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31. Oktober 2013

Drogenalarm: Bündnispartner

Das Zerstörungspotential politischer Abhängigkeiten. Von Tom Borg

Überall begeben wir uns freiwillig in die Abhängigkeit der Supermacht USA, bewundern das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dabei gäbe es viele Alternativen - im Osten oder direkt vor unserer Haustür.

Staaten gehen Bündnisse ein, Menschen die Ehe. Und beides geht gelegentlich in die Brüche, die Ehe öfter als die Bündnisse. Das ist wohl so, weil Menschen nach Gefühlen handeln, Werte wie Liebe, Freundschaft und Geborgenheit schätzen, während Staaten frei nach de Gaulle nur Interessen kennen. Und damit ist zwangsläufig Ärger vorprogrammiert.

Während man eine Ehe ggfs. mit zugehörigem Rosenkrieg beenden kann, ist das Aufkündigen von Bündnissen schon deutlich schwieriger. Die Abhängigkeiten von Staaten sind deutlich gravierender als die von Ehepartnern, die ja auch des Öfteren darauf angewiesen sind, sich nach der Ehe noch zu vertragen, sei es wegen der Kinder oder wegen anderer gemeinschaftlicher Interessen.

Doch bei Staaten geht es um mehr. Im blauäugigen Drogenrausch der vermeintlichen staatlichen Freundschaft wurden Bündnisse geschmiedet, die Abhängigkeiten schafften und nicht selten eine gewisse Schräglage aufweisen wie das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA aufzeigt. Nicht nur, dass die USA de facto weder von Deutschland noch von der UN zu irgendetwas gezwungen werden können, weil eine Vetomacht einfach lässig Einspruch einlegt. Nein, auch die faktischen Bindungen sind weitestgehend zum Nachteil der Bundesrepublik Deutschland. Während die USA einen zweifelsohne starken Binnenmarkt haben, der sich durchaus selbst anheizen kann, ist Deutschland eine Exportnation - und einer ihrer wichtigsten Abnehmer sind die USA.

Wie soll Deutschland da Druck ausüben, wenn es den USA sprichwörtlich am Allerwertesten vorbeigeht und alle Beschwichtigungen allenfalls Beschäftigungstherapie für Diplomanten darstellen? Natürlich müssten auch die USA einige Nachteile in Kauf nehmen, würden Europa und der Rest der Welt massiven Druck ausüben und Verträge kündigen - oder gar die diplomatischen Beziehungen ruhen lassen. Doch wer tut das schon? Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, sagt der Volksmund. Politiker sind in diesem Sinne alle das gleiche Pack - und wir alle gehören dazu, weil sie in unserem Namen und zu unserem Wohl agieren, also zumindest sollten sie gelegentlich auch mal an des Bürgers Wohl denken.

Aber seien wir doch mal ehrlich, glaubt wirklich irgendwer ernsthaft daran, dass die Bundesregierung die diplomatischen Beziehungen auf Eis legt, wenn die USA eine Grenze überschreiten, die als "No Go" bezeichnet wird? Das wird sicherlich nicht passieren. Barack Obama könnte als seine private Sylvester-Attraktion eine Atombombe auf Paris werfen lassen - und außer ein paar Protesten würde sich nichts wirklich drastisches tun, nicht einmal eine UN-Resolution, denn dagegen würden die USA natürlich ihr Veto einlegen. Der Schaden, den Europa nehmen würde, wenn Bündnisse mit den USA aufgekündigt würden, ist um ein Vielfaches höher als der Schaden den die USA daraus hätten. Die Supermacht besitzt die Fähigkeit, sich weitestgehend selbst zu regenerieren und hat genügend Auswahl unter den Entwicklungs- und Schwellenländer, die gerne für Europa einspringen würden.

Doch was lernen wir daraus? Man ist versucht zu sagen: nichts. Wir haben uns daran gewöhnt. Das Bündnis mit den USA ist wie eine Droge für uns. Sie hat uns abhängig gemacht und vernebelt unsere Sinne wie ein LSD-Rausch, der uns Illusionen beschert und nach dem Aufwachen Kopfschmerzen. Und wie bei einer Ehekatastrophe haben wir uns selbst freiwillig in diese Abhängigkeit begeben. Wir haben die USA bewundert für ihren Lebensstil, den "American Way of Life", und die große Freiheit Amerikas. Und, ja, klar, die USA lieben Freiheit - aber offenbar nur ihre eigene. Die Freiheit anderer ist ihnen sch...egal. Doch auch das hätten wir längst erkennen können, wenn wir nicht wie Polit-Junkies an den Lippen der amerikanischen Politiker und Medien hängen würden.

Es ist falsch, einem Barack Obama Vorwürfe zu machen, denn er tut nichts anderes als die Präsidenten vor ihm auch - und deren Politik haben wir ja letzten Endes auch immer geschluckt. Wie Junkies schauen wir auf alles was aus den USA kommt und degradieren dafür sogar unsere eigene Leistungen und zementieren freiwillig die Ansicht, dass die USA immer die besten sind. Bestes, weil bekanntestes Beispiel, ist Hollywood. Wir alle betrachten die Oscars als Qualitätsmerkmal für Kinofilme und jeder Händler macht damit Werbung. Wer keine Oscars hat, der taugt nichts. Dumm nur, dass es jedes Jahr nur einen einzigen Oscar für einen ausländischen Film gibt. Alle anderen Oscar werden an amerikanische Produktionen vergeben. Es kann folglich nie mehr als 1 Oscar für einen deutschen Kinofilm geben - und sei er noch so sensationell gut oder erfolgreich. Und ja, das haben wir alle so akzeptiert, denn wir glauben daran, dass amerikanische Filme in der Regel besser sind, was zumeist auch stimmt, da Hollywood dank der gewachsenen Größe einfach mehr Ressourcen zur Verfügung hat. Unsere USA-Süchtigkeit hat dazu geführt, dass amerikanische Schauspieler mit Millionen-Gagen gefüttert werden, während unsere Schauspieler für die gleiche Leistung mit einem Hungerlohn abgespeist werden.

Das gleiche geschieht mit Musik und Fernsehen und viele andere Bereiche. Auch im Internet, wo die USA natürlich auch der Herr im Haus sind. Das zeigen sie alleine schon durch die demonstrative Verwendung der .gov Domain, die so nur von amerikanischen Einrichtungen verwendet werden kann. Alle anderen Länder müssen zumindest eine Subdomain davor setzen. Die zentralen DNS-Server stehen ebenfalls in den USA und können jederzeit als Waffe eingesetzt werden, indem unliebsame Regime mal eben abgeschaltet werden. Aber auch in Friedenszeiten lassen die USA keinen Zweifel daran, dass sie das Internet erfunden haben und überhaupt alle anderen dankbar dafür sein sollten, dass sie diese amerikanische Errungenschaft überhaupt nutzen dürfen.


Freiwillige Abhängigkeit von der Supermacht


Überall begeben wir uns freiwillig in die Abhängigkeit der Supermacht USA, bewundern das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dabei haben die USA es bis heute nicht geschafft, eine gut funktionierende Krankenversicherung aufzubauen; die Ghettos um die Großstädte erinnern eher an Entwicklungsländer denn eine Supermacht, und so manches Alltagsprodukt kann mit deutschen Maßstäben auch nicht mithalten, obwohl die USA zum Mond flogen und Space Shuttle besitzen. Da ist nicht alles Gold was glänzt, doch wir sehen es nicht, wollen es nicht sehen.

Dabei gäbe s viele Alternativen. Angela Merkel liebäugelt wie ihr Vorgänger Schröder gerne mit dem Osten. Freilich wären Russland und China nicht minder unbequeme Partner. Aber immerhin es gäbe zwei Großmächte mit denen man ebenfalls enger kooperieren könnte. Doch es gäbe vor allem ein Europa, eines das vereint auf eigenen Füßen stehen könnte. Und da wären die USA wirklich mal ein Vorbild: Während Europa sich in den letzten 100 Jahren gleich in zwei Weltkriegen gegenseitig demolierte, wurden die USA gerade durch diese Weltkriege erst endgültig zur Supermacht und mit jedem (Welt)Krieg reicher und einflussreicher.

Ein vereintes Europa, vielleicht eines Tages die Vereinigten Staaten von Europa, sollte sich viel stärker auf den Binnenmarkt konzentrieren, die eignen Bürger besser versorgen und innere Schieflagen beseitigen. Die kulturelle Vielfalt Europas kann weder eine Supermacht kaufen, noch in 100 Jahren neu aufbauen. Europas Kultur ist ein gemeinsames Erbe, das wir bewahren und schützen sollten, statt uns beim Mampfen fetttriefender Bürger einen Ghetto-Rap reinzuziehen. Natürlich steht auch da eine innere Blauäugigkeit im Raum, die auf Dauer genauso schädlich wäre wie die aktuelle Droge USA. Doch ein aufgeklärtes und selbstbewusstes Europa könnte durchaus seine kulturelle Vielfalt pflegen und bewahren statt sie wie nordamerikanische Indianerkulturen als Touristenattraktion zu verramschen.

Letztlich liegt es an uns, wie wir uns von einer Droge lösen, ohne uns dabei in die Abhängigkeit einer anderen zu begeben. Doch dazu gehören Mut und Kraft, wie bei jedem Entzug. Und dummerweise liegt da der (über)große Haken: Der vielzitierte kleine Mann auf der Straße kann schimpfen so viel er mag, solange die wahre Macht in den Händen der Märkte liegt, werden Finanzjongleure und Kapitalmassen politische Entscheidungen erzwingen, die den langfristigen Interessen der Bürger zuwider laufen. Und die größten aller Konzerne haben ihren Sitz … in den USA. Und auch das haben wir mit unserem Konsum und der Wahl der Produkte indirekt selbst herbeigeführt, wenngleich man fairerweise zugeben muss, dass es einen Google-Ansatz in Europa nicht gab. Und den Punkt, wo Europa noch hätte gegensteuern können, hat Europa, haben wir alle, schlichtweg verschlafen. Zu groß war unsere Bewunderung für das was da von der anderen Seite des großen Teichs herüber schwappte, als dass wir ernsthaft nach einer Alternative Ausschau hielten oder gar selbst nach Lösungen suchten. Jetzt müssen wir damit leben, denn raus aus der Abhängigkeit von USA, Google, Facebook & Co. kommen wir nur noch unter größten Schmerzen und mit langjährigen Entzugserscheinungen.

Doch wie jeder Junkie müssen wir irgendwann die Entscheidung treffen, ob wir loskommen wollen von der Droge, die uns schleichend zerstört, oder ob wir daran zugrunde gehen wollen. Zwischen diesen Extremen ist nur Platz für Jammern, wie wir es aktuell mit der NSA-Empörung tun. Doch etwas bewegen werden wir damit nicht. Das weiß jeder Junkie, der nach einem goldenen Schuss in seiner Umgebung über die Droge schimpft und weiter spritzt, so wie auch der Raucher, der schon 10x das Rauchen aufgeben hat. Die Verlockung ist einfach zu groß. Doch die Droge USA zerstört nicht nur unsere eigenen Interessen, sondern zementiert auch die politisch-gesellschaftliche Drogenkarriere unserer Kinder die mit dem leben müssen, was wir angerichtet haben und nicht überwinden konnten. Allen voran die Bundesrepublik Deutschland, die sich mit Stolz als Exportnation bezeichnet. Vielleicht sollten wir aber weniger unser Glück in der Ferne suchen und statt dessen den deutschen und europäischen Binnenmerkt verstärken. Das verringert die politische wie auch wirtschaftliche Abhängigkeit von anderen Machtzentren.

Aber auch Kerntechnologien müssen von Europa besetzt werden. Es kann nicht angehen, dass ein Konzern wie Google, egal ob er nun amerikanischer, russischer, chinesischer oder europäischer Herkunft ist, die gesamte Menschheit als Monopolist beliefert und alleine schon durch seine Größe und Vormachtstellung jedes Aufkommen von Alternativen gnadenlos unterdrückt. Globalisierung ist gut - solange man auch noch ohne überleben kann. Und spätestens da sind wir zurück beim Vergleich mit der Ehe: Zwei liebende Ehepartner machen gerne vieles gemeinsam. Aber in einer guten Ehe muss auch Platz für einen Frauenabend oder einen Daddelnachmittag unter Männern sein. Fehlt diese Freiheit, wird die Ehe zum Gefängnis. Fehlt sie zwischen Staaten, sind wir zurück im Kolonialzeitalter. Fehlt bereits der Wunsch danach, dann sind wir voll auf Polit-Dope und sollten schnellstens einen Therapeuten aufsuchen…