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21. März 2012

Angst

Eine eingebildete Volkskrankheit - fragt Tom Borg

Ängstlichkeit als Urinstinkt ist durchaus wünschenswert, denn Mut, der durch Unwissenheit ob der Gefahr entsteht, ist eigentlich Dummheit. Aber was tun, wenn die Angst Überhand nimmt? Das Leugnen der Angst ist in der Regel keine Lösung, sondern allenfalls eine Flucht vor der Angst und beseitigt nicht die Ursache der Abgst.

Angst ist ein unbestimmtes, oft grundloses Gefühl des Bedrohtseins. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm definierten in ihrem Deutschen Wörterbuch "Angst" als "nicht bloß Mutlosigkeit, sondern quälende Sorge, zweifelnder, beengender Zustand überhaupt". Damit sind drei wesentliche Aspekte angesprochen: Das subjektive Gefühl durch die quälende Sorge, ein eventueller objektiver Sachverhalt durch den beengender Zustand und die daraus resultierende Folge "mehr als Mutlosigkeit".

Die Angst ist dabei ein Grundgefühl, das gelegentlich den Menschen befällt, ohne dass dafür ein konkreter äußerer Anlass zu erkennen ist. Dafür zeigt sich die Angst in körperlichen Begleiterscheinungen wie Atemnot, Herzklopfen, Pulsbeschleunigung, Zittern, Erröten und Schwitzen, um nur einige zu nennen.

Ängstliche Menschen zeigen eine andauernde Bereitschaft, Situationen als angstauslösend zu empfinden und entsprechend zu reagieren. Dem gegenüber ist die Furcht objektbezogen und durch eine bestimmte Bedrohung ausgelöst.

Die Entwicklung der .Ängste findet hauptsächlich in den ersten Lebensjahren statt. Schon nach dem 6. Lebensmonat treten bei Kleinkindern Ängste auf. So scheinen plötzliche laute Geräusche, das Gefühl zu fallen sowie Blitze und Schatten angeborene Reize für Angst zu sein. Als “lebenserhaltende” Reaktion schreit das Kind, wendet sein Gesicht ab und klammert sich an die Mutter. Mit der Vergrößerung des Wahrnehmungsbereiches ergeben sich zusätzliche Angstreize wie die Angst vor der Dunkelheit und dem Alleinsein sowie vor unbekannten Objekten, Situationen und Personen hinzu. Mit dem zweiten und dritten Lebensjahr zeigen Kinder ein gezieltes Vermeiden der Angstreize und Unterdrücken der Angstreaktion. Kinder geben vor, keine Angst zu haben, obwohl der Gesichtsausdruck die inneren Gefühle verrät.

Auch wenn uns Ängste ein ganzes Leben lang begleiten, lernen Kinder schon mit Ängsten umzugehen. Sie wenden dabei die gleichen Strategien an, die auch bei Erwachsenen häufig zu beobachten sind. Wobei die subjektive Wahrnehmung einer Bedrohung vom Ausprägungsgrad der Ängstlichkeit und deren Bewältigung vom Erfahrungsschatz abhängt. Zu den instinktiven Strategien zur Angstbeseitigung gehören Flucht und Verteidigung sowie die schlichte Negation der Bedrohung indem man sich selbst einredet, dass der angstauslösende Reiz gar nicht existiert. Im Laufe des Lebens lernt der Mensch, die Negation durch eine Umdeutung der Reize zu ersetzen oder die Angstreize durch gezielte Vergleiche mit bereits gemachten Erfahrungen anders einzuschätzen. Das führt dann zu einer Neueinschätzung der Gesamtsituation und dem Ende der Angst - oder zu noch größerer Angst. Als besonders krasse Fehlinterpretation stellt sich die Phobie dar. Eine eigentlich unbegründete Angst wird derart übersteigert aufgenommen, dass der Körper sofort mit heftigen Symptomen reagiert.

Dabei ist eine gewisse Ängstlichkeit als Urinstinkt durchaus wünschenswert, denn Mut, der durch Unwissenheit ob der Gefahr entsteht, ist eigentlich Dummheit. Aber was tun, wenn die Angst Überhand nimmt?

Das Leugnen der Angst ist in der Regel keine Lösung, sondern allenfalls eine Flucht vor der Angst. Und wie jede Flucht beseitigt auch diese nicht die Ursache der Fluchtreaktion. Viel erfolgversprechender ist es, die negative Energie der Ängste in positive Kräfte zu wandeln. Im Tierreich wie auch beim Menschen setzen Ängste oftmals ungeahnte Kräfte frei, wird mit dem "Mut der Verzweiflung" eine Lösung gesucht und gefunden. Manche Kampfsportler brauchen Wut und Angst um Leistung zu erbringen und laufen erst zur Höchstform auf, nachdem sie einiges einstecken mussten. Natürlich ist das eine Ausnahmesituation – der Normalbürger prügelt sich nicht; aber ein Kampf ist das Leben schon. Nur sehen wir manchmal vor lauter Bäumen den Wald nicht und wollen unbedingt mit dem Kopf durch die Wand obwohl es einmal um die Ecke viel leichter ginge.

Auch Ängste, die nicht einer konkreten realen Gefahr entspringen, lassen sich mildern oder ganz beseitigen, wenn man die daraus resultierende Anspannung auf positive Ziele lenkt. Man führt quasi einen mentalen Stellvertreterkrieg mit einem anderen "Gegner" bei dem man sich des Sieges sicher ist. Vielfach finden solchen bewusst oder unbewusst im sozialen Umfeld statt, in Partnerschaft, Familie oder Beruf. In unserer heutigen Zeit kommt diesen sozialen Ängsten eine weitaus größere Bedeutung. Aber sie geben auch Stoff zur Ersatzbefriedigung und Angstabbau. Verlustangst und Orientierungsangst lassen sich beseitigen, indem man sich ein sicher zu erreichendes Ziel setzt – und dieses dann auch tatsächlich erreicht. Das Gefühl, "es geschafft zu haben" muntert nicht nur auf, es hilft auch andere Ängste zu bekämpfen nach dem Motto: Wenn ich dies geschafft habe, schaffe ich das auch. Das gilt auch für existentielle Ängste und unfassbaren Ängsten wie Angst vor Atomkraft, Angst vor ökonomischer Rezession und Kriegen oder Krisen aller Art die da kommen könnten. Aus einer emotionalen Grundstimmung des "ich schaffe das schon irgendwie" lässt sich auch eine an sich begründete Angst auf ein erträgliches und gesundes Maß reduzieren. Man muss sich nur trauen, einen ersten Schritt zu tun. Auch wenn die meisten Menschen genau davor die meiste Angst haben.