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09. Juli 2012

Die Welt, ihre Kultur und deren Erbe

Ist Wikipedia ein Weltkulturerbe? hinterfragt Tom Borg

Der Einfluss der Wikipedia und deren Folgen auch auf die Wikipedia selbst, ist erschreckend. Seit Google Backlinks von Wikipedia sehr wohlwollend berücksichtigt, ist es ein Volkssport der SEOler geworden, möglichst viele Artikel und Backlinks bei der Wikipedia zu platzieren.

Wikipedias Gründer Jimmy Wales wird nicht müde, auf seiner Plattform darauf zu drängen, dass sein Baby, eben jene Wikipedia, doch nun endlich als digitales Weltkulturerbe anerkannt werden möge. Und er fügt als Grund dafür an, dass "Wikipedia ein Meisterwerk menschlicher Schöpfungskraft und von universellem Wert" sei. Und da hat er sicherlich recht. Ok, in Sachen "Meisterwerk" habe ich so meine Zweifel und das mit dem universellen Wert ist wohl etwas übertrieben. Aber Schöpfungskraft steckt ganz gewiss drin. Dummerweise gilt jedoch Fantasie als eine der unerwünschten Fähigkeiten bei Chronisten, in Geschichtsbüchern und sicherlich auch in enzyklopädischen Werken.

Dies soll nicht leugnen, dass Wikipedia durchaus sinnvoll sein kann. Sie trägt so manche Details zusammen, die sich genauso unterhaltsam lesen wie die BILD. Doch während man bei der BILD weiß, wer den Artikel geschrieben hat - frei nach dem Motto: Tankstelle flog in die Luft; BILD flog hinterher und interviewte den Tankwart - weiß man dies bei der Wikipedia nicht, da deren Autoren unter Pseudonym schreiben. Nur gelegentlich erlaubt die Wortwahl und des öfteren auch die inhaltliche Gestaltung eines Artikels Rückschlüsse, wessen Geistes Kind da am Werke war. Besonders deutlich, weil einfacher offensichtlich, wird dies im Bereich Musik. Vergleicht man englische und deutsche Artikel zu älteren amerikanischen Country-Musikern, so spürt man schnell das Pathos in der englischen und das Desinteresse der deutschen Fassung. Umgekehrt sind die deutschen Artikel manchmal geradezu euphorisch detailverliebt, wenn es um RAP-Acts, Punk-Bands oder andere bei der jüngeren Generation angesagten B-, C- oder D-Promis geht. Und da spricht nicht etwa der alte Herr, der von Beethooven bis Deep Purple und Pink Floyd bis Wolfgang Petri quer Beet Musik hört, sondern es scheint systematisch für die Wikipedia zu sein, dass - um ein Beispiel herauszugreifen - beispielsweise niederländische Pop-Gruppen, wie Pussycat, Luv und Cats kurz abgehandelt werden, während RAP-Acts breit dargestellt werden. Und da geht es nicht um persönlichen Geschmack, sondern bei einer Enzyklopädie, als welche die Wikipedia betrachtet werden möchte, kommt es auf die Relevanz an. Und da gibt es kaum etwas zu diskutieren: ein gutes Jahrzehnt dominierte die holländische Musik die europäischen Charts, so wie zuvor die Italiener angesagt waren. Diese Musikrichtungen prägten jeweils eine Dekade und wirkten damit länger als so mancher heute angesagte Künstler. Die Ruhmes-Halbwertzeit von DSDS-Teilnehmern ist in Relation zu ihrer Medienpräsenz erschreckend - mache würden sagen: erfreulich - kurz. Warum sind 3 Monate Medien-Hype wichtiger als eine Dekade musikalischen Einflusses? Liegt es daran, dass die meisten Wikipedia-Artikel von Fans und Altersgenossen geschrieben werden, die ein persönliches Interesse am Inhalt haben? Immerhin wird das Alter des typischen Wikipedia-Autors mit 25-30 Jahre angegeben.


Einfluss der Wikipedia


Der Einfluss der Wikipedia und deren Folgen auch auf die Wikipedia selbst, ist erschreckend. Seit Google Backlinks von Wikipedia sehr wohlwollend berücksichtigt, ist es ein Volkssport der SEOler geworden, möglichst viele Artikel und Backlinks bei der Wikipedia zu platzieren, nicht etwa, um die Enzyklopädie zu bereichern, sondern um selbst von Google besser gerankt zu werden. Dadurch wird die Wikipedia mit Material zugemüllt, das besser im digitalen Mülleimer gelandet wäre. Und das gilt auch für alle Promotionartikel in der Wikipedia, die manchen dieser Kandidaten glücklicherweise selbst erkennt, wenn auch nicht gleich entfernt. Aber indem man seine eigenen Biografien und über sich selbst oder die eigenen Projekte schreibt und unter Pseudonym oder Bekannte in die Wikipedia schiebt, wird eine Pseudo-Relevanz erzeugt und gesucht, die einer ernst zu nehmenden Enzyklopädie ebenfalls abträglich ist und sie zu einer Promotionplattform verkommen lässt. Kein Wunder, dass - weltweit - so manche Professoren an Universitäten sich weigern, die Wikipedia als Quelle in Seminar-, Diplom- oder gar Doktorarbeiten anzuerkennen.

Wenn es um wissenschaftliche Kompetenz geht, ist die Wikipedia sehr durchwachsen. Manches ist sicherlich sehr gut dargestellt, wobei man aber nie weiß, welchen Wahrheitsgehalt man dem Artikel beimessen darf und welche Kompetenz der Autor hat. Mangels greifbarer Identität hat man keine Chance, sich über den Autor zu informieren und dessen Wissen und Kompetenz zu beurteilen.

Und dass Kontrolle bei der Wikipedia dringend nötig ist, das zeigen unzählige Artikel, selbst wenn sie ganz kurz und einfach gestrickt sind. Nehmen wir das Thema Musik und dort konkret als ein Beispiel von vielen die Punkrock-Band "The Bouncing Souls", Stand Juni 2012. Da ist man geneigt, sich zu fragen, ob die Band im Vergleich zu anderen überhaupt so bedeutend war, dass sie so breit dargestellt werden sollte. Aber immerhin lernt man daraus, das Gitarrist Pete Steinkopf 2 "1979 Les Paul Customs" Gitarren spielt, von denen eine Ebony-farben und die andere Alpine-weiß ist. Sowas muss man schließlich wissen um die Musik richtig einordnen zu können. Was mir, der ich bei Personen meistens die englische und deutsche Fassung lese, aber sofort auffällt, ist das unterschiedliche Gründungsjahr der Band. In der englischen Fassung wurde sie 1989 gegründet, in der deutschen 1987. Eine dieser Angaben ist definitiv falsch. Aber welche? Wo bleibt da die Wikipedia-Selbstkontrolle? Und was sind die Artikel dann noch wert, wenn solche elementaren Angaben bereits falsch sind? Durch die konkrete Angabe eines Gründungsjahres wird eine Detailgenauigkeit vorgegaukelt, die de facto gar nicht vorhanden ist. Es ist eine Scheingenauigkeit die in etwa so viel wert ist wie die Durchschnittstemperatur im Hamburger Stadtpark auf 10 Stellen hinter dem Komma für die Kleidungswahl des heutigen Tages...


Enzyklopädie des Zeitgeists?


Durch teils eklatante Fehler und eindeutig Interessen-gesteuerter Inhalte degradiert sich die Wikipedia in vielen Fällen - zugegeben, nicht in allen! - selbst von einer universellen Enzyklopädie zu einem Spiegel des Zeitgeists. Um den zu bekommen, kann ich mir auch eine Ausgabe der BILD greifen. Denn über das Blättchen kann man viel lästern, aber eines ist die BILD ganz sicher in voller Perfektion: Ein Spiegel des Zeitgeists. BILD schreibt was die breite Masse lesen möchte. Wikipedia publiziert, was deren aktive Autoren geschrieben sehen möchten. Beiden gemein ist eine mal mehr und mal weniger große Entfernung zur Realität.

Aber reicht das, um ein Weltkulturerbe zu werden. Definiert man Kultur als "das von Menschen zu bestimmten Zeiten in abgrenzbaren Regionen in Auseinandersetzung mit der Umwelt in ihrem Handeln Hervorgebrachte", dann ist zweifelsohne auch die BILD ein Kulturgut. Soll die jetzt auch Kulturerbe werden?

Ganz sicher ist die Wikipedia eine unterhaltsame Lektüre und manchmal auch eine exzellente Quelle für Anfangsrecherchen. Doch was nutzt all die Scheingenauigkeit, wenn man deren Gehalt nur schwer überprüfen kann? Daran ändert auch die seit einiger Zeit auf der Wikipedia ausgebrochene "Zitier-Wut" nichts. Denn so mancher "Einzelnachweis" ist selbst wieder fragwürdig und müsste zunächst erst einmal auf seine Nachweis-Tauglichkeit abgeklopft werden. Doch das verschweigt die mitunter imposante Liste der Einzelnachweise, die dem Artikel eine pseudo-wissenschaftliche Reputation verleiht, der dank der Einzelnachweise als vermeintlich gut recherchiert daher kommt, aber dessen Quellen oft aus wenigen Webseiten bestehen - bei Personen nicht selten auch aus deren eigener Webseite. Und wie sagt die Wikipedia selbst in ihren Autorenhinweisen: Man sollte sich nicht selbst beschreiben. Wie wahr! Deshalb, lieber Jimmy Wales, sei stolz auf Dein Projekt und Lebenswerk das Du geschaffen hast und das unser aller Anerkennung verdient und bekommt weil uns ohne Deine Wikipedia etwas fehlen würde. Aber bitte erkläre uns nicht, was die Wikipedia ist. Das tut sie selbst - in allen Facetten. Und das mit dem Weltkulturerbe, das diskutieren wir, nachdem der nächste große Magnetsturm über die Erde getobt ist. Vielleicht hat sich dann das Thema eines "digitalen Weltkulturerbes" von alleine erledigt. Denn die Tafeln des Hammurabi aus dem 17. Jahrhundert vor Christus kann man noch heute lesen, aber was bleibt von einer Wikipedia übrig, wenn ein richtig heftiger Magnetsturm über die Erde tobt oder die Satelliten ausfallen? Meine Diplomarbeit, 1987 mit dem damals supermodernen Microsoft Word (DOS) geschrieben, konnte bereits Microsoft Word Version 6 (Windows) nicht mehr korrekt importieren. Wird die Wikipedia noch in 100 oder 200 Jahren lesbar sein wie Goethes Originalhandschriften? Oder hat das digitale Weltkulturerbe bis dahin technische Insolvenz angemeldet und sich damit selbst als egozentrischer Werbegag entlarvt...?

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.