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26. April 2012

Familie – was ist das?

…zumindest keine überflüssige Frage, meint Tom Borg

Die meisten Menschen verbinden mit dem Wort "Familie" Begriffe wie Liebe, Geborgenheit, Vertrauen, Zusammenhalt, Unterstützung und gegenseitige Hilfe. Ein Ort, wo man zuhause ist, sicher und gegenseitig beschützt. Moderne Patchwork-Familien stellen jedoch alles auf den Kopf.

Im ersten Moment denkt jeder: was soll diese Frage - klar wissen wir alle, was eine Familie ist…! Doch bei näherem Hinschauen wird es durchaus kompliziert. Der normale Sprachgebrauch unterscheidet bereits zwischen Kernfamilie, Teilfamilie, Großfamilie und Patchwork-Familie. Eine Pflegefamilie ist gelegentlich auch ein willkommender Hort.

Die sogenannte Kernfamilie ist das, was man üblicherweise als den Idealfall einer Familie bezeichnet, um hier bewusst das Wort "Normalfall" zu vermeiden. Aus kindlich naiver Vorstellung besteht eine solche Familie aus Mutter, Vater und Kind(er). Aber bereits da kann es heutzutage "normal" sein, dass anstelle von Vater und Mutter ein Kind plötzlich zwei Mütter oder zwei Väter vorfindet. In Zeiten der gleichgeschlechtlichen Ehen keine Unmöglichkeit mehr.

Ebenso schnell wird aus einer Kernfamilie eine Teilfamilie, wenn ein Elternteil stirbt, oder - was heute viel häufiger geschieht – die Eltern sich scheiden lassen. Dann bleibt das Kind bei einem Elternteil und aus der Familie wird eine Teilfamilie, klare Mathematik.

Schlägt das Schicksal grausam zu, und beide Elternteile versterben oder sind einfach ungeeignet, ein Kind zu erziehen, dann kommt das Kind in ein Heim oder, wenn es Glück hat, in eine Pflegefamilie, die das Kind aufnimmt und es wie ein eigenes Kind an Elternstelle zu erziehen und zu betreuen. Formal nur auf Zeit, aber in der Praxis häufig auch über den gesamten Rest der Kinderjahre.

Doch dann gibt es da auch noch die Patchwork-Familie die entsteht, wenn ein Elternteil mit Kind(ern) einen neuen Lebenspartner findet, der möglicherweise auch Kinder hat. Dann wird eine Familie aus den Teil- oder Restfamilien neu zusammengeflickt, wie "patchwork" wörtlich übersetzt heißt.

Unsere Großeltern und auch heute noch andere Kulturen kennen auch die Großfamilie, wo Kinder mit ihren Eltern und Großeltern in einem Haus bzw. Familienkreis zusammenleben.

Alles Familie - oder was…? Prominente wie Boris Becker leben uns öffentlich vor, wie eine Patchwork-Familie aussieht und/oder funktionieren kann, wobei letzteres schlichtweg eine Frage der Definition ist. Wann "funktioniert" eine Familie - gleich welcher Machart? Zum Beantworten dieser Frage muss man sich auf gesellschaftpolitisches Glatteis begeben, denn damit sind zwangsläufig immer Wertvorstellungen verbunden, die den Wert und die Qualität einer Familie zunächst an den eigenen politischen Vorstellungen messen - und nicht selten eine Familie für gänzlich überflüssig erachten.


Familie als Gemeinschaft


Doch was macht nun eine Familie aus? Ist es nur eine Frage der DNA? Dann wäre eine Pflegefamilie ganz sicher keine Familie. Fragt man den Bürger auf der Straße, dann verbinden die meisten Menschen mit dem Wort "Familie" Begriffe wie Liebe, Geborgenheit, Vertrauen, Zusammenhalt, Unterstützung und gegenseitige Hilfe. Ein Ort, wo man zuhause ist, sicher und gegenseitig beschützt.

Immer häufiger finden jedoch speziell Kinder solche Orte abseits der häuslichen Gemeinschaft, die häufig nur noch als Organisationsrahmen besteht, weil beide Elternteile berufstätig sind und an ihren jeweiligen Karrieren basteln, daneben Hobbies und Freunde haben - und immer weniger Zeit und Interesse, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen. Diese wiederum finden ihre "Familie" bei Gleichgesinnten, die ähnliche Interessen haben, und wo sie sich verstanden fühlen, etwas, was in vielen Familien mangels Zeit vielfach zu kurz kommt.

In "funktionierenden" Familien verbringen die Mitglieder einen Teil ihrer Freizeit miteinander mit gemeinsamen Spielen, Ausflügen oder auch einfach nur den "Familienbetrieb" gemeinsam aufrecht erhalten.

Doch auch das findet man häufig in Jugendzentren, Cliquen, beim gemeinsamen "Abhängen" und sogar am Arbeitsplatz, wo nicht selten Kollegen die Stimmungslage und seelische Verfassung des jeweils anderen besser kennen als der jeweilige Lebenspartner.

Und auch Konflikte, die in einer Familie mit Gesprächen und "familiärer Interventionen" beigelegt werden, müssen im täglichen Leben auch außerhalb der Familie gelöst werden.

Was bleibt also, das die Familie so wertvoll macht, dass sie sogar im Grundgesetz als schützenswert verankert wurde? Religiöses Erbe? Oder lediglich emotionale Nostalgie?

Für den Staat ist die Familie die kleinste Zelle in der Gesellschaft. Für die meisten Menschen ist sie der Ort, an dem man geliebt wird und wo man Unterstützung, Trost und Geborgenheit bekommt, Werte die Eltern ihren Kindern vermitteln und vorleben sollen. Eine Verantwortung mit großer Tragweite: Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren keine Liebe und Geborgenheit erfahren haben, tun sich später in ihrem Leben schwer, selbst Liebe zu geben, Kontakte zu knüpfen oder auch nur friedlich mit anderen Menschen zusammen zu leben. Jeder Mensch, und ganz besonders junge, braucht eine Bezugsperson. Eine Anlaufstelle für Sorgen und Nöte, aber auch einfach nur jemanden, dem man etwas erzählen und mit dem man seine Freude und Ängste teilen möchte. Nach überlieferter Vorstellung sind das in erster Linie die Eltern, die Familie.


Beziehungsgeflechte


Ist die Familie also ein für den Staat kostenneutrales soziales Dienstleistungsunternehmen? Es fällt auf, dass man beim Thema Familie vorwiegend auflistet, was von einer Familie erwartet wird, was sie leisten soll. Deutlich seltener bekennen wir, dass die Familie auch ein Teil unserer Identität ist, was wiederum viele gerne verschweigen oder gar verneinen. In anderen Kulturen ist das vollkommen anders, da ist man stolz, Teil einer Familie zu sein, da hat das Wort Familie noch eine eigene Klangfarbe - manchmal leider auch eine negative, aber immerhin: Familie kann mehr sein als ein soziales Dienstleistungsunternehmen. Doch wie soll das in modernen Patchwork-Familien funktionieren?

Da werden aus ehemals zwei Familien kurzerhand mal eine neue "große, zusammengeflickte" Familie gemacht. Aber kann an sich mal eben so in einen neuen Teil der Familie integrieren, so wie man sich an seinem Arbeitsplatz integriert und als neues kleines Rädchen Teil eines größeren Systems wird? Nur, weil der Papa eine "neue Mama" liebt oder die Mama sich bei einem "neuen Papa" wohlfühlt, muss man das als Kind noch lange nicht so sehen. Schließlich lassen sich Gefühle nicht so einfach in eine neue Richtung umleiten; und eine Bezugsperson lässt sich nicht so einfach auf zwei halbe Bezugspersonen verteilen.

Und überhaupt, was heißt schon "neue Mama" oder "neuer Papa"?! Schließlich hat man ja schon so ein Exemplar. Warum ein neues akzeptieren? Oder soll man sich gedanklich mit einem Papa zweiter Klasse und eine Mama, die eher eine Freundin sein soll, gewöhnen? Was haben dann aber noch die Begriffe "Mama" und "Papa" an Wert und Bedeutung. Eine der festen Wertvorstellungen eines Kindes sind immer: Man hat nur EINE Mama und EINEN Papa – oder doch zwei oder noch mehr…? Wie soll man da als Kind klar kommen, wo ich als Erwachsener mich schon schwer tue, das zu verstehen? Oder soll ein Kind als Mama und Papa die Erwachsenen verstehen, die gerade in der gleichen Wohnung leben? Damit reduziert sich die Sonderstellung, die man Mutter und Vater im Leben einräumt, oder aber das Verhältnis innerhalb der neuen (Patchwork-)Familie, wenn man wegen jedem Wehwehchen zur Original-Mama läuft und die neue Lebensgefährtin des Papas ignoriert, als nicht zuständig übergeht?

Wie man es auch dreht, in einer Patchwork-Familie verschwimmen viele Werte, die man sonst mit dem Begriff "Familie" verbindet. Richtig chaotisch wird es dann bei einer Patchwork-Familie zweiten Grades, das heißt, wenn beide neue Lebenspartner Kinder mitbringen, deren "verloren gegangener" Elternteil wiederum in einer anderen Patchwork-Familie lebt. Dann entsteht aus ehemals 4 Familien eine neue Großfamilie. Aber ist das dann noch eine Familie - oder einfach nur noch eine befreundete Clique?


Der gesellschaftliche Wandel


Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 100 Jahre haben weitreichende Konsequenzen für Familien und deren Zusammenleben gebracht. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann stimmt der überlieferte Begriff von Familie nicht mehr mit unserem täglichen Leben überein. Wir werden wohl oder übel unsere überkommenen (?) Wertvorstellungen korrigieren oder die Familie neu definieren müssen. Denn im Zeitalter der Patchwork-Familie sind Familien nur noch Familien auf Zeit, gesellschaftliche Bündnisse, in denen "Mama" und "Papa" nicht mehr den Stellenwert besitzen, den das Grundgesetz mit der Familie verbindet. Doch eine Mama kann man nun mal nicht teilen - und dem Papa verbieten, sich neu zu verlieben, ist antiquiert und fern der gesellschaftlichen Realität.

Doch die Frage bleibt: Was ist eine Familie? Kann man Teil mehrerer Familien sein? Welchen Wert hat dann die einzelne Familie, wenn man gleich mehreren angehört? Welche davon ist meine Herkunft, liefert meine Wurzel? Die in der ich geboren wurde, auch wenn die Eltern sich kurz nach der Geburt scheiden ließen und neue Lebensgemeinschaften eingingen?

Keine Frage, die Gesellschaft ändert sich beständig. Und das ist gut so! Aber man muss sich auch dazu bekennen. Ansonsten bekommt man eine Gesellschaft mit philippinischen Verhältnissen, wo aufgrund der römisch-katholischen Religion keine Scheidung möglich ist und die Philippinen deshalb das Land mit den meisten "verheirateten Ledigen" sind. Man trennt sich einfach und lebt mit anderen Partnern zusammen, während die Ehen zwangsweise bestehen bleiben. Man könnte sie allenfalls annullieren lassen (Annullierung nach Jahren?!) , was aber so teuer ist, dass der Normalbürger sich das nicht leisten kann. Und dennoch, gerade auf den Philippinen, wie auch in anderen asiatischen Kulturen, hat die Familie einen besonders hohen Stellenwert. Sie ist dort allerdings nicht auf Eltern und Kinder fixiert, sondern bezieht - alleine schon wegen der wirtschaftlich-sozialen Gegebenheiten - oftmals das "familiäre Umfeld", die nächsten Verwandten, mit ein, also die klassische Großfamilie. Aber ist nicht eine Patchwork-Familie auch sowas wie eine Familie übergreifende Großfamilie…?