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Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums

Der Widerspruch in den Sakramenten ist der Widerspruch von Naturalismus und Supernaturalismus. Das Erste in der Taufe ist die Position des Wassers. »Wenn einer behauptet, wahres und natürliches Wasser gehöre nicht notwendig zur Taufe und daher die Worte unsers Herrn Jesu Christi: ›Wenn einer nicht wiedergeboren wird aus Wasser und heiligem Geiste‹, zu einer bloßen bildlichen Redensart verdreht, so sei er verflucht.« Concil. Trident. (Sessio VII. Can. II. de Bapt.). »Zum Wesen dieses Sakraments gehört das Wort und das Element. Die Taufe kann daher mit keiner andern Flüssigkeit, als mit Wasser vollzogen werden.« Petrus Lomb. (Lib. IV. dist. 3. c. 1 u. 5). »Zur Gewißheit der Taufe wird mehr als ein Tropfen Wasser erfordert. Zur Gültigkeit der Taufe gehört notwendig, daß eine physische Berührung stattfindet zwischen dem Wasser und dem Körper des Getauften, so daß es also nicht genug ist, wenn nur die Kleider mit Wasser benetzt werden. Es muß ferner ein solcher Teil des Körpers abgewaschen werden, nach welchem der Mensch gewöhnlich gewaschen genannt wird, also z. B. der Hals, die Schultern, die Brust und besonders der Kopf.«. Theol. Schol. (P. Mezger, Aug. Vind. 1695, T. IV, p. 230-31). »Daß Wasser, und zwar wahres, natürliches Wasser, bei der Taufe angewendet werden muß, erhellt aus dem Beispiel des Johannes und der Apostel. Apostelgesch. 8, 36. 10, 47.« F. Buddeus (Comp. Inst. Theol. dogm. lib. IV. c. 1 § 5). Es kommt also wesentlich auf das Wasser an. Aber nun kommt die Negation des Wassers. Die Bedeutung der Taufe ist nicht die natürliche Kraft des Wassers, sondern vielmehr die übernatürliche, allmächtige Kraft des Wortes Gottes, welches das Wasser zu einem Sakrament eingesetzt und nun vermittelst dieses Stoffes auf eine übernatürliche, wunderbare Weise sich dem Menschen mitteilt, aber ebensogut auch irgendeinen andern beliebigen Stoff wählen könnte, um die nämliche Wirkung hervorzubringen. So sagt z. B. Luther: »Also fasse nun den Unterschied, daß viel ein ander Ding ist Taufe, denn alle andre Wasser, nicht des natürlichen Wesens halben, sondern daß hie etwas Edleres darzu kömmt. Denn Gott selbst seine Ehre hinansetzet, seine Kraft und Macht daran legt ... wie auch Skt. Augustin gelehret hat: accedat verbum ad elementum et fit sacramentum.« (Der große Katechismus.) »Täufet sie im Namen des Vaters etc. Wasser ohne diese Worte ist schlecht Wasser ... Wer will des Vaters, Sohnes und hl. Geistes Taufe schlecht Wasser heißen? Sehen wir denn nicht, was für Gewürz Gott in dies Wasser wirft? Wenn man Zucker in Wasser wirft, so ist's nicht mehr Wasser, sondern ein köstlich Klaret oder sonst etwas. Warum wollen wir denn hie so eben das Wort vom Wasser scheiden und sagen, es sei schlecht Wasser, gleich als wäre Gottes Wort, ja Gott selbst nicht bei und in solchem Wasser ... Darum ist die Taufe ein solch Wasser, das die Sünde, den Tod und alles Unglück hinwegnimmt, hilft uns in den Himmel und zum ewigen Leben. So ein köstlich Zuckerwasser, Aromaticum und Apothek ist daraus worden, da Gott sich selbst eingemenget hat.« Luther (T. XVI, p. 105).

Aber wie mit dem Wasser in der Taufe, die nichts ohne das Wasser ist, obgleich es an sich gleichgültig ist, ebenso ist es mit dem Wein und Brot in der Eucharistie, selbst bei den Katholiken, wo doch die Substanz von Brot und Wein durch die Gewalt der Allmacht destruiert wird. »Die Akzidenzen des Abendmahls enthalten so lange Christum, als sie jene Mischung behalten, bei welcher natürlicherweise die Substanz des Brotes und Weines bestehen würde; dagegen wann eine solche Verderbnis derselben stattfindet, daß die Substanz des Brotes und Weines natürlicherweise unter ihnen nicht mehr bestehen könnte, dann hören sie auch auf, Christum zu enthalten.« Theol. Schol. (Mezger, 1. c., p. 292). Das heißt also: solange das Brot Brot bleibt, so lange bleibt das Brot Fleisch; ist das Brot weg, so ist auch das Fleisch weg. Daher muß auch eine gehörige Portion Brot, wenigstens eine so große, daß das Brot als Brot erkennbar ist, zugegen sein, um konsekriert werden zu können. (Ebend., p. 284.) Übrigens ist die katholische Transsubstantiation, die »wirkliche und physische Verwandlung des ganzen Brotes in den Leib Christi« nur eine konsequente Fortsetzung von den Wundern im A. und N. T. Aus der Verwandlung des Wassers in Wein, des Stabes in eine Schlange, der Steine in Wasserbrunnen (Psalm 114), aus diesen biblischen Transsubstantiationen erklärten und begründeten die Katholiken die Verwandlung des Brotes in Fleisch. Wer einmal an jenen Verwandlungen keinen Anstoß nimmt, der hat kein Recht, keinen Grund, diese Verwandlung zu beanstanden. Die protestantische Abendmahlslehre widerspricht nicht weniger der Vernunft, als die katholische. »Man kann Christus' Leib nicht anders teilhaftig werden, denn auf die zwo Weise, geistlich oder leiblich. Wiederum diese leibliche Gemeinschaft kann nicht sichtbarlich, noch empfindlich sein (d. h. keine leibliche sein), sonst würde kein Brot dableiben. Wiederum kann es nicht schlecht Brot sein, sonst wäre es nicht eine leibliche Gemeinschaft des Leibes Christi, sondern des Brotes. Darum muß, da das gebrochne Brot ist, auch wahrhaftig und leiblich sein der Leib Christi, wiewohl unsichtbarlich« (d. h. unleiblich). Luther (T. XIX, p. 203). Der Protestant gibt nur keine Erklärung über die Art und Weise, wie Brot Fleisch, Wein Blut sein könne. »Darauf stehen, gläuben und lehren wir auch, daß man im Abendmahl wahrhaftig und leiblich Christus' Leib zu sich nimmt und isset. Wie aber das zugehe, oder wie er im Brot sei, wissen wir nicht, sollen's auch nicht wissen.« Ders. (ebend., p. 393). »Wer ein Christ sein will, der soll nicht tun, wie unsre Schwärmer und Rottengeister tun, wie das sein könne, daß Brot Christus' Leib und Wein Christus' Blut sei.« Ders. (T. XVI, p. 220). »Da wir die Lehre von der Gegenwart des Leibes Christi beibehalten, was ist es nötig, nach der Art und Weise zu fragen?« Melanchthon (Vita Mel. Camerarius. Ed. Strobel., Halle 1777, p. 446). Auch die Protestanten nahmen daher ebenso wie die Katholiken zur Allmacht, der Quelle aller vernunftwidersprechenden Vorstellungen, ihre Zuflucht. (Concord. summ. Beg. Art. 7. Aff. 3. Negat. 13. S. auch Luther, z. B. T. XIX, p. 400.)

Ein köstliches, ja wahrhaft unvergleichliches und zugleich höchst lehrreiches Beispiel von der theologischen Unbegreiflichkeit und Übernatürlichkeit liefert die in betreff des Abendmahls (Konkordienbuch summ. Beg. Art. 7) gemachte Unterscheidung zwischen Mündlich und Fleischlich oder Natürlich. »Wir gläuben, lehren und bekennen, daß der Leib und Blut Christi nicht allein geistlich durch den Glauben, sondern auch mündlich, doch nicht auf kapernaitische, sondern übernatürliche, himmlische Weise, um der sakramentlichen Vereinigung willen, mit dem Brote und Wein empfangen werden.« »Wohl zu unterscheiden ist zwischen dem mündlichen und natürlichen Essen. Ob wir gleich das mündliche Essen annehmen und verteidigen, so verwerfen wir doch das natürliche ... Alles natürliche Essen ist zwar ein mündliches, aber nicht umgekehrt ist das mündliche Essen sogleich auch ein natürliches ... Obgleich es daher ein und derselbe Akt und ein und dasselbe Organ ist, womit wir das Brot und den Leib Christi, den Wein und das Blut Christi empfangen, so ist doch in der Art und Weise ein sehr großer Unterschied, da wir Brot und Wein auf natürliche und sinnliche Weise, den Leib und das Blut Christi aber zugleich zwar mit dem Brot und Wein, doch auf übernatürliche und unsinnliche Weise – eine Weise, die daher von keinem Sterblichen (sicherlich auch von keinem Gotte) erklärt werden kann – gleichwohl aber wirklich und mit dem Munde des Körpers empfangen.« J. F. Buddeus (l. c, lib. V. c. 1. § 15). Welch eine Heuchelei! Mit demselben Munde, womit er seinen Gott zwischen die Lippen preßt und sein Blut in sich saugt, um sich seiner wirklichen, d. i. fleischlichen Existenz zu versichern, mit demselben Munde leugnet der Christ, und zwar im heiligsten Moment seiner Religion, die fleischliche Gegenwart, den fleischlichen Genuß Gottes. So leugnet er also auch hier, daß er das Fleisch befriedigt, während er es in der Tat befriedigt.

Dogmatik und Moral, Glaube und Liebe widersprechen sich im Christentum. Wohl ist Gott, der Gegenstand des Glaubens, an sich der mystische Gattungsbegriff der Menschheit – der gemeinsame Vater der Menschen –, die Liebe zu Gott insofern die mystische Liebe zum Menschen. Aber Gott ist nicht nur das gemeinsame, er ist auch ein besondres, persönliches, von der Liebe unterschiednes Wesen. Wo sich das Wesen von der Liebe scheidet, entspringt die Willkür. Die Liebe handelt aus Notwendigkeit, die Persönlichkeit aus Willkür. Die Persönlichkeit bewährt sich als Persönlichkeit nur durch Willkür; die Persönlichkeit ist herrschsüchtig, ehrgeizig; sie will sich nur geltend machen. Die höchste Feier Gottes als eines persönlichen Wesens ist daher die Feier Gottes als eines schlechthin unumschränkten, willkürlichen Wesens. Die Persönlichkeit als solche ist indifferent gegen alle substantiellen Bestimmungen; die innere Notwendigkeit, der Wesensdrang erscheint ihr als Zwang. Hier haben wir das Geheimnis der christlichen Liebe. Die Liebe Gottes als Prädikat eines persönlichen Wesens hat hier die Bedeutung der Gnade: Gott ist ein gnädiger Herr, wie er im Judentum ein strenger Herr war. Die Gnade ist die beliebige Liebe – die Liebe, die nicht aus innerem Wesensdrang handelt, sondern was sie tut, auch nicht tun, ihren Gegenstand, wenn sie wollte, auch verdammen könnte –, also die grundlose, die unwesentliche, die willkürliche, die absolut subjektive, die nur persönliche Liebe. »Wer kann seinem Willen widerstehen, so er sich erbarmet über welchen er will und verstocket, welchen er will? Röm. 9, 18 ... Der König tut, was er will. Also auch Gottes Wille. – Er hat über uns und alle Kreaturen gut Recht und vollkömmliche Macht zu tun, was er will. Und uns geschieht nicht Unrecht. – Wenn sein Wille ein Maß oder Regel, Gesetz, Grund oder Ursache hätte, so wäre es schon nimmer Gottes Wille. Denn was er will – ist darum recht, daß er es so will. – Wo der Glaube und heilige Geist ist... die gläuben, daß Gott gut und gütig sei, wenn er auch alle Menschen verdammt. – Ist nicht Esau Jakobs Bruder? spricht der Herr. Doch habe ich Jakob lieb und hasse Esau.« Luther (T. XIX, p. 83, 87, 90, 91, 97). Wo die Liebe in diesem Sinne erfaßt wird, da wird daher eifersüchtig darüber gewacht, daß der Mensch sich nichts zum Verdienste anrechne, daß der göttlichen Persönlichkeit allein das Verdienst bleibe; da wird sorgfältig jeder Gedanke an eine Notwendigkeit beseitigt, um auch subjektiv durch das Gefühl der Verbindlichkeit und Dankbarkeit ausschließlich die Persönlichkeit feiern und verherrlichen zu können. Die Juden vergöttern den Ahnenstolz; die Christen dagegen verklärten und verwandelten das jüdisch-aristokratische Prinzip des Geburtsadels in das demokratische Prinzip des Verdienstadels. Der Jude macht die Seligkeit von der Geburt, der Katholik vom Verdienste des Werkes, der Protestant vom Verdienste des Glaubens abhängig. Aber der Begriff der Verbindlichkeit und Verdienstlichkeit verbindet sich nur mit einer Handlung, einem Werke, das nicht von mir gefordert werden kann oder nicht notwendig aus meinem Wesen hervorgeht. Die Werke des Dichters, des Philosophen können nur äußerlich betrachtet unter den Gesichtspunkt der Verdienstlichkeit gestellt werden. Sie sind Werke des Genies – notgedrungne Werke: der Dichter mußte dichten, der Philosoph philosophieren. Die höchste Selbstbefriedigung lag für sie in der beziehungs- und rücksichtslosen Tätigkeit des Schaffens. Ebenso ist es mit einer wahrhaft edeln moralischen Handlung. Für den edeln Menschen ist die edle Handlung eine natürliche: er zweifelt nicht, ob er sie tun soll, er legt sie nicht auf die Waage der Wahlfreiheit; er muß sie tun. Nur wer so handelt, ist auch ein zuverlässiger Mensch. Die Verdienstlichkeit führt immer die Vorstellung mit sich, daß man etwas sozusagen nur aus Luxus, nicht aus Notwendigkeit tut. Die Christen feierten nun wohl die höchste Handlung in ihrer Religion, die Menschwerdung Gottes, als ein Werk der Liebe. Aber die christliche Liebe hat insofern, als sie sich auf den Glauben stützt, auf die Vorstellung Gottes als eines Herrn, eines Dominus, die Bedeutung eines Gnadenaktes, einer an sich Gott überflüssigen, bedürfnislosen Liebe. Ein gnädiger Herr ist ein solcher, der von seinem Rechte abläßt, ein Herr, der tut aus Gnade, was er als Herr zu tun nicht nötig hat, was über den strikten Begriff des Herrn hinausgeht. Gott hat als Herr nicht nur die Pflicht, dem Menschen wohlzutun; er hat sogar das Recht – denn er ist durch kein Gesetz gebundner Herr – den Menschen zu vernichten, wenn er will. Kurz, die Gnade ist die unnotwendige Liebe, die Liebe im Widerspruch mit dem Wesen der Liebe, die Liebe, die nicht Wesen, nicht Natur ausdrückt, die Liebe, welche der Herr, das Subjekt, die Person – Persönlichkeit ist nur ein abstrakter, moderner Ausdruck für Herrlichkeit – von sich unterscheidet als ein Prädikat, welches sie haben und nicht haben kann, ohne deswegen aufzuhören, sie selbst zu sein. Notwendig mußte sich daher auch im Leben, in der Praxis des Christentums dieser innere Widerspruch realisieren, das Subjekt vom Prädikat, der Glaube von der Liebe scheiden. Wie die Liebe Gottes zum Menschen nur ein Gnadenakt war, so wurde auch die Liebe des Menschen zum Menschen nur zu einem Gnadenakt des Glaubens. Die christliche Liebe ist der gnädige Glaube, wie die Liebe Gottes die gnädige Persönlichkeit oder Herrschaft. (Über die göttliche Willkür s. auch J. A. Ernestis schon oben zitierte Abhandlung: Vindiciae arbitrii divini.)

Der Glaube hat ein böses Wesen in sich. Der christliche Glaube, sonst nichts ist der oberste Grund der christlichen Ketzerverfolgungen und Ketzerhinrichtungen. Der Glaube anerkennt den Menschen nur unter der Bedingung, daß er Gott, d.h. den Glauben anerkennt. Der Glaube ist die Ehre, die der Mensch Gott erweist. Und diese Ehre gebührt ihm unbedingt. Dem Glauben ist die Basis aller Pflichten der Glaube an Gott – der Glaube die absolute Pflicht, die Pflichten gegen die Menschen nur abgeleitete, untergeordnete Pflichten. Der Ungläubige ist also ein rechtloses – ein vertilgungswürdiges Subjekt. Was Gott negiert, muß selbst negiert werden. Das höchste Verbrechen ist das Verbrechen der laesae majestatis Dei. Gott ist dem Glauben ein persönliches und zwar das allerpersönlichste, unverletzlichste, berechtigtste Wesen. Die Spitze der Persönlichkeit ist die Ehre – eine Injurie gegen die höchste Persönlichkeit also notwendig das höchste Verbrechen. Die Ehre Gottes kann man nicht als eine zufällige, rohsinnliche, anthropomorphistische Vorstellung desavouieren. Ist denn nicht auch die Persönlichkeit, auch die Existenz Gottes eine sinnliche, anthropomorphistische Vorstellung? Wer die Ehre negiert, sei so ehrlich, auch die Persönlichkeit aufzuopfern. Aus der Vorstellung der Persönlichkeit ergibt sich die Vorstellung der Ehre, aus dieser die Vorstellung der religiösen Injurie. »Wer der Obrigkeit fluchet, der werde nach ihrem Gutdünken bestraft, wer aber des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben, die ganze Gemeine soll ihn steinigen.« (3. Moses 24, 15. 16. Siehe auch Deut. 13, woraus die Katholiken das Recht, die Ketzer zu töten, ableiten. Boehmer l. c, lib. V. T. VII. § 44.) »Daß diejenigen, welche von Gott nichts wissen, mit Recht als Gottlose, als Ungerechte bestraft werden, kann nur der Irreligiöse bezweifeln; denn es ist kein geringeres Verbrechen, den Vater von allem und den Herrn von allem nicht zu kennen, als zu beleidigen.« Minucii Fel. (Oct. c. 35). »Wo bleiben die Gebote des göttlichen Gesetzes, welche sagen: Ehre Vater und Mutter, wenn das Wort Vater, welches wir im Menschen ehren sollen, in Gott ungestraft verletzt wird?« Cyprianus (Epist. 73. ed. Gersdorf.). »Warum sollen denn, da dem Menschen von Gott freier Wille gegeben wurde, Ehebrüche durch die Gesetze bestraft, aber Irreligiositäten erlaubt werden? Ist die Treulosigkeit der Seele gegen Gott ein geringeres Vergehen, als die Treulosigkeit des Weibes gegen den Mann?« Augustinus (De correct. Donatist. lib. ad Bonif. c. 5). »Wenn die Falschmünzer mit dem Tode bestraft werden, wie sollen erst die bestraft werden, welche den Glauben verfälschen wollen?« Paulus Cortesius (In Sent. Petri L. lib. III. dist. 7). »Wenn man einen hochgestellten und mächtigen Mann nicht beleidigen darf, und wenn man ihn beleidigt hat, vor Gericht gestellt und als Injuriant mit Recht verurteilt wird – ein wieviel strafbareres Verbrechen ist es, wenn man Gott beleidigt? Immer wächst ja mit der Würde des Beleidigten die Schuld des Beleidigers.« Salvianus (De gubern. Dei, lib. VI. p. 218 ed. cit.). Aber die Ketzerei, der Unglaube überhaupt – die Ketzerei ist nur ein bestimmter, beschränkter Unglaube – ist eine Blasphemie, also das höchste, strafbarste Verbrechen. So schreibt, um von unzähligen Beispielen nur eines anzuführen, J. Oecolampadius an Servet: »Weil ich nicht die höchste Duldsamkeit an den Tag lege aus Unmut darüber, daß Jesus Christus der Sohn Gottes so entehrt wird, so scheine ich dir nicht christlich zu handeln. In allem andern werde ich mild sein, nur nicht bei Blasphemien gegen Christus.« (Historia Mich. Serveti, H. ab Allwoerden, Helmstadii 1727, p. 13.) Denn was ist Blasphemie? Jede Verneinung einer Vorstellung, einer Bestimmung, wobei die Ehre Gottes, die Ehre des Glaubens beteiligt ist. Servet fiel als ein Opfer des christlichen Glaubens. Calvin sagte noch zwei Stunden vor seinem Tode zu Servet: »Ich habe nie persönliche Beleidigungen geahndet« und schied von ihm mit bibelfester Gesinnung: ab haeretico homine, qui αυτοχαταχριτοσ peccabat, secundum Pauli praeceptum discessi. (Ibid. p. 120.) Es war also keineswegs persönlicher Haß, wenn auch dieser mit im Spiel gewesen sein mag, es war der religiöse Haß, der Servet auf den Scheiterhaufen brachte – der Haß, der aus dem Wesen des unbeschränkten Glaubens entspringt. Selber Melanchthon billigte bekanntlich Servets Hinrichtung. Die Schweizer Theologen, welche von den Genfern um ihre Meinung befragt wurden, erwähnten zwar in ihren Antworten schlangenklugerweise nichts von der Todesstrafe,[1] aber stimmten doch darin mit den Genfern überein, daß Servet wegen seiner verabscheuungswürdigen Irrlehre strenge zu bestrafen sei. Also keine Differenz im Prinzip, nur in der Art und Weise der Bestrafung. Selbst Calvin war so christlich, daß er die grausame Todesart, wozu der Genfer Senat Servet verurteilte, mildern wollte. Auch die spätern Christen und Theologen billigten noch die Hinrichtung Servets. (S. hierüber z. B. M. Adami Vita Calvini, p. 90; Vita Bezae, p. 207; Vitae Theolog. exter. Francof. 1618.) Wir haben daher diese Hinrichtung als eine Handlung von allgemeiner Bedeutung – als ein Werk des Glaubens, und zwar nicht des römisch-katholischen, sondern des reformierten, des auf die Bibel reduzierten, des evangelischen Glaubens anzusehen. – Daß man die Ketzer nicht durch Gewalt zum Glauben zwingen müsse, dies allerdings behaupteten die meisten Kirchenlichter, aber gleichwohl lebte in ihnen doch der boshafteste Ketzerhaß. So sagt z.B. der heilige Bernhard (Super Cantica, S. 66) in betreff der Ketzer: »Der Glaube ist anzuraten, aber nicht zu befehlen«; aber er setzt sogleich hinzu, daß es besser wäre, sie durch das Schwert der Obrigkeit zu unterdrücken, als die Verbreitung ihrer Irrtümer geschehen zu lassen. – Wenn der jetzige Glaube keine solchen eklatanten Greueltaten mehr hervorbringt, so kommt das, abgesehen von andern Gründen, nur daher, daß unser Glaube kein unbedingter, entschiedner, lebendiger, sondern vielmehr ein skeptischer, eklektischer, ungläubiger, durch die Macht der Kunst und Wissenschaft gebrochner und gelähmter Glaube ist. Wo keine Ketzer mehr verbrannt werden; sei's nun im jenseitigen oder im diesseitigen Feuer, da hat der Glaube selbst kein Feuer mehr im Leibe. Der Glaube, der erlaubt, anderes zu glauben, verzichtet auf seinen göttlichen Ursprung und Rang, degradiert sich selbst zu einer nur subjektiven Meinung. Nicht dem christlichen Glauben, nicht der christlichen, d.h. der durch den Glauben beschränkten Liebe, nein! dem Zweifel an dem christlichen Glauben, dem Sieg der religiösen Skepsis, den Freigeistern, den Häretikern verdanken wir die Toleranz der Glaubensfreiheit. Die von der christlichen Kirche verfolgten Ketzer nur verfochten die Glaubensfreiheit. Die christliche Freiheit ist Freiheit nur im Unwesentlichen, die Grundartikel des Glaubens gibt sie nicht frei. – Wenn übrigens hier der christliche Glaube – der Glaube in seinem Unterschied von der Liebe betrachtet, denn der Glaube ist nicht eins mit der Liebe, »ihr könnt Glauben ohne Liebe haben« (Augustinus, Serm. ad pop., S. 90) – als das Prinzip, der letzte Grund der, natürlich aus wirklichem Glaubenseifer entsprungenen, Gewalttaten der Christen gegen die Ketzer bezeichnet wird, so versteht es sich zugleich von selbst, daß der Glaube nicht unmittelbar und ursprünglich, sondern erst in seiner historischen Entwicklung diese Konsequenzen haben konnte. Gleichwohl war auch schon den ersten Christen, und zwar notwendigerweise, der Ketzer ein Antichrist – adversus Christum sunt haeretici, Cyprianus (Epist. 76, § 14 edit. cit.) – ein fluchwürdiges – apostoli... in epistolis haereticos exsecrati sunt, Cyprianus (ibid. § 6) – ein verlornes, von Gott in die Hölle verstoßnes, d.h. zum ewigen Tode verurteiltes Subjekt. »Da hörest du, daß das Unkraut bereits verdammt und zum Feuer verurteilet ist. Was willt du denn einem Ketzer viel Marter anlegen? Hörest du nicht, daß er bereit allzuschwer zu seiner Strafe verurteilet ist? Wer bist du, der du zugreifest und wilt den strafen, der schon in eines mächtigern Herrn Strafe gefallen ist? Was will ich einem Dieb anhaben, der schon zum Galgen verurteilt ist... Gott hat schon seine Engel verordnet, sie sollen zu seiner Zeit Henker sein über die KetzerLuther (T. XVI, p. 132).

Als daher der Staat, die Welt christlich, aber eben damit auch das Christentum weltlich, die christliche Religion Staatsreligion wurde, da war es eine notwendige Konsequenz, daß auch die erst nur religiöse oder dogmatische Vernichtung der Ketzer zu einer politischen, wirklichen Vernichtung wurde, die ewigen Höllenstrafen sich in zeitliche verwandelten. Wenn darum die Bestimmung und Behandlung der Ketzerei als eines strafbaren Verbrechens ein Widerspruch mit dem christlichen Glauben ist, so ist auch ein christlicher König, ein christlicher Staat ein Widerspruch mit demselben; denn ein christlicher Staat ist nur der, welcher das Gottesurteil des Glaubens mit dem Schwerte vollstreckt, den Gläubigen die Erde zum Himmel, den Ungläubigen zur Hölle macht. »Wir haben gezeigt... daß es die Sache religiöser Könige ist, nicht nur Ehebruch oder Menschenmord oder andere derartige Verbrechen, sondern auch Religionsschänderei (sacrilegia) mit angemeßner Strenge zu bestrafen.« Augustinus (Epist. ad Dulcitium). »Die Könige sollen dem Herrn Christo also dienen, daß sie mit Gesetzen dazu helfen, daß seine Ehre gefördert werde. – Wo nun weltliche Obrigkeit schändliche Irrtümer befindet, dadurch des Herrn Christi Ehre gelästert und der Menschen Seligkeit gehindert wird und Spaltung unter dem Volke entsteht... wo solche irrige Lehrer sich nicht weisen lassen und vom Predigen nicht ablassen wollen: da soll weltliche Oberkeit getrost wehren und wissen, daß es ihr Amts halb anders nicht gebühren will, denn daß sie Schwert und alle Gewalt dahin wende, auf daß die Lehre rein und der Gottesdienst lauter und ungefälscht, auch Friede und Einigkeit erhalten werde.« Luther (T. XV, p. 110-111). Bemerkt werde hier noch, daß Augustin die Anwendung von Zwangsmaßregeln zur Erweckung des christlichen Glaubens damit rechtfertigt, daß auch der Apostel Paulus durch eine sinnliche Gewalttat – ein Wunder – zum Christentum bekehrt worden sei. (De correct. Donat. c. 6.) Der innige Zusammenhang zwischen den zeitlichen und ewigen, d.i. politischen und geistlichen Strafen erhellt schon daraus, daß dieselben Gründe, welche man gegen die weltliche Bestrafung der Ketzerei geltend gemacht hat, auch gegen die Höllenstrafen sprechen. Kann die Ketzerei oder der Unglaube deswegen nicht bestraft werden, weil er ein bloßer Irrtum ist, so kann er auch nicht von Gott in der Hölle bestraft werden. Widerspricht Zwang dem Wesen des Glaubens, so widerspricht auch die Hölle dem Wesen des Glaubens, denn die Furcht vor den schrecklichen Folgen des Unglaubens, den Qualen der Hölle, zwingt wider Wissen und Willen zum Glauben. Boehmer in seinem Jus. eccl. will die Ketzerei, den Unglauben aus der Klasse der Verbrechen gestrichen wissen, der Unglaube sei nur ein Vitium theologicum, ein Peccatum in Deum, d.h. eine Sünde gegen Gott. Allein Gott ist ja im Sinne des Glaubens nicht nur ein religiöses, sondern auch politisches, juristisches Wesen, der König der Könige, das eigentliche Staatsoberhaupt. »Es ist keine Obrigkeit ohne von Gott, sie ist Gottes Dienerin.« Römer 13,1.4. Wenn daher der juristische Begriff der Majestät, der königlichen Würde und Ehre von Gott gilt, so muß auch konsequent von der Sünde gegen Gott, von dem Unglauben der Begriff des Verbrechens gelten. Und wie Gott, so der Glaube. Wo der Glaube noch eine Wahrheit ist, und zwar öffentliche Wahrheit, da zweifelt er nicht daran, daß er von jedem gefordert werden kann, daß jeder zum Glauben verpflichtet ist. – Bemerkt werde auch noch dieses, daß die christliche Kirche in ihrem Haß gegen die Ketzer so weit gegangen ist, daß nach dem kanonischen Recht sogar der Verdacht der Ketzerei ein Verbrechen ist, ita ut de jure canonico revera crimen suspecti detur, cujus existentiam frustra in jure civili quaerimus. Boehmer (1. e.V. Tit. VII. §23-42).

Das Gebot der Feindesliebe erstreckt sich nur auf persönliche Feinde, nicht auf die Feinde Gottes, die Feinde des Glaubens.

»Gebeut nicht der Herr Christus, daß wir auch unsere Feinde lieben sollen? wie rühmet sich denn allhier David, daß er hasse die Versammlung derer Boshaftigen, und sitze nicht bei denen Gottlosen? ... Der Person halber soll ich sie lieben; aber um der Lehre willen soll ich sie hassen. Und also muß ich sie hassen oder muß Gott hassen, der da gebeut und will, daß man allein seinem Wort soll anhangen... Was ich mit Gott nicht lieben kann, das soll ich hassen; wenn sie nur etwas predigen, das wider Gott ist, so gehet alle Liebe und Freundschaft unter: daselbst hasse ich dich und tue dir kein Gutes. Denn der Glaube soll oben liegen, und da gehet der Haß an und ist die Liebe aus, wenn es das Wort Gottes angehet... So will nun David sagen: ich hasse sie nicht darum, daß sie mir Leid und Übels täten und daß sie ein arges und böses Leben führeten, sondern daß sie Gottes Wort verachten, schänden, lästern, verfälschen und verfolgen.« »Glaube und Liebe sind zweierlei. Glaube leidet nichts, Liebe leidet alles. Glaube flucht, Liebe segnet; Glaube sucht Rache und Strafe, Liebe sucht Schonen und Vergeben.« »Ehe der Glaube ließe Gottes Wort untergehen und Ketzerei stehen, wünschte er eher, daß alle Kreaturen untergingen; denn durch Ketzerei verliert man Gott selbst.« Luther (T. VI, p. 94; T. V, p. 624, 630). S. auch hierüber meine Beleuchtung in den deutschen Jahrb. und Augustini Enarrat. in Psalm. 138 (139). Wie Luther die Person, so unterscheidet auch Augustin hier den Menschen vom Feinde Gottes, vom Ungläubigen, und sagt, wir sollen die Gottlosigkeit im Menschen hassen, die Menschheit in ihm lieben. Aber was ist denn in den Augen des Glaubens der Mensch im Unterschied vom Glauben, der Mensch ohne Glaube, d. h. ohne Gott? Nichts, denn der Inbegriff aller Realitäten, aller Liebenswürdigkeiten, alles Guten und Wesenhaften ist der Glaube, als welcher allein Gott ergreift und besitzt. Wohl ist der Mensch als Mensch ein Bild Gottes, aber nur des natürlichen Gottes, Gottes als des Schöpfers der Natur. Der Schöpfer ist aber nur der Gott »von Außen«; der wahre Gott, Gott wie er »in sich selbst« ist, das »inwendige Wesen Gottes« ist der dreieinige Gott, ist insbesondere Christus. (S. Luther T. XIV, p. 2 u. 3 und T. XVI, p. 581.) Und das Bild dieses erst wahren, wesentlichen, christlichen Gottes ist auch nur der Gläubige, der Christ. Überdem ist ja der Mensch an und für sich schon nicht um seinetwillen, sondern um Gottes willen zu lieben. Augustinus (De doctrina chr., lib. I. c. 27. u. 22). Wie sollte also gar der ungläubige Mensch, der keine Ähnlichkeit, keine Gemeinschaft mit dem wahren Gott hat, ein Gegenstand der Liebe sein?

Der Glaube scheidet den Menschen vom Menschen, setzt an die Stelle der naturbegründeten Einheit und Liebe eine übernatürliche – die Einheit des Glaubens.

»Den Christen muß nicht nur der Glaube, sondern auch das Leben unterscheiden... Ziehet nicht, sagt der Apostel, am fremden Joche mit den Ungläubigen... Es bestehe also zwischen uns und ihnen die größte Trennung.« Hieronymus (Epist. Caelantiae matronae). »Wie kann das eine Ehe genannt werden, wo die Übereinstimmung des Glaubens fehlt? Wie viele sind aus Liebe zu ihren Weibern Verräter ihres Glaubens geworden!« Ambrosius (Epist. 70, lib. IX). »Denn Christen dürfen nicht Heiden oder Juden ehelichen.« Petrus Lomb. (Lib. IV. dist. 39. c. 1). Auch diese Scheidung ist keineswegs unbiblisch. Wir sehen ja vielmehr, daß die Kirchenväter sich gerade auf die Bibel berufen. Die bekannte Stelle des Apostels in betreff der Ehen zwischen Heiden und Christen bezieht sich nur auf Ehen, die schon vor dem Glauben bestanden, nicht auf solche, die erst geschlossen werden sollen. Man sehe, was hierüber schon Petrus Lomb. sagt in dem eben zitierten Buche. »Die ersten Christen haben alle ihre Verwandte, die sie von der Hoffnung der himmlischen Belohnung abwenden wollten, nicht erkannt, auch nicht einmal gehört. – Dies hielten sie vor die eigne Kraft des Evangelii, daß um dessen willen alle Blutsfreundschaft verachtet würde; indem... die Brüderschaft Christi der natürlichen weit vorginge. – Uns ist das Vaterland und der gemeine Name nicht lieb, als die wir selbst vor unsern Eltern einen Abscheu haben, wenn sie etwas wider den Herrn raten wollen.« G. Arnold (Wahre Abbild, der ersten Christen, B. IV, c. 2). »Wer Vater oder Mutter mehr liebet denn mich, der ist meiner nicht wert. Matth. 10, 37 ... Hierin erkenne ich euch nicht als Eltern, sondern als Feinde an ... Was habe ich mit euch zu schaffen? Was habe ich von euch außer Sünde und ElendBernardus (Epist. 111. Ex. pers. Heliae mon. ad parentes). »Höre Isidors Ausspruch: viele Geistliche, Mönche ... verlieren über dem zeitlichen Wohl ihrer Eltern ihre Seelen ... Die Diener Gottes, welche für das Wohl ihrer Eltern sorgen, fallen von der Liebe Gottes ab.« (De Modo bene viv. Serm. VII.) »Jeden gläubigen Menschen halte für deinen Bruder.« (Ibid. Serm. XIII.) »Ambrosius sagt, daß wir weit mehr lieben sollen die Kinder, die wir aus der Taufe heben, als die Kinder, die wir fleischlich zeugten.« Petrus Lomb. (Lib. IV. dist. 6. c. 5. addit. Henr. ed Vurim.). »Die Kinder werden mit der Sünde geboren, und erben nicht das ewige Leben ohne Erlassung der Sünde... Da es also nicht zweifelhaft ist, daß in den Kindern die Sünde ist, so muß einiger Unterschied sein zwischen den Kindern der Heiden, welche schuldig bleiben, und den Kindern in der Kirche, welche von Gott angenommen werden.« Melanchthon (Loci de bapt. inf. Argum. II. Vgl. hiezu auch die oben als ein Zeugnis von der Beschränktheit der christgläubigen Liebe aus Buddeus angeführte Stelle). »Mit den Ketzern darf man weder beten, noch singen.« Concil. Carthag. IV. can. 72 (Carranza Summ.). »Die Bischöfe oder Geistlichen sollen an die, welche keine katholischen Christen sind, auch wenn sie ihre Blutsverwandte sind, nichts von ihren Sachen verschenken.« Concil. Carthag. III. can. 13 (ibid.).

Der Glaube hat die Bedeutung der Religion, die Liebe nur die der Moral. Dies hat besonders entschieden der Protestantismus ausgesprochen. Der Ausdruck, daß die Liebe nicht vor Gott gerecht mache, sondern nur der Glaube, sagt eben nichts weiter aus, als daß die Liebe keine religiöse Kraft und Bedeutung habe. (S. Apologie der augsburgischen Konfess. Art. 3. Von der Liebe und Erfüllung des Gesetzes.) Zwar heißt es hier: »Darum was die Scholastici von der Liebe Gottes reden, ist ein Traum und ist unmöglich Gott zu lieben, ehe wir durch den Glauben die Barmherzigkeit erkennen und ergreifen. Denn alsdann erst wird Gott objectum amabile, ein lieblich, selig Anblick.« Es wird also hier zum eigentlichen Objekt des Glaubens die Barmherzigkeit, die Liebe gemacht. Allerdings unterscheidet sich zunächst der Glaube auch nur dadurch von der Liebe, daß er außer sich setzt, was die Liebe in sich setzt. »Wir glauben, unsere Gerechtigkeit, Heil und Trost stehe außer uns.« Luther (T. XVI, p. 497. S. auch T. IX, p. 587). Allerdings ist der Glaube im protestantischen Sinne der Glaube an die Vergebung der Sünde, der Glaube an die Gnade, der Glaube an Christus, als den für den Menschen sterbenden und leidenden Gott, so daß der Mensch, um die ewige Seligkeit zu erlangen, nichts weiter seinerseits zu tun hat, als diese Hingebung Gottes für ihn selbst wieder hingebend, d. h. gläubig, zuversichtlich anzunehmen. Aber Gott ist nicht allein als Liebe Gegenstand des Glaubens. Im Gegenteil, der charakteristische Gegenstand des Glaubens als Glaubens ist Gott als Subjekt. Oder ist etwa ein Gott, der dem Menschen kein Verdienst gönnt, der alles nur sich ausschließlich vindiziert, eifersüchtig über seiner Ehre wacht, ist ein solcher selbstsüchtiger Gott ein Gott der Liebe?

Die aus dem Glauben hervorgehende Moral hat zu ihrem Prinzip und Kriterium nur den Widerspruch mit der Natur, mit dem Menschen. Wie der höchste Gegenstand des Glaubens der ist, welcher der Vernunft am meisten widerspricht, die Eucharistie, so ist notwendig die höchste Tugend der dem Glauben getreuen und gehorsamen Moral die, welche am meisten der Natur widerspricht. Die dogmatischen Wunder haben konsequent moralische Wunder in ihrem Gefolge. Die widernatürliche Moral ist die natürliche Schwester des übernatürlichen Glaubens. Wie der Glaube die Natur außer dem Menschen, so überwindet die Glaubensmoral die Natur im Menschen. Diesen praktischen Supernaturalismus, dessen epigrammatische Spitze die »Jungferschaft, die Schwester der Engel, die Königin der Tugenden, die Mutter alles Guten« ist (s. A. v. Buchers: Geistliches Suchverloren. Sämmtl. W., B. VI, 151), hat insbesondere der Katholizismus ausgebildet; denn der Protestantismus hat nur das Prinzip des Christentums festgehalten, aber die notwendigen Konsequenzen desselben willkürlich, eigenmächtig weggestrichen, hat sich nur den christlichen Glauben, aber nicht die christliche Moral zu Gemüte gezogen. Der Protestantismus hat den Menschen im Glauben auf den Standpunkt des ersten Christentums, aber im Leben, in der Praxis, in der Moral auf den vorchristlichen, auf den heidnischen oder alttestamentlichen, auf den adamitischen, den natürlichen Standpunkt zurückversetzt. Die Ehe hat Gott im Paradiese eingesetzt; darum gilt auch heute noch, auch den Christen noch das Gebot: Mehret euch! Christus gibt nur denen den Rat, sich nicht zu verheiraten, die dazu geschickt sind. Die Keuschheit ist eine übernatürliche Gabe; sie kann also nicht jedem zugemutet werden. Aber ist denn nicht auch der Glaube eine übernatürliche Gabe, eine besondere Gnade Gottes, ein Wunderwerk, wie Luther unzähligemale sagt, und wird er nicht dennoch uns allen zum Gebote gemacht? Ergeht nicht deshalb das Gebot an uns, daß wir unsere natürliche Vernunft »töten, blenden und schänden« sollen? Ist nicht der Trieb, nichts zu glauben und anzunehmen, was der Vernunft widerspricht, ebenso natürlich, so stark, so notwendig in uns als der Geschlechtstrieb? Wenn wir Gott um Glauben bitten sollen, weil wir für uns selbst zu schwach sind, warum sollen wir nicht aus demselben Grund Gott um die Keuschheit anflehen? Wird er uns diese Gabe versagen, wenn wir ihn ernstlich darum anflehen? Nimmermehr; also können wir ebensogut die Keuschheit als den Glauben als ein allgemeines Gebot betrachten, denn was wir nicht durch uns selbst, das vermögen wir durch Gott. Was gegen die Keuschheit, das spricht auch gegen den Glauben, und was für den Glauben, das spricht auch für die Keuschheit. Eins steht und fällt mit dem andern; mit dem übernatürlichen Glauben ist eine übernatürliche Moral notwendig verbunden. Dieses Band zerriß der Protestantismus; im Glauben bejahte er das Christentum, im Leben, in der Praxis verneinte er es, anerkannte er die Autonomie der natürlichen Vernunft, des Menschen, setzte er den Menschen in seine ursprünglichen Rechte ein. Nicht weil sie der Bibel widerspricht – hier wird ihr vielmehr das Wort geredet –, weil sie dem Menschen, der Natur widerspricht, deshalb verwarf er die Ehelosigkeit, die Keuschheit. »Wer aber ja einsam sein will, der tue den Namen ›Mensch‹ weg und beweise oder schaff's, daß er ein Engel oder Geist sei... Es ist zu erbarmen, daß ein Mensch so toll soll sein, daß sich wundert, daß ein Mann ein Weib nimmt oder daß sich jemand des schämen sollte, weil sich niemand wundert, daß Menschen zu essen und zu trinken pflegen. Und diese Notdurft, da das menschliche Wesen herkommt, soll noch erst in Zweifel und Wunder stehen.« Luther (T. XIX, p. 368, 369). Unentbehrlich ist also dem Manne das Weib, so unentbehrlich wie Speise und Trank. Stimmt dieser Unglaube an die Möglichkeit und Realität der Keuschheit mit der Bibel überein, wo uns die Ehelosigkeit als ein löblicher und folglich möglicher, erreichbarer Stand angepriesen wird? Nein! er widerspricht ihr geradezu. Der Protestantismus negierte auf dem Gebiete der Moral infolge seines praktischen Sinnes und Verstandes, also aus eigner Kraft und Macht den christlichen Supranaturalismus. Das Christentum existiert für ihn nur im Glauben – nicht im Rechte, nicht in der Moral, nicht im Staate. Wohl gehört wesentlich zum Christen auch die Liebe (der Inbegriff der Moral), so daß, wo keine Liebe, wo sich der Glaube nicht durch die Liebe betätigt, kein Glaube, kein Christentum ist. Aber gleichwohl ist die Liebe nur die Erscheinung des Glaubens nach außen, nur eine Folge und nur etwas Menschliches. »Der Glaube allein handelt mit Gott«, »der Glaube macht uns zu Göttern«, die Liebe zu Menschen, und, wie der Glaube nur für Gott, so ist auch Gott nur für den Glauben, d. h. der Glaube allein ist das Göttliche, das Christliche im Menschen. Dem Glauben gehört das ewige, der Liebe nur dies zeitliche Leben. »Gott hat dieses zeitliche irdische Leben lange zuvor ehe Christus gekommen ist, der ganzen Welt gegeben und gesagt, daß man ihn und den Nächsten lieben soll. Darnach hat er auch der Welt gegeben seinen Sohn Christum, auf daß wir durch ihn und in ihm auch das ewige Leben haben sollen ... Moses und das Gesetz gehört zu diesem Leben, aber zu jenem Leben müssen wir den Herrn haben.« Luther (T. XVI, p. 459). Obwohl also die Liebe zum Christen gehört, so ist doch der Christ nur dadurch Christ, daß er glaubt an Christus. Wohl ist der Nächstendienst – in welcher Art, welchem Stande und Berufe er auch nur immer geschehe – Gottesdienst. Aber der Gott, dem ich diene, indem ich ein weltliches oder natürliches Amt verrichte, ist auch nur der allgemeine, weltliche, natürliche vorchristliche Gott. Die Obrigkeit, der Staat, die Ehe existierte schon vor dem Christentum, war eine Einsetzung, eine Anordnung Gottes, in der er sich noch nicht als den wahren Gott, als Christus offenbarte. Christus hat mit allen diesen weltlichen Dingen nichts zu schaffen, sie sind ihm äußerlich, gleichgültig. Aber eben deswegen verträgt sich jeder weltliche Beruf und Stand mit dem Christentum; denn der wahre, christliche Gottesdienst ist allein der Glaube, und diesen kann man überall ausüben. Der Protestantismus bindet den Menschen nur im Glauben, alles übrige gibt er frei, aber nur, weil es dem Glauben äußerlich ist. Wohl binden uns die Gebote der christlichen Moral, wie z. B.: Ihr sollt euch nicht rächen usw., aber sie gelten nur für uns als Privatpersonen, nicht für uns als öffentliche Personen. Die Welt wird nach ihren eignen Gesetzen regiert. Der Katholizismus hat »das weltliche und geistliche Reich untereinandergemengt«, d. h. er wollte die Welt durch das Christentum beherrschen. Aber »Christus ist nicht darum auf Erden kommen, daß er dem Kaiser Augusto in sein Regiment greife und ihn lehre, wie er regieren solle.« Luther (T. XVI, p. 49). Wo das Weltregiment anfängt, da hört das Christentum auf – da gilt die weltliche Gerechtigkeit, das Schwert, der Krieg, der Prozeß. Als Christ laß ich mir ohne Widerstand meinen Mantel stehlen, aber als Bürger verlange ich ihn von Rechts wegen wieder zurück. »Das Evangelium schafft nicht das Naturrecht ab.« Melanchthon (De vindicta Loci. S. über diesen Gegenstand auch M. Chemnitii Loci theol. de vindicta). Kurz, der Protestantismus ist die praktische Negation des Christentums, die praktische Position des natürlichen Menschen. Wohl gebietet auch er die Tötung des Fleisches, die Negation des natürlichen Menschen; aber abgesehen davon, daß sie keine religiöse Bedeutung und Kraft mehr für ihn hat, nicht gerecht, d. h. nicht gottwohlgefällig, nicht selig macht – die Negation des Fleisches im Protestantismus unterscheidet sich nicht von der Beschränkung des Fleisches, welche dem Menschen die natürliche Vernunft und Moral auferlegen. Die notwendigen praktischen Folgen des christlichen Glaubens hat der Protestantismus in das Jenseits, in den Himmel hinausgeschoben, d. h. eben in revera negiert. Im Himmel erst hört der weltliche Standpunkt des Protestantismus auf – dort verheiraten wir uns nicht mehr, dort erst werden wir neue Kreaturen; aber hier bleibt alles beim alten, »bis in jenes Leben, da wird das äußerliche Leben geändert, denn Christus ist nicht kommen, die Kreatur zu ändern«. Luther (T. XV, p. 62). Hier sind wir zur Hälfte Heiden, zur Hälfte Christen, halb Bürger der Erde, halb Bürger des Himmels. Von dieser Teilung, diesem Zwiespalt, diesem Bruche weiß aber der Katholizismus nichts. Was er im Himmel, d. h. im Glauben, das negiert er auch, soviel als möglich, auf der Erde, d. h. in der Moral. »Es erfordert eine große Kraft und sorgfältige Achtsamkeit, zu überwinden, was du von Geburt bist: im Fleische nicht fleischlich zu leben, täglich mit dir zu kämpfen.« Hieronymus (Epist. Furiae Rom. nobilique viduae). »Je mehr du die Natur bezwingst und unterdrückst, desto größere Gnade wird dir eingeflößt.« Thomas a. K. (Imit. lib. III. c. 54). »Fasse Mut und habe die Kraft, sowohl zu tun, als zu leiden, was der Natur widerspricht.» (Ibid. c. 49.) »O wie selig ist der Mensch, der deinetwegen, o Herr, allen Kreaturen den Abschied gibt, der der Natur Gewalt antut und die Begierden des Fleisches in der Glut des Geistes kreuzigt.« (Ibid. c. 48.) »Aber leider! lebt noch der alte Mensch in mir, er ist noch nicht ganz gekreuzigt.« (Ibid. c. 34.) Und diese Sätze sind keineswegs nur ein Ausdruck der frommen Individualität des Verfassers der Schrift »De imitatione Christi«; sie drücken die echte Moral des Katholizismus aus – die Moral, welche die Heiligen mit ihrem Leben bestätigten und selbst das sonst so weltliche Oberhaupt der Kirche sanktionierte. (Siehe z. B. die Canonizatio S. Bernhardi Abbatis per Älexandrum papam III. anno Ch. 1164.) Aus diesem rein negativen Moralprinzip kommt es auch, daß sich innerhalb des Katholizismus selbst diese krasse Ansicht aussprechen konnte und durfte, daß das bloße Märtyrertum auch ohne die Triebfeder der Liebe zu Gott himmlische Seligkeit erwerbe.

Allerdings negierte auch der Katholizismus in praxi die supranaturalistische Moral des Christentums; aber seine Negation hat eine wesentlich andere Bedeutung, als die des Protestantismus; sie ist nur eine Negation de facto, aber nicht de jure. Der Katholik verneinte im Leben, was er im Leben bejahen sollte – wie z. B. das Gelübde der Keuschheit – bejahen wollte, wenn er wenigstens ein religiöser Katholik war, aber der Natur der Sache nach nicht bejahen konnte. Er machte also das Naturrecht geltend, er befriedigte die Sinnlichkeit – er war, mit einem Worte, Mensch im Widerspruch mit seinem wahren Wesen, seinem religiösen Prinzip und Gewissen. »Leider! lebt noch in mir der alte (d. i. wirkliche) Mensch.« Der Katholizismus hat der Welt den Beweis gegeben, daß die übernatürlichen Glaubensprinzipien des Christentums, auf das Leben angewandt, zu Moralprinzipien gemacht, immoralische, grundverderbliche Folgen haben. Diese Erfahrung zog sich der Protestantismus zunutze, oder vielmehr sie rief den Protestantismus hervor. Er machte daher die – im Sinne des wahren Katholizismus, allerdings nicht im Sinne der entarteten Kirche – illegitime praktische Negation des Christentums zum Gesetz, zur Norm des Lebens: Ihr könnt im Leben, wenigstens diesem Leben, keine Christen, keine besondere übermenschliche Wesen sein, also sollt ihr auch keine sein. Und er legitimierte vor seinem im Christentum befangenen Gewissen sogar diese Negation des Christentums selbst wieder aus dem Christentum, erklärte sie für christlich – kein Wunder daher, daß nun endlich das moderne Christentum nicht nur die praktische, sondern selbst auch die theoretische, also die totale Negation des Christentums für Christentum ausgibt. Wenn übrigens der Protestantismus als der Widerspruch, der Katholizismus als die Einheit von Glauben und Leben bezeichnet wird, so versteht es sich von selbst, daß damit beiderseits nur das Wesen, das Prinzip bezeichnet werden soll.

Der Glaube opfert Gott den Menschen auf. Das Menschenopfer gehört selbst zum Begriffe der Religion. Die blutigen Menschenopfer dramatisieren nur diesen Begriff. »Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak.« Hebräer 11, 17. »Wie viel größer ist Abraham, welcher seinen einzigen Sohn dem Willen nach tötete... Jephtha opferte seine jungfräuliche Tochter und wird deswegen von dem Apostel unter den Heiligen aufgezählt.« Hieronymus (Epist. Juliano). Auch in der christlichen Religion ist es nur das Blut, die Negation des Menschensohnes, wodurch der Zorn Gottes gestillt, Gott mit dem Menschen versöhnt wird. Darum mußte ein reiner, schuldloser Mensch als Opfer fallen. Solches Blut nur ist kostbar, solches nur hat versöhnende Kraft. Und dieses am Kreuze zur Besänftigung des göttlichen Zornes vergoßne Blut genießen die Christen im Abendmahl zur Bestärkung und Besiegelung ihres Glaubens. Aber warum denn das Blut in der Gestalt des Weins, das Fleisch unter der Gestalt des Brotes? Damit es nicht den Schein hat, als äßen die Christen wirklich Menschenfleisch, als tränken sie wirklich Menschenblut, damit nicht der natürliche Mensch, d. i. der homo verus beim Anblick von wirklichem Menschenfleisch und Blute vor den Mysterien des christlichen Glaubens zurückschaudert. »Damit nicht die menschliche Schwachheit vor dem Essen des Fleisches und dem Trinken des Blutes sich entsetzte, wollte Christus beides mit den Gestalten des Brots und Weins bedecken und bemänteln.« Bernardus (Edit. cit. p. 189-191). »Aus drei Gründen wird nach Christi Verordnung Fleisch und Blut unter einer andern Gestalt genossen. Erstlich deswegen, damit der Glaube, welcher sich auf die unsichtbaren Dinge bezieht, ein Verdienst hätte, denn der Glaube hat da kein Verdienst, wo die menschliche Vernunft einen Erfahrungsbeweis gewährt. Dann deswegen, damit nicht die Seele sich vor dem entsetzte, was das Auge erblickte, denn wir sind es nicht gewohnt, rohes Fleisch zu essen und Blut zu trinken. Und endlich deswegen, damit die Ungläubigen nicht die christliche Religion insultierten ... uns nämlich nicht darum verlachten, daß wir das Blut eines getöteten Menschen tränken.« Petrus Lomb. (Lib. IV.dist. ll.c.4).

Aber wie das blutige Menschenopfer in der höchsten Negation des Menschen zugleich die höchste Position desselben ausdrückt, denn nur deswegen, weil das Menschenleben für das Höchste gilt, weil also das Opfer desselben das schmerzlichste ist, das Opfer, welches die größte Überwindung kostet, wird es Gott dargebracht – ebenso ist auch der Widerspruch der Eucharistie mit der menschlichen Natur nur ein scheinbarer. Auch ganz abgesehen davon, daß Fleisch und Blut mit Wein und Brot, wie der heil. Bernhard sagt, bemäntelt werden, d. h. in Wahrheit nicht Fleisch, sondern Brot, nicht Blut, sondern Wein genossen wird – das Mysterium der Eucharistie löst sich auf in das Geheimnis des Essens und Trinkens. »... Alle alte christliche Lehrer ... lehren, daß der Leib Christi nicht allein geistlich mit dem Glauben, welches auch außerhalb des Sakraments geschieht, sondern auch mündlich, nicht allein von gläubigen, frommen, sondern auch von unwürdigen, ungläubigen, falschen und bösen Christen empfangen werde.« »So ist nun zweierlei Essen des Fleisches Christi, eines geistlich ... Solch geistlich Essen aber ist nichts andres als der Glaube... Das andere Essen des Leibes Christi ist mündlich oder sakramentlich.« (Konkordienb. Erkl. Art. 7.) »Der Mund isset den Leib Christi leiblichLuther (wider die Schwarmgeister, T. XIX, p. 417). Was begründet also die spezifische Differenz der Eucharistie? Essen und Trinken.

Außer dem Sakrament wird Gott geistig, im Sakrament sinnlich, mündlich genossen, d. h. getrunken und gegessen – leiblich angeeignet, assimiliert. Wie könntest du aber Gott in deinen Leib aufnehmen, wenn er dir für ein Gottes unwürdiges Organ gälte? Schüttest du den Wein in ein Wassergefäß? Ehrst du ihn nicht durch ein besondres Glas? Fassest du mit deinen Händen oder Lippen an, was dich ekelt? Erklärst du nicht dadurch das Schöne allein für das Berührungswürdige? Sprichst du nicht die Hände und Lippen heilig, wenn du mit ihnen das Heilige ergreifst und berührst? Wenn also Gott gegessen und getrunken wird, so wird Essen und Trinken als ein göttlicher Akt ausgesprochen. Und dies sagt die Eucharistie, aber auf eine sich selbst widersprechende, mystische, heimliche Weise. Unsere Aufgabe ist es jedoch, offen und ehrlich, deutlich und bestimmt das Mysterium der Religion auszusprechen. Das Leben ist Gott, Lebensgenuß Gottesgenuß, wahre Lebensfreude wahre Religion. Aber zum Lebensgenuß gehört auch der Genuß von Speise und Trank. Soll daher das Leben überhaupt heilig sein, so muß auch Essen und Trinken heilig sein. Ist diese Konfession Irreligion? Nun, so bedenke man, daß diese Irreligion das analysierte, explizierte, das unumwunden ausgesprochene Geheimnis der Religion selbst ist. Alle Geheimnisse der Religion resolvieren sich zuletzt, wie gezeigt, in das Geheimnis der himmlischen Seligkeit. Aber die himmlische Seligkeit ist nur die von den Schranken der Wirklichkeit entblößte Glückseligkeit. Die Christen wollen so gut glückselig sein als die Heiden. Der Unterschied ist nur, daß die Heiden den Himmel auf die Erde, die Christen die Erde in den Himmel versetzen. Endlich ist, was ist, was wirklich genossen wird; aber unendlich, was nicht ist, was nur geglaubt und gehofft wird.

Die christliche Religion ist ein Widerspruch. Sie ist die Versöhnung und zugleich der Zwiespalt, die Einheit zugleich und der Gegensatz von Gott und Mensch. Dieser personifizierte Widerspruch ist der Gottmensch – die Einheit der Gottheit und Menschheit in ihm Wahrheit und Unwahrheit.

Es ist schon oben behauptet worden, daß, wenn Christus zugleich Gott, Mensch und zugleich ein andres Wesen war, welches als ein des Leidens unfähiges Wesen vorgestellt wird, sein Leiden nur eine Illusion war. Denn sein Leiden für ihn als Menschen war kein Leiden für ihn als Gott. Nein! was er als Mensch bekannte, leugnete er als Gott. Er litt nur äußerlich, nicht innerlich, d. h. er litt nur scheinbar, doketisch, aber nicht wirklich; denn nur der Erscheinung, dem Ansehn, dem Äußern nach war er Mensch, in Wahrheit, im Wesen aber, welches eben deswegen nur den Gläubigen Gegenstand war, Gott. Ein wahres Leiden wäre es nur gewesen, wenn er zugleich als Gott gelitten hätte. Was nicht in Gott selbst aufgenommen, wird nicht in die Wahrheit, nicht in das Wesen, die Substanz aufgenommen. Unglaublich aber ist es, daß die Christen selbst, teils direkt, teils indirekt, eingestanden haben, daß ihr höchstes, heiligstes Mysterium nur eine Illusion, eine Simulation ist. Eine Simulation, die übrigens schon dem durchaus unhistorischen,[2] theatralischen, illusorischen Evangelium Johannis zugrunde liegt, wie dies unter anderm besonders aus der Auferweckung des Lazarus hervorgeht, indem hier der allmächtige Gebieter über Tod und Leben offenbar nur zur Ostentation seiner Menschlichkeit sogar Tränen vergießt und ausdrücklich sagt: »Vater, ich danke dir, daß du mich erhöret hast, doch ich weiß, daß du mich allezeit hörest, sondern um des Volks willen, das umher stehet, sage ich es, daß sie glauben.« Diese evangelische Simulation hat nun die christliche Kirche bis zur offenbaren Verstellung ausgebildet. »Derselbe litt und litt nicht... Er litt seinem angenommenen Leibe nach, damit der angenommene Leib für ein wirklicher gehalten würde, aber er litt nicht der leidensunfähigen Gottheit des Worts nach... Er war also unsterblich im Tode, leidensunfähig im Leiden ... Warum schreibst du der Gottheit die Leiden des Körpers zu und verbindest die Schwachheit des menschlichen Schmerzes mit der göttlichen Natur?« Ambrosius (De incarnat. dom. sac., c. 4 u. 5). »Der menschlichen Natur nach nahm er an Weisheit zu, nicht weil er selbst mit der Zeit weiser wurde..., sondern eben die Weisheit, von der er voll war, zeigte er den andern allmählich mit der Zeit... für andere also, nicht für sich nahm er an Weisheit und Gnade zu.« Gregorius (bei Petrus Lomb. lib. III. dist. 13. c. 1). »Er nahm also zu, dem Schein und der Meinung andrer Menschen nach. So heißt es von ihm, daß er in seiner Kindheit Vater und Mutter nicht gekannt hätte, weil er sich so benahm und betrug, als wenn er sie nicht gekannt hätte.« Petrus Lomb. (ibid. c. 2). »Als Mensch also zweifelt er, als Mensch hat er gesprochen. (Ambrosius.) Mit diesen Worten scheint angedeutet zu werden, daß Christus nicht als Gott oder Gottes Sohn, sondern als Mensch mit menschlichem Affekt gezweifelt hat, was aber nicht so zu verstehen ist, als wenn er selbst gezweifelt hätte, sondern nur so, daß er sich wie ein Zweifelnder benahm und den Menschen zu zweifeln schien.« Petrus Lomb. (ibid. dist. 17. c. 2). Wir haben im ersten Teil unsrer Schrift die Wahrheit, im zweiten die Unwahrheit der Religion oder vielmehr der Theologie dargestellt. Wahrheit ist nur die Identität Gottes und des Menschen – Wahrheit nur die Religion, wenn sie die menschlichen Bestimmungen als göttliche bejaht, Falschheit, wenn sie, als Theologie, dieselben negiert, Gott als ein andres Wesen sondernd vom Menschen. So hatten wir im ersten Teil zu beweisen die Wahrheit des Leidens Gottes; hier haben wir den Beweis von der Unwahrheit dieses Leidens, und zwar nicht den subjektiven, sondern den objektiven – das Eingeständnis der Theologie selbst, daß ihr höchstes Mysterium, das Leiden Gottes, nur eine Täuschung, Illusion ist. Habe ich also falsch geredet, wenn ich sagte, das oberste Prinzip der christlichen Theologie sei die Hypokrisie? Leugnet nicht auch der Theanthropos, daß er Mensch ist, während er Mensch ist? O widerlegt mich doch!

Es ist daher die höchste Kritiklosigkeit, Unwahrhaftigkeit und Willkürlichkeit, die christliche Religion, wie es die spekulative Philosophie gemacht hat, nur als Religion der Versöhnung, nicht auch als Religion des Zwiespalts zu demonstrieren, in dem Gottmenschen nur die Einheit, nicht auch den Widerspruch des göttlichen und menschlichen Wesens zu finden. Christus hat nur als Mensch, nicht als Gott gelitten – Leidensfähigkeit ist aber das Zeichen wirklicher Menschheit –, nicht als Gott ist er geboren, gewachsen an Erkenntnis, gekreuzigt; d. h. alle menschlichen Bestimmungen sind von ihm als Gott entfernt geblieben. Das göttliche Wesen ist in der Menschwerdung, ungeachtet der Behauptung, daß Christus zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch gewesen, ebensogut entzweit mit dem menschlichen Wesen, als vor derselben, indem jedes Wesen die Bestimmung des andern von sich ausschließt, obwohl beide, aber auf eine unbegreifliche, mirakulöse, d. i. unwahre, der Natur des Verhältnisses, in dem sie zueinander stehen, widersprechende Weise zu einer Persönlichkeit verknüpft sein sollen. Auch die Lutheraner, ja Luther selbst, so derb er sich über die Gemeinschaft und Vereinigung der menschlichen und göttlichen Natur in Christo ausspricht, kommt doch nicht über ihren unversöhnlichen Zwiespalt hinaus. »Gott ist Mensch und Mensch ist Gott, dadurch doch weder die Naturen, noch derselben Eigenschaften miteinander vermischt werden, sondern es behält eine jede Natur ihr Wesen und Eigenschaften.« »Es hat der Sohn Gottes selbst wahrhaftig, doch nach der angenommenen menschlichen Natur gelitten und ist wahrhaftig gestorben, wiewohl die göttliche Natur weder leiden noch sterben kann.« »Ist recht geredet: Gottes Sohn leidet. Denn obwohl das eine Stück (daß ich so rede) als die Gottheit nicht leidet, so leidet dennoch die Person, welche Gott ist, am andern Stück als an der Menschheit; denn in der Wahrheit ist Gottes Sohn für uns gekreuzigt, das ist die Person, die Gott ist; denn sie ist, sie (sage ich), die Person ist gekreuzigt nach der Menschheit.« »Die Person ist's, die alles tut und leidet, eines nach dieser Natur, das andre nach jener Natur, wie das alles die Gelehrten wohl wissen.« Konkordienbuch (Erklär. Art. 8). »Es ist Gottes Sohn und Gott selbst ermordet und erwürget: denn Gott und Mensch ist eine Person. Darum ist der Gott gekreuziget und gestorben, der Mensch worden; nicht der abgesonderte Gott, sondern der vereinigte Gott mit der Menschheit: nicht nach der Gottheit, sondern nach der menschlichen Natur, die er angenommen.« Luther (T. III, p. 502). So sind also nur in der Person, d. h. nur in einem Nomen proprium, nur dem Namen nach, aber nicht im Wesen, nicht in der Wahrheit die beiden Naturen zur Einheit verbunden. »Wann gesagt wird: Gott ist Mensch oder der Mensch ist Gott, so heißt ein solcher Satz ein persönlicher, weil er eine persönliche Vereinigung in Christo voraussetzt, denn ohne eine solche Vereinigung der Naturen in Christo hätte ich niemals sagen können, daß Gott Mensch oder der Mensch Gott sei ... Ganz klar aber ist, daß die Naturen im allgemeinen nicht miteinander verbunden werden können und man daher nicht sagen kann: die göttliche Natur ist die menschliche oder die Gottheit ist die Menschheit und umgekehrt.« J.F. Buddeus (1. c. lib. IV. c. II. § 11). So ist also die Einheit des göttlichen und menschlichen Wesens in der Inkarnation nur eine Täuschung, eine Illusion. Das alte Dissidium von Gott und Mensch liegt auch ihr noch zugrunde und wirkt um so verderblicher, ist um so häßlicher, als es sich hinter den Schein, hinter die Imagination der Einheit verbirgt. Darum war auch der Sozinianismus nichts weniger als flach, wenn er wie die Trinität, so auch das Kompositum des Gottmenschen negierte – er war nur konsequent, nur wahrhaft. Gott war ein dreipersönliches Wesen und doch sollte er zugleich schlechthin einfach, ein ens simplicissimum sein, so leugnete die Einfachheit die Trinität: Gott war Gott-Mensch, und doch sollte die Gottheit nicht von der Menschheit tangiert oder aufgehoben werden, d.h. wesentlich von ihr geschieden sein; so leugnete die Unvereinbarkeit der göttlichen und menschlichen Bestimmungen die Einheit der beiden Wesen. Wir haben demnach schon im Gott-Menschen selbst den Leugner, den Erzfeind des Gottmenschen, den Rationalismus, nur daß er hier zugleich noch mit seinem Gegensatze behaftet war. Der Sozinianismus negierte also nur, was der Glaube selbst negierte, zugleich aber im Widerspruch mit sich wieder behauptete; er negierte nur einen Widerspruch, nur eine Unwahrheit.

Gleichwohl haben aber doch auch wieder die Christen die Menschwerdung Gottes als ein Werk der Liebe gefeiert, als eine Selbstaufopferung Gottes, als eine Verleugnung seiner Majestät – Amor triumphat de Deo – denn die Liebe Gottes ist ein leeres Wort, wenn sie nicht als wirkliche Aufhebung seines Unterschieds vom Menschen gefaßt wird. Wir haben daher im Mittelpunkt des Christentums den am Schluß entwickelten Widerspruch von Glaube und Liebe. Der Glaube macht das Leiden Gottes zu einem Scheine, die Liebe zu einer Wahrheit, denn nur auf der Wahrheit des Leidens beruht der wahre, positive Eindruck der Inkarnation. So sehr wir daher den Widerspruch und Zwiespalt zwischen der menschlichen und der göttlichen Natur im Gottmenschen hervorgehoben haben, so sehr müssen wir hinwiederum die Gemeinschaft und Einheit derselben hervorheben, vermöge welcher Gott wirklich Mensch und der Mensch wirklich Gott ist. Hier haben wir darum den unwidersprechlichen, unumstößlichen und zugleich sinnfälligen Beweis, daß der Mittelpunkt, der höchste Gegenstand des Christentums nichts andres als der Mensch ist, daß die Christen das menschliche Individuum als Gott und Gott als das menschliche Individuum anbeten. »Dieser Mensch, geboren von Maria der Jungfrauen, ist Gott selbst, der Himmel und Erde erschaffen hat.« Luther (T. II, p. 671). »Ich zeige auf den Menschen Christum und spreche: das ist Gottes Sohn.«. Ders. (T. XIX, p. 594). »Lebendig machen, alles Gericht und alle Gewalt haben im Himmel und auf Erden, alles in seinen Händen haben, alles unter seinen Füßen unterworfen haben, von Sünden reinigen usw. sind ... göttliche unendliche Eigenschaften, welche doch nach Aussage der Schrift dem Menschen Christo gegeben und mitgeteilt sind.« »Daher glauben, lehren und bekennen wir, daß des Menschen Sohn... jetzt nicht allein als Gott, sondern auch als Mensch alles weiß, alles vermag, allen Kreaturen gegenwärtig ist.« »Demnach verwerfen und verdammen wir ..., daß er (der Sohn Gottes) nach der menschlichen Natur der Allmächtigkeit und anderer Eigenschaften göttlicher Natur allerding nicht fähig sei.« (Konkordienb. summar. Begr. u. Erklär. Art. 8.) »Hieraus folgt von selbst, daß Christus auch als Mensch religiös verehrt werden soll.« Buddeus (1. c. lib. IV. c. IL § 17). Dasselbe lehren ausdrücklich die Kirchenväter und Katholiken. Z. B.: »Mit derselben Anbetung ist in Christo die Gottheit und Menschheit anzubeten... Die Gottheit ist mit der Menschheit durch persönliche Vereinigung innigst verbunden, also kann auch die Menschheit Christi oder Christus als Mensch Gegenstand göttlicher Verehrung sein.« Theol. Schol. (See. Thomas Aq., P. Metzger T. IV. p. 124). Zwar heißt es: nicht der Mensch, nicht Fleisch und Blut für sich selbst, sondern das mit Gott verbundne Fleisch wird angebetet, so daß der Kultus nicht dem Fleische oder dem Menschen, sondern Gott gilt. Aber es ist hier wie mit dem Heiligen- und Bilderdienst. Wie der Heilige nur im Bilde, Gott nur im Heiligen verehrt wird, weil man das Bild, den Heiligen selbst verehrt, so wird Gott nur im menschlichen Fleische angebetet, weil das menschliche Fleisch selbst angebetet wird. Gott wird Fleisch, Mensch, weil schon im Grunde der Mensch Gott ist. Wie könnte es dir nur in den Sinn kommen, das menschliche Fleisch mit Gott in so innige Beziehung und Berührung zu bringen, wenn es dir etwas Unreines, Niedriges, Gottes Unwürdiges wäre? Wenn der Wert, die Würde des menschlichen Fleisches nicht in ihm selbst liegt, warum machst du nicht andres, nicht tierisches Fleisch zur Wohnstätte des göttlichen Geistes? Zwar heißt es: der Mensch ist nur das Organ, »in, mit und durch« welches die Gottheit wirket »wie die Seele im Leibe«. Aber auch dieser Einwand ist durch das eben Gesagte schon widerlegt. Gott wählte den Menschen zu seinem Organ, seinem Leibe, weil er nur im Menschen ein seiner würdiges, ein ihm passendes, wohlgefälliges Organ fand. Wenn der Mensch gleichgültig ist, warum inkarnierte sich denn Gott nicht in einem Tiere? So kommt also Gott nur aus dem Menschen in den Menschen. Die Erscheinung Gottes im Menschen ist nur eine Erscheinung von der Göttlichkeit und Herrlichkeit des Menschen. Noscitur ex alio, qui non cognoscitur ex se (wen man nicht aus sich erkennt, den erkennt man aus einem andern) – dieser triviale Spruch gilt auch hier. Gott wird erkannt aus dem Menschen, den er mit seiner persönlichen Gegenwart und Einwohnung beehrt, und zwar als ein menschliches Wesen, denn was einer bevorzugt, auserwählt, liebt, das ist sein gegenständliches Wesen selbst; und der Mensch wird aus Gott erkannt, und zwar als ein göttliches Wesen, denn nur Gotteswürdiges, nur Göttliches kann Objekt, kann Organ und Wohnsitz Gottes sein. Zwar heißt es ferner: es ist nur dieser Jesus Christus ausschließlich allein, kein anderer Mensch sonst, der als Gott verehrt wird. Aber auch dieser Grund ist eitel und nichtig. Christus ist zwar einer nur, aber einer für alle. Er ist Mensch, wie wir, »unser Bruder, und wir sind Fleisch von seinem Fleische und Bein von seinem Bein.« Jeder erkennt daher sich in Christo, jeder findet sich in ihm repräsentiert. »Fleisch und Blut verkennt sich nicht.« »In Jesu Christo unserm Herrn ist eines jeden unter uns Portion Fleisch und Blut. Darum wo mein Leib regiert, da gläube ich, daß ich selbst regiere. Wo mein Fleisch verkläret ist, da gläube ich, daß ich selbst herrlich bin. Wo mein Blut herrschet, da halte ich dafür, daß ich selbst herrsche.« Luther (T. XVI, p. 534). »Bedenkt, daß der Leib des Sohnes Gottes die Idee unserer Leiber ist. Ehrt also euern Leib aus Verehrung seiner Idee!« Jacob Milichius[3]

(Or. de Pulmone in Melanchth. Declam. T. II. p. 174). Und so ist es denn eine unleugbare, unumstößliche Tatsache: die Christen beten das menschliche Individuum an als das höchste Wesen, als Gott. Freilich nicht mit Bewußtsein; denn dies eben konstituiert die Illusion des religiösen Prinzips. Aber in diesem Sinne beteten auch die Heiden nicht die Götterstatue an; denn auch ihnen war die Statue keine Statue, sondern der Gott selbst. Aber dennoch beteten sie ebensogut die Statue an, als die Christen das menschliche Individuum, ob sie es gleich natürlich nicht Wort haben wollen.

Der Mensch ist der Gott des Christentums, die Anthropologie das Geheimnis der christlichen Theologie.

Die Geschichte des Christentums hat keine andere Aufgabe gehabt, als dieses Geheimnis zu enthüllen – die Theologie als Anthropologie zu verwirklichen und erkennen. Der Unterschied zwischen dem Protestantismus und dem Katholizismus – dem alten, nur noch in Büchern, nicht mehr in der Wirklichkeit existierenden Katholizismus – besteht nur darin, daß dieser Theologie, jener Christologie, d.h. (religiöse) Anthropologie ist. Der Katholizismus hat einen supranaturalistischen, abstrakten Gott, einen Gott, der ein andres als ein menschliches, ein nicht menschliches, ein übermenschliches Wesen ist. Das Ziel der katholischen Moral, die Gottähnlichkeit besteht daher darin, nicht Mensch, mehr als Mensch – d.h. ein himmlisches, abstraktes Wesen, ein Engel zu sein. Nur in der Moral aber realisiert, offenbart sich das Wesen einer Religion; nur die Moral ist das Kriterium, ob ein religiöser Glaube Wahrheit oder Chimäre ist. Also ist ein übermenschlicher, übernatürlicher Gott nur da noch eine Wahrheit, wo er eine übermenschliche, über- oder vielmehr widernatürliche Moral zur Folge hat. Der Protestantismus dagegen hat keine supranaturalistische, sondern eine menschliche Moral, eine Moral von und für Fleisch und Blut, folglich ist auch sein Gott, sein wahrer, wirklicher Gott wenigstens, kein abstraktes, supranaturalistisches Wesen mehr, sondern ein Wesen von Fleisch und Blut. »Diesen Trotz höret der Teufel ungern, daß unser Fleisch und Blut Gottes Sohn, ja Gott selbst ist und regieret im Himmel über alles.« Luther (T. XVI, p. 573). »Außer Christo kein Gott ist, und wo Christus ist, da ist die Gottheit gantz und gar.« Ders. (T. XIX, p. 403). Der Katholizismus hat sowohl in der Theorie, als in der Praxis einen Gott, der ungeachtet des Prädikates der Liebe, der Menschheit noch ein Wesen für sich selbst ist, zu welchem der Mensch daher nur dadurch kommt, daß er gegen sich selbst ist, sich selbst verneint, sein Fürsichsein aufgibt; der Protestantismus dagegen hat einen Gott, der, wenigstens in praxi, im wesentlichen, nicht mehr ein Fürsichsein, der nur noch ein Sein für den Menschen, ein Sein zum Besten des Menschen ist; daher ist im Katholizismus der höchste Akt des Kultus, »die Messe Christi«, ein Opfer des Menschen – derselbe Christus, dasselbe Fleisch und Blut, das am Kreuze, wird in der Hostie Gott geopfert – im Protestantismus dagegen ein Opfer, eine »Gabe Gottes«; Gott opfert, gibt sich hin dem Menschen zum Genusse. (S. Luther z.B. T. XX, p. 259; T. XVII, p. 529.) Im Katholizismus ist die Menschheit die Eigenschaft, das Prädikat der Gottheit (Christi) –: Gott Mensch; im Protestantismus dagegen ist die Gottheit die Eigenschaft, das Prädikat der Menschheit (Christi) –: der Mensch Gott. »Das haben vor Zeiten die höchsten Theologi getan, daß sie von der Menschheit Christi geflogen sind zu der Gottheit und sich alleine an dieselbige gehänget und gedachten, man müßte die Menschheit Christi nicht kennen. Aber man muß so steigen zu der Gottheit Christi und daran sich halten, daß man die Menschheit Christi nicht verlasse und zur Gottheit Christi allein komme. – Du sollst von keinem Gott, noch Sohn Gottes etwas wissen, es sei denn der, so da heiße geboren aus der Jungfrauen Marien und der da sei Mensch worden. – Wer seine Menschheit bekömmet, der hat auch seine Gottheit.« Luther (T. IX, p. 592, 598).[4] Oder kürzlich so: im Katholizismus ist der Mensch für Gott; im Protestantismus dagegen Gott für den Menschen.[5] »Jesus Christus unser Herr ist Uns empfangen, Uns geboren, Uns gelitten, Uns gekreuzigt, Uns gestorben und begraben. Unser Herr ist Uns zu Trost auferstanden von den Toten, sitzt Uns zugute zur Rechten des allmächtigen Vaters, ist Uns zu Trost zukünftig zu richten die Lebendigen und die Toten. Das haben die heiligen Apostel und lieben Väter in ihrem Bekenntnis anzeigen wollen mit dem Wort: Uns und Unsern Herrn, nämlich, daß Jesus Christus unser sei, der uns helfen wolle und solle.« »Also daß wir die Worte nicht kalt über hin lesen oder sprechen und auf Christum allein deuten, sondern auch auf Uns.« Luther (T. XVI, p. 538). »Ich weiß von keinem Gotte, denn der für mich gegeben ist.« Ders. (T. III, p. 589). »Ist das nicht großes Ding, daß Gott Mensch ist, daß Gott sich dem Menschen zu eigen gibt und will sein sein, gleichwie der Mann sich dem Weibe gibt und sein ist? So aber Gott unser ist, so sind auch alle Dinge unser.« (T. XII, p. 283.) »Gott kann nicht ein Gott sein der Toten, die nichts sind, sondern ist ein Gott der Lebendigen. Wo Gott wäre ein Gott der Toten, so wäre er eben als der ein Ehemann ist, der kein Eheweib hat, oder als der ein Vater ist, der keinen Sohn hat, oder als der ein Herr ist, der keinen Knecht hat. Denn ist er ein Ehemann, so muß er ein Eheweib haben. Ist er Vater, so muß er einen Sohn haben. Ist er Herr, so muß er einen Knecht haben. Oder wird ein gemalter Vater, ein gemalter Herr, das ist, nichts sein.« »Gott ist nicht ein Gott, wie der Heiden Götzen sind, ist auch nicht ein gemalter Gott, der allein für sich sei und niemand habe, der ihn anrufe und ihm diene.« »Ein Gott heißt, von dem man alles Guts gewarten und empfahen soll ... Wenn er allein für sich im Himmel Gott wäre, zu dem man sich nichts Guts zu versehen hätte, so wäre er ein steinern oder ströhern Gott... Wenn er allein für sich säße im Himmel, wie ein Klotz, so wäre er nicht Gott.« (T. XVI, p. 465.) »Gott spricht: Ich der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden bin Dein Gott... Ein Gott aber sein heißt soviel, als von allem Übel und Unglück, so uns drücket, erlösen: als da ist die Sünde, die Hölle, der Tod etc.« (T. II, p. 327.) »Alle Welt heißt das einen Gott, darauf der Mensch trauet in Not und Anfechtung, darauf er sich tröstet und verläßt, davon man alles Gute will haben und der helfen könne. – So beschreibet die Vernunft Gott, daß er sei, was einem Menschen Hülfe tue, ihm nütze und zugute gereiche. – Dies siehest du auch in diesem Texte: Ich bin der Herr Dein Gott, der ich dich aus Ägypten geführet habe. Da erzählt er, was Gott sei, was seine Natur und Eigenschaft sei, nämlich, daß er wohltue, erlöse aus Gefährlichkeiten und helfe aus Nöten und allerlei Widerwärtigkeiten.« (T. IV, p. 236, 237.) Wenn nun aber Gott nur dadurch ein lebendiger, d. i. wirklicher Gott, nur dadurch überhaupt Gott ist, daß er ein Gott des Menschen, ein dem Menschen nützliches, gutes, wohltätiges Wesen ist; so ist ja in Wahrheit der Mensch das Kriterium, das Maß Gottes, der Mensch das absolute Wesen – das Wesen Gottes. Ein Gott allein für sich ist kein Gott – das heißt eben nichts andres als: ein Gott ohne den Menschen ist nicht Gott; wo kein Mensch, ist auch kein Gott; nimmst du Gott das Prädikat der Menschlichkeit, so nimmst du ihm auch das Prädikat der Gottheit; fällt die Beziehung auf den Menschen weg, so fällt auch sein Wesen weg.

Aber gleichwohl hat doch zugleich wieder der Protestantismus, in der Theorie wenigstens, noch hinter diesem menschlichen Gotte den alten supranaturalistischen Gott festgehalten. Der Protestantismus ist der Widerspruch von Theorie und Praxis; er hat nur das menschliche Fleisch, aber nicht die menschliche Vernunft emanzipiert. Das Wesen des Christentums, d.h. das göttliche Wesen widerspricht ihm zufolge nicht den natürlichen Trieben des Menschen – »darum sollen wir nun wissen, daß Gott die natürliche Neigung in dem Menschen nicht verwirft oder aufhebet, welche in der Natur in der Schöpfung eingepflanzet, sondern daß er dieselbige erwecket und erhält.« Luther (T. III, p. 290). Aber es widerspricht der Vernunft, ist darum theoretisch nur ein Gegenstand des Glaubens. Das Wesen des Glaubens, das Wesen Gottes ist aber, wie bewiesen, selbst nichts andres, als das außer den Menschen gesetzte, außer dem Menschen vorgestellte Wesen des Menschen. Die Reduktion des außermenschlichen, übernatürlichen und widervernünftigen Wesens Gottes auf das natürliche, immanente, eingeborne Wesen des Menschen ist daher die Befreiung des Protestantismus, des Christentums überhaupt von seinem Grundwiderspruch, die Reduktion desselben auf seine Wahrheit – das Resultat, das notwendige, unabweisbare, ununterdrückbare, unumstößliche Resultat des Christentums.

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Anmerkungen:
  1. Die Todesstrafe verwarfen überhaupt sehr viele Christen, aber andere kriminalistische Strafen der Ketzer, wie Landesverweisung, Konfiskation – Strafen, durch die man einen indirekt ums Leben bringt – fanden sie nicht im Widerspruch mit ihrem christlichen Glauben. Siehe hierüber J. H. Boehmer, Jus. Eccl. Protest, lib. V. Tit. VII. z. B. § 155, 157, 162, 163.
  2. Wegen dieser Behauptung verweise ich auf Lützelbergers Schrift: »Die kirchliche Tradition über den Apostel Johannes und seine Schriften in ihrer Grundlosigkeit nachgewiesen«, und Bruno Bauers »Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker und des Johannes« (III. B.).
  3. In diesen wenigen, bereits im Jahr 1557 ausgesprochenen Worten ist eigentlich schon das Geheimnis der christlichen Religion und Theologie aufgelöst. Ist der Leib Gottes die Idee unsres Leibes, so ist notwendig auch das Wesen Gottes überhaupt die Idee unsers Wesens, d.h. unser Wesen, aber nicht als wirkliches oder mit uns, den wirklichen Individuen identisches, sondern als ein vermittelst des Denkens von uns abgezognes, vermittelst der Phantasie in dieser Abgezogenheit verselbständigtes, personifiziertes Wesen.
  4. An einer andern Stelle lobt daher Luther den hl. Bernhard und Bonaventura deswegen, daß sie die Menschheit Christi so hervorgehoben hätten.
  5. Allerdings ist auch im Katholizismus, im Christentum überhaupt Gott ein Wesen für den Menschen; aber der Protestantismus erst hat aus dieser Relativität Gottes das wahre Resultat – die Absolutheit des Menschen – gezogen.