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05. März 2012

Ist die Familie ein Auslaufmodell?

Wohl kaum, meint Tom Borg

Die Familie ist und bleibt ein Hort der Geborgenheit, wo Kinder in Liebe behütet aufwachsen, Menschen einander vertrauen und die sozialen Grundmechanismen erlernt werden. Sollte dies im Einzelfall nicht funktionieren, so liegt es nicht an der Institution Familie, sondern an den Menschen, die eine Familie bilden oder bilden sollen.

Das Alleinleben als neue Lebensform ist aus unserer modernen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Neben der Ehe und dem Leben in einer Lebensgemeinschaft ohne Trauschein hat sich das Singledasein als neue Lebensform alleine schon rein quantitativ als zweitwichtigstes Lebenskonzept durchgesetzt.

Doch während in den 1990-ziger Jahren die Anzahl der Singles drastisch anstieg, hat sich die Anstiegskurve inzwischen deutlich abgeflacht.

Selbst die Anhänger gleichgeschlechtlicher Liebe, früher vehemente Verfechter alternativer Lebensformen, besinnen sich zunehmend auf die Vorzüge der Familie und forderten dieses Recht für sich ein.

Aber der Eindruck, dass die bürgerliche Kleinfamilie einen größeren Zulauf erhält, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach wie vor das Alleinsein eine beliebte Lebensform ist, die sich allerdings nicht jeder leisten kann. Speziell bei Männern wirkt sich das Alleinleben nachteilig auf die Karriere aus. Bei leitenden Angestellten in stark werteorientierten Branchen wird auch in unseren modernen Zeiten eine Ehe erwartet. Und einen Regierungschef ohne eine "First Lady" - die seit Magret Thatcher und Angela Merkel durchaus auch männlich sein kann - kann man sich kaum vorstellen. Alleine schon der sexistisch angehauchte Begriff "First Lady" impliziert nicht nur eine feste Rollenverteilung, sondern auch eine Person, die diese Position ausfüllt. Es gibt auch für den Lebenspartner eines Staats- oder Regierungschefs - egal, ob männlich oder weiblich - einige Aufgaben die übernommen werden müssen. Überbleibsel einer aussterbenden Kultur?

Man mag darüber denken wie man will, aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass auch im 21. Jahrhundert die Lebensform des Alleinlebens gesellschaftlich nicht so akzeptiert wird, wie das Leben in der Kleinfamilie, was sich bis in die Steuergesetze bemerkbar macht.

Unsere Gesellschaft geht mit Alleinlebenden recht zwiespältig um: einerseits werden sie um ihre Freiheiten und ihr scheinbar ungebundenes Leben beneidet. Andererseits unterstellt man Singles die Unfähigkeit, eine Bindung einzugehen und spricht ihnen die Fähigkeit ab, einen Partner zu halten.

Aber auch die Alleinlebenden selbst sind häufig mit ihrer Situation unzufrieden, zumal nicht jeder freiwillig alleine lebt. Besonders häufig wird die emotionale Leere und fehlende Geborgenheit beklagt. Einige Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass jeder zweite Single zeitweise an seiner Situation leide, während andere Untersuchungen keinen Zusammenhang zwischen dem Singledasein und Depressionen, allgemeiner Lebenszufriedenheit, Selbstwertgefühl und psychischen Wohlergehen im Allgemeinen fanden.

Es ist schwer eine allgemeingültige Aussage über die ideale Lebensform zu finden, da diese nicht zuletzt auch von den persönlichen Lebensumständen abhängt. Wer als engagierter Wissenschaftler, Künstler oder Sportler hohen Zielen entgegenstrebt oder in einer Führungsposition Verantwortung übernommen hat, der tut mitunter gut daran, alleine zu leben, denn er hätte eh keine Zeit für eine Familie, mit der ja auch eine zwischenmenschliche Verantwortung verbunden ist. Und doch brauchen gerade solche Menschen eine Familie - zumindest zeitweilig zur Erholung und als Quelle der Inspiration und Motivation.

Seit Jahrtausenden überliefern uns Erzähler, Sänger, Dichter und Geschichtsschreiber unzählige Sagen und Geschichten, Dramen, Komödien und Tragödien über Liebe, Familie und Familienbande.

Und ich wage die Behauptung, dass für uns Menschen - solange wir nicht in einer Orwell'schen Gesellschaftsordnung leben, wo man zum Akt der Fortpflanzung in ein Zeughaus geht - die Familie nie ein Auslaufmodell sein wird. Dazu sehnen wir uns viel zu sehr nach Liebe, Zärtlichkeit, Verbundenheit und Geborgenheit, dem Vertrauen, sich fallen lassen zu können und von der Familie aufgefangen zu werden. Denn die Familie ist und bleibt ein Hort der Geborgenheit, wo Kinder in Liebe behütet aufwachsen, Menschen einander vertrauen und die sozialen Grundmechanismen erlernt werden. Sollte dies im Einzelfall nicht funktionieren, so liegt es nicht an der Institution Familie, sondern an den Menschen, die eine Familie bilden oder bilden sollen, denn wie der Volksmund so schön sagt: Man kann sich seine Freunde aussuchen, aber nicht seine Familie.