auf dem Kopfe, ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln (übrigens anständig kostumiert) im Tanzsaal zu erscheinen. Es war gegen halb elf Uhr. Kaum war ich etliche Minuten dagewesen, so kam Napoleon von einer andern Seite des Saals auf mich zu. Die Herzogin präsentierte mich ihm selbst, und er sagte mir ganz leutselig — das Gewöhnliche, indem er mich zugleich scharf ins Auge fasste. Schwerlich hat wohl jemals ein Sterblicher die Gabe, einen Menschen gleich auf den ersten Blick zu durchschauen, in einem höheren Grade besessen, als Napoleon. Er sah, dass ich, meiner leidigen Celebrität zum Trotz, ein schlichter, anspruchsloser, alter Mann war, und da er, wie es schien, für immer einen guten Eindruck auf mich machen wollte, so verwandelte er sich augenblicklich in die Form, in welcher er sicher sein konnte, seine Absicht zu erreichen. In meinem Leben hab' ich keinen einfacheren, ruhigeren, sanfteren und anspruchsloseren Menschensohn gesehen. Keine Spur, dass der Mann, der mit mir sprach, ein großer Monarch zu sein sich bewusst war. Er unterhielt sich mit mir, wie ein alter Bekannter mit seines Gleichen, und was noch keinem Andern meines Gleichen widerfahren war, an anderthalb Stunden lang in Einem fort, und ganz allein, zu großem Erstaunen aller Anwesenden. Da ich ein sehr ungeübter, schwerzüngiger französischer Orateur bin, so war es glücklich für mich, dass er gerade in der Laune war, viel zu sprechen, und die frais de la conversation fast allein auf sich nahm. Es war nahe an zwölf Uhr, als ich endlich zu fühlen anfing, dass ich das Stehen nicht länger ertragen könne. Ich nahm mir also eine Freiheit heraus, die sich schwerlich irgend ein andrer Deutscher oder Franzose unterstanden hätte. Ich bat Se. Majestät, mich zu entlassen, weil ich mich nicht stark genug fühle, dass Stehen länger auszuhalten. Er nahm es sehr gut auf. Allez donc, sagte er mit freundlichem Ton und Miene, allez! bon soir!“

In eben diesem Briefe meinte Wieland, so ungemein freundlich Napoleon auch gegen ihn gewesen, habe er doch an ihm vermisst, was man Gemüt nenne, und es sei ihm mitunter vorgekommen, als wäre der Mann aus Bronze gegossen. „Indessen“, schrieb Wieland, „hatte ich es doch dahin gebracht, dass ich ihm ganz offen endlich die Frage vorlegte, wie es denn komme, dass der Kultus, den er in Frankreich reformiert habe, nicht philosophischer und dem Geist unsrer Zeit nicht angemessener ausgefallen sei. Lächelnd erwiderte hierauf Napoleon: Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er auch nicht gemacht, denn die Philosophen glauben weder an mich, noch an meinen Kultus, und den Leuten, die daran glauben, kann man nicht Wunder genug tun und lassen. Wenn ich einmal eine Religion für Philosophen stiften könnte, die sollte freilich anders beschaffen sein. An diesen Faden spann sich nun das Gespräch über Religion fort, wobei Napoleon den Skeptiker so sehr machte, dass er die historische Existenz Christi bezweifelte. Das war aber nur ein sehr allgemeiner Skeptizismus, den er da auskramte, und ich fand an seiner Freigeisterei nichts zu bewundern, als die Offenheit, mit welcher er sich mir preisgab.“

Einen Beweis der Huld Napoleons erhielt Wieland durch den ihm übersandten Orden der Ehrenlegion. Dem Kaiser Alexander verdankte er gleichzeitig (1808) den St. Annenorden, wobei sich ihm unwillkürlich die Bemerkung aufdrang, dass das Ausland seine Verdienste gerechter anerkenne, als die Nation, zu der er gehöre. Sein Patriotismus erkaltete jedoch nicht durch solche Erfahrungen. Ohne in Napoleon den außerordentlichen Mann zu verkennen, den er für ein Werk in den Händen der Vorsehung hielt, äußerte sich Wieland mit tiefem Unmut über die mannigfachen Bedrückungen, die das Unterjochungssystem des französischen Machthabers über Deutschland verhängte.

Was ihn oft in eine trübe Stimmung versetzte, war der Gedanke, sich so vieler Freunde beraubt zu sehen, die er geschätzt und geliebt hatte. Herder, Schiller, Gleim waren ihm vorangegangen, in der letzten Periode seines Lebens auch noch Fernow und Seume. An dem Letzteren schätzte Wieland neben seinen Kenntnissen und Talenten besonders die Biederkeit seines Charakters, den offenen, geraden Sinn. „Es ist eine Freude“, schrieb er, „derbe Wahrheiten so freimütig und kräftig, und doch so manierlich gesagt zu hören. Seume kann sicher sein, dass Niemand glauben und sagen wird, dass englische Guineen oder Napoleons aus ihm sprechen. Ich habe von jeher große Stücke auf die ächten Zyniker gehalten, deren Ideal Lucian in seinem Kyniskos so trefflich aufhellte. Der echte Zyniker ist der echteste Mensch und der wahre Weise, und minor Jove, wie Horaz sagt. Das alte Griechenland hatte ihrer kaum ein halb Dutzend binnen 500 Jahren aufzuweisen; und in unsern Tagen ist Seume der Einzige, den ich wenigstens kenne.“

Zu dem Schmerz über Seumes Verlust gesellten sich für Wieland häusliche und persönliche Leiden. Seine Tochter Julie entriss ihm der Tod. Ein hartnäckiges Augenübel untersagte ihm mehrere Wochen Lesen und Schreiben. Nur langsam genas er im Herbst 1809 von einer lebensgefährlichen Krankheit. „Das Sonderbare dabei war“, schrieb Wieland, „dass, nach der Versicherung meines Arztes, das Herz und die ganze Blutmasse an dem schrecklichen Sturm auf alle übrigen Theile meines ohnedies schwachen Körpers keinen Antheil nahmen, und ihre eigene Ökonomie ruhig fortzutreiben schienen. Der Puls ging ruhig und gleich, nur etwas schneller, als gewöhnlich. Dafür aber waren die Muskelkräfte, Nerven, Flechsen und Sehnen so jämmerlich zugerichtet, alle Drüsen so rein ausgewunden und ausgetrocknet, alle Fibern so abgespannt, dass ein vierteljähriges Kind mehr Stärke in Armen und Beinen hat, als ich in den ersten vierzehn Tagen. Meine rechte Hand war lange fast unbrauchbar; über vierzehn Tage konnte ich nicht einen Augenblick stehen. Kurz, ich musste, wie ein Kind, von vorn anfangen, und die Verrichtungen des animalischen Lebens wieder lernen, als ob sie mir etwas Neues wären. Wie gern möcht' ich hier meinen mich umgebenden Töchtern und Enkelinnen eine Lob- und Dankrede halten!“

In seinem Familienkreise war es, wo Wieland die durch zunehmende Altersschwäche ihm oft geraubte Heiterkeit wiederfand. „Wohl mir“, schrieb er, „dass ich im Winter meines Lebens noch mit Gegenständen der Liebe umgeben bin, mit Kindern und Enkeln, die mir Freude machen, und mein Herz wenigstens so lange warm erhalten werden, bis es zu schlagen aufhört.“ Sehr glücklich würde er sich gefühlt haben, wenn er noch einmal seinen ganzen Familienkreis um sich hätte versammeln können, der immer kleiner geworden war, und zuletzt nur aus einer seiner verwitweten Töchter mit zwei Töchtern von dieser, und seiner jüngsten Tochter Luise bestand. In dankbarer Erinnerung an die Feier seines Geburtstags im Jahr 1810 schrieb Wieland an Böttiger: „Auch wieder ein paar schöne Tage, die sich ganz besonders freundlich, heiter und liebevoll an die 28,105, die nun mit mir vorbeigewankt, gehüpft, gestolpert, getanzt, gewalzt, gestürmt und geschlichen sind, angeschlossen haben! Es ist doch eine hübsche Sache ums lange Leben, wenn einem am Vorabend des 78sten Jahres noch solche Stunden zu Teil werden, wie ich am Abend des 4. September im enggeschlossenen Kreise brüderlich verbundener Freunde genossen habe. Es konnte meinem Herzen nicht anders als wohltun, so viele und unzweideutige Zeichen herzlicher Teilnahme, Achtung und Liebe zu empfangen.“

Wielands Gesundheit, ziemlich gestärkt seit der früher erwähnten Krankheit, gönnte ihm, an seiner Übersetzung der Ciceronianischen Briefe mit wenigen Unterbrechungen fortzuarbeiten. Neben dieser Beschäftigung trug er sich damals mit dem Gedanken einer neuen Ausgabe seiner sämtlichen Werke. Als sein Freund und Verleger Göschen ihn dazu aufgefordert und seinem Wunsche gemäß, versprochen hatte, deutsche Lettern, statt der bisherigen lateinischen, zu wählen, schrieb Wieland: „Die erste und wichtigste Frage wäre wohl diese: ob die neue Auflage alles, was in der ersten ist enthalten soll oder nicht? Da diese Frage, meines Erachtens, bloß aus buchhändlerischem Gesichtspunkte entschieden werden kann und muss, so habe ich nichts darüber zu sagen, als dass sie mir viele und kaltblütige Überlegung von allen Seiten zu erfordern scheint. Glauben Sie Ihre Rechnung bei einer Auswahl des Besten und Interessantesten eher zu finden, als bei einer wiederholten Auflage meiner sämtlichen Werke, so bin ich's völlig zufrieden; nur muss ich bemerken, dass alles, was sich mit gutem Gewissen retouchieren ließe, höchstens drei oder vier Bändchen ausmachen, und manchen Lesern auch damit vielleicht kein Gefallen geschehen würde. Die zweite Frage ist: ob wir die Kinder meines Geistes in der Ordnung, wie sie zur Welt gekommen sind, auf einander folgen lassen wollen? und da dies aus mehreren Gründen wohl das Beste sein möchte: ob die poetischen von den prosaischen Werken abgesondert werden, und also zwei Classen ausmachen sollen? Auch dies kann und soll bloß von Ihnen entschieden werden. Wenn nicht merkantilische Rücksichten das Letztere raten, so sollte ich beinahe glauben, es dürfte vielen, wo nicht den meisten Liebhabern meiner Schriften angenehmer sein, ohne Hinsicht auf Verse und Prosa, in der Ordnung, wie sie geschrieben wurden, zu lesen; um so mehr, da sie eben dadurch dem scharfsinnigen und aufmerksamen Leser eine Art von Geschichte, oder vielmehr die Belege zur Geschichte meines geistigen Lebens an die Hand geben, welche ich, wenn der schwarzbraunige Bruder des Schlafs mir Zeit dazu lässt, zu schreiben gedenke.“

Mit dieser Selbstbiographie schien es Wieland wenig Ernst zu sein. In seinem literarischen Nachlass fand sich auch nicht das kleinste Fragment jener „Memorabilien,“ wie er sie zu nennen pflegte. Zufällige Umstände verhinderten die in dem vorhin erwähnten Briefe besprochene neue Ausgabe seiner Werke. Er gewann dadurch mehr Muße zu seiner Übersetzung des Cicero, zu welcher, als ihn der Tod bei dieser Arbeit überraschte, sein Freund und Landsmann Gräter die noch übrigen vierzig Briefe Ciceros hinzufügte.

Nicht ohne Nachteil für seine schwache Brust glaubte Wieland die Berge und Anhöhen von Belvedere ferner erklimmen zu können. Er leistete daher im Sommer 1811 Verzicht auf seinen bisherigen Lieblingsaufenthalt, und beschränkte sich auf kleine Ausflüge nach Jena und auf Spazierfahrten. Am 11. September 1811 hatte er das Unglück, als der Wagen umwarf, das Schlüsselbein zu zerbrechen. Noch gefährlicher ward seine jüngste Tochter verletzt. Wahrhaft bewundernswert war, nach Goethes Zeugnis, die Fassung, der ruhige Gleichmut, womit Wieland die schmerzlichen Folgen des Falles und die Langeweile der Genesung ertrug. Auch bei dieser Prüfung bewährte sich seine Lebensphilosophie, die ihn noch nie verlassen hatte.

„Es gehört,“ schrieb er den 18. Oktober 1811, „unter die größten Übel der schon oft von mir recht herzlich verwünschten Celebrität (zu deutsch Berühmtheit) — die übrigens auch hin und wieder ihr nicht zu verachtendes Gute hat — dass einer nicht einmal den kleinsten Finger, geschweige ein Schlüsselbein, was doch im Grunde auch nicht viel sagen will, brechen kann, ohne dass es sogleich in öffentlichen Blättern der Welt verkündigt, und dadurch alle entfernten Freunde des Verunglückten unschuldiger und ungebührlicher Weise, gegen den Willen desselben, zum Mitleiden aufgefordert, beunruhigt, und nicht selten ist der Fall gesetzt werden, sich das Übel ärger vorzustellen, als es ist.“

Wieland genas bald wieder. In völliger Heiterkeit fand ihn sein achtzigster Geburtstag, den er in einem Zirkel von Freunden feierte, die ihn nach Jena eingeladen hatten, und ihm an jenen Tage eine silberne Denkmünze überreichten, mit der Aufschrift: „Dem unsterblichen Sänger.“ Mit den heitersten Eindrücken kehrte er wieder nach Weimar zurück, wo ihn Ifflands Darstellungen auf dem dortigen Hoftheater erwarteten. Er schien sehr lebhaften Antheil daran zu nehmen. Seine Gesundheit blieb sich gleich. In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1813 traf ihn jedoch ein Anfall von Schlag. Aller ärztlichen Hülfe unerachtet, ward sein Zustand, durch ein hinzutretendes heftiges Fieber, von Tage zu Tage bedenklicher.

Die Nähe seines Todes schien Wieland nicht zu ahnen. In schmerzlosen Stunden beschäftigte sich seine Phantasie mit seinen Kindern. Auch sprach er bisweilen mit lebhaftem Interesse von seiner Übersetzung der Ciceronianischen Briefe. Als am zehnten Tage, den 20. Januar, das durch ärztliche Mittel beseitigte Fieber mit größerer Heftigkeit wieder zurückkehrte, schwärmte Wielands Phantasie bald in Griechenland, bald in Italiens Gefilden. In den Abendstunden hörten seine Kinder ihn schwach, doch vornehmlich, Hamlets berühmten Monolog: „Sein oder Nichtsein“, bald deutsch, bald englisch rezitieren. Er sank hierauf in einen tiefen Schlummer, und die Mitternachtsstunde fand ihn nicht mehr unter den Lebendigen.

Eine allgemeine Trauer verbreitete die Nachricht seines Todes. Die Brüder des Freimaurerbundes, dem er angehörte, beschlossen eine feierliche Bestattung des Entschlummerten. Architektonische Verzierungen schmückten in dem mittleren Teile des Landes-Industrie-Comptoirs zu Weimar, das von seinem vieljährigen Freunde Bertuch eingeräumte Lokal, wo Wielands sterbliche Hülle am Abend des 24 Januar ausgestellt ward. Seine zahlreichen Verehrer und Freunde sahen dort, mit fast unveränderten Zügen, sein mit einem Lorbeerkranze geschmücktes Haupt, auf einem blauseidenen, mit golden Spitzen eingefassten Kissen ruhen. Eine ähnliche Decke breitete sich aus über den unteren Teil des Sargs. Der Körper war in ein weißes Tuch gehüllt. Ein Lorbeerkranz umwand die Prachtausgaben der beiden Gedichte: „Oberon“ und „Musarion“, die in einem Einbande von Maroquin auf einem roten Samtkissen auf dem Deckel des Sargs ruhten. Dort sah man auch auf einem kleineren weißen Atlaskissen die Dekorationen des russischen und französischen Ordens.

Der Gartensaal des Gutsgebäudes zu Osmanstädt, einst Wielands Lieblingsaufenthalt, empfing in der nächsten Nacht seine irdischen Überreste. Dort versammelten sich am 25. Januar 1813 Nachmittags die sämtlichen Brüder der Loge Amalia, nebst einer großen Zahl von Wielands Freunden und Verehrern. Sie schlossen sich dem Trauergefolge an, welches der französische Gesandte, Baron St. Aignan, mit des Dichters ältestem Sohne Ludwig eröffnete. Sechzehn Maurerbrüder trugen den Sarg. Das Geläut der Dorfglocken lockte einen großen Teil der Bewohner von Osmanstädt herbei. Ihrem alten Gutsherrn, wie sie Wieland noch immer nannten, wollten sie die letzte Ehre erweisen. Der Zug ging die lange Allee hinab, die der Dichter oft durchwandelt hatte, bis zu dem Bosket, wo Wieland sich längst seine Ruhestätte gewählt. Dem Trauergesange an seinem Grabe folgte eine kurze, aber herzliche Rede des Oberkonsistorialrats Günther, der die Verdienste des Dahingeschiedenen in ergreifenden Umrissen schilderte.

Neben den Gräbern derjenigen, die ihm am teuersten gewesen im Leben, neben Sophie Brentano und seiner Gattin Anna Dorothea, erhielt Wieland, seinem oft geäußerten Wunsch gemäß, seine Ruhestätte. Neben den zwei dreiseitigen Pyramiden, die die Gräber seiner Lieben bezeichneten, erhob sich auch sein Grab.

Der Weimarische Bildhauer Weiße hatte jene Denkmale in Seeberger Sandstein ausgeführt. Für Sophie Brentano war das Emblem einer Psyche mit einem Rosenkranz umgeben gewählt worden; für Wielands Gattin das Sinnbild der Eintracht und Treue: zwei verschlungene Hände in einem Eichenkranz. Die geflügelte Lyra mit dem Stern der Unsterblichkeit darüber ward für Wieland zum Sinnbilde gewählt. Er selbst hatte bereits 1806 für jene Denkmale die treffende Inschrift verfertigt:

„Lieb' und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben,

Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein.“

Die übereinstimmenden Zeugnisse Aller, die Wieland näher gekannt, bestätigen die richtige und parteilose Schilderung seines liebenswürdigen Charakters, die einer seiner Freunde in den nachfolgenden Worten entwarf: „Mild gegen den Irrtum, schonend gegen Fehler, war er für Vernunft, für Recht und Pflicht, für alles, was der Menschheit heilig sein muß, weil es allein dem höheren Menschenleben Werth gibt, ein unermüdlicher, eifriger Kämpfer, aber eben deshalb auch ein rastloser Bekämpfer aller Vorurtheile, aller Verfinsterung, aller Unterdrückung. Veredlung und Beglückung seines Brudergeschlechts war sein Ziel. Er schwatzte nicht von Religion und Philosophie, aber er betätigte sie im Leben, in welchem er dankbar alles Gute, und mit ruhiger Ergebung das Unglück hinnahm. Für ihn gab es nichts Größeres im Leben, als, nie in Gemeinheit sinkend, den Sinn stets auf das Edle gerichtet, unausgesetzt ein guter Mensch, Gatte, Vater, Freund und Bürger zu sein.“