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Jean Paul: Friedens-Predigt an Deutschland

X.
Vermischte Gelegenheits-Sprüche

Mitten in einem Kriege erscheinen jetzt mehr Friedensschlüsse als sonst nach einem Kriege; so sieht man oft auf dem Meer, wenn es bei Sonnenschein stürmt, mehr als zwanzig Regenbogen liegen, statt der wenigen hohen nach einem Land-Gewitter.

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Ich habe zwar manches gegen unsere jetzigen Jeremiaden-Sänger, aber doch auch vieles für sie, das hier folgt. Während der Pest schleicht ungehört der mit Tuch umwickelte Pestkarren durch die Straße, und keine Totenglocke sagt das ausgedehnte Sterben an. Aber ordentlich neu belebt wird jeder, wenn er wieder ein ordentliches Leichen-Geläute vernimmt! Er weiß nun, das Weh ist vorüber – und das Wohl heran! Es ist schön, daß das La Trappe-Kloster abbrannte, ohne daß einer der Mönche das Schweigen brach[1]; es ist schöner, daß unsere Länder keine Trappen-Klöster sind, sondern reden.

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Die stärksten Erdbeben fallen in den Herbst und ins Jahrs-Ende, sagt Kant; er hat also, nach seinem Todesjahre zu schließen, nur die physischen gemeint.

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Im längsten Frieden spricht der Mensch nicht so viel Unsinn und Unwahrheit als im kürzesten Kriege; denn da es in diesem beinahe keine Gegenwart gibt, sondern nur Angst und Wunsch und Hoffnung, diese Bürgerinnen und Seherinnen der Zukunft, im Frieden aber mehr Gegenwart: so ists natürlich, daß man nichts schlechter sieht und malt als das, was noch nicht da ist.

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Manche Staaten gleichen Orgelpfeifen, die man bloß deswegen sehr lang macht, damit man sie richtig stimme durch Abschneiden.

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Der flachste Tropf kann sich seit einigen Jahren in seinen Großvaterstuhl mit der Schlafmütze setzen und ein altes romantisches Heldenbuch in die Hand nehmen und seine prosaische Pfeife – und doch in seinem Stuhle die größten Zeiten erleben, ja Begebenheiten, die größer sind als selber die Täter, ohnehin größer als der Tropf, der sich solche Sagen natürlich nicht träumen ließ, sondern nur vorlesen.

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Für zwei Politiker, die einander ins Gesicht zu widersprechen wünschten, wär' ich imstande, hier die nötigen widersprechenden Gleichnisse – falls nämlich der eine die Zerteilung eines großen Staats in kleine blumig zu empfehlen suchte, und der andere Einschmelzung der kleinen in einen großen – unparteiisch für jeden zwei Gleichnisse, ein edleres und ein niedrigeres, nicht nur anzubieten, sondern auch schon abzuliefern; also für den ersten Politiker oder dessen Satz könnte bildlich sich so ausgedrückt werden, daß man anfangs edel sagte: ebenso werden große Spiegelgläser, die Blasen haben, mit Vorteil in kleine reine zerschnitten; dann aber weniger edel so: bei Teichabziehen werden die großen Fische behalten und nur die kleinen ins Wasser befreiet zurückgeworfen; – für den entgegengesetzten Politiker und Satz könnte das edlere Gleichnis so lauten: ebenso hat Tschirnhausen kleine Diamanten zu einem großen durch seinen Brennspiegel zusammengelötet; was unedler etwan so auszusprechen wäre: ebenso bleiben die Mücken im Spinnengewebe hangen, nicht aber die Bienen und Wespen.

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Ich wünschte, ich hätte ein edleres Gleichnis, um die deutsche Tauglichkeit für echte Wissenschaft und Freiheit anzupreisen, als die Bemerkung Bechsteins, daß eben Hartnäckigkeit und Ungelehrigkeit stets die besten Vorzeichen eines vortrefflichen Hühnerhundes sind.

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Ob man uns das Maß zu einem Krönungskleide oder zu einem Sarge genommen, kommt auf niemand anders als auf uns selber an.

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Wir wohnen jetzt noch im Baugerüste der Zeit – und freilich ist ein Gerüste nicht die bequemste Wohnung. Aber unsere vorige war ja noch zerlöcherter und durchsichtiger als irgendein Gerüste, gleichsam nur das Gerüste zu einem Gerüste.

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In unsern Tagen war es leichter, Großmut, Genialität und jedes Große der Kraft und Einsicht zu erleben als bloße Gerechtigkeit und Rechtlichkeit; gleichwohl wird das große Gedächtnis der Geschichte die Ausnahmen behalten und besonders einen Fürsten beklagen und verehren, der den Beinamen des Rechtlichen verdient.

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Was die Franzosen am Ruhme, Dichter zu sein, einbüßen, kommt ihnen wieder an der Ehre, gute Sprecher vor Schlachten und vor Gericht und im Zimmer zu sein, zugute; so wie gerade die Vögel, die nicht singen, gut sprechen lernen. Indes wäre es zu wünschen, der Papagei würde deutscher Sprachmeister und der Schwan französischer Singmeister.

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Dem vom Himmel gefallenen Schilde, das den Römern die Weltherrschaft versprach, ließ Rom mehrere Gleichbilder nachmachen, um es durch Verwechslung zu behalten; eben diese Schilde und den heiligen Spieß von Mars bewegte jeder in Krieg ziehende Feldherr und sagte: Mars vigila. – Wem war Friedrichs II. Degen nun ähnlicher, dem Spieße oder den Schilden?

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Der Elefant, der sich vor der Maus fürchtet, weil sie in seinen Rüssel kriechen kann, oder die Schlange Mimia, welche, eh' sie einen Hirschen verschluckt, scheu nach Ameisen umschauet, die sie in ihrer Sättigungs-Unbehülflichkeit übermannen könnten, diese sind nicht furchtsam, sondern nur klug. Das Beispiel dieser in der Geschichte so seltenen Klugheit wurde in den neuesten Zeiten nicht vom kältern, sondern gerade von dem feurigern und sieghaftern Volke gegeben, das seinem Heerführer nachstieg, der stets mitten im Glück Unglück voraussetzte, berechnete, bestritt und abwandte. Auf Bergen ist früher als unten Licht und Eis.

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Selten verstehen die Nachfolger eines Genius das bis in den Leuchter herabgebrannte Licht hinaufzuschieben; daher schmilzt Licht und Leuchter.

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Jeder Staat geht zuletzt zugrunde, der ein Tretrad ist, das dessen Menschen nur bewegen, ohne sich auf dessen Stufen zu erheben.

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Von etwas wird uns die Zeit oder die Franzosen erlösen: von den vieläugigen Kollegien – ein Argus, den oft umgekehrt die Io bewacht –, welche den Insekten gleichen, die durch die Menge von Augen der Unbeweglichkeit derselben abhelfen, oder durch die Menge von Füßen der Langsamkeit.

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Nicht die großen Schauspieler bekommen gewöhnlich die Rollen der Geister, der Bildsäulen und der Prügel; auch wir haben poetischen Geist, prosaische Unbeweglichkeit und zuweilen etwas auf dem Rücken gezeigt.

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Himmel! wie gut wär' es, wenn jeder Fürst den Aufsatz des Herrn v. Steigentesch über stehende Heere und Landesbewaffnungen im Septemberstück der Minerva von 1807 läse! Und überhaupt die ganze Minerva! Und ohnehin viel Bücher, besonders wenn Aristoteles in seiner Politik (III. 11) recht hat, daß gerade aus dem Mittelstande (jetzt der Feder-Stand) die größeren Gesetzgeber gekommen! – Die Stelle eines fürstlichen Bibliothekars oder auch Vorlesers für den Fürsten könnte die wichtigste und heiligste im Staate werden, mit Veränderungen, die hier nicht sogleich in die kurzen Gelegenheits-Sprüche einzupressen sind.

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Die Alten bilden Flußgötter mit gehörnten Stierhäuptern ab. – Vollends aber die englischen Meer-Götter? Gestoßen haben sie uns in den neuesten Stier-Gefechten genug und haben die Freiheit der ganzen Erde auf eine enge Insel einpferchen wollen. Ihnen bleibe gern die Land-Freiheit, aber uns komme endlich die breite Wasser-Freiheit, und der bekannte Mann, der auf das feste Land seinen Ring geworfen, wie sonst der Doge seinen in die See, hat allerdings recht, daß er die Völker nicht als die Schiffszieher der Briten will keuchen sehen.

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Ihr habt euch anfangs zu viel zugetrauet und später zu viel gemißtrauet; wie Strangulierte zuerst lauter bunte Farben sehen, aber zuletzt nur die schwarze. Zum Glücke ist jetzt die Mitte näher, das Licht.

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Jeder glaubt und sagt, die Vergangenheit, d. h. die Geschichte, gebe die rechte Lehre der Zukunft; aber fehlts denn dem Menschen an irgendeiner Vergangenheit, an eigner oder an fremder? Kommen wir nicht alle von gestern her? Jeder hatte Vergangenheit genug in sich, um eine reine Zukunft auszubilden; aber jede Zeit – welche von den dreien es auch sei – wird nur vom schöpferischen Sinn erfaßt; und es ist mithin einerlei für diesen, von Gegenwart zu lernen, oder von Vergangenheit, oder von Zukunft.

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Das Wasser steigt nie so hoch, als es gefallen; aber der Mensch oder das Volk fällt nie so sehr, als es gestiegen; und wollte uns nur ein höherer Genius den Umweg des Steigens und die Schneckentreppe sagen, damit wir frischer aufstiegen!

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Jeder Kriegs-Sturm gleicht dem Sirokko-Wind: die Gestirne scheinen zu schwanken, so fest sie auch auf der alten Stelle oder Bahn beharren.

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Warum fiel sonst gesetzmäßig das Haus eines Doge und das eines Papstes nach dem Absterben der Plünderung anheim? Und warum nirgends das Haus anderer Fürsten? Darum: an jeden Fürsten hat sich sogleich wieder der befreundete geknüpft.

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Wenn Tränen Kristallisationswasser sind: so ist Deutschland in den drei neuesten Kriegen ein Edelstein vom ersten, zweiten, dritten Wasser geworden.

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Die deutschen Formen und Förmlichkeiten gleichen den langen Kleidern, welche den, der ins Wasser fällt und springt, eine Zeitlang oben halten, aber nachher mit neuer Schwere tiefer ziehen. Ich lobe mir einen nackten Schwimmer. – Bis hieher waren Zivil-Kollegien eine gute, obwohl umgekehrte Nachahmung des Kriegsstandes: wenn der Feldherr den Aufbruch des Heers um vier Uhr anordnet, so befiehlt ihn der General schon um drei Uhr, der zweite Untergeordnete noch früher, und der letzte am allerfrühesten; natürlich aber ist, wie gesagt, bei Zivil-Kollegien die Nachahmung umgekehrt, und die Befehle vor Christi Geburt werden nach Christi Geburt vollstreckt.

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Im vorigen Venedig wurde nie ein Inländer zum Generalissimus der Kriegsmacht genommen, sondern ein Ausländer; bloß weil wir dies nicht früher getan, tun wir es jetzt.

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Tief-nördliche Völker, wie Schweden, oder sonst abgesonderte dürfen Jahrhunderte auf der Löwenhaut ruhen, und sie richten sich doch als Löwen auf. Aber das wärmere Deutschland, dem nicht die Härte des Eises beisteht, und an welches überall heiße Zungen lecken, dies bedarf eigner Regsamkeit gegen jede fremde, wenn nicht seine Eisberge an dem umgebenden Süden schmelzen sollen. Man vergebe die Bilder. Der Teich Bethesda heilte nur bewegt; zarte Früchte erfrieren nicht auf Zweigen, die sich regen. – Die Zeit hat uns bewegt.

 

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Anmerkungen:
  1. Forsters Ansichten I.