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08. August 2012

2012 - das Jahr der Propheten

...und allen, die sich dafür halten. Von Tom Borg

Wem nutzen Verschwörungstheorien, Prophezeiungen und Weltuntergangsszenarien? In erster Linie nur denjenigen, die daran etwas verdienen: Die Verkünder der Theorien, die Buch- und Filmautoren und all die vielen Veranstalter von Überlebensseminaren sowie die Hersteller von Survival-Equipement, die inzwischen ein erstaunliches Geschäftsvolumen erreicht haben.

Das Jahr 2012 warf lange Schatten voraus, Jahrhunderte alte Schatten. Schatten, die unsere Zukunft beinahe als unsere Vergangenheit erscheinen lassen. Was wurde da nicht alles angekündigt: Von zerstörerischen Planeten und Kometen, die einen Polsprung auslösen, das Ende des Maya-Kalenders, dessen Interpretationen geradezu invasionsartig über uns kamen - von den aktuellen hausgemachten Desastern wie Finanzkrise, Staatsbankrotte und Euro-Crash ganz zu schweigen.

Inzwischen ist das Katastrophenjahr 2012 schon halb vorbei - und die Propheten hüllen sich zunehmend in Schweigen, wenngleich - als PR-Aktion wäre es raffiniert - der Paukenschlag mit dem 21. Dezember 2012 noch auf sich warten lässt. Alles Hokuspokus? Man ist versucht, es so zu sehen. Doch dann blitzen da immer wieder diese kleinen logischen Spitzen auf.

So berichten alte ägyptische Schriften von einem Ereignis aus dem Jahr 9792 vor Christus das sich im Dezember 2012 wiederholen soll. Die Propheten der alten Ägypter weissagen, dass im Dezember 2012 exakt das selbe astrologische Ereignis wie damals auf uns zu kommt: Der Planet Venus bewegt sich durch das Sternbild des Orion und dieses astronomische Phänomen soll zu weltverändernden Ereignissen führen. Damals soll die Erde ihre Drehrichtung geändert haben und es soll zwei Sonnenuntergänge und zwei Sonnenaufgänge gegeben haben. Also ein Polsprung? Darüber gibt es keinerlei Aufzeichnungen und auch keine Erkenntnisse - also eigentlich Entwarnung ... wären da nicht neuzeitliche Forschungen, die bestätigen, dass die Positionen von Venus, Orion und Aldebaran am 21. Dezember 2012 tatsächlich genau mit der Position im Jahre 9792 vor Christus übereinstimmen. Eine frappierende Genauigkeit, die auch bei den Maya verblüfft, die Meister der Mathematik und Astronomie waren und die Präzession der Erdachse exakt berechneten und für den 21.12.2012 schon vor Jahrhunderten die Konjunktion der Sonne zur Milchstraße voraussagten. Welch eine mathematisch-astronomische Meisterleistung für die damalige Zeit ohne Computer!

Auch der südafrikanische Zulu-Volksstamm sagt für 2012 die Rückkehr des Sternes Mu-shosho-nono, der vor Jahrtausenden so nahe an der Erde vorbei flog, dass er einen Polsprung ausgelöst haben soll. Einen solchen Himmelskörper müssten wir jedoch, wenn er bis zum 21. Dezember erneut eintreffen sollte, bereits jetzt sehen können. Doch die Beschreibung der damaligen Ereignisse ist erschreckend realistisch. Nur, warum kommen die Zulu auf 2012 - unabhängig von den Maya und auch unabhängig von den alten Ägyptern, die allesamt das Jahr 2012 anpeilen?

Oder sind wir alle auf dem Holzweg was die Prophezeiungen angeht? Hat vielleicht Erich von Däniken recht mit seiner Vermutung, dass die Götter außerirdische Raumfahrer waren, die die alten Hochkulturen das Rechnen und die Himmelskunde lehrten aber ihre Technik wieder mitnahmen, weil sie erkannten, dass die Menschheit noch nicht reif dafür war? Kamen jene Besucher aus einer anderen Zeit, wussten sie, was der Erde in der Zukunft bevorsteht, weil es für sie Vergangenheit war? Etwas ähnliches behauptet Ryan O'Nolan, der für sich beansprucht, Nostradamus entschlüsselt zu haben und zu dem Ergebnis kommt, dass die Prophezeiungen gar keine sind, sondern geschichtliche Abrisse? Dem berühmtesten aller Seher wird jedenfalls seit jeher von seinen Kritikern und immer mehr auch seinen Anhängern unterstellt, dass er ein viel besserer Geschäftsmann denn Seher war. Seine verklausulierten Vierzeiler sind so allgemein formuliert, dass jeder Leser seine Meinung(en) da rein interpretieren kann, was auch regelmäßig geschieht. Denn jede Übersetzung der altfranzösischen Urtexte unterscheidet sich an den anderen und liefert damit einen anderen Sinn und eine anders lautende Weissagung. War das alles wirklich zum Schutz der Menschen die die Wahrheit nicht verkraften können, oder verschlüsselte Nostradamus ein Geschichtsbuch Außerirdischer oder hatte er schlichtweg selbst keinen blassen Schimmer von der Zukunft, aber in der Gegenwart Ebbe in der Kasse...?

Wirklich überprüfen und verifizieren kann man all die Prophezeiungen erst in der Zukunft, wenn eben jene bekannt ist. Bis dahin bleibt uns Ver- und Bewunderung für die mathematischen Leistungen einiger uralter Kulturen, die beängstigend exakt Planetenbahnen berechneten, deren mathematische und physikalische Grundlagen die Menschheit in den letzten Jahrhunderten erst (wieder neu?) lernen musste. Weder die alten Ägypter noch die Maya hatten Computer oder Teleskope; sie konnten auch noch keine Massewerte der Planeten bestimmen, die jedoch samt der zugehörigen physikalischen Gesetze jene Bahnen beeinflussen. Wie konnten die alten Kulturen das schaffen? Und warum ging deren Wissen wieder verloren und musste erst neu erforscht und entdeckt werden? Es ist jene Lücke im Verständnis der Dinge, die Erklärungen wie jene von Erich von Däniken auf so fruchtbaren Boden fallen lassen und das Wissen, dass auch seine schärfsten Kritiker nicht in der Lage sind, schlüssig zu beweisen, dass die Thesen von Däniken & Co. definitiv nicht zutreffen können.

Und damit gelangt die allgemeine Unwissenheit in das Spannungsfeld von Glauben und Nichtglauben - ein Reich, in dem sich neben Statistiker und Politiker auch Päpste und Religionen wie das Christentum und der Islam tummeln. Auch der Papst weiß nicht, ob es Gott gibt oder nicht - er glaubt es aufgrund von persönlichen Erfahrungen, Gefühlen und Einstellungen. Somit unterscheidet er sich in seinem Glauben von einem Erich von Däniken lediglich im Thema seines Glaubens. Setze ich mich mit diesem Vergleich dem Vorwurf der Gotteslästerung aus? Wohl kaum, denn die Evangelisten, die ihr Wissen mündlich weitergaben, können eigentlich nicht mehr Glaubwürdigkeit beanspruchen als die alten Ägypter und Maya, die ihr Wissen in Form von Pyramiden, Prophezeiungen und den Ruinen einst glorreicher Städte hinterließen. Und das Leben Jesu, wenn wir es wirklich als so außergewöhnlich und weise im Vergleich zu seiner Umwelt ansehen, könnte auch als ein außerirdischer "Aussteiger" betrachtet werden, einer der das einfache Leben bevorzugte aber mit all seinem Wissen und Können manches bewirken konnte. Und wurde er am dritten Tag vielleicht von Seinesgleichen gerettet und konnte dank modernster Medizin wieder auferstehen um dann, im wahrsten Sinne des Wortes, gen Himmel auffahren - in einem Raumschiff...?

Alles Schwachsinn? Sorry, nicht mehr als andere Glaubensrichtungen auch, denn es gibt kein falsch oder richtig, wenn es um Glauben geht, denn wenn wir wüssten, was richtig ist, wäre es kein Glaube mehr. Der Glaube jedoch hat eine gewaltige, mitunter explosive Kraft. Er beflügelt Menschen nicht nur zur Bewältigung des täglichen Lebens, sondern trieb Menschen in Tod und Kriege um Glaube und Macht, die beide unheilvoll miteinander verwoben sind. Glaube vermittelt Macht und Macht basiert auf den Glauben daran, dass die Mächtigen "alles richten". Somit hat die Macht ein Interesse daran, dass wir das glauben, was der Macht zu deren Erhalt dient. Und alles was ihr schadet, wird als Unglaube verdammt.

Wem nutzen Verschwörungstheorien, Prophezeiungen und Weltuntergangsszenarien? In erster Linie nur denjenigen, die daran etwas verdienen: Die Verkünder der Theorien, die Buch- und Filmautoren und all die vielen Veranstalter von Überlebensseminaren sowie die Hersteller von Survival-Equipement, die inzwischen ein erstaunliches Geschäftsvolumen erreicht haben. Schaden tut die Theorien hingegen allen, die Antworten geben sollen, aber keine haben. Und das ist die Mehrheit aller Verantwortlichen. Nicht einmal diejenigen, die ihre Existenzberechtigung aus dem Glauben herleiten, können auf Dauer vom Jüngsten Gericht predigen und gleichzeitig dafür beten, dass der Kelch noch einmal an uns vorbei geht. Solange ein Durstiger die Wahl hat zwischen einen Schluck Wasser und einem Gebet um mehr Wasser, wird er zunächst den vorhanden Schluck Wasser wählen und dann losgehen, um nach mehr Wasser zu suchen. Und genau darin liegt die Tücke der Thematik: Allen naturwissenschaftlichen Katastrophen wie auch den religiösen Endzeitprophezeiungen haftet etwas Finales an, etwas Unausweichliches dem wir uns ergeben müssen, weil wir keine andere Wahl mehr haben. Aber genau die haben wir: solange unsere Welt nicht wirklich untergeht, haben wir Tag für Tag die Chance etwas zu tun, etwas zu verbessern, etwas zu bewirken. Und selbst wenn die Welt morgen untergeht, wollte Martin Luther heute noch ein Bäumchen pflanzen. Warum tun wir es nicht - und freuen uns am Leben, schaffen Leben, verbessern unser Miteinander...?! Denn eines haben all die Katastrophentheorien von Kometeneinschlag bis hin zum Jüngsten Gericht gemein: Wenn sie kommen, dann kommen sie und wir können nichts dagegen tun - außer bis zum letzten Atemzug unser Leben in Würde zu leben und die die wir lieben in den Arm zu nehmen.