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07. Juni 2012

Emotion, Spannung und Begeisterung

...ruinieren so manche Zukunftschance, meint Tom Borg

Die ständige Berieselung mit Emotions-TV lässt das Interesse an "echten" Informationen absinken. Wir nutzen Fernsehen, Internet und selbst Printmedien immer weniger als Informationsquelle, sondern als reine Unterhaltung, die uns immer stärker fesselt.

Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, die dass ich einmal behaupten würde, Dieter Bohlens DSDS wäre Kultur-TV, dann hätte ich dem bedauernswerten Zeitgenossen aus reinem Mitleid eine Geschmackstherapie gestiftet. Doch heute ist jetzt und jetzt sehe ich das alles ganz anders. Warum? Weil ich seit knapp einem Jahr in Asien lebe und dort Emotions-TV auf einem Niveau erlebe, bei dem selbst RTLs Tränenpflüsterer noch etwas lernen können. Klar gibt es da die Idol-Show, das internationale Original von DSDS, und diverse Varianten davon, Big Brother sehe ich wieder und überhaupt, der Name EndeMol, jener holländischen Produktionsfirma um Linda de Mols Bruder, ist hier gut im Geschäft. Auch einen Bohlen-Verschnitt gibt es hier, der sogar einen Tick besser singt, wenn auch nicht viel. Aber der beschränkt sich glücklicherweise auf die Titelsongs seiner Sendungen womit er mit minimalstem Einsatz maximale Einnahmen einfährt. Sein Markenzeichen: eine dreckige Lache, die 10x ansteckender ist als Bohlens Sprüche. Tja, und dann geht's los. Kein langes Quiz vorab, wenngleich er das auch im Repertoire hat, sondern gleich in medias res - der Lebensgeschichte. Wie es dem Kandidaten so ergangen ist, was ihm widerfahren ist, welche Sorgen ihn drücken - ein Thema, zu dem es in der Dritten Welt immer etwas tränenreiches zu erzählen gibt. Und dann darf er einige Male auf einen Knopf drücken und hoffen, dass er möglichst viel Geld bekommt. Erreichbar sind 2-10 Monatslöhne, für die meisten der Teilnehmer ein mittleres Vermögen. Und das halbe Land fiebert mit: wie viel schafft er...?

Von diesen Geld-Gefühls-Gemisch gibt es gleich mehrere Varianten. Immer mit der telegenen Präsentation des Sponsors, der auch mal von einigen rumhüpfenden Mädels - pardon, Tänzerinnen - angepriesen wird. Mit einer Jacke des Sponsors und der CD des Moderator wird auch der Kandidat auch werbewirksam beglückt - und darf dann mit mehr der weniger Geld in der Hand wieder gehen.

Und erst die Nachrichten. Was waren das noch für Zeiten, wo ich über Peter Kloeppels Sendung gelächelt hatte... Lieber Herr Kloeppel, ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. Ok, die erste Hälfte war auch meistens ok, erst das Hyphe-Thema am Ende war für mich überflüssig. Und die Nachrichten von Pro 7 und Sat 1, die auch schon Mal einen Hinweis auf eigene Sendungen als Nachricht verkauften, würde ich als Wohltat empfinden, wären sie hier zu sehen. Denn hier haben auch die Nachrichten hochgradig emotional zu sein. Keine Abendausgabe ohne einen Aufmacher mit Toten, Katastrophen oder sonstigem Unheil. Das ganze wird von den Moderatoren präsentiert, wie eine sensationelle Show. Würde ich nicht die Bilder sehen sondern nur den Ton hören und nicht einige Wortfetzen verstehen, ich würde glatt mein letztes Hemd darauf verwetten, dass da eine Sportreportage läuft und der Nachrichten-Sprecher einen Boxkampf oder ein Basketballspiel kommentiert. Man kann es sich richtig bildlich vorstellen, wie da der Bösewicht das Messer zuckte und zustach, wie das Blut spritzte und das arme Opfer zusammenbrach. Und dann ist da auch noch die Augenzeugin; die stand zwar einen halben Kilometer weit weg, aber sie hat genau gesehen, wie der Bösewicht weglief, da, da ist er lang - und ihr kommen die Tränen während sie erzählt und die Kamera mit Nahaufnahme voll draufhält. Mit sowas beschäftigt sich die Sendung schon Mal geschlagene 10 Minuten, natürlich nicht ohne Werbeunterbrechung, denn Geldverdienen muss ja sein. Und das ganze Land kann geschockt und entsetzt oder auch nur kopfschüttelnd daran teilhaben.

Warum ich diesem Trash auch noch eine Kolumne widme? Weil ich aufzeigen möchte, was ich vermisse: Nachrichten und Ereignisse aus Europa oder dem Rest der Welt. Die fehlen nahezu ganz. Immerhin, die Erbeben in Italien waren einen kurzen Satz in der Laufschrift wert. Aber ansonsten könnten Europa, Afrika oder Amerika von Außerirdischen geklaut werden - und es würde hier keiner mitbekommen. Und was noch viel schlimmer ist: es würde auch keinen interessieren. Und das ist der Punkt dabei: Die ständige Berieselung mit Emotions-TV lässt das Interesse an "echten" Informationen absinken. CNN guckt kaum ein Durchschnittsbürger. Wozu auch? Man hat seine eigene heile Welt oder seine eigene Handvoll Sorgen. Was interessiert da der Rest der Welt? Nicht einmal die Politik im eigenen Land wird mit besonderem Interesse bedacht. Wozu auch; die machen ja sowieso was sie wollen, sind alles Banditen, die uns (das Volk) beklauen. Mit dieser Einstellung der Massen fällt es den Regierenden leicht, eben jenes zu tun. Weitestgehend unkontrolliert und unbeobachtet, denn wirkliche Kontrolle haben nur die, die mit den Regierenden und der sogenannten Oberschicht quasi auf einer Stufe stehen; einige engagierte Journalisten vielleicht ausgenommen. Es braucht erstmal die Informationen über die man sich aufregen könnte. Fehlen diese, dann muss es wirklich schon knüppeldick kommen, damit das Volk das Ungemach verspürt und tatsächlich aufmüpfig wird. Aber auch das ist heutzutage längst eine gern genutzte Taste auf der Klaviatur der Macht. Mag ein Minister nicht mehr oder ist er seinen Parteigenossen im Weg, dann wird ihm ein böser Satz in den Mund gelegt auf dass sich das Volk erzürnt. Und während vor der Haustür das aufgebrachte Volk den Rücktritt fordert, werden zur Hintertür die Leichen rausgeschafft. Ist man damit fertig, darf das protestierende Volk seinen Willen bekommen und jubeln: Hurra, denen haben wir's aber gezeigt! Das ist Demokratie! Und ja, so funktioniert sie ... leider, möchte man hinzufügen.

Emotions-TV, Trash-TV, leistet diesen Tendenzen Vorschub, weil der Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nach und nach untergeht. Es fehlen nicht nur die Informationen, sondern nach und nach auch das Interesse an diesen Informationen. Einmal "richtig ablachen" oder mit einem Kandidaten mit fiebern ist interessanter, als sich mit irgendwelchen Meldungen herumzuplagen, deren Zusammenhänge man eh erst versteht, wenn man sich auch die Hintergründe anliest. Und genau das ist der Punkt, wo die telegene Volksverdummung System annimmt: Je mehr man davon konsumiert, desto weniger hat man Zeit und Lust, sich mit anderen Dingen zu befassen. Das ist ein Kreislauf, der schwer zu durchbrechen ist.

Immerhin, die Möglichkeit besteht dank des Internets. Und einige jüngere Menschen, nutzen das Internet auch in jenem fernen asiatischen Land, um sich über die Vorgänge auf diesem Planeten zu informieren. Sie denken nicht daran, irgendwo wirtschaftliches Asyl zu suche; sie wollen nicht ihr Land verlassen, um anderswo ihr Glück zu suchen. Nein, sie wollen anderswo lernen, Knowhow sammeln - und dieses in ihrer Heimat anwenden um dort den Lauf der Dinge zum Positiven zu wenden. Wirklich gelingen wird es ihnen jedoch nur dann, wenn auch die Massen dafür sensibilisiert werden. Doch solange diese sich an Horror-Meldungen und Trash-TV ergötzen, sind Themen wie Umweltzerstörung und Recycling ebenso exotisch wie Solar-Energie. Und gerade letzteres ist eine Chance für viele Länder der Dritten Welt. Denn wenn diese Länder eines im Überfluss haben, dann ist das in der Regel Sonnenschein. Doch leider findet sich kaum jemand, der davon Ahnung hat. Wie auch, wenn die Meldung, dass ein 14-jähriger sich im Internet Porno-Bilder angesehen hat, 10 Minuten in der Haupt-Nachrichtensendung wert sind, aber für die Info über Solarenergie kein Plätzchen übrig ist. Und dass die Regierung verordnet hat, dass regelmäßig der Strom für Privathaushalte kurzzeitig abgeschaltet werden soll, damit die Industrien genügend Energie haben, daran hat sich der Normalbürger gewöhnt - und nur ich besserwisserische Langnase verdrehe die Augen, wenn mal wieder ohne jede Vorwarnung der Strom abgedreht wird. Während das Hauptproblem meiner Umwelt darin besteht, dass sie leider nie erfahren werden, ob die Mutter, die schon zwei Kinder durch Krankheit verloren hat und deren Ehemann mit einer jüngeren durchgebrannt ist nun die einfache oder fünffache Summe gewonnen oder alles verloren hat... Das ist wichtig, dass muss man wissen, denn wenn sie gewonnen hat, dann gibt es doch eine göttliche Gerechtigkeit - und die wird schon alles regeln...

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.