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23. November 2015

Zukunft ohne Arbeitsplätze

Wie viel Arbeit braucht der Mensch?, fragt Tom Borg

Roboter schicken sich an, die Arbeit von Millionen von Menschen zu übernehmen. Was auf den ersten Blick nach einer Leben voller Party und Freude aussieht, entpuppt sich jedoch als ein gesellschaftliches Horrorszenario: Ein Leben ganz ohne Arbeit ist wenig erfüllend. Ein ganzes Leben als Hartz IV-ler erst recht.

Oft ist er mehr als nur ein Scherz, der Stoßseufzer am Montagmorgen: Wann ist endlich Wochenende? Nicht jeder geht mit großer Begeisterung seinem Broterwerb nach. So mancher schlitterte am Traumjob vorbei und muss mit dem leben, was zu ergattern war. Und doch ist jeder froh, dass er überhaupt einen Job hat und nicht auf Hartz IV angewiesen ist.

Arbeit ist nun einmal eine zwiespältige Angelegenheit: Sie gibt uns Befriedigung und sichert unseren Lebensunterhalt - und manchmal auch nicht. So mancher arbeitet Vollzeit ohne dass er damit seinen kompletten Lebensunterhalt finanzieren kann, während andere gut verdienen aber nicht wirklich glücklich sind mit der Arbeit, die sie verrichten müssen.

Die Verknüpfung von Arbeit als Element der Lebensgestaltung und der Lebenssicherung wird nicht allen Aspekten gerecht. Doch damit könnte bald Schluss sein. Vielleicht schneller und nachhaltiger als es uns lieb ist. Die Analysten der Bank of America Merrill Lynch prophezeien eine neue industrielle Revolution, die vierte nach der Erfindung der Dampfmaschine, der industriellen Massenproduktion und dem Einzug der Elektronik: die Robotik.

Roboter schicken sich an, die Arbeit von Millionen von Menschen zu übernehmen, die dann ohne eigenen Broterwerb wären. Das bedeutet dann: Wochenende ohne Pause und Party ohne Ende - aber auch: kein eigenständiger Broterwerb mehr und auch keine geregelte Beschäftigung. Millionen von Menschen werden schlichtweg nicht mehr gebraucht. Wenngleich das so auch nicht ganz korrekt ist: man braucht die Menschen schon noch - als Konsumenten. Denn irgendwer muss ja die Produkte kaufen, die von den Robotern erzeugt werden. Doch woher kommt das Geld zum Kauf der Waren? Drucken die Roboter auch fleißig Geldscheine mit denen die nicht arbeitende Bevölkerung dann den ganzen Tag durch Einkaufszentren toben kann?


Neue Gesellschaftsmodelle


So verlockend die Zukunft scheint, wenn Roboter die Arbeit für uns erledigen, so deprimierend ist sie auf der anderen Seite, wenn die Menschen realisieren, dass ihr Wissen und ihre Fähigkeiten einfach nicht mehr gefragt sind, die Menschen nicht mehr benötigt werden oder gar überflüssig sind. Spätestens dann realisieren wir, dass mit der Arbeit mehr verbunden ist als der reine Broterwerb. Der Job gibt uns eine im besten Fall befriedigende Beschäftigung. Wir erlangen Anerkennung, wenn wir unsere Arbeit gut machen, werden befördert, steigen auf in der sozialen Hierarchie. Wir tauschen uns aus mit anderen und geben unserem eigenen Leben einen Sinn indem wir gemeinsam mit anderen etwas erschaffen, uns kreativ betätigen und des Abends stolz auf das blicken, was wir im Laufe des Tages geleistet haben.

All das entfällt, wenn Roboter unseren Job machen. Wir werden einfach darauf reduziert, Waren zu konsumieren und Zeit totzuschlagen. Das mag die ersten 4 Wochen noch großartig sein. Doch dann kommt Langeweile auf, Sehnsucht, wieder etwas anderes zu tun, als den ganzen Tag am Pool zu liegen.

Sicher, es gibt vieles, das man tun kann. Die Welt ist groß und will entdeckt werden. Doch 365 Tage im Jahr Reisen, Entdecken, Abenteuern - und das bis zum Lebensende? Das schreckt selbst geübte Aktivisten ab.

Ganz zu schweigen davon, dass es immer etwas deprimierend ist, von Almosen abhängig zu sein. Und Almosen sind es letztlich, die Millionen von Menschen erhalten, wenn sie keiner bezahlten Arbeit nachgehen können, weil Roboter ihren Job machen.

Wir rutschen in eine Gesellschaft in der große Teile nicht mehr produktiv sein können. Forscher der Oxford University stellen die These auf, das innerhalb der nächsten 20 Jahre 35% der britischen und 47% der amerikanischen Arbeiter infolge der technischen Entwicklung ihre Jobs verlieren werden. Betroffen sind in erster Linie Niedriglohn-Jobs, Tätigkeiten, die eine geringe Qualifikation erfordern oder leicht zu automatisieren sind.


Zweiklassen-Gesellschaft


Daraus entwickelt sich zwangsläufig eine Zweiklassen-Gesellschaft deren eine Hälfte hochwertige und kreative Arbeiten ausführt, während die andere Hälfte im Produktionsprozess einfach nicht mehr gebraucht wird.

Noch stehen wir am Anfang der Entwicklung, die allerdings schon begonnen hat. 3D-Drucker sind nur die Spitze des Eisbergs und schon heute gibt es eine wachsende Anzahl von Industrieroboter, die Menschen überflüssig machen.

Was auf den ersten Blick nach einer erfreulichen Entwicklung aussieht, denn schließlich wünschen sich viele Arbeitnehmer ja weniger Arbeit bei gleichem Lohn, katapultiert uns auf eine neue Stufe des Verteilungskampfs: Es wird Menschen geben, die das Kapital besitzen um Fabriken und Roboter zu betreiben, während wenige andere in diesem Fabriken oder generell im Service-Bereich arbeiten dürfen. Und dann die große Masse, die wirtschaftlich nur als Konsument gebraucht wird.

Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass dies auf Dauer nicht gutgehen wird. Wir werden nicht umhin kommen, neue Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle zu implementieren, die von Roboter betriebene Fabriken als Gemeinschaftsvermögen definiert und deren Output allen gleichermaßen zusteht - egal ob jemand nun einen Roboter baut, betreibt oder wartet oder schlicht außerhalb der Fabrik sich bereit hält, um zu helfen, wenn es etwas für ihn zu tun gibt.

Eine solche Denkweise ist jedoch weit von unserer aktuellen Realität entfernt. Das Aufkommen der Roboter ist in erster Linie eine wirtschaftliche Chance für kapitalstarke Unternehmen und Investoren, die entsprechende Technologien entwickeln und einsetzen - und dann auch die von den Robotern erschaffenen Produkte als ihr Eigentum betrachten und zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil veräußern. Durch eine entsprechende Anpassung der Steuergesetze ließe sich natürlich sicherstellen, dass von den verkauften Produkten ausreichend Steuern an den Staat gezahlt werden, damit diese den arbeitslosen Bürgern zur Verfügung gestellt werden. Denn ohne Zahlungsmittel könnten ja niemand etwas kaufen oder verkaufen.

Doch eine wirklich schöne neue Welt sähe anders aus. Das Recht auf Arbeit muss auch im Sinne einer den Mensch erfüllenden Betätigung gegeben sein. Eine Gesellschaft in der große Teile der Bevölkerung zum reinen Konsumieren verdammt sind, kann auf Dauer nicht überleben. Ein erfülltes Leben braucht mehr als Einkaufen, Reisen und Feiern mit geschenktem Geld. Und doch bietet die Roboter-Revolution Chancen für eine Verbesserung unseres Lebensstandards wenn sie verantwortlich eingesetzt wird und ihre Früchte der gesamten Gesellschaft zur Verfügung stehen.