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11. März 2014

Mit hinterzogenen Steuern ist gut spenden

Uli Hoeneß' Lebensleistung im Zwielicht, meint Tom Borg

Man kann das Gute, das Menschen tun, nur im Rahmen ihrer persönlichen Möglichkeiten beurteilen. Oder gilt frei nach Orwell: Wer die kleinen Gesetze beachtet, darf die großen brechen? Wer viel geleistet hat, darf auch entsprechend stärker über die Stränge schlagen?

Keine Frage: Uli Hoeneß hat im Laufe seines Lebens viel geleistet, viel Gutes getan - 1976 im EM-Endspiel gar für den sportlichen Gegner, was ihm bis heute als immer wiederkehrende zynische Anmerkung erhalten bleibt. Doch muss ich - auch wenn ich mich als alter FC Bayern-Fan oute - das etwas relativieren. Denn mit hinterzogenen Steuern ist natürlich gut spenden. Strenggenommen hat Uli Hoeneß gar keine Millionen gespendet, weil sie nicht ihm gehörten, sondern der Allgemeinheit, er hat nicht gezahlte Steuern gespendet.

Doch auch das ist wiederum etwas überzogen, weil Uli Hoeneß natürlich im Laufe seines Lebens viel Geld verdient und wohl auch ordentlich versteuert hat. Er besaß ein Saubermann-Image das ihm auch trotz seiner oftmals markigen Worte nicht abhanden kam - bis zur Offenbarung des Steuerskandals, der ihn letztlich vor den Kadi brachte.

Dass Uli Hoeneß überhaupt vor Gericht steht, verdankt er einer unvollständigen Selbstanzeige, die er wiederum seiner eigenen Panik verdankt. Ihm seien "die Gäule durchgegangen" attestiert ihm sein eigener Anwalt. Und damit attestiert sich Hoeneß letztlich selbst, dass ihm die Brisanz seiner Causa damals durchaus bewusst war. Er wusste, dass ihn eine hohe Strafe drohen könnte, aber er pokerte bis zuletzt um seinen guten Ruf. Erst als ihm bekannt wurde, dass man ihm möglicherweise auf die Schliche gekommen war, rückte er panikartig mit der Selbstanzeige heraus, die dann in der Eile natürlich lückenhaft zusammengeschustert war.

Den Zeitpunkt einer Selbstanzeige kann natürlich jeder selbst wählen. Doch die Einlassung Hoeneß', dass er darauf gehofft hatte, das geplante aber geplatzte Steuerabkommen mit der Schweiz hätte ihm Anonymität und Straffreiheit garantieren können, zeigt vor allem eines: Hoeneß sorgte sich mehr um seinen Ruf denn um sein Gewissen. Es gab also schon vorher Überlegungen, die Steuersünden irgendwie loszuwerden, was natürlich voraussetzt, dass man sich dieser Sünden überhaupt bewusst ist. Und das war Hoeneß offensichtlich. Was immer in der Vergangenheit gewesen sein mag und wie auch immer die ganzen Transaktionen zusammen gekommen sein mögen - im Laufe des Jahres 2012 war Uli Hoeneß sich der Tragweise seines Handelns bewusst. Und damit fühle ich mich deutlich wohler, wenn ich zum "auf ihn mit Gebrüll" ausrufe. Denn zu dem Zeitpunkt war er ganz offensichtlich voll zurechnungsfähig. Etwas, was man für den Zeitraum der ganzen Transaktionen vermutlich anzweifeln mag.

Uli Hoeneß' Sohn attestierte seinem Vater indirekt Spielsucht. Die ist heutzutage als Krankheit anerkannt und als solche möglicherweise Grund zur Milde. Doch genau damit tue ich persönlich mich immer wieder schwer. Ich kann und will nicht verstehen, dass eine absichtlich oder zumindest in Kauf genommene Sucht, wenn man solch eine Zockerei als diese bezeichnen möchte, strafmildernd sein soll. Wenn ich mich über die laute Musik meines Nachbarn aufrege und ihm seine Steroanlage demoliere, bin ich voll straffähig. Gehe ich mit meinem Frust in eine Kneipe und anschließend im Vollrausch zum Nachbarn, dann darf ich ihm voll schuldunfähig den Schädel einschlagen und kriege dafür mildernde Umstände sofern überhaupt eine Strafe? Mit diesen Rechtsgedanken habe ich mich noch nie anfreunden können.


Lebensleistung ist relativ


Tatsache ist: Uli Hoeneß hatte seinen Spaß beim Zocken, es wurde ihm zur Leidenschaft und vielleicht auch zur Spielsucht. Und ja, er konnte mit so viel Geld zocken, weil er es hatte. Das befreit ihn nicht von der Pflicht, Steuern zu zahlen. Und auch hier gilt: Dummheit schützt nicht vor Strafe. Ein erfolgreicher Geschäftsmann, Manager, der muss es einfach besser wissen. Wusste er vermutlich auch, aber es war ihm im Rausch des Zockens egal. Er wollte einfach nur Zocken, wollte sich selbst erfolgreich sehen, brauchte den Kick des Börsenerfolgs, nachdem sein Erfolg auf dem Rasen vorbei war. Ein Spieler eben - wie im Fußball so auch an der Börse. Doch soll es dafür Straffreiheit geben?

Irgendwann zwischen 2009 und Ende 2012 ist Uli Hoeneß bewusst geworden, dass er Mist gemacht hat. Und spätestens seit dem Moment ist für mich die "Gnade des späten Gewissens" verwirkt. Er hätte schon damals reinen Tisch machen können, in aller Ruhe. Aber Hoeneß setzte auf ein Abkommen, das ihm seine Reue erleichtert und vor allem auch seinen Ruf gesichert hätte. Seinen Ruf als Saubermann und Wohltäter, der er sicherlich mehr als einmal war.

Ich finde nicht, dass die Lebensleistung, die er zweifelsohne vorzuweisen hat, immer und überall positiv berücksichtigt werden sollte. Wenn ein Feuerwehrmann über Jahre vielen Menschen unter Einsatz seines eigenen Lebens das Leben rettete, dann eines Tages nach Hause kommt und seine Frau im Bett mit einem anderen erwischt und einen von beiden in seiner ersten Wut totschlägt - dann muss er dafür auch ins Gefängnis. Die vielen Leben, die er gerettet hat, zählen dann nicht; für das eine, das er nahm, muss er sich verantworten. Warum sollte es bei einem Fußballprofi anders sein?

Ich erinnere mich noch an die Diskussion über Boris Beckers Steuerprobleme und den Sprüchen wie "Boris in den Knast? Das geht nicht!" Natürlich geht das! Steffi Grafs Vater musste für deutlich kleinere Steuersünden ins Gefängnis. Ich erinnere mich noch an meine Schulzeit, wo ein überaus beliebter und wohl auch guter Sportlehrer für einige Monate in den Knast musste, weil er im Suff mehrfach in Prügeleien verwickelt war. Nach Absitzen der Strafe kam er wieder zurück an die Schule - und war beliebt wie eh und je, wenn auch um einigen sarkastischen Spott reicher. Warum sollte es da Unterschiede zwischen einem "unbedeutenden" Lehrer und einem Ex-Nationalspieler geben? Der eine wirkte im Kleinen, der andere im Großen - aber nur, weil sie unterschiedliche Wirkungsbereiche hatten. Für einen Uli Hoeneß, einen Boris Becker oder eine Alice Schwarzer ist es nun mal drastisch einfacher, sich für Mitmenschen einzusetzen. Demgegenüber den Verdienst eines Lehrers, der sich genauso intensiv für seine Schüler eingesetzt hat, herabzusetzen, zerstört das soziale Gleichgewicht. Man kann das Gute, das Menschen tun, nur im Rahmen ihrer persönlichen Möglichkeiten beurteilen.

Aber heißt das im Umkehrschluss, dass sie auch in eben diesem Rahmen Fehlgehen dürfen? Dürfen exponierte Menschen, gerade weil sie so viele Möglichkeiten haben, auch deutlich mehr Fehler machen ohne dafür bestraft zu werden? Darf ein Mensch, der 50 Euro Millionen Steuern gezahlt hat, deswegen 18 Millionen hinterziehen, während Lieschen Müller 20 Jahre lang gewissenhaft zur Arbeit ging und dann wegen einer unbezahlt gegessenen Banane fristlos gekündigt wird? Wo ist da das Verhältnis? Bei der Banane geht es ums juristische Prinzip. Das muss bei 18 Millionen auch gelten! Alles andere würde moralische Werte wie auch juristische Maßstäbe relativieren - oder frei nach Orwell: Wer die kleinen Gesetze beachtet, darf die großen brechen…

Das fällt erfolgreichen VIPs naturgemäß leichter als Oma Meier mit ihrer Minirente. Die Justiz sollte deshalb die Lebensleistung eines erfolgreichen Menschen nicht drastisch höher bewerten als die Lebensleistung eines "einfachen" Menschen, der im Rahmen seiner Möglichkeiten genauso viel Gutes getan hat, das lediglich nicht so publik wurde. Erst recht, wenn es um Steuerhinterziehung geht. Denn da darf man wohl in aller Deutlichkeit sagen: Mit hinterzogenen Steuern ist gut spenden! Es ist kein Verdienst, das zu spenden, was man eigentlich ans Finanzamt hätte abgeben müssen. Seine spielsüchtige Zockerei, vor der ihn offenbar niemand bewahrt hatte, mag man ihm vielleicht ja noch verzeihen können, aber für das juristische Zocken um seinen Heiligenschein sollte es keine Gnade geben. Denn wenn es Hoeneß um Reue gegangen wäre, hätte er spätestens 2012 reinen Tisch machen können. Aber er wollte kein reines Gewissen, sondern unbescholten davonkommen. Das wäre ihm mit einer Selbstanzeige auch damals geglückt. Aber offenbar wollte er noch billiger davon kommen. Sollte er damit jetzt durchkommen, wäre der soziale Schaden für die Gesellschaft weitaus größer als der Verlust der Steuern...