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Marianne Ehrmann: Ein Weib ein Wort

So bald der Freier ein biederer Jüngling ist, der Fähigkeiten genug besizt, sich und die Seinigen zu ernähren – sobald das Mädchen einen unbescholtenen Ruf, ein gutes Herz, einen gebildeten Geist mit in die Ehe bringt, wozu dann Reichthum und Ansehen? – Aeltern, überläßt doch der Vorsehung und dem Fleiß junger Liebenden auch etwas!


Nach den Grundsäzzen einiger sinnloser mürrischer Freudenstörer müßte man jedem Armen den Ehestand verbieten. – O Gott, wie elend würde es dann um das menschliche Geschlecht aussehen? – Hieße es nicht die ohnehin stark einreißenden Ausschweifungen befördern helfen? – Wo käme es am Ende mit dem Menschengeschlechte hin? – Was würde aus dem Winke der Vorsehung, der uns besonders bei Nahrungssorgen so deutlich an die Allmacht zu erinnern scheint.


Wenn Geschöpfe wirklich harmoniren? ich meine nicht blos von der Oberfläche, wenn sie wirklich durch lange Erfahrung harmoniren, Hände und Kopf haben, mit Stärke des Geistes Uiberfluß zu entbehren wissen, feste Grundsäzze genug, um in jeden Schiksalen des Lebens tugendhaft auszuharren, was brauchen sie mehr, um glüklich zu seyn?


So duldend diese Grundsäzze für ächte Liebende sind – eben so feurig wünsche ich, daß diejenigen, welche blos aus sträflichen Absichten lieben, sich keinen schiefen Begriff davon machen mögen. – Jünglinge und Mädchen, die in der Liebe nicht Vernunft und Uiberlegung zu Führerinnen wählen, werden bald die Früchten ihrer Thorheiten empfinden.


Es giebt junge Leute, die in der Liebe zum Ausharren zu feige sind, ihre Leidenschaften übermannen sie; sie trozzen dem Schiksale auf eine tollkühne Art – laufen in die weite Welt, ohne Plan, ohne Aussicht. So was gränzt an Raserei, nicht an wahre Liebe.


Ziehen wir uns nicht einen großen Theil der Schiksale selbst zu? – Wenn wir leidenschaftliche Unbesonnenheiten begehen, wenn wir als leichtgläubige Thörinnen da trauen, wo wir nicht trauen sollten; wenn wir verrükte Dinge unternehmen, die nicht auf Plan nicht auf Ueberlegung gegründet sind?


Wenn sich das Laster selbst straft, ist es dann die Schuld des Schiksals, daß Verzweiflung es ergriff?


Der Mensch kann sein Herz nach und nach so verwüsten, daß er sich vor seinem Bild entsezzen würde, wenn es ihm in der wahren Gestalt erschiene.


Neid und Eigenliebe sind Leidenschaften, die im weiblichen Herzen eine solche Stärke erreichen können, daß der Beobachter erstaunen muß, – wenn er ihre Verwüstungen untersucht.


Man sagt: es sei besser zehen Männer ganz beleidigen, als nur ein einziges Weib halb.


So bald ein Frauenzimmer über eine Stunde lang trozzen kann, ohne einige Zeichen der Versöhnung von sich zu geben; dann wehe ihrem Herzen, es wohnt schwarze heimtükkische Rache darinnen!!


Menschen die ihren Zorn schnell auslassen, sind weit weniger zu fürchten, als die, welche ihn im Herzen herumtragen. Je länger dieser im verborgenen wütet, desto mehr Unglük brütet er aus.


Wie kömmt es doch, daß der weibliche Zorn jeden Ausdruk übersteigt? – Wie kömmt es, daß ein Weib leichter zehenmal zur Furie wird, eh' es der Mann nur einmal dazu bringt, Teufel zu werden?


Ich denke immer, die Unversöhnlichkeit der Weiber entspringt aus der Quelle ihrer starken Reizbarkeit. Gesellt sich nun zu dieser Schwäche noch beleidigte Eitelkeit und schlechte Erziehung, dann steht die Furie in weiblicher Gestalt vor uns!


Nachdenken allein könnte das weibliche Geschlecht in jenen sanften Empfindungen erhalten, wozu es von Gott und der Natur bestimmt wurde. Nachdenken giebt der weiblichen Seele jene Stärke, die sie bedarf, um moralisch gut zu werden.


Selbst Schmäh- und Verläumdungssucht müßte unter den Frauenzimmern verschwinden, wenn sie daran gewöhnt würden, über die Häßlichkeit dieses schändlichen Lasters mehrer nachzudenken.


Wie entstellt wird die sanfte Bildung eines Frauenzimmers, wenn sie ihre Züge zum Verläumden anstrengt.


Verläumdungssucht und Schwazhaftigkeit rechnet man gewöhnlich zu den Lieblingsleidenschaften der Weiber. – Aber es giebt leider in unsern Zeiten auch Männer; die in Weiberrökken stekken – Pfui, das ist schändlich – mehr als schändlich!!!


Ein schwazhafter, schmähsüchtiger Mann macht der Natur weit größere Schande, als ein schwazhaftes, schmähsüchtiges Weib. Ein Mann entheiliget durch diese schändliche Gewohnheit Bürgerpflicht, Duldung, Vernunft, kurz sein ganzes Geschlecht, von dem man edlere Grundsäzze erwartet.


Wer den wahren Urheber einer Klatscherei mit Gewißheit entdekken will, der beobachte die Unruhe des Verdächtigen, seinen Verthaidigungseifer, den empfindlichen Antheil an dem Verweise, sein böses Gewissen wird sich unstreitig so äußerst sprechend verrathen, und wenn auch der Beleidigte nur von ferne auf ihn zielte.


Der wahre Beweis der Unschuld ist die stille Ruhe des Beschuldigten in dem Augenblikke, wo ihm etwas direkte oder indirekte vorgehalten wird. – Seine Empfindlichkeit ist gewiß von ganz anderer Gattung, als die des Schuldigen. Er wird nur augenbliklichen Schmerz empfinden; da indeßen der andere tobt, lärmt um den Verdacht von sich abzustreifen. O ihr elenden Insekten, euer Gift verräth euch von selbst!


Wozu Vertheidigung, wann sich das Herz keines Fehlers bewußt ist? Wahre Unschuld ist so fest, daß das Laster mit all seinen Kniffen sie nicht erschüttern kann.


Es giebt auch eine Gattung Geschöpfe, die ihren Nächsten aus bloßer gedankenloser Dummheit verläumden; indeßen ist die eigentliche Triebfeder doch immer mit Bosheit verschwistert.


Ein wirklich gutes Herz kann den Niederträchtigen fliehen, den Thoren belachen, den Schwäzzer fürchten, aber keinen von allen hassen.


Ich wünschte nichts sehnlichers, als daß ein guter Genius dem Verläumder, so oft er dies löbliche Handwerk treibt, den Spiegel vorhielte, worinnen er seine eigenen Fehler erblikte.


Dem Menschenfreund muß es unbegreiflich seyn, wie's Christen geben kann, die sich um das Thun und Lassen Anderer erkundigen. Man sollte glauben, wenn Nächstenliebe und Duldung sie nicht von dieser elenden Beschäfftigung zurükhielte; so würde es doch das Ehrengefühl dazu bringen können.


Was ist Ehre? die zarteste, edelste Empfindung, die sich nie in einem schmuzzigen Herzen festsezzen wird.


Besässen die Menschen das Gefühl der Ehre nicht, sie würden in ihren Handlungen bis zum Vieh herab sinken. Was Tugend und Religion über die Leidenschaften nicht vermag, das bleibt der Ehre übrig.


Wohl denen Aeltern, die ihre Kinder schon frühe an dieses herrliche Gefühl gewöhnen. Wohl denen Erziehern, welche die Kunst besizzen, ihren Zöglingen Ehrengefühl ohne Eitelkeit, ohne Hochmuth, ohne Rachsucht einzuflößen. Spannt man aber dieses Gefühl in der Erziehung zu hoch: dann wird es in einem jungen Herzen eben so geschwind zur Chimäre, als es sonst zur Wohlthäterinn geworden wäre, wenn es auf Vernunft gegründet ist. Daher die Rasereien der Jugend, Duell, Mord, Tollheit u.s.w.


Es giebt Menschen, die ein übertriebenes Ehrengefühl besizzen, und sich dadurch das Leben zur Hölle machen. Dieses Gefühl ist nicht wirkliche Ehre, es ist mehr überspannte Narrheit, heimlicher Hochmuth.


Wer die herrlichen Wirkungen der Ehre untersuchen will, der beobachte Leute von Erziehung und den Pöbel. Himmel, welch eine Verschiedenheit in ihren Handlungen!


Die weichsten Herzen sind zu den Eindrükken der Ehre auch die empfindlichsten. Mütter, was könntet ihr aus euern Töchtern für engelreine Mädchen erziehen, wenn ihr die Kunst verstündet, ihre kleinen weiblichen Eitelkeiten zum Ehrengefühl umzustimmen!


Was macht den mächtigen groß, das weibliche Geschlecht keusch und bescheiden, den Bürger zum biedern und arglosen Mann, als Ehre?


Woher entstehen die Zügellosigkeiten des Pöbels, woher Dieberei, Mord, Niederträchtigkeit, Unversöhnlichkeit, Eigennuz, Verläumdung, als vom Mangel an Ehre?


Wenn Aeltern in ihren Kindern das Gefühl der Ehre so rege zu machen wissen, daß es zu ihrer Beßerung blos eines Winkes bedarf, was bleibt diesen Glüklichen dann noch für ein Wunsch übrig, um alles von ihren gut erzognen Kindern zu hoffen?


Ein Mädchen ohne Ehrengefühl ist eben so verächtlich, als ein Mann ohne Muth.


Das reizende Wort Ehre erhält in einigen Menschenköpfen so vielerlei Auswüchse, daß man darüber erstaunen muß, wenn man es in übertriebenem Ehrgeiz ausarten sieht. Was macht den Höfling kriechen, den Niederträchtigen zum Kabalisten, als der falsche Begriff von Ehre? Was den Dummkopf von seiner irdischen Höhe aufgeblasen auf andere hinabblikken? Was den Krieger barbarisch, den Bonzen verschmizt, den Redner zum Hanßwursten, den Schriftsteller zum Gekken, die Weiber zu Buhlerinnen, als eben der Mißbrauch dieses Worts? Es giebt Menschen, die im Laster ihre Ehre suchen. Sie kann die Triebfeder zu allem Guten, aber auch der Sporn zu allen Thorheiten und Lastern werden.


Man behauptet, daß jeder Mensch mit einer gewißen Gattung Ehrengefühl gebohren wird. Wenn nun diese schöne Anlage nicht benüzt, nicht mit Vernunft fortgepflanzt, oder gar unterdrükt wird; an wem liegt dann der Fehler, als an Aeltern und Erzieher? Ist es die Schuld der Natur, wenn ihre Zöglinge vernachläßigt werden?


Wie kann dies fürtreffliche Gefühl in jungen Herzen zur Reife kommen, wenn es schon in ihrer Blüthe erstikt wird? Durch rohe Behandlung, durch Schläge und übels Beispiel erstikt wird?


Aeltern, wenn ihr euern Kindern durch pöbelhafte Behandlung, das Gefühl der Ehre aus ihren Herzen verdrängt; dann dürft ihr jede Niederträchtigkeit von ihnen gewärtig seyn.


Unsere Vorältern wagten um das Wörtchen Ehre, Leib, Gut und Blut. Aber jezt ist es so bis zur Galanterie herabgesunken, daß es die milchbartigen Nachfolger mehr im Spaß, als im Ernst aussprechen.


Ehedessen hieß es: ein Mann ein Wort; jezt kann man bald sagen? ein Weib ein Wort; denn wenn das weibliche Geschlecht seine Versicherungen nicht aus Festigkeit des Karakters realisirt; so geschieht es bei ihm doch gewiß aus Eitelkeit. Immer besser, als gar nicht.


Die schönste Zierde eines deutschen Biedermanns ist, wenn er lieber Wort hält – als blos verspricht – Im Versprechen bedachtsam, im Worthalten feurig, dies zeichnet den Biedermann aus.


Der Mann, der gerne verspricht, hält gewiß desto schwerer Wort.


Wozu taugt wohl ein wortbrüchiger Mann, als um der Schande doppelte Schande zu machen?


So bald die Menschen untereinander nicht mehr auf Wort und Treue glauben können. Dann häuft sich gewiß auch das menschliche Elend. – Wortbrüchigkeit droht jeder gesellschaftlichen Pflicht den Sturz.


Wortbrüchigkeit an einem Freund, übersteigt jede Marter! Kann man dem Unglüklichen mehr thun, als das Heiligste, was er hingab, sein Zutrauen mißbrauchen? Besser den Dolch geradezu ins Herz, als schmeichelnde Niederträchtigkeit.


Freundschaft ist das gewöhnlichste Wort, wie kann es das heiligste seyn?


Sind die halb erschlaften Herzen unsrer jezigen Teutschen nicht zu kalt zur Freundschaft? – Wie viele Reihen unsrer jezigen Männer müßte man durchirren, bis man nur einen fände, der es in dieser Neigung seinen Vätern nachmachte?


Wer Freund im wahren Verstände seyn will, der muß die Fehler seines Freundes zu seinen eigenen rechnen sich selbst über den Freund vergessen; da groß und wohlthätig handeln, wo er seiner bedarf; je mehr er Fehler in seinem Freund erblikt, desto feuriger muß er an seiner Besserung arbeiten; selbst im Taumel der Leidenschaft muß der Freund dem Freund treu und standhaft anhängen, sich nicht durch pöbelhafte Schwäche in einem Zeitpunkt abstreifen lassen, wo minder edle von ihm weichen würden; kurz, er muß des Freundes Handlungen alle mit so viel Sorgfalt untersuchen, als ob die Natur ihn dahin gestellt hätte, um fest unzertrennlich an ein Wesen gekettet zu seyn, welches alle die Wohlthaten von der wahren Freundschaft zu erwarten das Recht hat.


Zeigt mir den Mann, zeigt mir das Weib, die fähig sind, Freundschaft nach dem wahren Sinne des Worts den kalten Menschen begreiflich zu machen? Zeigt mir sie – und die Welt soll mich dann nicht mehr, ein Sammelplaz so vieler zur Freundschaft Unwürdiger dünken.


Die Menschen unter sich würden weit eher zur wahren Freundschaft fähig seyn, wenn sie dieses herrliche Wort nicht hätten zum Alltagsspruch werden lassen. – Wenn sie ihre Verbindungen mehr auf gleiche Grundsäzze gründeten, wenn sie die häufigen Seeligkeiten dieser holden Menschenbeglükkerinn nicht so oft aus Fühllosigkeit, Unvernunft und Vorurtheil von sich stießen.


Ein leeres Herz, das nie für Freundschaft offen stand, eilt schnell jenem Zustande entgegen, der an Langweile, Missvergnügen und Schlafsucht gränzt. Ist wohl ein solches Leben dem Tode vorzuziehen?


Sperrt mich ein, martert mich, verfolgt mich unterdrükt mich; aber gebt mir nur einen wahren Freund an die Seite.


Der Mensch ist zum gesellschaftlichen Leben geschaffen, in der grossen Welt genießt er es bloß im gedankenlosen Taumel; an der Seite eines wahren Freundes hingegen, in namenloser Wonne!


Ich möchte, wenn es möglich wäre, den Mädchen allen, Neigung zur wahren Freundschaft einflößen. Dies wäre unstreitig das beste Mittel, ihre Herzen gegen den Neid zu sichern.


Glauben Sie mir Freundinnen, nicht die Freundschaft ist gefährlich, wie man es im gemeinen Sprichwort dafürhält – sondern bloß ihre Wahl.


Sanftes Mädchen, wenn du dir einen Freund aus dem andern Geschlechte wählen willst; so trage darauf an, daß er dir nicht mehr und nicht minder als Freund ist.


Ist es wohl eine so leichte Sache unter dem weiblichen Geschlecht Freundschaft anzutreffen? – Welche von Ihnen meine wertheste Leserinn hat Lust, mir diese Frage zu beantworten? – Ich bin zur Fehde, oder zum Frieden bereit; wie sie wollen. Aber jezt diese Frage öffentlich zu entscheiden, – darf ich um der schadenfrohen Männer willen nicht, so offenherzig ich auch sonst immer bin – nebst dem ist mir auch nicht wenig daran gelegen, ihre Empfindsamkeit zu schonen.


Empfindsamkeit ist ein trefliches Wort, wenn es nicht aus einer unwürdigen Quelle entspringt. Eigenliebe, Schwachheit, süße Romanen lesen, das Sirren eines Mondsüchtigen Liebhabers anhören, macht auch empfindsam; aber auf eine ganz andere Art. – Es giebt Mädchen, die über Empfindelei die wahre Empfindsamkeit vergessen.


Das, was die Zunge auf unzählige Arten zu verschonen weiß, das, was blos dem Ohre des Zuhörers gefallen will, das, was sich bei jeder Kleinigkeit unter Winseln und Seufzen ausdrükt, das, was bei dem Tode einer Mükke in Thränen übergehen kann, ist gewiß nicht wahre Empfindsamkeit, ist blos Affektation und Empfindelei. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein solches empfindendes Geschöpf bei Auftritten, die das Wohl der Menschheit betreffen, gerührt werden würde. – Wahre Empfindung ist nicht gesprächig – sie wohnt im Herzen, nicht im Munde.


In unserm Jahrhundert ist Empfindelei so zur einreißenden Sucht geworden, daß es wohl wider den großen Ton seyn würde, wenn sich nicht die meisten Mädchen recht fleißig bemüheten, blaßgelbe Empfindlerinnen zu werden. Gewinnt ein Gatte, gewinnt das Hauswesen dabei, wenn ihm eine solche Winslerinn zu Theil wird?


Liebe macht ein empfindsames Wesen schwermüthig, das ist nicht zu läugnen! – Aber diese Schwermuth ist stumm, verbirgt ihre Leiden, drükt sich durch Zeichen aus, die sich nicht nachahmen lassen.


Empfindelei hingegen ist Affengeschwäz, Schein, Nachahmung, leerer Schall, der nicht die geringste Probe aushielte, wenn der Kenner seinen Ursprung untersuchen wollte. Wahre Empfindung ist mit der Natur so übereinstimmend, daß dem Beobachter da, wo er sie gewahr wird, nicht der geringste Zweifel mehr übrig bleibt.


Es geht doch wunderlich zu in der Welt, alte Leute halten fast alles für Empfindelei, Junge alles für wahre Empfindung. O Wirr Warr! O Mißverstand.


Wer kömmt weiter in der Verbesserung seines Herzens; der Freimüthige, der alles gerade und bieder heraussagt – und wenn es auch seine eigenen Fehler beträfe – oder der Verschlossene, der durch Zurükhaltung weder seine eigene noch anderer Besserung befördern kann???


Edel freimüthig ist nur derjenige, welcher seine eigene Thorheiten, in Gegenwart anderer nicht schont. Wozu Ziererei und Verstellung; da wir alle doch blos Menschen sind?


Kein Denker wird dem Schriftsteller Freimüthigkeit verargen, so bald er sich anders nicht bis zum Paßquilliren herabwürdigt. Wenn der Sittenbeobachter mit Thorheiten und Lastern Komplimenten macht, wie weit wird er es dann in der Sittenverbesserung wohl bringen?


Das gesellschaftliche Leben hat seine Pflichten; wer sie nicht halten will, der entferne sich davon. Besser, als in demselben wie ein Erzgrobian erscheinen.


Wenn wir im gesellschaftlichen Leben keine Regeln des Wohlstandes beobachten wollten, wie bald wäre jede Harmonie unter den Menschen zertrümmert! Wie bald gliche jede Versammlung einer Bierstube, worinnen Zügellosigkeiten von allen Gattungen zum Vorschein kommen.


Eine der ersten Grobheiten im gesellschaftlichen Leben ist, wenn man unvernünftig genug seyn kann, den eintretenden Fremden mit Fragen zu überhäufen. Selbst die gleichgültigste Frage kann oft den Gefragten in Verlegenheit sezzen. Nicht alle Menschen sind zum Antworten bereit – nicht alle können Antworten – und die wenigsten antworten gewis nicht mit gutem Willen.


Uibertriebenes Fragen sezt Verdacht, oder nasenweise Neugierde zum voraus. – Ei, wie kann es doch Menschen geben, die diese löbliche Gewohnheit an sich haben? – Was einer in Gesellschaften gerne sagt und sagen darf, wird er sagen, ohne daß er gefragt wird.


Für den neugierigen Frager weiß ich kein besseres Gegenmittel, als ihn wieder mit Fragen zu überhäufen. – Da läuft denn der Fuchs so hübsch in seine eigene Falle, daß es eine Freude ist, den schlauen Dieb überlistert zu haben.


Freundinnen! – Ich kann das Fragen nicht leiden! Sonst würde ich sie jezt fragen, ob sie mit meinem guten Willen, mit meiner ungeheuchelten Aufrichtigkeit, mit meinem bischen angewandten Fleiß, sie zu unterhalten, mit meinen komisch-ernsthaften und aufrichtigen Launen, womit ich dieses Werkchen bei angehäuften Haushaltungsgeschäften, oft sehr zerstreut niederschrieb, ob sie damit zufrieden sind, so wie es ist???