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Jean Paul: Friedens-Predigt an Deutschland

XI.
Hoffnungen und Aussichten

Die ängstliche Gebärde der Zeit unter dem Alpdrucke einer verborgnen Schlummer-Lage kann nur die Übel verhärten, die man beklagt. Dem ersten Schmerze ist Übermaß natürlich und verzeihlich. Was Helvetius sagte: juger c'est sentir, geschieht umgekehrt: sentir c'est juger, obwohl beides falsch ist. Wir sehen am Ende Redeblumen, wie Fieberkranke die Bettblumen, für Gestalten an, die sich drohend regen. Himmel! wie anders aber erduldeten unsere Vorfahren ein ganz größeres, ein dreißigjähriges Weh! Was sie auf der Erde begruben strahlte ihnen widerscheinend aus dem Himmel zurück; und gegen jeden Schmerz gab es einen Gott, der ihn in eine Freude der Zukunft umschuf.

Aber jetzige Furcht kennt keinen Gott, sondern nur den Teufel, der seine Hölle täglich tiefer wühlt und wölbt. Wenn man wenige Schriftsteller ausnimmt – und nur diese nach ihrem politischen Glaubenssystem –, so lieset man überall nur abgedruckte Weiber; aber alte Christen, alte Stoiker, alte Scherzmacher treff' ich selten an; und um ein Almosen für ein geplündertes Dorf weichen Herzen und nassen Augen abzuquetschen, verleugnet man deutsche Männlichkeit und kecke Ansicht und schmelzt sich und andere, um damit härtere Metalle in Fluß zu bringen. Obgleich noch so manche deutsche Staaten-Teile frisch und heil dastehen, so machen es doch die Schriftsteller aus ihnen wie die Neu-Griechen auf Morea, welche (nach Pouqueville) alle, so gesund und rüstig sie auch einhergehen, die letzte Ölung nehmen, sobald ein Mönch durchreiset, weil, sagen sie, ein solcher Mann nicht alle Tage zu haben ist.

Nur ists schlimm, daß politisch nicht hilft, was physisch errettet vor Gewittern und Bären, nämlich scheinleichenhaftes Hinlegen auf die platte Erde (in sie täte eher etwas); jedes Volk vergeht, wie ein faulender Schwamm zerfließend, wenn es keinen Mut mehr hat; ohne Hoffnung aber gibt es keinen; und wie nach Bako die Hoffnung dem Körper, so ist sie noch mehr dem Staatskörper gesund.

Was heißt Aussichten Deutschlands oder Europas? die auf ein Jahr, oder auf ein Jahrhundert, oder ein Jahrtausend, oder auf die ganze Erdenzeit? – Man darf eben keine Zeit nennen und meinen, sondern nur die ewigen Naturgesetze, welche ja schon hinter uns in der Geschichte thronen und reden.

Die Wilden halten kurze Verfinsterungen der Sonne und des Monds, und Adam in der Epopöe die noch längere Phase, nämlich die Nacht, für Welt-Untergang; wie leicht müssen wir nicht bei ringförmigen Finsternissen und Nächten der Staaten, die zumal oft länger sind als unser Leben, furchtsame Irrtümer der Zukunft empfangen, indes sie gleichwohl der erste Sonnenblick des Naturgangs vertilgt! Und man müßte daher ein Jahrtausend Leben hinter sich haben und folglich eines vor sich, um nie zu verzagen, sondern stets zu vergleichen.

Aber euch sollen Ideen statt der Jahre dienen, und Gott sei die Ewigkeit. Dann fürchtet, wenn ihr könnt.

Doch wir haben hier statt der Aussicht vom Gipfel bloß die tiefere vom Zweige nötig, um die Welt und die Hoffnung zu sehen. Will man Hoffnungen nicht zugestehen, so nenne man sie Träume; nach Kant aber sind auch dem tiefsten Schlafe Träume nötig, um das Leben anzufachen. Bei Staaten wird der Irrglaube, etwas zu vermögen, leicht zur Wahrheit, so wie Franklin sagt, um zu schwimmen, brauche man sich nur einzubilden, daß mans könne.

Wenn es eine bekannte Klage ist, daß die neueren Staaten mehr Staatskörper, die alten hingegen Staatsseelen sind, welche mehr mit dem Geistigen bewegten und verknüpften, durch Beredsamkeit, durch Sitten, durch Musik, nicht durch hölzerne Räderwerke des Formalismus: so fällt diese Klage auf keinen Staat gerechter und verstärkter als auf den deutschen. Schon im Gegensatz gegen die alten unumgewälzten Franzosen, bei denen gerichtliche Beredsamkeit, allgemeine, selber die Könige zügelnde Meinung, der schnell auflodernde Enthusiasmus für jede Neuheit, die Blitz-Gewalt der Bonmots, deren elektrisch durchschlagende und oft die Pole umkehrende Wirkung wenigstens für einen geistigen Einfluß spricht, – schon gegen jene früheren Franzosen standen wir zurück mit unserer politischen Maschinenmeisterei. Unsere äußerliche Förmlichkeit – unsere träge Nachäfferei, welche die auswärtigen Modepuppen als bestimmende Glieder- und Flügelmänner für uns wählte – gewissermaßen unsere außerordentlichen Gesandten und Professoren, die weniger gelten als der ordinarius – unsere Sessionszimmer, worin die Köpfe wie die Bäume im Winter so stehen, daß der fruchtbare ebenso aussehen muß wie der unfruchtbare und folglich umgekehrt – unser politisches Verzichttun auf jedes Frei-Geistige und unsere Fluchtstrafen eines jeden Schritts aus dem Marschreglement oder der Schrittordnung der Kollegien-Schnecken – unser Exerzier- und Prügel- und Alt-Jährigkeits-Wesen, das Greise für Veteranen nimmt, bloß weiße Köpfe für weise, oder kahle für volle, kurz den Alters-Winter für Kriegs-Feuer, als ob ein alter Mann nicht weicher gebettet zu werden verdiente als aufs Ehrenbette[1]: alles dies, was dem deutschen Reichskörper so wenig Reichsseele, spirit public, esprit de corps eingeblasen, und was ihm so sehr alle Einheit des Lebensgefühls genommen, daß er wie der Krebs, seine rechte Schere mit der linken kneipend, diese als feindliche voraussetzend, absprengte – alles dies, was das deutsche Reichskabinett zu einem Modellkabinett von Maschinen macht und selber die Maschinengötter wieder zu Maschinen und den Staatsherren zu einem hölzernen Kempeles Schachspieler, der lebendige Untertanen auf dem Schachbrett seines Territoriums ruhig hin und wider stellt und zieht – alles, womit wir dem Vogel Strauß ähnlich wurden, der zwar einen starken Magen, aber kleine Flügel hat: dieses Deutschen-Übel werden die Beispiele und die Folgen der Zeit und die Nähe und die Einwirkung einer im politischen Leben so begeisterten Nation, wie wir im dichtenden, zu brechen dienen.

Wenn sonst mancher deutsche Thron-Genius, anstatt seinen Geist fortzupflanzen und sein Volk sich zum Nebenbuhler zu erziehen, dieses nur zum Lastträger und Zeiger seiner Gedanken machte: so ging der Staat, wie Pfaffius' Terzienuhr, noch fort, sogar noch eine Stunde, nachdem das Gewicht abgenommen war; dann stand er. Aber der jetzige Astralgeist und regierende Planet Europens (der Abend- oder Weststern) will aus seinem Geist Geister machen und damit Körper nicht bloß erschaffen oder bewegen, sondern auch beseelen. Dieses Beispiel wird auf nähern und fernern Wegen auf uns Deutsche herüberwirken, wie Friedrich II. auf Joseph II., und wir fangen vielleicht in einem höhern Sinne als bisher Östreich das Militär-Jahr vom November an.

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Ihr scheltet die Zeit klein? Folglich sagt ihr, daß sich etwas Großes in derselben gezeigt, was den Rest zum Zwerg und Tal gemacht. Es entsteht keine verkleinerte Zeit ohne eine verkleinernde. Die echt-kleine Zeit ist die Ebene und Stille, die sich in keine Tiefen und Höhen zerteilt. Freilich kann eine Zeit sich im Handeln so wenig selber als groß erfinden als ein großer Mann sich im Unternehmen einer großen Tat; wie könnte dem etwas groß erscheinen, ders eben vermag und dem es leicht und tulich ist, der aber erst weit hinter der Wirklichkeit seine Felsen und Riesen sieht! Zwar kann er sie auch in der Vergangenheit oder Geschichte erblicken; aber der Fall bleibt derselbe, weil diesseits und jenseits der Gegenwart das Ideal regiert.

Aber inwiefern gehört dies unter die versprochnen Hoffnungen? Insofern: weil jede Kraft zuletzt die fremde stärkt – weil die Wettbahn der Kräfte sich auftut – weil überhaupt der Mensch sich am Menschen ermannt, wie Montaigne schon vom bloßen Anschauen Gesunder zu leben versprach – weil zum Glück die Größe sich zwischen Sieger und Besiegte verteilte – und weil wir ja keine Griechen sind, sondern Deutsche.

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Der Krieg ist die stärkende Eisenkur der Menschheit, und zwar mehr des Teils, der ihn leidet, als des, der ihn führt. Ein Kriegsstoß weckt die Kräfte auf, die das lange Nagen der täglichen Sorgen durchfrißt. Im Frieden kriecht der Bürger so leicht mit weicher Schlaffheit durch und deckt sich gegen die Gefahren, wie gegen die Bomben, nur durch Wegheben des Steinpflasters und des hohen Dachs und durch Ausbreiten des weichen Düngers; aber der Krieg fodert den waffenlosen Bürger zum Zweikampfe mit der Übermacht und Gesetzlosigkeit heraus, er verlangt jede Minute ein Männerherz und ein Männerauge und verpanzert mit den größern Gefahren gegen die kleinern. Da sich die stärkere Tapferkeit nicht im Einrennen und Einschlagen, sondern im Festhalten erweist: so braucht oder erbt sie eben im Kriege der unbewaffnete Bürger mehr als der bewaffnete, noch abgerechnet, daß jener mehr Schätze und nähere Menschen zu verlieren und zu behüten hat als dieser. Ist aber dies: so muß der Krieg den nächsten Zeiten mehrere wahre Männer zugebildet und zurückgelassen haben und dem Vesuve gleich geworden sein, nach dessen Aschen-Würfen (das Kriegsfeuer liefert ja Häuser-Asche und Menschen-Asche genug) der anfangs durch sie erstickte Pflanzen-Wuchs üppig emporschießt. – Und was begehren wir mehr für die Zukunft als Männer? – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

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Ganz als Gegenfüßler der Franzosen und Sems, der den Mantel auf den entblößten Vater warf, ziehen wir ihn noch ein wenig weiter vom Vaterlande hinweg und rufen wie Cham die Spötter herzu; aber jene siegen durch Schminken eher als wir durch Schwärzen, so wie überall den Geist Lohnen weiter treibt als Strafen. Indes werden (in mehr als einem Sinne) deutsche Hefe und französischer Schaum bald sich senken und das Geistige ungetrübt nachlassen. Warum haben wir noch keinen Volks-Plutarch der neuesten östreichischen, preußischen, baierischen etc. Heldentaten und noch kein Heldenbuch so mancher mannhaften, hülfreichen und schönen Handlungen der unbewaffneten Deutschen? Wenigstens einen Mann kenn' ich, der gern in ein solches Heroum hineinsähe – schon angenehmer Erinnerungen wegen –, nämlich den, der zu unserm Glück in den deutschen Geist tiefer, würdiger und achtender eingedrungen zu sein scheint als das Volk, das er beherrscht, ich meine das französische. – Leset ihr indes innerlich in diesem ungeschriebenen Buche nach: so wird euch Deutschland der Sonne zu gleichen scheinen, welche, wieviel auch eine Bedeckung durch den Mond von ihrer Gestalt abschneide, doch stets ein ganzes rundes Strahlen-Bild in die dunkle Kammer wirft.

Es ist eine vorteilhafte Erscheinung, daß die Natur allen großen Helden – von Alexander und Cäsar an bis zu Karl dem Großen und Friedrich II. und Napoleon herüber –, gleichsam als einen Wundbalsam für verblutete Völker, Liebe und Eifer für die Wissenschaft auf die verheerende Laufbahn mitgegeben; so wie Apollo neben den Pestpfeilen auch die Lyra und die Musen tönen läßt. Die Wissenschaften bewahren, besonders wenn ihr Licht auf ausgedehnte Länder fällt, edle Kräfte, welche nie die rechte Freiheit verloren gehen lassen. Großes Licht verdichtet sich zuletzt zu Wärme, die die Menschheit mit Leben schwängert und mit Auferstehung segnet. Es ableugnen, hieße voraussetzen, daß der Mensch vom Teufel geschaffen worden, und daß er daher bloß der wissenschaftlichen Entwickelung und Reife bedürfe, um das teuflische Ebenbild an sich vorzuweisen, und daß das Herz des Ungebildeten so lange einen ruhigen kalten Gewürm-Laich oder Basilisken-Eierstock beherberge, bis diesen wie die Phönixasche das Sonnenlicht im Ausgebildeten zum Leben ausbrüte. Welche moralische Barbarismen und Baumschändereien der Menschheit hat nicht schon das wissenschaftliche Licht endlich fortgescheucht, von den priesterlichen Menschenopfern an bis zu den kaufmännischen, indem selber im Engländer der Licht-Mensch den Kauf-Menschen niederrang und den – Sklavenhandel aufhob. Deutschland, als das Urgebirge der künftigen europäischen Bildungs-Gang-Gebirge, wird sich mit seinen Musenbergen immer weiter und höher ziehen und am Ende die Erde mit Gipfeln umgeben und befruchten. Wenigstens Europa, hoff' ich, wird jetzt besser und anders als unter den Römern, die mehr Wissenschaften holten als brachten, von dem europäischen Macht- oder Allmachts-Haber durch die wissenschaftlichen Licht-Heerstraßen verknüpft und sich näher gebracht. Himmel! wenn man sich Portugal und vielleicht die europäische Türkei[2] und das Und-so-weiter die Parnaß- und Himmelsleiter besteigend gedenkt, auf der Süddeutschland schon steigt: welche Aussichten, wenn nicht des Bürgers, doch des Weltbürgers, wenn nicht der nächsten, doch der nahen Zukunft! O werde doch – möchte man wünschen, wenn Wünschen spornte – die neue Zeit, die Jugend der Verhältnisse mit Feuer von Fürsten und Schriftstellern gebraucht, um die echten Deutschen und das abgestumpfte Europa verklärt wieder zu gebären!

O rechnete und lebte nur jeder nach der Sternenzeit eines geheiligten Herzens: so würde er die rechte Stunde auch außen treffen, da das gemeine Außen mit seinen Stadt- und Länder-Uhren sich doch am Ende nach jener regeln muß.

Es gibt wohl einen Zufall, aber viele Zufälle derselben Art sind keiner; nicht einmal Geschick, sondern Schuld oder Lohn; nicht Menschen, sondern Sitten sind zu fürchten; nicht das fremde Ich, sondern das eigne.

Lasset zweierlei Alte euere Kinder unaufhörlich studieren, die klassischen und die eurigen, und sagt: Gott befohlen. Wie ein Papst bloß durch zwölf christliche Altäre das Coliseum vor dem christlichen Zertrümmern behütet hat: so sollten wir uns gegen Franzosen mit nichts so sehr wehren als mit ihren – Vorzügen, so daß wir bei uns als einheimische anpflanzten ihr zartes persönliches und vaterländisches Ehrgefühl, ihre Umsichtigkeit, ihre frohe leichte Lebens-Ansicht und ihren schnellen Entschluß.

Schafft und hofft; euch helfen und bleiben Gott und Tod.

Vergeßt über die nähere Vergangenheit nicht die fernere Vergangenheit, so wenig als die vielgestaltige Zukunft. Wie am langen Tage in Schweden die Abendröte ohne eine abteilende Nacht in das Morgenrot verfließt: so schmilzt jetzt Fürchten und Hoffen ineinander, West-Abend und Ost-Morgen; folglich ist das Aufsteigen der Sonne nicht weit. Amen!

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Anmerkungen:
  1. Sonderbar, daß man für die höhern Kriegs-Würden bisher nicht das Kraftalter als die rechte Zeit annahm, indes doch auf der höchsten ein Alexander, Cäsar, Karl XII., Friedrich II., Napoleon u. s. w. gerade in der Jugend ihre Glanz-Siege schufen; wozu noch kommt, daß diese als Oberbefehlshaber doch mehr die Kälte und Einsicht des Alters nötig hatten, so wie die meist nur ausübenden Unterbefehlshaber mehr die Feuer-Macht der Jugend.
  2. Am Schalttage 1808 oder am 24ten Februar geschrieben, der den Matthias in den 25ten vertrieb, welcher sonst das Eis bricht oder macht.