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28. November 2015

Digitale Trennungsängste

Löschen war gestern, meint Tom Borg

Privatsphäre sei nicht mehr zeitgemäß, meinte Mark Zuckerberg. Rein technisch betrachtet hat er recht. Privatsphäre lässt sich heutzutage nicht mehr sicherstellen. Dank Satelliten und Drohnen nicht einmal mehr in Form einer Robinsonade auf einer einsamen und abgelegenen Insel.

Was waren das noch für Zeiten, als man beschriebenes und nicht mehr benötigtes Papier zusammenknüllte und kunstvoll Richtung Papierkorb warf. Ein beliebtes Spiel war es gelegentlich, aus dem Papier kleine Flieger zu falten, die dann ebenfalls möglichst zielsicher im Papierkorb landen sollten. Egal welche noch so abenteuerliche Variante man wählte, Ziel der Übung war es, das Altpapier zu entsorgen. Wer interessierte sich noch für Informationen von gestern...?

Die digitale Variante machte es gar noch einfacher indem man schlicht auf die "Entf" Taste hämmerte - und weg war der Müll.

Doch, halt, irgendetwas ist da schief gelaufen. Die "Entf" Taste findet heutzutage primär Einsatz beim Erstellen von Dokumenten. Sind sie erst einmal fertig, werden sie mitnichten gelöscht, sondern sorgfältig archiviert. Ob man sie jemals wieder benötigt oder ob sie vielleicht morgen schon Schnee von gestern sind, interessiert nicht. Keine Fragen stellen und archivieren, denn man weiß ja nie…

Nun ist unsere Sammelwut keine Erfindung der Neuzeit, es gab sie schon immer. Doch was zeitgemäßes Sammeln von der historischen Variante unterscheidet, sind zum einen die Qualität des gesammelten Materials und zum anderen die umfassenden Möglichkeiten der Auswertung.

In früheren Zeiten sammelten die Menschen vorwiegend das, was ihnen wichtig genug erschien, um aufbewahrt zu werden. Schließlich gab es früher ja auch ein Platzproblem zu beachten. Das hat sich jetzt dank der digitalen Speicherung von Schrift, Bild und audiovisuellen Materialien deutlich verbessert. Aber Platz brauchen auch Daten. Das Projekt archive.org, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, möglichst viele Internetseiten in allen Versionen zu speichern, ist in einer ehemaligen Kirche untergebracht. Wo früher Bänke und Stühle für die Gemeinde standen, befinden sich jetzt gigantische Speicherschränke, die inzwischen auch aus allen Nähten platzen. Denn es wird systematisch alles gespeichert, was zu greifen ist. Vorratsdatenspeicherung nennt man das auf Neudeutsch.

Zu einem gewissen Grad scheint das auch sinnvoll und lobenswert zu sein. Denn in den letzten 20 Jahren wurden nicht nur Milliarden Seiten ins Internet gestellt, sondern sie verschwanden auch millionenfach. Teils wurden Projekte aufgegeben, teils ändern die Autoren ihre Texte und/oder Meinung und manches verschwand auch aufgrund institutionellen oder politischen Drucks auf die Urheber. Unerwünschte Veröffentlichungen gibt es nicht erst seit Europa das Recht auf vergessen werden erfunden hat.


Suchen und verknüpfen


Dank moderner Rechentechnik spielt die Menge der Daten keine entscheidende Rolle mehr. Heutzutage lassen sich auch gigantische Datenbestände mit komplexen Anfragen relativ schnell durchsuchen. Dies eröffnet wiederum massive Probleme, wenn Daten nicht nur isoliert betrachtet, sondern verknüpft werden. Dann reibt man sich schnell verwundert die Augen, was da so alles über die eigene Person zu erfahren ist.

Mit dem Maße mit dem der Einzelne die letztendliche Kontrolle über seine persönlichen Daten verlor, erstarkte der Datenschutz, wenn auch mit respektvollem Abstand zur technischen Entwicklung. Da Recht auf vergessen werden ist eine der Errungenschaften, Datenschutzvorschriften, die das Speichern als solches generell verbieten, eine andere.

Wie so oft ist aber der Mensch die Schwachstelle. Wir geben viel mehr Daten freiwillig preis, als durch rechtswidriges Schnüffeln zutage gefördert werden. Macht nicht, denn ich habe ja die Kontrolle über das was ich poste und kann meine Eingaben jederzeit wieder löschen? Pustekuchen! Das Internet vergisst nichts, auch wenn das Recht auf vergessen werden dies suggeriert.

Google stemmt sich gegen den Wunsch europäischer Datenschützer, das Daten physikalisch gelöscht werden sollen, und unterdrückt nur die Anzeige der unerlaubten Daten in den betroffenen Ländern. Einige europäische Länder versuchen, Google dazu zu zwingen, Daten wieder zu löschen. Doch dies ist nicht nur politisch schwierig, sondern auch rein logisch nur bedingt nachzuvollziehen. Google argumentiert, dass ein europäischer Datenschützer nicht darüber entscheiden kann, was der Rest der Welt sehen darf und was nicht. Da stimme ich Google sogar zu. Denn stellen wir uns vor - zugegeben: ein krasses Beispiel -, ein Diktator würde in seinem Land verbieten, Negatives zu berichten. Dann könnten die (staatlich gesteuerten) Datenschützer dieses Landes den Rest der freien Welt, inklusive Europa, zwingen, alle diese Berichte zu löschen, sie dürften einfach nicht in Suchmaschinen gefunden werden.

Aus diesem rechtlichen Spagat führt nur ein Weg heraus: Es muss weltweit das gleiche Datenschutzrecht gelten und alle Staaten müssen dies anerkennen und umsetzen. Das würde freilich dazu führen, dass der kleinste gemeinsame Nenner zum Standard würde.


Ausblenden statt löschen


Internetkonzerne wie Google und Facebook lösen dieses Dilemma auf eigene Weise: Sie zeigen verbotene Daten, dort wo sie verboten sind, nicht mehr an - aber denken nicht im Traum daran, die Daten komplett und endgültig zu löschen.

Facebook hielt das schon immer so und machte auch nie ein Geheimnis daraus. Löscht man beispielsweise ein Bild oder einen Post aus dem eigenen Account, so informiert Facebook freundlich und sachlich darüber, dass der Post zwar gelöscht wurde, aber trotzdem als individueller Post auf der eigenen Timelime auftauchen kann. In der Facebook Suche und anderen Feeds sowie auf anderen Seiten sowieso. Gelöscht ist bei Facebook eben nicht gelöscht, sondern nur unterdrückt. Sobald ein Bild oder Post geteilt oder gelikt wurde, sind diese schlichtweg nicht mehr löschbar, denn dann gehören sie zusätzlich zum Ereignisraum der entsprechenden Personen und werden erst dann verschwinden, wenn alle Shares und Likes gelöscht wurden - im besten Fall jedenfalls. Denn Facebook erzeugt ja selbst auch Seiten und bestückt diese mit Inhalten, die Mitglieder auf ihren jeweiligen Accounts veröffentlicht haben. Vom Zugriff der Suchmaschinen auf Profile und Seiten ganz zu schweigen.

Damit entziehen sich unsere eigenen Veröffentlichungen unserer Kontrolle. Wurde etwas erst einmal veröffentlicht, ist es schlichtweg nicht mehr löschbar. Egal, wie oft wir selbst auf die "Entf" Taste drücken, irgendwer hat eine Kopie unserer Veröffentlichung und kann darauf zugreifen. Dank der AGB, denen wir zustimmen (müssen), dürfen Portale wie Facebook & Co das auch ganz offiziell und legal.

Da wir selbst diese Daten erzeugen und veröffentlichen, sind wir letztlich selbst schuld an diesem Übel. Wir könnten ja auch den sozialen Medien fern bleiben und unsere Gedanken im persönlichen Gespräch oder per Mail austauschen. Unser Mitteilungsdrang und der Wunsch nach einem digitalen Miteinander machen uns jedoch einen Strich durch die Rechnung. Wir können schlichtweg nicht wiederstehen. Oder können wir es doch…?

Als Fazit bleibt jedoch: Was immer wir über eine Datenleitung schicken, das kann gespeichert werden - und es wird gespeichert. Verschlüsselte Mails mögen einen gewissen Schutz bieten, aber eine Garantie geben sie nicht.

Wie sagte Mark Zuckerberg: Privatsphäre ist nicht mehr zeitgemäß. Philosophieren kann man über diesen Gedanke stundenlang. Rein technisch betrachtet hat Zuckerberg jedoch recht. Privatsphäre lässt sich heutzutage nicht mehr sicherstellen. Dank Satelliten und Drohnen nicht einmal mehr in Form einer Robinsonade auf einer einsamen und abgelegenen Insel…