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16. November 2009

Bye, Bye, Baby...

Erinnerungen von Tom Borg

Manche Erinnerungen wecken Gefühle, die wir uns gar ncht so genau erklären können. Einige lassen uns unbewusst lächeln, andere wiederum bedrücken uns. Und manchmal reicht ein Song im Radio, um ganz alte Erinnerungen zu wecken.

Ich schaute durch die Fenster des langsam fahrenden Buses auf die Strassen von London. Von irgendwoher erklang "Bye, Bye, Baby" von den Bay City Rollers. Und ich hatte ein flaues, bedrückendes Gefühl und konnte mir nicht so recht erklären, warum. Denn eigentlich mochte ich den Song nicht - und die Bay City Rollers schon garnicht. Das war eine Band für Mädchen. Heike, das Mädchen das in der Klasse hinter mir saß, war ein Fan der Rollers. Sie wusste alles über Leslie & Co.. Wir Jungen standen natürlich auf Gary Glitter, Uriah Heep und Deep Purple und notfalls auch noch auf The Sweet, den Intimfeiden der Bay City Rollers, wenn es nach Heikes Fan-Meinung ging.

Warum also machte mich der Song so bedrückt? Lag es daran, dass wir auf der Heimfahrt nach zwei Wochen Klassenfahrt in England waren? So berauschend waren diese zwei Wochen eigentlich nicht gewesen. Wir waren damals gerade in die 7. Klasse gekommen und jeweils zu zweit bei einer englischen Familie untergebracht. Meine bestand aus einer älteren alleinstehenden Dame die, na ja sagen wir es dezent, ein paar Vorurteile gegen junge Deutsche hatte. Ausserdem machte sie einen furchtbaren Plumcake, der kaum runterzuwürgen war. Als wir einmal Langeweile hatten und Platten hören wollten, da fragte sie uns - neben einem Stapel Schallplatten stehend - wo denn unsere Platten seien. Als ich meinte, dass wir gerne mal ihre hören wollten, da schimpfte sie uns aus, dass wir immer alles haben wollen...

Nein, an die Frau hatte ich nun wirklich keine gute Erinnerungen. Auch nicht an meinen Zimmergenossen. Mit dem hatte ich vorher noch nie etwas zu tun gehabt. Martin war sehr zurückhaltend, stotterte leicht und wurde deswegen oft gehänselt. Ein Aussenseiter. So wie ich. Nur war ich der Rabauke gewesen. Wir beide müssen ein seltsames Paar abgegeben haben: der schüchterne Junge und der Rekordhalter in Sachen Einträge im Klassenbuch. Aber irgendwie war er doch sehr nett gewesen und ich glaube, er hätte auch ein toller Freund sein können. Aber natürlich habe ich ihm das nie gesagt.

Auch in Sachen Mädchen war diese Klassenfahrt ein einziges Desaster gewesen. Da gab es zwar Christel, eine süsse Blondine, wenn auch ausgerechnet die beste Freundin von Heike, dem Bay City Rollers Fan. Die hätte ich schon gerne erobert. Aber während ich noch überlegte, wie man das am besten anstellt, griff der Junge der in Mathematik neben mir saß zu und schnappte sie mir weg. Eigentlich war er alles andere als ein Mädchentyp, aber er hatte Erfolg bei "meiner" Christel - zumindest für zwei Wochen... und ich weiss bis heute nicht, warum.

Was also sollte mich an diesem Tag traurig stimmen, dem Tag der Heimfahrt aus London?

Ich ertappte mich dabei, dass mir fast eine Träne gekommen wäre. Das hätte gerade noch gefehlt. Ich und weinen. Indianer weinen nicht! Schon garnicht zu einem Song der Bay City Rollers. Aber irgendwas machte mich traurig. War das Abschiedsschmerz? Quatsch, dachte ich mir. Von was soll ich mich hier verabschieden? Ich hatte doch eigentlich garnichts gehabt ausser zwei Wochen Klassenfahrt, zwei Wochen weg von zuhause. Während ich noch darüber grübelte, was meine Stimmung drückte, erreichten wir Dover - und dann waren wir auch schon fast zuhause. London war dann auch ziemlich schnell vergessen. Christel, kurz danach wieder zu haben, ebenfalls, na ja weitestgehend. Sogar Heike wollte irgendwann nichts mehr wissen von den Bay City Rollers. Alles war wieder wie vorher - oder vielleicht doch nicht? Immerhin kannte ich jetzt ein Gefühl, das ich vorher eigentlich nicht in mir bemerkt hatte.

Meine Klassenkammeraden von damals habe ich nie wiedergesehen, keinen von ihnen, denn ich bin mit 19 Jahren, direkt nach dem Abitur, weg aus dem Ort in dem ich aufgewachsen bin - und nie wieder dorthin zurückgekehrt. Was aus der süssen Blondine geworden ist, weiss ich nicht. Von dem netten, schüchternen Jungen habe ich auch nie wieder etwas gehört. Auch nach England hat es mich nie wieder verschlagen. Aber irgendwann sah ich in einem Plattenladen eine Serie mit Musik-CDs von den Stars der 70-ziger - darunter auch die Bay City Rollers. Die mochte ich zwar immer noch nicht, aber manchmal hörte ich sie eben doch - und kaufte mir die "Greatest Hits", die sich dann irgendwann auch in das MP3-Archiv auf meinem Laptop einschlichen. Und manchmal wählt der Zufallsmechanismus den Song von den Bay City Rollers aus. Dann erinnere ich mich wieder an damals. London, die Klassenfahrt... Und es ist wieder da, dieses flaue Gefühl und die bedrückende Stimmung. Und ich weiss bis heute nicht, warum. Inzwischen - fast 50 Jahre alt - habe ich aber aufgegeben den Grund dafür herauszufinden. Ich lasse es einfach über mich ergehen - dieses Gefühl und Bye, Bye, Baby...